Samstag, 16. Juni 2018

17.06.18 - Ringo und der Sommer


Wenn ich dieses Ereignis beschreiben soll, stoße ich sehr schnell, genauer gesagt: augenblicklich, an meine schriftstellerischen Grenzen. Wie auch könnte ich adäquat dieses Gefühl in Worte fassen, das mich überkommt, wenn ich mich mit einem Beatle in einem Raum befinde? 

Keine Chance.
Vielleicht sollte ich einen Schreibunterricht nehmen?
Aber ge.

Ich probiers mal so:

Wäre an diesem Abend ein futzikleines Weibl oder Mandl in meinen Kopf hineingekraxelt mit der Fähigkeit, das momentane Empfinden und Denken zu lesen, und hätte es sich dort ein bisschen umgeschaut, hätte es vielleicht Folgendes vorgefunden:

Erstaunen.
Erstaunen darüber, dass Ringo Starr so klein ist.
Und Erstaunen darüber, dass sein Tanzstil gar so hilflos ist.

Amüsement.
Ringo hat nicht das Genie eines John Lennon, und er hat nicht die Tiefe eines George Harrison, auch fehlt ihm der Charme eines Paul McCartney.
Aber ist er nicht einfach nur süß in seinen Singversuchen, in seiner Nettigkeit, in seiner Coolness, in seiner herrlichen Normalität?

!!!UAAAAH!!!
So muss dieses Gefühl heißen, denn ein anderes Wort gibt es nicht.
"Yellow Submarine". Er ist der einzige, der das singen darf, weil er der einzige ist, der diesem Lied seinen Stimme geschenkt hat. Damals.
Wir alle springen auf. Wir singen. Ich weine. Und ich bild mir ein, wir spüren alle dasselbe: Ein tiefes Bedürfnis, sich zu verbeugen vor dem Menschen, der dazu beigetragen hat, dass Lieder wie dieses in diese Welt gekommen sind. Wir haben uns nicht verbeugt. Aber unsere Standing Ovations hatten denselben Zweck.

Ehrfurcht.
Ehrfurcht vor der Zeit.
Ehrfurcht vor dem Alter(n).
Sie waren so jung damals. Viel jünger als ich es heute bin. Und dann haben sie sich zusammengesetzt, mit ihren 20 Jahren, und haben 10 Jahre lang die Welt auf den Kopf gestellt. Einfach so.
Und jetzt steht er da, der Ringo Starr, mit seinen beinahe 80 Jahren. Er springt, er läuft, er spielt seine Drums, er macht seine Scherze mit dem Publikum und tut grad so, als sei er einer von uns.

Dankbarkeit.
Dankbarkeit, dass er noch lebt.
Dankbarkeit, dass ein Wind von damals dahergeweht kommt und mir eine Ahnung verleiht, wie es möglicherweise war, damals.

Freude.
Auf dem Weg zum Hostel spüre ich, wie meine ureigene Beatlesgeschichte mit jedem Hinspüren des gerade Erlebten ein Stück weit runder wird. Und mit ihr ich.

Und dieses kleine Weiblmandl schaut sich um und denkt und spürt nichts als ein einziges, ein großes Ja! In mir und in sich selbst.
Nach einer Weile kraxelt es aus meinem Kopf heraus und zieht weiter.


Liebe Leute, danke fürs Dabeisein, danke fürs Mitgehen, danke für eure Feedbacks!
Mit diesem Post verabschiede ich mich in die Sommerpause.
Obs dann im Herbst weitergeht, weiß ich nicht. Falls alles so kommt, wie es sich jetzt einmal abzeichnet, jobmäßig und ganz überhaupt, dann wirds richtig viel und richtig eng. Und dann schauts nicht gut aus für die Blogzukunft.

Aber jetzt tu ma einfach mal Sommer genießen.
Habts es gut und habts es fein!
Alles Liebe!

Oder wie Ringo zu sagen pflegt:
Peace and love is all you need!

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit





Samstag, 9. Juni 2018

10.06.18 - Sonnenregen


Man nehme das alte Höttinger Vogelfängerlied "Ziwiu ziwiu", verändere den Text in "Es regnet, es regnet, es re-, es re-, es regnet" und schon kennt man den neuen, den mit- und hinreißenden, den alles andere in den Schatten stellenden Regen-Schirm-Song von Max Jacob Sigfrids. 

"Und donn nimmt da Max sein Regenschirm,
und donn nimmt de Mama ihrn Regenschirm,
und donn nimmt da Papa sein Regenschirm,
und donn leg ma de Schuach un,
und donn gemma aussi,
und donn gemma alle gemeinsam spazian
und donn sing ma: Es regnet, es regnet, es re-, es re-, es regnet!"

Das ist er: unser Max.

Und wenn er in strahlendem Sonnenschein - mit Ausnahme von gezählten fünf Regentropfen vor drei Tagen gab es schon seit Wochen keinen Regen mehr bei uns - mit seinem neuen aufgespannten Regenschirm spazieren gehen will? Na und? Dann tun wir das. Und dann haben wir Spaß dabei. Und wenn uns jemand begegnet, was ohnehin nur höchst selten der Fall ist, und wenn uns dieser jemand verwundert anschaut, dann winken wir, rufen ihm "Hej hej!" zu und schreiten weiter singend und lachend unseres Weges.

