Freitag, 23. Dezember 2016

23.12.16 - Der schönste Tag im Jahr


Wenn die stille Zeit vorbei ist, dann wird es auch endlich wieder ruhiger.
Karl Valentin

Da gibt es eine Frau, die seit 2 Wochen ihre Wohnung putzt und nun so erschöpft ist, dass sie keine Weihnachtsbesuche mehr empfangen kann.
Und eine andere Frau, die sich extra für das Weihnachtsfest mit ihrer Familie ein Kleid gekauft hat.
Und wieder eine andere Frau, die sich unendlich schämt, weil sie vergessen hat, die eingekauften Pakete gut genug zu verstecken. Und die eine unglaubliche Lüge erfindet, nur um die Geschichte vom Weihnachtsmann aufrecht erhalten zu können.
Ausserdem gibt es Radiosendungen, die sich über eine geschlagene Stunde damit befassen, wie man den Weihnachtsputz am Besten verrichtet.
 
Das alles ist mir viel zu verrückt.
 
Ich freu mich.
Ich freu mich auf das gemeinsame Christbaumherrichten.
Ich freu mich auf unsere Weihnachtssauna.
Ich freu mich aufs gemütliche Zusammensein, das in den letzten Wochen und Monaten viel zu kurz gekommen ist.
Und ich bin neugierig auf Max.
Was er wohl sagt, wenn morgen in der Früh ein Baum in der Stube steht?
Und wie wir den wohl gemeinsam schmücken werden?
Ich freu mich aufs Singen, aufs Paktlgeben, aufs Käsefondue und auf a Glasl Rotwein.
Am allermeisten aber freue ich mich über meine Herz erwärmenden, Freude bringenden, Licht spendenden und  Lachen ins Gesicht zaubernden zwei Lieblingsmenschen. Über meine kleine Familie.
Und darüber, dass wir uns das Putzen und das Geschichtenerfinden und das Aufmaschln einfach sparen.
 
Ich wünsche euch Frohe Weihnachten, God Jul, Hyvää Joulua und Merry Christmas.
Ich hoffe, dieses Jahr war ein gutes Jahr für euch. Und ich wünsche mir, dir und uns, dass im neuen Jahr Frieden und Ruhe ihren Platz finden dürfen.
 
Nachdem eine Pause immer wieder mal not und gut tut, verabschiede ich mich für a Zeitl von hier und bin dann wieder zurück am Wochenende der 3. Jännerwoche.
Habts es gut derweil!
 
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit, die Tirolerin in Finnland
 
 
 
 

Samstag, 17. Dezember 2016

17.12.16 - Brief an das Christikind


Liebes Christkind!
 
Was? Du sagst, du bist nicht mehr zuständig für mich, weil ich ja jetzt im Land des dicken Mannes mit rotem Mantel und Rauschebart wohne?
Und das, ohne dass ich überhaupt nur angefangen habe, mir etwas zu wünschen?
Aber, hallo! So geht das nicht. Schliesslich bist du der Inbegriff meiner Kindheitsweihnacht, weshalb du natürlich auch mein erster Ansprechpartner bist, wenns ums Thema Wünschen geht. Und ausserdem, sollen wir uns nicht alle lieb haben und uns Gutes tun? Gilt das denn nur für uns Menschen?
Na also, siehst du.
Schön, dass wir einen Konsens gefunden haben.
 
Also. Ich fange noch einmal an.
 
Liebes Christkind!
 
Wünschen ist etwas, das ich nicht sehr gut kann. Und das mir zudem ausserordentlich unverschämt vorkommt in meiner privilegierten Situation. Ich mein, was will ich denn noch? Ich wohne in einem wunderschönen Häuschen in herrlicher Abgeschiedenheit, ich habe einen Mann, der mich liebt und den ich liebe, ich habe ein Kind, das jedesmal, wenn ich es anschaue, mein Herz höher schlagen lässt, ich habe genug Holz, um gut über den Winter zu kommen, ich habe eine kuschelige Bettdecke und mysteriöser Weise immer Schokolade im Haus. Also, was?!?!
 
Es ist nicht so, dass ich mir von dir den Frieden auf Erden wünsche. Denn ich weiss, dass das nun wirklich nicht in deinen Zuständigkeitsbereich fällt. Die schrecklichen Szenarien, die sich hier auf Erden abspielen, im Kleinen wie im Grossen, sind ganz allein des Menschen Werk. Er und sie trägt die Verantwortung dafür. Und es liegt ganz allein in seiner und ihrer Verantwortung und Zuständigkeit, Frieden zu machen, will er, der Mensch, denn wahrhaftig Frieden haben.
 
Ich wünsche mir auch nicht alles Geld der Welt. Na ja. Ein bisschen mehr tät ich schon nehmen. So ist es ja nicht. Aber, wenn wir von "alles" reden , dann winke ich ohne mit der Wimper zu zucken ab. Was tät ich denn damit, um Himmels Willen? Das mag ich mir gar nicht ausmalen. Und ausserdem, hätte ich alles, hätten alle anderen nichts. Und dann? Neinneinnein, da lob ich mir mein Bisslweniger, leg die Füsse auf den Tisch, trink meinen Kaffee und freu mich meines Daseins.
 
Einen Mercedes Benz, so wie Janis Joplin ihn gerne hätte, brauch ich auch nicht. Wer weiss, ob der wirklich immer anspringen würde bei diesen unberechenbaren finnischen Temperaturen, so wie mein unverwüstlicher Fiat Panda. Und ausserdem, ist die Ampel Rot, muss sogar der Mercedes Benz stehen bleiben. Und bei Stau kann auch er nichts anderes tun, als sich brav hinten anstellen und warten. Also, was würde der mir bringen, was der Fiat Panda nicht schon längst kann?
 
Aber, ich weiss schon, langes Geschwafel liegt uns nicht. Weder dir noch mir. Es ist nicht gut, lang um den heissen Brei herumzureden. Und ich komme besser auf den Punkt, so lange du überhaupt noch die Zeit hast, Briefe zu lesen. Bist ja vermutlich schon ein bisschen im Weihnachtsstress, oder?
 
Liebes Christkind, ich hätte gern einen Glühwein.
Du wunderst dich?
Ja. Das verstehe ich. Du musst aber wissen, ich rede nicht einfach nur von einem gewöhnlichen Glühwein. Den kann ich mir natürlich daheim selber machen. Ganz ohne deine Hilfe.
Ich rede von dem Glühwein, dessen Tasse man mit kalten Fingern umklammert, während die Atemluft kleine Wölkchen vor den Mund zaubert.
Ich rede von dem Glühwein, der immer zur Hälfte auf der Jacke landet, weil so ein Gedränge herrscht, dass man nicht anders kann, als zu rempeln.
Ich rede von dem Gühwein, der völlig überteuert ist und heuer noch süsser schmeckt.
Und ich rede von dem Glühwein, der den Gedanken heraufbeschwört: Warum tue ich mir das eigentlich an?
 
Es ist der Christkindlmarktglühwein, den ich so schmerzlich vermisse und der meine Adventszeit durch seine Abwesenheit bluesig einfärbt.
Ich weiss schon, das ist nur eine Kleinigkeit und du könntest ganz einfach sagen: Stell dich nicht so an und trink Glögg. Und die Sache wär erledigt. Wäre sie das?
Ich fürchte nein.
 
Der Christkindlmarktglühwein ist etwas ganz Spezielles.
Er ist immer verbunden mit einem lieben Gesicht, das man kennt und mag, zumal man ja selten allein seine Abende an solchen Örtlichkeiten verbringt.
Er ist immer auch verbunden mit einer Klangwolke aus Tirolerisch, Italienisch und diversen anderen Sprachen, wobei aber immer das Kch und das Sch überwiegt. Oh, wie ich diese Sprache liebe!
Diese wunderbare Bergluft darf ich nicht vergessen. Ständig da. Und trotzdem kaum wahrgenommen.
Und natürlich der Duft der Kiachln, der sich über die gesamte Altstadt legt.
Die uralten Pflastersteine unter den Schuhen, die Standln, die Bläser, der Krawall.
Das alles ist der Christkindlmarktglühwein.
Ich werd grad ein bisschen wehmütig und nostalgisch. Obwohl ich die letzten Jahre meines Tiroler Lebens eh nicht mehr dort hingegangen bin.
 
Verklärt sich die Vergangenheit und geht auf Distanz zur Realität?
Und wenn ja, ist das immer so?
 
Liebes Christkind, hast du bitte einen Glühwein für mich?
 
Mit freudiger Zuversicht und grösstem Vertrauen in dich und deine Fähigkeiten danke ich dir bereits im voraus für deine Bemühungen und verbleibe mit einem herzlichen
 
Pfiati und Hej då -
d'Birgit
 
Bildergebnis für innsbrucker glühwein
Bild entnommen von www.provinnsbruck.at

Sonntag, 11. Dezember 2016

11.12.16 - Warum ich Finnland so mag


Ich lasse Max zu Hause bei Kalle und begebe mich ins Weihnachtsshoppinggetümmel. Erst noch recht enthusiastisch, ernüchert sich meine Gefühlswelt rasant und leicht gereizt bahne ich mir Wege, stehe für gefühlte Stunden bei irgendwelchen Kassen an, nur um dort mein Geld herzugeben, ich suche, und finde nicht, und dann doch, und suche weiter, und - dann höre ich ihn.
Den Chor. Ich schlage mich mit "Ursäkta" und "Andeksi" durch die Massen wie jemand im Dschungel mit seiner Machete. Als ich ihn endlich sehe, kommt mir sofort dieser eine Satz in den Sinn: Das kann es nur in Finnland geben.
Die Sängerinnen und Sänger, ja, sie singen halt. Recht leise, sodass ich nicht ausmachen kann, in welcher Sprache sie ihre Lieder darbringen. Manche haben komische Kostüme an, grad wie einem Krippenspiel entsprungen, manche sind ganz normal gekleidet und manche sehr adrett, und alle schauen auf die Chorleiterin. Und diese Frau, sie sitzt im Rollstuhl. Ich gehe auf die Seite, um besser sehen zu können. Sie dirigiert mit einer Hand, während die andere versucht, die Seiten ihrer Noten umzublättern. Das ist nicht leicht, da sie offensichtlich eine Muskelerkrankung hat. Aber sie schafft es. Immer wieder. Ein Mikrophon vor ihrem Mund lauscht mit und gibt wieder. Und sie, sie dirigiert. Ist in Kontakt mit ihren Chormitgliedern und gleichzeitig versunken in ihr Tun.
Wie genial ist das denn, bitte?! Gäbs das in Tirol? Gäbs das wirklich? Vielleicht, wenn der Chor selbst auch einer für und mit Menschen mit Behinderung wäre. Aber ansonsten? Ich bezweifle es sehr.

Und das ist mit ein Grund, warum ich Finnland so mag.

Ausserdem sind in diesem Land noch wirkliche Abenteuer möglich. Vor allem im Winter. Jede Autofahrt auf einer Eisbahn, die in wärmeren Zeiten mal eine Strasse war, lässt das Adrenalin in die Höhe schnellen. Salz wird nicht gestreut, zumindest nicht auf den Nebenstrassen. Manchmal wird unmotiviert eine Ladung Steine auf einer Kreuzung abgeladen. Aber nur dort und im schlechtesten Fall in Hügelform, sodass es schon mehrere Autos braucht, bis die Steine gut verteilt sind.
Aber ich darf dem Strassendienst nicht Unrecht tun. Jetzt, nachdem wir 2 Wochen Glatteis gehabt haben, ist ein Streuwagen gefahren. Zwar in der Mitte der Strasse, um nicht vor- und den gleichen Weg wieder zurückfahren zu müssen, aber immerhin.

In diesem Land wird jedes Jahr eine neue Lucia gewählt. Weiblich, jung, fesch, blond - das sind die idealen Grundvoraussetzungen, um den begehrten Titel zu ergattern und dann mit Kerzen auf dem Kopf durch die Strassen ziehen zu dürfen. Früher waren die Kerzen echt, mittlerweile sind sie wohl elektrisch. Ich möchte nicht wissen, wie viele Mädels ihre Haare haben lassen müssen (wenns denn nur das war...), bevor man sich zu diesem Schritt durchgerungen hat.
Aber, und das ist ja das eigentlich Geniale: Das Vasabladet, die hiesige Tageszeitung, veranstaltet jedes Jahr die Wahl zur Lucia-Oma. Frauen von 70 oder 80 aufwärts stellen sich zur Wahl, man kann mitstimmen, viele Menschen sind ganz gerührt, weil das ja "so süss" ist, und das ist es dann auch schon wieder. Super, oder? Ich mag das Vasabladet. Und wenn die ganze Welt draufgeht oder vor die Hunde oder den Bach runter oder sonst wo hin, das wird uns erhalten bleiben. Jedes Jahr zu Dezemberbeginn: Oma-Luciawahl. Inklusive mehrere Seiten Berichterstattung.

In diesem Land braucht man sich keine Gedanken über Weihnachtsschmuck zu machen. Es hat einfach jedes Haus dieselbe Weihnachtsbeleuchtung. 7 elektrische Kerzen in Stiegenform (4 auffi, 3 oi) zieren fast alle Fensterbankln. Auch bei uns. Ja. Wir machen da natürlich mit. Nachdem sich schon jemand die Mühe gemacht hat, uns dieses wunderbare Ding zu schenken, stehen wir dem finnischen Brauchtum um nichts nach.

Nein. Nein. Es ist nicht alles besser in diesem Land.
Aber es zaubert mir immer wieder mal ein Lächeln voller Staunen, Wohlwollen oder Ungläubligkeit auf meine Lippen.

Und es ist wahrhaftig spannend, zwei Welten zu einer werden zu lassen. Nicht nur im Dezember, aber schon auch.
Weihnachtsmann vs. Christkind.
Finnischer Nationalfeiertag vs. Nikolaus und Krampus.
Lucia vs. Anklöpfler.
Elektrische Kerzentreppe vs. Adventskranz.
Jultortor vs. Weihnachtskeks.

Diese Fragen stellen sich an uns als Familie, an mich als Tirolerin, die in Finnland lebt und an Max, der irgendwann auf seine Kindheit zurückblickt und hoffentlich eine heimelige Advents- und Weihnachtszeit vor Augen und im Herzen hat. Vielleicht a bissl chaotisch und vermischt und drunter und drüber, aber heimlig und kuschelig. Das wünsche ich ihm. Und das wünsche ich mir. Und uns.

Euch übrigens auch so viel.
Möge diese Zeit auch euer Herz erwärmen!

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit

unser Weihnachtsstiegenlicht von aussen...

... und von innen

die heurige Lucia-Oma mit dem Kerzenkranz auf dem Kopf
 




Sonntag, 4. Dezember 2016

04.12.16 - Sven ist tot


Max hat mit dem gestrigen Tag beschlossen, eine Glocke zu sein.

Den Bauch weit vorgestreckt und mit seinen Armen wachtelnd rennt er von der Küche in die Stube in sein Zimmer und wieder zurück, nur um denselben Weg wieder in Angriff zu nehmen. Dabei ruft er: "Doonnnng, doonnnnng, doonnnng!" Zwischendrin quietscht er vor Begeisterung, dann gehts weiter mit "Doonnnng, doonnnng, doonnnng".

Wir waren in der Kirche. Sven, Kalles Onkel, ist gestorben. Ich habe ihn nie getroffen, und ich habe bis vor wenigen Tagen nicht mehr von ihm gewusst als seinen Namen.
 
Es fühlt sich ein bisschen seltsam an, inmitten aller Verwandten zu sitzen und so zu tun, als sei das selbstverständlich. Dabei ist es genau das, denn selbstverständlich begleite ich Kalle.
So sitzen wir also da. Es ist Max' erstes Mal in einer Kirche. Die Augen gross, den Mund zu einem Strich zusammengekniffen, sitzt er da auf Kalles Schoss und schaut. Und schaut. Und schaut. Die Orgel fängt an, etwas unheimlich Trauriges zu spielen. Und Max hat schaut weiter. "Das Volk" fängt an zu singen. Und das geht dann wohl ein bisschen zu tief für Max. Oder bekommt er Angst? Auf jeden Fall fängt sein Mund zu zittern an, was bedeutet, dass er die nächsten Sekunden in herzzerreissendes Schluchzen und Weinen ausbricht. Ich nehme ihn. Ich umarme ihn. Ich erkläre ihm, dass allen in Ordnung ist und dass Papa und Mama hier sind. Und wir singen unsere Eigenkreation von "Ich hab dich lieb" vom Grönemeyer. Natürlich flüsternd. Und auch wenn er sich langsam wieder beruhigt, so ist es doch zu gross irgendwie. Es sind so viele Emotionen im Raum, so viele schwarz gekleidete Menschen, die kein Wort reden und nur herumstehen, diese grossen Luster, und diese Musik.
 
Ein kurzer Blick zurück in meine Tiroler Vergangenheit: Ich gehe nicht zum Lidl einkaufen. Ich mag dieses Geschäft nicht. Und das kann ich einfach so stehen lassen, ohne auf die Gründe näher eingehen zu müssen.
 
Wir kommen zurück zur Kirche: Ein grosse Dankbarkeit überkommt mich. Lidl. Es ist das einzige Geschäft, das Laugenbrezen verkauft. Und Max liebt Laugenbrezen. Und - welch Erleichterung: Ich habe in weiser Vorahnung eine Laugenbreze eingepackt. Und die futtert er nun. Und kann kauend dem Programm folgen, ohne weiter Angst haben zu müssen.
 
Der Pfarrer ist eine Frau. Und niemand stört sich daran. Sie erscheint nur kurz, um von Svens Leben zu sprechen. Dann geht sie wieder.
An einem Punkt der Messe gehen die Verwandten und Freunde der Reihe nach zum Sarg, um dort die Blumenbuketts oder Kränze abzulegen und der Trauerfamilie, die ganz vorne sitzt, teilnahmsvoll zuzunicken. Ein Freimaurer erscheint. Allein. Und die Kriegsveteranen bekommen mehr Platz oder Wichtigkeit als jeder andere. Sie halten sogar eine kurze Ansprache.
Wir singen. Das wunderbar stimmungsvolle Lied von "Wie im Himmel" - Härlig är Jorden. Max zeigt auf die vielen Lichter in der Kirche und ruft laut, ohne die anderen zu stören, weil die singen ja laut und inbrünstig: Titta! (Schau!). Und zeigt dabei auf die wundersamen Luster und die Decke, die so hoch ist, dass niemand sie angreifen kann.
Am Ende der Messe geht wieder jeder vor zum Sarg, sucht seine Blumen und nimmt sie mit, um sie zum Friedhof zu bringen.
 
Es ist vorbei. Wir gehen raus. Reden mit ein paar Menschen. Und gehen zum Auto. Der Glockenturm, der in diesem Land sehr oft getrennt zum Kirchengebäude steht, läutet eine seiner Glocken. Ein tiefes DOONNNNNG durchstösst die betretende Stille. Und Max fängt an zu wachteln mit seinen Armen und ruft DOONNNNNG mit seiner hellen, süssen Stimme. Und das Leben durchfährt uns mit aller Wucht. Und wir schauen uns an. Und wir wollen lachen. Und laut sein. Und uns freuen. Und kaum sitzen wir im Auto, so reden wir und reden und reden und lachen und sind einfach nur glücklich,.
 
Was da mit uns passiert ist? Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass ich es ganz wunderbar finde, zu leben und nicht tot zu sein.
 
Heute ist Wahlsonntag in Österreich.
 
Und Max läuft herum und ruft DOONNNNNG.
 
Und ich kann jetzt eh nichts mehr tun.
Das Faktum Tod verändert so vieles. Grosses wird klein und Kleines wird gross.
 
Brauchen die Leute einen Hofer? Ja. Vielleicht. Und vielleicht kriegen sie ihn sogar. In 6 Jahren wird der Spuk wieder vorbei sein. Und die, die heute noch mit dem Finger auf andere zeigen und Widerwertigkeiten verbreiten und unterstützen, werden sich irgendwann verschämt verkriechen oder alles abstreiten. Alles war schon mal da. Alles ist wieder vorbeigegangen.
 
DOONNNNNG.
 
Und ich weiss, Widerstand ist wichtig, weils die Würde bewahrt (das hab ich von Trojanow). Aber ich weiss auch, dass mir ab einen gewissen Punkt die Hände gebunden sind.
 
DOONNNNNG.
 
Liebe Leute, ihr, die mir politisch nahe steht, habts es gut.
Und ihr, die ihr politisch gefährlich am Weg seids, habts es gut.
Ich verneige mich vor jedem, der es wagt, Mensch zu sein und Mensch sein zu lassen.

Ich wünsche ein glückliches Am-Leben-Sein!

Pfiatenk und Hej då -
d'Birgit

DOONNNNNG

Egal, wie dunkel die Zeiten scheinen. Es gibt sie!!!

Freitag, 25. November 2016

25.11.16 - Über Fehler


Ich fahre vom ersten Zahnarztbesuch mit Max nach Hause. Die Gedanken springen mal hier hin und mal dort hin, ich singe, wir singen, die Bäume ziehen an uns vorbei und - da durchfährt es mich wie ein Blitz und schiesst direkt in meine Magengegend.
 
Habe ich in meinem letzten Blog wirklich zum Suizid aufgerufen?
Ich meine, natürlich nicht direkt, aber kann mein Eintrag dahingehend missverstanden werden?
Ich habe letzte Woche unterschiedliche Strategien genannt, derer man sich hier in Finnland bedient, um der Dunkelheit Herr zu werden. Neben all den Dingen wie Kaffee und Alkohol erwähne ich im Zuge dessen auch Suizid, lasse dabei aber aus, diesen Punkt explizit als Fakt aufzulisten mit einem Zusatz, der etwa lauten könnte, dass die Suizidrate in Finnland eine der höchsten weltweit ist (siehe auch in www.wikipedia.org: Suizidrate nach Ländern). Stattdessen verweise ich auf diese Praxis nur als eine Möglichkeit, welche man mit einem hohen Preis zu bezahlen hat. Das ist ein gewaltiger und mitunter gefährlicher Unterschied.
 
Oioioi.
 
Ok. Man könnte sagen: Kleiner Schlampigkeitsfehler. Oder wenn man es als noch unbedeutender darstellen will: Kleiner Schönheitsfehler. Kann schon mal passieren.
Aber bei so einem Thema? Nein. Das geht gar nicht!
 
Was jetzt? Was tun, wenn man im Nachhinein feststellt, dass man etwas versemmelt hat?
So tun, als sei nie etwas gewesen?
Sich baden in Schuldgefühlen und schlechtem Gewissen? 
Warten, ob bzw. bis man darauf angesprochen wird und dann die Verteidigungs- oder noch besser Ablenkungsmaschinerie hochfahren (worin übrigens eine bestimmte politische Gruppierung nahezu meisterliche Fähigkeiten entwickelt hat)?
 
Seitdem ich erkannt habe, dass ich "nur" ein Mensch bin, bin ich nachsichtiger mit mir. Ein Mensch macht Fehler. Das gehört zu seiner Natur. Ebenso, wie jede Träne, jedes Lachen, jeder Versuch und jeder Irrtum. Es gehört dazu wie das Geborenwerden und das Sterben. Wie Wachen und Schlafen. Wie Trinken und Essen. Wie Lieben und Nichtlieben (dazu fällt mir ein, dass ich mal irgendwo gelesen habe, dass nicht Hass das Gegenteil von Liebe ist, sondern Angst).
 
Ich habe also im Laufe meines Lebens gelernt, dass man Fehler machen darf, ja, machen soll. Das Leben will und darf ausprobiert werden. Und das geht schlichtweg nicht ohne Fehler zu machen.
 
Was aber tun, wenns passiert ist?
Naja, da gibt es nichts gross zu tun irgendwie. Ausser halt sich genau anzuschauen, was passiert ist und sich klar zu werden, warum, dahinterzustehen und sich gegebenenfalls zu entschuldigen. Und zu versuchen, es in Zukunft besser zu machen. Wobei die Betonung wieder nur auf versuchen liegt. Mehr geht nicht. Und das ist eh schon viel.
 
Also, in diesem meinem konkreten Fall habe ich eigentlich nur eines zu sagen:
Liebe Leute, ich habe mich unglücklich ausgedrückt. Tuts am Leben bleiben, so lange es euch möglich ist. Das Leben ist ganz wunderbar und spannend. Und herausfordernd. Und belastend. Und interessant. Und so vieles mehr. Und das ist auch in Ordnung so. Wer hat denn gesagt, dass es leicht sein muss?
 
Sicher ist, wenns dunkel ists, wirds wieder hell.
Das liegt in der Natur des Lebens.
 
Habts es gut, liebe Menschen!
 
Ich grüsse euch aus der Dunkelheit - "bewaffnet" mit Tee, Feuer, Schokolade, Max und Kalle :-).
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Samstag, 19. November 2016

19.11.16 - Wenn der Tag zur Nacht wird


Ein Novembertag.

Die Dunkelheit kam bereits mitten am Nachmittag zurück, nachdem sie sich irgendwann kurz vor Mittag verflüchtigt hat. Nein. Nicht ausnahmsweise, weils Wolken gegeben hat oder so, es ist jetzt so. Sie schlendert mit einer schier verwegenen Selbstverständlichkeit übers Land und weiss genau, dass niemand sie aufhalten wird oder kann. Dieses Wissen gibt ihr eine unglaubliche Macht, die sie mit diabolischer Freude ausspielt. Und wir, die Menschen, spüren das mit aller Härte. Sie berührt alle Lebensbereiche, innen wie aussen. Das Aufstehen wird zur Qual. Man schleppt sich dann mehr schlecht als recht über den Tag und versucht so gut wie möglich, zu tun, was getan werden muss. Irgendwas extra oder zusätzlich? Keine Chance. Im Haus brennt den ganzen Tag das Licht, will man nicht im Dämmerzustand verweilen. Und abends, wenn Max ins Bett geht, also so zwischen halb 8 und 8, schreit jede Zelle in mir nach Schlaf. Das geht aber nicht, und so muss ich aufpassen, dass mich nicht der Neid frisst.
 
Diejenigen unter uns, die Arbeit haben, sind jene, die versuchen, den Anschein der Normalität aufrecht zu erhalten, für sich selbst aber auch für die ganze Gesellschaft. Sie sind Meister im "So tun als ob" und ihnen gebührt aller Dank und alle Ehre.
Diejenigen unter uns, die Kleinkinder haben, kommen wahrscheinlich noch am besten weg. Weil sie an konstantem Schlafmangel leiden, seit es den kleinen Menschen gibt, ist die Müdigkeit bereits ein fixer Bestandteil ihres Lebens. So ist es zwar nicht leichter, aber zumindest normal.
Diejenigen aber unter uns, die Kleinkinder und Arbeit haben, das sind wirklich arme Schweine...
 
Ich habe Forschungen angestellt und ich bin auf fantastische Überlebensstrategieen gestossen, entwickelt von und für Finnen über Jahrtausende hinweg, perfektioniert und modernisiert (oder auch nicht). Diese hier habe ich gefunden: 
  • Kaffee.
    Finnland ist eines der Länder mit dem höchsten Kaffeeverbrauch europaweit. Je nach Studie nimmt es mal den ersten, mal den zweiten Platz ein.
  • Alkohol.
    Auch hier ist Finnland ganz vorne unterwegs. Man versucht, diesem Trend etwas entgegenzusetzen, indem Alkohol nur in speziellen Geschäften erhältlich ist. Da es aber immer leichter ist, die Symptome anstatt der Ursache zu bekämpfen, bringt das nur sehr wenig.
  • Vitamin D.
    Die Kinder in Finnland müssen Vitamin D bis zu ihrem 19. Lebensjahr nehmen. Vitamin D kriegt man sonst, wenn man sich in der Sonne bzw. im Tageslicht aufhält. Und man braucht es für den Knochenaufbau, also, für die eigene Stabilität. Vielleicht nicht nur im physiologischen, sondern auch im psychologischen Sinne, wenn man davon ausgeht, dass Körper und Geist eins sind.
  • Viele Kinder machen.
    Es gibt nichts, das so viel Strahlendes und Schönes ins Leben bringt als ein kleines Kind, das gerade die Welt und sein Gegenüber entdeckt. Sogar im November.
  • Tageslichtlampen.
    Es gibt tatsächlich einige, die schwören darauf.
  • Sauna.
    Wenn gar nichts mehr hilft: Sauna hilft immer. Egal bei was.
  • Kanarische Inseln.
    Wer es sich leisten kann, haut ab. Wieso aber gerade die Kanarischen Inseln so reizvoll sind für die Finnen, das weiss ich leider nicht.
  • Suizid.
    Ja. Auch das ist ein Ausweg. Nur ist der Preis leider sehr hoch.
  • Und dann all diese kleinen, kläglichen Versuche, die einem helfen sollen, Tag für Tag zu bestehen. Die einen stürzen sich auf Weihnachtsvorbereitungen und schmücken das Haus innen und aussen, als gäbs einen Preis dafür, die anderen essen kiloweise Schokolade, wieder andere gehen vermehrt einkaufen, weil man in den Geschäften zumindest auf Menschen trifft, und so mancher versucht sich auf dem Meer, indem er dort eisläuft, wenns denn schon geht.
Und ich? Ja, ich hab Max.
Und Kaffee. Und wenns ganz und gar unerträglich wird, dann hab ich auch noch das Feuer im Ofen.
Das ist eine gelungene Kombination, um dem Jetzt die Stirn zu bieten.

Alles geht vorbei. Immer. Daran halt ich mich fest.
Auch wenn das gleichzeitig die Basis meiner grössten Ängste ist.

Wie auch immer - habts es gut, habts es fein. Geniessts die Sonne und das Licht. Denn nichts ist selbstverständlich. Nicht einmal das.

Alles Liebe,
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit

 


Samstag, 12. November 2016

12.11.16 - Das Beben und seine Nachwirkungen


Da machts einen Tusch in der Welt und auch, wenns so ausschaut, als sei es ein Tag wie jeder andere, ist plötzlich alles anders.

Und ich sitze im Auto und besuche eine Freundin. Hubert von Goisern jodelt einen seiner Jodler und ich fühle mich wie ein Baby eingebettet in einer Blase, die Schutz und Fürsorge verspricht, und wünsche mir, dieses Gefühl möge nie aufhören. Derweil weiss ich es besser. Es ist diese unheimliche, atemlose Ruhe vor dem Sturm.

Musik schafft Räume und Welten aus Farben und Emotionen, sie lässt Visionen entstehen und verschwinden, sie öffnet Sinne und Möglichkeiten, sie schenkt Ruhe und Zuversicht, man versteht plötzlich alles oder auch gar nichts mehr, kurz: sie ist lebensnotwendig.

Und ich fahre weiter. Der Jodler ist vorbei und speit mich aus, und ich finde mich wieder in dieser plötzlich so anderen Welt.

Ich habe nicht viel geschlafen in der letzten Nacht.
Frieden war bis jetzt immer selbstverständlich für mich. Ich habe nie etwas anderes erlebt, und auch wenn die Welt rundherum alles andere als friedvoll war, so habe ich mich doch in meiner kleinen Welt nicht darum zu sorgen brauchen.
Über Nacht hat der Frieden zu wackeln angefangen.

Die Freundin durchlebt ihre ganz persönliche Horrorgeschichte und ich stelle fest: Stabilität ist Illusion. Es passiert gerade etwas mit und in der Welt. Im Grossen wie im Kleinen. Und die Balance ist unter diesen Voraussetzungen nur mehr mit grösster Mühe aufrecht zu erhalten.

Ein anderer Tag. Die Schockstarre hat sich gelegt und ich spüre ein: Ok, dann gemma eben an, was sich nicht vermeiden lässt. Was dem Amerika sein Donald ist dem Österreich sein Norbert. Bring mas hinter uns. Es spitzt sich schon seit Jahren zu, eine geballte Ladung an Energie sucht sich ihren Weg, uuuuuuuuund - PÄÄÄNG!!! Päng? Päng!
Und dann?
Falls es dann noch ein Dann gibt, dann simma vielleicht a bissi gscheiter. Zumindest für ein paar Jahre. 
Das Pendel schwingt. Lange war Frieden in Europa. Ich hätte gern weiterhin Frieden, aber zu viele setzen diesen leichtfertig aufs Spiel. Und das Pendel schwingt. In die entgegengesetzte Richtung. Was draus wird, weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass ich ausserordentlich beunruhigt bin.
 
Ich schaue mich um in unserem Lövsunder Wald, wo man das Gefühl hat, dass man total alleine ist in dieser Welt. Übertreibe ich? Hoffentlich. Und ich schaue Max zu, der noch gar nichts davon weiss. Ich wünsche ihm eine gute Welt. Eine, in der er keine Angst um sein Leben haben muss, eine, in der er sich frei bewegen darf, eine, die auf ein Miteinander setzt. Alles andere wäre einfach nur fatal.

Ein anderer Tag. Kino. Sie zeigen ein Beatles-Konzert in New York, bei dem sie vor 56.000 Menschen spielen. Kann sich das wer vorstellen? 56.000 Menschen! Und wisst ihr, was diese 56.000 Menschen getan haben? Sie waren wahnsinnig. Völlig verrückt. Jede/r einzelne. Sie haben gekreischt, geweint, geschrieen, getobt - man kennt das von kurzen Ausschnitten im TV. Aber dieses Mal wars in Farbe. Irre, verzerrte Gesichtszüge, Haare raufend und mit weit aufgerissenen Augen und Münder waren diese Leute völlig ausser sich. 
Und warum? Weil ein Mensch seinen Kopf schüttelt, während er Aaaaah singt. Und weil ein anderer grinst. Und - weil es die Beatles waren.
Oh. Mein. Gott.
Ich hab sehr schnell angefangen, mich diesbezüglich sehr, sehr unwohl zu fühlen. Zum einen, weil ich dieses Gefühl kenne und ich vermutlich genau so getobt hätte, hätte ich zu dieser Zeit gelebt, und zum anderen, weil es mich irritiert, wie mühelos verführbar und manipulierbar (Massen von) Menschen sind.
 
Adolf. Barack. John, George, Ringo, Paul. Donald?
Und die Masse hält inne. Und die Masse spürt was. Und die Masse bewegt sich.
 
Cut.
Es gibt arme Menschen in dieser Welt. Und es gibt reiche Menschen in dieser Welt.
Ja. Eh. Wiss ma. Fad.
 
Aus: Wikipedia - Vermögensverteilung:
Einer Studie zufolge betrug im Jahr 2000 der Gini-Koeffizient weltweit 0,892.
Demnach besitzt das reichste Prozent der Weltbevölkerung 40 % des Weltvermögens.
Die reichsten 10 % besaßen zusammen 85 % des Weltvermögens,
die ärmeren 50 % zusammen nur 1 %.[10]
Der Ungleichheitswert von 0,892 entspricht annähernd einer Situation, in der
von 100 Personen eine Person 90 % besitzt,
während die anderen 99 Personen sich die übrigen 10 Prozent teilen.[
 
Bitte noch mal lesen. Und auf der Zunge zergehen lassen.
Und dann noch wundern, wenn sich die bösen, bösen Leute, die da von überall her in unsere Länder strömen, das nicht mehr gefallen lassen wollen?!
Das ist eine hochgefährliche, explosive Situation, in der wir uns gerade befinden.
Ob Donald Trump oder Norbert Hofer oder wie sie alle heissen die richtige Antwort darauf sind, ist sehr zu bezweifeln. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass es nicht so weitergehen kann wie bisher. Diese Herren wollen uns das aber so verkaufen, und verdrehen gleichzeitig alles, sodass es klingt, als seien sie die Revoluzzer und die "Bekämpfer des Systems".
 
Oioioi sagt Max immer, wenn er irgendwo ein Brösel entdeckt.
Oioioi sage ich nun immer, wenn etwas anders ist, als ich es gern hätte.
 
Oioioi.
 
Ich trinke Kamillentee.
Lausche den Beatles, welche mir immer weit mehr waren als reine Unterhaltung.
Sehe mich selber im Spiegel der Fensterscheibe.
Und kämpfe gegen die unbändige Lust, meinen Kopf in den Sand zu stecken.
 
Pfiat enk! Hej då -
d'Birgit
 
 
 
 
 

Sonntag, 6. November 2016

04.11.16 - Über Parties


Parties liegen mir im Blut wie einem Vogel das Eislaufen...
 
Gestern war es wieder einmal so weit. Wir hatten eine Einweihungsfeier für unseren Turm. Es waren etwas mehr als 40 Gäste geladen, von denen auch fast alle gekommen sind. Verwandte, FreundInnen, Bekannte, allesamt natürlich mit Lieblingsmensch und Kindern.
 
Uiuiui, da isches zuagangen.
"Hallo. Griass di! Schen, dass du do bisch!"
"Wos? Du geasch scho wieda? Ma, volle nett, dassd kemman bisch!"
Zwischen diesen beiden Sätzen gabs eine Führung in unser neues Schlafgemach, etwas zum Essen und zum Trinken, a Plauschale hier und a Plauschale da, Kaffee, Musik, die immer viel zu früh fertig war, Max mit all seinen Bedürfnissen wie Essen, kuscheln und Windeln wechseln, Kuchen, und, ja, und dann all diese Spotlight-Begegnungen.
 
Mittlerweile haben sich auch die Letzten verabschiedet. Mein Kopf schwirrt. Ich sitze da, schaue zurück, und mir ist, als wäre ich von einem Improtheaterstück zurückgekommen in meine Welt.
Der Name dieses Stückes: Triff dich.
Es gibt viele, viele Schauspieler. Der Auftrag: Jede/r tritt einzeln auf die Bühne, der Scheinwerfer geht an, und er/sie erzählt. Egal was. Persönliches. Politisches. Langweiliges. Spannendes. Was auch immer. Die Erzählung muss so lange dauern, bis der Scheinwerfer wieder ausgeht. Wobei niemand weiss, wann das passieren wird.
 
So viele Spotlights. So viele Menschenlebenausschnitte.  
Licht an - sie hat ihren Ehering verloren - Licht aus.
Licht an - sie wartet immer noch auf die Info des Arbeitgebers, ob er nun eingespart wird oder nicht - Licht aus.
Licht an - der Enkel ist auch auf einer Party - Licht aus.
Licht an - er wünscht uns noch viele, viele Mäxe - Licht aus.
Saft? Ja. Hier. Bitte. Gerne!
Max? MAX! He, Mahaaax!!! Ah, do bist du.
Licht an - Tomas, der jüngste Partygast, schreit und weint - Licht aus.
Licht an - Sie hat so oft an mich gedacht und sich gefragt, wie es hier wohl ist für mich, aber sie hat sie nicht hergetraut - Licht aus.
Licht an - Wow! A Laterne. Danke! - Licht aus.
 
Für weitreichendere Begegnungen ist so ein Rahmen nicht gedacht. Und nichts desto trotz sind diese kurzen Einblicke - echt. Und sie berühren mich. Und Gesprächsfetzen hängen immer noch wie Wäschestücke in der Luft. Zum Trocknen? Vielleicht.
 
Während unsere letzten Gäste noch mit Kalle diesen riesigen Kasten auseinandergebaut und in einem anderen Raum wieder aufgebaut haben, haben Max und ich uns auf den Weg nach draussen gemacht. Auch wenn noch kein Schnee liegt, so hat doch der Frost alles unter eine funkelnde Decke aus Kälte gehüllt. Kaum haben wir die Türe hinter uns zugemacht, hat uns frostige Luft empfangen und Wolken vor unsere Münder gezaubert und die Stille, diese wohltuende, alles übertönende Stille hat uns wie ein sanftes, zärtliches Wesen umarmt und aufgenommen. Oh. Wie wohl mir war.
 
In dieser Stille hat sich Max auf den Weg gemacht, das Leben zu erkunden. Es ist ja sooo spannend!



Ich mag diese Ruhe wirklich. In der Ruhe kann ich mich entspannen und mit und bei mir sein.
Aber so a Party ist schon auch nett. Ich habe ganz schön alt werden müssen um zu erfahren, dass Spotlightbegegnungen durchaus ihren Reiz haben, auf jeden Fall aber berühren können.

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit



Samstag, 29. Oktober 2016

29.10.16 - Ein Tag im Leben der Birgit M.


Es ist halb 10. Kalle steht neben mir. "How long would you like do stay in bed still?"
Ich strecke mich. Oh - wie herrlich!
Ich schaue aus dem Fenster. Das erste Mal, seit wir in unserem neuen Schlafzimmer sind, ist klarer Himmel. Hmmmm.
Ich suche die Sonne. Sie ist noch nicht aufgegangen.
Ich mach noch mal die Augen zu. Sehe die Reste meines Traumes nur mehr verschwommen. Der Verstand hat sich eingeschaltet, will sie festhalten. Sie verschwinden.
Noch mal tief durchschnaufen.
Ok. Aufstehen? Aufstehen!
Ich komme in die Küche. Max isst gerade sein Mellanmål, was so was ähnliches ist wie "Neinan" in Aschau, "Marendn" in Südtirol, grosse Pause in der Schule und Vormittagspause in der Arbeit.
Und das Frühstück steht bereits am Tisch. So fein.
Während Max in der Stube Musik für uns spielt, indem er den Knopf seines Musikbuches drückt, essen Kalle und ich unseren Haferbrei. Wir haben uns vorgenommen, Deutsch zu sprechen. Demenstrechend leise und wortkarg hammas miteinand. Ich höre meine Kiefer, wie es das Essen zermahlt, und stelle fest, dass Schlucken ziemlich laut ist, wenn die Umgebung leise ist. Ich blättere ein wenig in der Zeitung und stosse auf die Kontaktanzeigen. Und unser Schweigen weicht einer angeregten Diskussion. Wir finden eine 77-jährige Frau für Kalle, aber leider keinen Mann für mich. Die sind alle mindestens 20 Jahre älter. Ok. Da diese besagte Frau in Hamburg wohnt und Kalle Hamburg nicht viel abgewinnen kann, bleiben wir am besten doch einfach zusammen.
Max wird langweilig. Und er ist müde. Oder? Ich tanze mit ihm. Vielleicht schläft er ja ein. Ja. Eh. Irgendwie. Oder? Nein. Doch nicht. Die Sonnenstrahlen sind ja so lustig. Aber irgendwie - die Müdigkeit legt sich einfach über ihn. Ich bringe ihn ins Bett. Neeeeiiiiin!!!!! Niiiicht schlafen!!!! Pfffff. Ok. Tanzen. Singen. Schaukeln. Irgendwann doch noch - schlafen.
Es ist das Englische, das uns die Worte gibt, die uns in anderen Sprachen noch fehlen. Ohne es zu merken wechseln wir immer wieder in das uns Vertraute und Verbindende. Und so reden wir. Endlich. Über dies. Über jenes. Und dann noch das.
Und dann fällt mir ein, dass ich ja den Ikea-Kasten fertigbauen wollte. Dieses Projekt zieht sich nun schon über mehrere Tage und langsam reichts.
Während ich baue und Kalle kocht, ist Max in seinem Zimmer und spielt dort. Nach einer Weile höre ich ihn kommen. Er krabbelt zum Gatterl, das verhindern soll, dass er die Treppen raufkommt. Ich beobachte ihn. Er kommt zum besagten Gatterl, und ohne sich einzuhalten steht er einfach auf. Und nimmt erst danach die Stäbe in seine Hände. Wow. Schon wieder etwas Neues. Schon wieder etwas, das er zum ersten Mal macht. Jeden Tag passiert nun irgendetwas zum ersten Mal.
Irgendwann ist der Kasten fertig.
Irgendwann fällt Max hin und er empört sich darüber lautstark und tränenreich.
Irgendwann ist Zeit zum Windelnwechseln.
Irgendwann ist die Pizza fertig und Kalle schiebt sie in den Ofen.
Irgendwann hängen bereits Hemden im neuen Kasten.
 
Die Sonne scheint immer noch.
Die Temperatur hat endlich die Null-Grad-Marke überwunden und man kann sie mit viel gutem Willem als Plusgrade bezeichnen.
 
Wir haben heute unseren Ausraste- und Ruhetag. Es war ganz schön viel die letzten Wochen. Kalle ist nur mehr sehr selten zu Hause, zumal ihn seine Arbeit in alle möglichen Winkel und Ecken Finnlands treibt. Max war die letzten Tage wieder einmal krank, was bei ihm Hand in Hand geht mit unendlich viel Nähebedürfnis und unendlich wenig nächtlichen Schlaf. Ich bin gern für ihn da. Und es wird zur Herausforderung, ein Zeitfenster zu finden, in dem ich auch nur seinen Brei pürieren kann. Und ich bin immer wieder erstaunt darüber, was man alles einhändig machen kann.
 
Und dann kommen Tage wie diese.
Hab ich es gut? Und wie!
Werde ich verwöhnt? Ja!
 
Und ich schaue aus dem Fenster. Während Kalle und Max sich dem Garten widmen, ziehen Wolken gemächlich durch mein Blickfeld, bereitet die Sonne ihren Abschied vor und die letzten Schwankolonien brechen auf in den Süden. Ich nippe an meinem Kaffee und schliesse die Augen. Ich atme. Sehe putzige Szenen mit Max vorbeiziehen, Kalles Worte kommen mir in den Sinn, ja, sogar meine Schüler tauchen auf in meiner Dankbarkeits- und Glücksgefühlswolke.
Meine Schüler? Ach Gott, meine Schüler! Ich muss ja noch vorbereiten!
Oh. Und gerade jetzt kommt Max herein. Er braucht was zu essen.
Und sein Bett muss ich ja noch frisch überziehen.
Und...

Ok. Das wars.
Pfiati, Gemütlichkeit.
Pfiati, Auszeit.

Pfiat enk, liebe Menschen.
Pfiat enk und hej då -
d'Birgit







Samstag, 22. Oktober 2016

22.10.16 - Der Tag, an dem ich von zu Hause ausgezogen bin


Ich öffne die Tür. Und mir entkommt ein: "Ma, geil!"
Mein Hotelzimmer ist so aufgeteilt, dass man den Eindruck bekommt, als wären es zwei Räume. Der, in dessen Mitte ich nun steh, hat eine Couch mit einem ziemlich grauslichen Überwurf, einen Tisch, und einen Schreibtisch, hinter dem eine grosse Holzwand aufgebaut ist. Im zweiten Raum, also hinter der Schreibtischtrennwand, befindet sich das Bett. Ein Doppelbett. Das Holz der Möbel ist dunkel. Der Boden ist dunkel. Von den Decken hängen Kristallluster (ja, echt!) und überall sind Spiegel in goldenen Rahmen angebracht. Ich öffne die Badezimmertür. Und stelle erst mal fest, dass der Lichtschalter nicht funktioniert. Und derweil möchte ich so gerne die Badewanne sehen! Ah ja, die Karte, also den Schlüssel, muss man ja irgendwo reinstecken, damit man Strom hat. Die Suche nach dem Schlitz gestaltet sich schwieriger, als man annehmen könnte, aber schlussendlich ist diese doch von Erfolg gekrönt. Und da erstrahlt alles vor mir in hellem Lusterschein. Und die Badewanne! Herrlich! Riesig. Es ist in Wirklichkeit ein Whirlpool für Zwei. Die Fliesen sind schwarz mit kunstvollen Ornamenten verziert, die Wasserhähne sowie der Duschschlauch goldfarben, und die Sauna ist genau so, wie man sich eine finnische Sauna vorstellt.
 
Da bin ich also. Ich stelle erst mal meinen Rucksack und die Laptop-Tasche ab. Und geh aufs Klo.
 
So. Und jetzt?
 
Wie bin ich hier gelandet? Es hat sich schon seit geraumer Zeit abgezeichnet, aber nun haben wir den Punkt definitv erreicht. Der Punkt, an dem einem klar wird, dass es vorbei ist. Vorbei sein muss. Es geht einfach nicht mehr. Was heisst, es geht nicht mehr? Natürlich ginge es noch. Wir könnten ewig so weitermachen. Es gibt Menschen, die mehrere Jahre daran festhalten. Aber wir haben uns entschieden. Und die Konsequenz ist schmerzlich, aber zu tragen. Ich habe meinen Rucksack gepackt, die wichtigsten Dinge wie Geldtasche und Führerschein in meine Handtasche gegeben, den Laptop mitgenommen - der Blog will ja schliesslich trotzdem geschrieben werden - und dann hab ich mich verabschiedet. Von beiden. Mit schwerem Herzen und mit Tränen in den Augen. Max hat gestrampelt und gequietscht. Ihm war die Tragweite natürlich nicht bewusst. Und Kalle, ja, Kalle hat mir einen Abschiedskuss gegeben. Und dann bin ich in mein Auto gestiegen. Mein Auto, das mich einst von Tirol hierher gebracht hat.
 
Und hier sitze ich nun. Das Zimmer ist toll. Und trotzdem fühle ich mich verloren. Mit leerem Blick starre ich in die Ferne und sehe die inneren Bilder wie einen Film vor mir ablaufen. Wie schön doch alles angefangen hat mit uns! Es war so - natürlich und unglaublich unkompliziert. Und für mich hat es sich sehr bald so angefühlt, als wäre es immer schon so gewesen. Natürlich hat es manchmal auch etwas genervt. Und doch war es für mich immer etwas Besonderes. Weisst du noch? Es war etwas, das nur uns beiden gehört hat. Etwas, das sich auch nicht erzählen oder teilen lässt. Und wenn ich zurückschaue in mein früheres Tiroler Leben, ich hab mir nie vorstellen können, dass mir einmal etwas so Wunderbares widerfahren wird. Und doch ist es passiert. Und ich bin so unendlich dankbar. Für jeden Moment. Und ich weine. Ich weine, weil es vorbei ist. Ich weine, weil ich mich leer fühle. Ich weine, weil ich nicht weiss, wie es nun in Zukunft sein wird. Was wird aus uns und unseren gemeinsamen Nächten?
 
Ich mache den soeben erstandenen Rotwein auf. Ein Merlot aus Italien. Ich schenke mir ein Glas ein und stosse an auf das, was war, und auf das, was sein wird. Mein Blick gleitet über das Bett. Und bleibt an der Tür zum Badezimmer hängen. Ok. Ich bin traurig. Aber, darf ich nicht trotzdem dieses Zimmer mit all seinen luxuriösen Vorzügen geniessen? Natürlich darf ich! Ich lasse das Whirlpool volllaufen, während ich mich meiner Kleider entledige. Vorsichtig fühle ich mit der Spitze meines grossen Zehs (wer hatte eigentlich die bescheuerte Idee, das vordere Teil eines Zehs als Spitze zu bezeichnen???) die Wassertemperatur und alsbald lasse ich mich in die Tiefe sinken. Das Wasser nimmt mich in sich auf. Und ich tauche dankbar ab. Und bald wieder auf. Der Schaum verdeckt meinen gesamten Körper und ich spiele mit ihm, beobachte fasziniert die Lichter, die sich in den einzelnen Schaumflocken spiegeln, spüre die Wärme, die mich ganz weich macht, und ich fange an zu singen. Und dann bin ich bereit. Ich schalte das Whirlpool ein. Erst passiert mal ganz lang gar nichts, sodass ich schon den Knopf ein zweites Mal drücken möchte, als plötzlich ein unglaubliches Getöse und Gebrumme loslegt, sodass mir der Schreck in alle Glieder fährt. Und dann fängts an zu blubbern und zu rauschen. Oioioi. Eine der Düsen zielt direkt auf meinen Rücken, während eine andere sich mein linkes Bein vorgenommen hat. Aua! Hilfe! Wo war gleich noch mal der Ausschalteknopf? Puh. Die Stille legt sich über mich. Und so soll es bleiben. Ich bin wohl doch eher der langweilige Badewannentyp.
 
Diese Geschichte hat sich gestern abgespielt. Ich habe noch einige Gläser Rotwein getrunken, habe mir mein Buch vorgeknöpft, und bin dann mitten in der Nacht um 1 oder so ins Bett gefallen. Das Frühstück war genial und ausgiebig und ich konnte endlich wieder mal die Zeitung lesen während ich meinen Kaffee geschlürft habe. Das war nun seit mehr als 13 Monaten nicht mehr der Fall. Hab mich dann abermals meinem Buch gewidmet. Und dann hab ichs nicht mehr ausgehalten.
 
Ich bin heim. Hab den quietschenden und freudig-zappelnden Max in meine Arme genommen und nicht mehr losgelassen, und hab zum Kalle weder Hallo noch sonst irgendwas Nettes gesagt, sondern einfach nur: "Und?" Ich war ja so neugierig.
Wir haben mit gestern das nächtliche Stillen beendet. Und Max hat es super gemacht. Er ist schon aufgewacht, natürlich, aber er ist dann auch wieder eingeschlafen. Manchmal hat er ein bisschen an dem angebotenen Wasser genippt, aber manchmal nicht einmal das. Und am Morgen hat er so getan, als sei alles ganz normal. Er ist ja so genial! Und ich bin so stolz auf ihn!
 
Es ist wieder ein Schritt getan. Wie schnell er wächst! Und wie schnell sich alles verändert! Jeden Tag ist wieder irgendetwas Neues, das er kann oder tut. Es wird nicht mehr lange dauern, und er wird uns seine neue Freundin oder seinen neuen Freund vorstellen. Und dann wirds nicht mehr lange dauern und er zieht aus. Oioioi...
 
Auf das Leben :-)!
 
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit




Samstag, 15. Oktober 2016

14.10.16 - Kribbeln im Bauch


Ich schaue aus dem Fenster.
Eine Stechmücke hat sich verirrt und dabei vergessen, dass sie eigentlich schon längst vom Kältetod hätte niedergestreckt werden müssen.
Die wenigen noch verbliebenen Blätter auf den Bäumen haben ihren Kampf bereits aufgegeben. Sie sind braun und dempremiert, völlig antriebslos hängen sie herum und sie warten nur noch auf einen Windstoss, der sie endlich zu Boden sinken lässt.
Feucht ists. Und grausig. Mich zieht nichts mehr raus in diese wenig einladende Welt.
Stattdessen verschanze ich mich bei einem Zeitloch vor meinen Computer. Ich schreibe e-Mails, lese meine Texte und schaue, was sich ausserhalb meiner kleinen Welt so tut.
Und das ist oft sehr ungesund.
 
Ich sehe zB ein Video, in dem eine Gruppe von Männern aus der südlichen Gegend Österreichs zu der Frage interviewt wird, was sie davon hält, dass Frauen Männern gegenüber immer noch nicht gleichgestellt sind. Einer von ihnen ist offenbar der Wortführer. So wie das halt immer ist in jeder Gruppe. Und dieser Wortführer meint, dass das ja kein Problem ist für Frauen, zumal das ja schon mehr als 2000 Jahre lang so war und sich das ja durchaus bewährt hat. Die anderen Gruppenmitglieder lachen nur ihr dreckiges Lachen. Und dann fügt er noch hinzu, dass er kein Problem damit hätte, dürften die Frauen nicht wählen.
Dieses Interview wurde in Österreich, in diesem zentralen, europäischen Land, im Jahre 2016 geführt.

Ich schaue aus dem Fenster.
Und mir sausen Bild- und Wortfetzen dieses Interviews durchs Gehirn.
Und in meinem Magen wirds ganz eng.
Und ich sehe vor meinem geistigen Auge Menschen beiderlei Geschlechts, die ich kenne, die diese Aussagen benicken würden.
Und ich bin wütend über meine eigene Unfähigkeit, auf solchen Schwachsinn angemessen, d.h. sachlich, kühl, klug und mit starken Worten, zu reagieren.
Und mir kommt die Schlagzeile "Die Macht der Beleidigten" in den Sinn und einige Passagen der Ausführungen des Artikels. Danke, Zeit!
Und Michelle Obama, die in so fantastischer und kluger Weise ihre Sicht der nicht nur amerikanischen Dinge zur Verfügung stellt, spaziert durch meine Gehirnwindungen und winkt mir zu.
 
Meine Gedanken drehen sich weiter, während meine Augen immer noch die Stechmücke bei ihrem Versuch, Fensterscheiben verschwinden zu lassen, verfolgen.
 
Wie ist das in Finnland? In diesem Land, wo scheinbar alles besser ist?
Schlagartig wird mir klar, wie wenig ich in Wirklichkeit weiss über dieses Land, das mir seit mehr als zwei Jahren eine Heimat bietet.
Und dann wieder denk ich mir, dass das eh nichts mit einem Staat zu tun hat, sondern immer nur mit dem Menschen selbst. Es gibt da wie dort Aufgeschlossenheit und Verbohrtheit. Es gibt da wie dort Klugheit und Dummheit. Es gibt da wie dort - alles. Sogar in jedem einzelnen Menschen gibt es - alles. Jegliche menschliche Regung zeigt sich, sobald es Menschen gibt. Immer und überall.
 
Ich schaue aus dem Fenster. Die Stechmücke ist verschwunden.
Und ich weiss, dass eine meiner grossen Aufgaben ist und sein wird, Max mit Respekt zu begegnen und ihn immer wieder zu bestätigen in seiner Besonderheit. Denn nur, wenn jemand Respekt erfährt, wird er auch Respekt vor anderen haben. Und nur, wenn jemand sich selber mag, wird er anderen Menschen in Augenhöhe begegnen und in echten Kontakt treten können.
 
Unbehaglich ists mir zumute.
Und mit Unbehagen im Gemüt lasse ich es gut sein für heute.
 
Habts es gut.
Seids gut und respektvoll zu- und miteinander. Bitte.
 
Pfiat enk und Hej då -
d' Birgit
 
 
Ein Bild aus Tagen, die sich angefühlt haben wie das Spiel eines Schmetterlings mit dem lauen Sommerlüfterl.
 

Samstag, 8. Oktober 2016

08.10.16 - Mein Tick


Hallo. Ich bin die Birgit. Und - ich habe einen Tick.
 
Jedes Mal, wenn ich den Computer hochfahre, schaue ich mir dieselben Seiten in immer derselben Reihenfolge im Internet an, bevor ich zu arbeiten beginne. Outlook-Posteingang, Facebook, Nachrichten, Wetterbericht von da und dort, Traueranzeigen.
Ja. Traueranzeigen. Wenn ich viel Zeit habe, schaue ich mir die verstorbenen Menschen genau an. Ihre Gesichter, die auf ein Foto gebannt sind, von dem niemand geahnt hat, dass es einmal das Sterbebild sein wird. Mit diesem Ausdruck im Gesicht, der alles mögliche zeigen kann, nur nie die Idee vom nahen Tod. Ich lese die Namen. Wenn ein mir unbekannter Mensch einen mir bekannten Nachnamen trägt, lese ich zudem die Namen der Trauernden. Manchmal lese ich die Texte in der Rubrik "Kondolenzbuch". Manchmal zünde ich eine virtuelle Gedenkkerze an, wenn ich jemanden gekannt habe, dem aber nicht nahe gestanden bin. Wie wird es sich anfühlen, wenn ich das erste Mal die Todesanzeige eines Menschen sehe, der eine Bedeutung und eine Rolle in meinem Leben spielt?
 
"Keiner kommt hier lebend raus." Wer war das gleich noch einmal? Keine Ahnung. Aber, die Kraft und der Trost, die von diesem Satz ausgehen, sind aussergewöhnlich.
 
Ich für meinen Teil spüre den Tod ständig im Genick. Manchmal macht mir seine Unberechenbarkeit enorme Angst. Es gibt Menschen, die ich liebe und deren Tod ich mir weder vorstellen kann noch vorstellen will. Aber manchmal, da ist der Gedanke an diesen dunklen Genossen ungemein förderlich und unterstützend. Er wird kommen. Da führt nichts daran vorbei. Das Wissen um das sichere Ende verwandelt das alltägliche Leben in ein Wunder, in ein Geschenk, das ich einfach so aufmachen und geniessen darf. Tagtäglich. Stündlich. Minütlich.
Beides ist. Und beides nimmt Raum. Und ist unterlegt mit einem Repertoire an Gefühlen, dass einem bei näherer Inspektion ganz schwindlig wird.
 
In Momenten grösster Freude und dem mir grösstmöglichem Einklang mit mir selbst, kommt der Gedanke: Jetzt wärs ok.
 
Seit ich in Finnland bin.
Seit ich in Finnland bin, ist alles ein bisschen anders.
Die Besorgnis um das Wohlergehen und um das Leben von Menschen, die mir innerlich nahe, aber räumlich fern sind, ist grösser.
Das manchmal auftauchende Sich-Ausgesetztfühlen auf diesem Planeten empfinde ich intensiver.
Das Im-Moment-Sein fällt mir zunehmend leichter, woran Max und Kalle einen beträchtlichen Anteil haben.
Die Freude über die beiden Adler, die wir heute von unserem neuen Schlafzimmer aus im Bett liegend gesehen haben, war tief.
Und mein Kämpfen und Strampeln und Rudern im Leben wird geringer und weicht einem sich sanften Wiegen im Sein.
Das alles sind nichts anderes als unterschiedliche Gesichter von ein und demselben Gesellen. Nämlich vom Tod.
Und er, ja, wie soll ich sagen? Er verliert irgendwie an Monstrosität. Und er wird zunehmend ein Teil vom Leben. Von meinem Leben. Das glaube ich zumindest. Oder hoffe es.
 
Ich bin die Birgit, und ich habe einen Tick.
Einen Tick? Ich habe unendlich viele Ticks. Wie schön!
 
Pfiat enk! Hej då!
d'Birgit
 
 
 
 

Freitag, 30. September 2016

30.09.16 - Von Elchen, Fliegen und anderem Getier


Der Herbst legt sich mit seinem goldenen Licht und seinen frischen Winden übers Land.
 
 
Viele der Birken sind bereits kahlgefegt und lassen den Blick in die Weite zu. Und plötzlich sind sie wieder allgegenwärtig. Die Elche.
 
In Ermangelung eines Fotos eines echten Elches hier Spielplatzelche.
 
Diese mächtigen Wesen, uralt und Ehrfurcht gebietend, streifen anmutig durch die Wälder, nehmen sich da eine Blaubeerstaude und dort ein Büschel Gras, solange es noch wächst, und stossen ihre mal heiseren, mal singenden Brunftschreie aus. So weit, so wunderbar und grossartig.
Bis ein lauter Krach den Zauber jäh zerreisst. Ein Schuss peitscht durch die Luft. Und wieder wird so ein erhabenes Tier zur armen Sau, weil es diesen Menschen, der da in sicherer Entfernung irgendwo auf dem Hochsitz sitzt und sich ins Fäustchen lacht, nicht bemerkt hat.
Herbstzeit ist Elchschiesszeit. Sie ist bereits die zweite Woche im Gang.
 
Um Menschen zu schützen, also Jogger oder Kinderwagenschiebende oder Radlfahrer, werden Schilder am Strassenrand aufgestellt. Das sieht so aus...
 
 

... und bedeutet: "He, Leute, nehmts euch in Acht, die Wahnsinnigen sind wieder am Weg. Jene, die auf alles schiessen, was sich bewegt." Es wird allen Ernstes geraten, zur eigenen Sicherheit eine orange Weste anzuziehen (keine Rote, wegen der Rot-Grün-Farbblindheit, die nur Männer betrifft und die schon so manchem Finnen das Leben gekostet hat)!
 
Und mit Sicherheit bleibt einem auch dieser Anblick nicht erspart:
 

Eine Blutspur, die sich über die Strasse zieht.

Und:


Die Innereien, die achtlos neben die Strasse geschmissen werden. Die Vögel freuen sich. Mir stellts die Grausbirn auf und ich werde einfach nur wütend über diese Respektlosigkeit der Menschen.

Mit den Elchen kommt die Elchfliege. Sobald sich die Stechmücken aus dem Staub gemacht haben bzw. diese aufgrund von Frostnächten in den ewigen Stechmückenhimmel eingegangen sind, hat ihre Stunde geschlagen. Dieses Vieh gehören zu den grausigsten, die ich kenne. Ihr Lebensraum ist der Wald. Wovon es ja genug gibt hier bei uns. Sobald sie einen Elch findet, stürzt sie sich auf ihn, wirft intelligenter Weise gleich ihre Flügel ab, sodass sie nicht mehr von ihrem Opfertier wegkommt, und saugt Blut. Sie lebt dort wie im Schlaraffenland bis an ihr Lebensende. Wenn man aber Mensch ist und Pech hat, dann verwechselt einen dieses Viech mit einem Elch, stürzt sich auf einen, wirft seine Flügel ab und macht sichs gemütlich. Sie kann von dem Blut der Menschen nicht lange leben. Aber sie krabbelt in den Haaren herum, man kann sie fast nicht greifen, weil sie sich verkriecht und versteckt, und sie beisst natürlich. Bäh, es ist widerlich. Und hält mich fern von jedem Wald.
 
Damit nicht genug. Hat schon mal jemand von der Fensterfliege gehört? Sie treibt vor allem im Frühling und im Herbst ihr Unwesen. Und am liebsten hier in Finnland. Denn, so ist es üblich und so will es ein ungeschriebenes finnisches Gesetz, hier verwendet man doppeltes Fensterglas. Da wird nicht lang gefragt und nicht lang herumgefackelt, es wird einfach eingebaut. Fertig. Damit das aber nicht zum feuchten Desaster wird zwischen den Scheiben, wird im Aussenfenster ein kleines Loch gemacht.  Diese seltsame Gepflogenheit rettet ihr Überleben und die Fensterfliege hat ein leichtes Spiel. Sie krabbelt durch das Loch in den Zwischenraum und legt dort ihre Eier ab. Da hilft auch alles Putzen nichts. Die Eier sind so winzig, dass sie in Spalten abgelegt werden, die ich nicht einmal sehen kann. Und dann, wenn die Sonne scheint und ihre Wärme verbreitet, schlüpft der Nachwuchs. Mich hat fast der Schlag getroffen, als ich nach meiner Fensterputzsession am Vormittag im neuen Zubau noch einmal rauf bin, um etwas zu holen, und dort mindestens 50 Fliegen oder noch mehr zwischen den Fenstern herumfliegen gesehen habe.
 
Sie sieht so aus:
 

Sie tut so, als sei sie eine ganz normale Stubenfliege. Man hat keine Chance, sich von ihr zu befreien. Vertreibt man eine von ihnen, kommen 20 andere nach. Das einzige, was mir/uns eingefallen ist: Gift. Werde ich wirklich zu jemandem, der Gift anwendet gegen Tiere? Ich???
 
Der Herbst hat aber auch noch andere tierische Gesichter.
 

Die Kraniche. Diese riesigen Vögel mit einer Flügelspannweite von mehr als 2 Metern. Im Herbst machen sie sich auf den Weg in wärmere und hellere Gefilde. Also in Richtung Süden. Vorher aber treffen sie sich noch unzählige Male in grossen Gruppen, um zu - ja, warum eigentlich? Ich hab ehrlich gesagt keine Ahnung. Aber es schaut wunderschön aus und mich durchflutet bei ihren herbstlichen Meetings jedesmal ein Gefühlsmix aus Wehmut, Neid und Freude.
 
Schwäne.
 
 
Sie hängen oft einfach nur so rum in irgendwelchen Lacken oder gar auf den Feldern. Manchmal eine Familie mit 2, 3 Kindern, manchmal ein ganzer Clan mit 50 Tieren oder so. Vermutlich bereiten auch sie sich schon vor für ihre Reise in den Süden.
Der Ruf der Schwäne und der der Kraniche ist ein sehr ähnlicher und ich habe ziemlich lange gebraucht, um ihn unterscheiden zu können. Und bis heute bin ich mir nicht ganz sicher.
 
Der Herbst hat seinen eigenen Klang, seinen Geruch, seine Emotionen, seine Farben, seine Früchte und - seine Tiere.
Manche von ihnen hab ich erst hier in meinem neuen Daheim-Land kennengelernt.
Jedes von ihnen berührt mich auf irgendeine Weise emotional.
 
Die Dunkelheit deckt mich zu.
Die Welt wird still.
Und ich harre dem, was da kommen will.
 
Pfiat enk. Hej då.
- d'Birgit