Ich glaube, die Wichtigkeit von Spaß im Zusammenhang mit Erziehung, aber auch im Leben ganz allgemein, wird als Wert an sich völlig unterschätzt.
Wer Spaß hat, wer lachen kann, der ist frei von Hemmungen und Negativem und stattdessen voll von Freude und Helligkeit. Wer Spaß miteinander und am Leben hat, der will nichts Böses. Der stellt sich nicht über und nicht unter jemandem. Der macht sich nicht klein, der begegnet dem anderen positiv und ist rein mit sich selber. Und wenn auch nur für diesen Moment. Er sucht das Schöne und findet es. Spaß zu haben ist eine Entscheidung. Und wer mit Spaß und mit Freude aufgewachsen ist, der hat einen guten Start ins Leben, wie ich finde.

Das Leben ist aber nicht nur Spaß, hör ich kritische Stimmen raunen.
Und: Spaß muss man sich erst mal leisten können!
So ein Schmarrn, sag ich. 
Und ich seh ihre Gesichter vor meinem inneren Auge, und plötzlich weiß ich, woher ihre zerknirschten, überforderten, ängstlichen, verbitterten, lustlosen, grauen Stimmen kommen. Sie kennen selber keinen Spaß. Haben ihn nie gekannt. Werden ihn nie kennen.

Hui Max, schnell, wo sein deine Schuach? Und donn schnapp da dein Regnschirm und nocha sauuus ma aussi!!!

ES REEEEGNET, ES REEEEEGNET,....!!!!!

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit




Samstag, 2. Juni 2018

03.06.18 - Zur selben Zeit


Mit beeindruckender Effizienz  und ungeheuer flinken Fingern hänge ich die Wäsche im Garten auf. Das muss so sein. Ansonsten würden mich die Mücken wahrscheinlich aussaugen und geschwächt vom großen Blutverlust ginge ich in die Knie und käme erst recht nicht mehr vom Fleck.

Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - sitzen ein alter Mann und seine alte Frau das letzte Mal bei Kaffee und Keksen am gemeinsamen Wohnzimmertisch; morgen wird sie ins Altersheim gebracht.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - wird ein Kind von seinem Papa ausgelacht; es hat in die Hose gemacht; alle schauen amüsiert.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - gibt der Mann an der Kassa das Wechselgeld heraus; der Kunde schaut ihn nicht an.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - gebiert eine Frau ihr Kind; es schreit nicht.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - lächelt jemand ein Baby an; das Lächeln friert ein, als er sieht, dass das Baby behindert ist.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - zerfetzt eine Bombe die Beine des Bauern; er hat gerade auf seinem Acker Kartoffeln gesetzt.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - raucht jemand eine Zigarette; was macht schon diese eine?
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - gibt eine Mutter ihrem Kind seinen Brei; der Essensvorrat ist aufgebraucht.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - berührt das Schildkrötenbaby mit seinem Fuß endlich das Wasser; als es von der Möwe gepackt wird.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - wird eine Frau vergewaltigt; die Demütigung ist beinahe schlimmer als der Schmerz.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - wird ein Regenwurm von einem Fahrradreifen zerquetscht.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - meditiert jemand; er fühlt sich verbunden mit sich und dem Universum.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - weint jemand; es gibt niemanden, den er anrufen kann.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - wacht jemand vom Koma auf; das Leben darf noch einmal beginnen.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - wird jemand hinweggespült von seinem ersten richtigen Orgasmus; er will nie nie nie mehr zurück.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - verabschiedet sich jemand von seinen Eltern; er weiß, er wird sie nie wieder sehen.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - nimmt ein kleines Kind zum ersten Mal die Kaugeräusche seiner Familie wahr; das Essen wird nie mehr so sein, wie es einmal war.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - fliegt ein Vogel gegen eine Fensterscheibe und bleibt betäubt liegen; die Katze ist von ihrem Nickerchen erwacht.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - stirbt jemand; es sind Leute da, die er nicht mag.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - nimmt jemand die Waffe in die Hand; seine Stunde ist endlich gekommen.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - lacht jemand so, dass ihm die Tränen in die Augen schießen; die strafenden Blicke von den Umstehenden machen es nur noch schlimmer.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - setzt sich jemand den Goldenen Schuss; die Freundin durchwühlt die Taschen nach Brauchbarem.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - öffnen sich die Gefängnistore; Verlorenheit hat sich noch nie so massiv angefühlt.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - verlieben sich zwei Menschen ineinander; weil es immer wieder passiert; weil das Leben stets nach einem Ausdruck sucht.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - blättert jemand in der Zeitung; sein inneres Auge sieht immer nur sein Gesicht;
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - betet jemand; draußen werfen die Flugzeuge ihre Bomben ab;

Inspiriert von "Räumliche Distanz" von Funny van Dannen bin ich manchmal überwältigt von der Tatsache der Vielheit an Leben, Lebensereignissen und Lebensgeschichten. 

Ich hänge die Wäsche auf.
Ich spüre die abgekühlte Temperatur an meinen nackten Armen.
Und ich bin sehr dankbar um mein eigenes kleines großes Leben.
Und um die räumliche Distanz.

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit