Sonntag, 4. Dezember 2016

04.12.16 - Sven ist tot


Max hat mit dem gestrigen Tag beschlossen, eine Glocke zu sein.

Den Bauch weit vorgestreckt und mit seinen Armen wachtelnd rennt er von der Küche in die Stube in sein Zimmer und wieder zurück, nur um denselben Weg wieder in Angriff zu nehmen. Dabei ruft er: "Doonnnng, doonnnnng, doonnnng!" Zwischendrin quietscht er vor Begeisterung, dann gehts weiter mit "Doonnnng, doonnnng, doonnnng".

Wir waren in der Kirche. Sven, Kalles Onkel, ist gestorben. Ich habe ihn nie getroffen, und ich habe bis vor wenigen Tagen nicht mehr von ihm gewusst als seinen Namen.
 
Es fühlt sich ein bisschen seltsam an, inmitten aller Verwandten zu sitzen und so zu tun, als sei das selbstverständlich. Dabei ist es genau das, denn selbstverständlich begleite ich Kalle.
So sitzen wir also da. Es ist Max' erstes Mal in einer Kirche. Die Augen gross, den Mund zu einem Strich zusammengekniffen, sitzt er da auf Kalles Schoss und schaut. Und schaut. Und schaut. Die Orgel fängt an, etwas unheimlich Trauriges zu spielen. Und Max hat schaut weiter. "Das Volk" fängt an zu singen. Und das geht dann wohl ein bisschen zu tief für Max. Oder bekommt er Angst? Auf jeden Fall fängt sein Mund zu zittern an, was bedeutet, dass er die nächsten Sekunden in herzzerreissendes Schluchzen und Weinen ausbricht. Ich nehme ihn. Ich umarme ihn. Ich erkläre ihm, dass allen in Ordnung ist und dass Papa und Mama hier sind. Und wir singen unsere Eigenkreation von "Ich hab dich lieb" vom Grönemeyer. Natürlich flüsternd. Und auch wenn er sich langsam wieder beruhigt, so ist es doch zu gross irgendwie. Es sind so viele Emotionen im Raum, so viele schwarz gekleidete Menschen, die kein Wort reden und nur herumstehen, diese grossen Luster, und diese Musik.
 
Ein kurzer Blick zurück in meine Tiroler Vergangenheit: Ich gehe nicht zum Lidl einkaufen. Ich mag dieses Geschäft nicht. Und das kann ich einfach so stehen lassen, ohne auf die Gründe näher eingehen zu müssen.
 
Wir kommen zurück zur Kirche: Ein grosse Dankbarkeit überkommt mich. Lidl. Es ist das einzige Geschäft, das Laugenbrezen verkauft. Und Max liebt Laugenbrezen. Und - welch Erleichterung: Ich habe in weiser Vorahnung eine Laugenbreze eingepackt. Und die futtert er nun. Und kann kauend dem Programm folgen, ohne weiter Angst haben zu müssen.
 
Der Pfarrer ist eine Frau. Und niemand stört sich daran. Sie erscheint nur kurz, um von Svens Leben zu sprechen. Dann geht sie wieder.
An einem Punkt der Messe gehen die Verwandten und Freunde der Reihe nach zum Sarg, um dort die Blumenbuketts oder Kränze abzulegen und der Trauerfamilie, die ganz vorne sitzt, teilnahmsvoll zuzunicken. Ein Freimaurer erscheint. Allein. Und die Kriegsveteranen bekommen mehr Platz oder Wichtigkeit als jeder andere. Sie halten sogar eine kurze Ansprache.
Wir singen. Das wunderbar stimmungsvolle Lied von "Wie im Himmel" - Härlig är Jorden. Max zeigt auf die vielen Lichter in der Kirche und ruft laut, ohne die anderen zu stören, weil die singen ja laut und inbrünstig: Titta! (Schau!). Und zeigt dabei auf die wundersamen Luster und die Decke, die so hoch ist, dass niemand sie angreifen kann.
Am Ende der Messe geht wieder jeder vor zum Sarg, sucht seine Blumen und nimmt sie mit, um sie zum Friedhof zu bringen.
 
Es ist vorbei. Wir gehen raus. Reden mit ein paar Menschen. Und gehen zum Auto. Der Glockenturm, der in diesem Land sehr oft getrennt zum Kirchengebäude steht, läutet eine seiner Glocken. Ein tiefes DOONNNNNG durchstösst die betretende Stille. Und Max fängt an zu wachteln mit seinen Armen und ruft DOONNNNNG mit seiner hellen, süssen Stimme. Und das Leben durchfährt uns mit aller Wucht. Und wir schauen uns an. Und wir wollen lachen. Und laut sein. Und uns freuen. Und kaum sitzen wir im Auto, so reden wir und reden und reden und lachen und sind einfach nur glücklich,.
 
Was da mit uns passiert ist? Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass ich es ganz wunderbar finde, zu leben und nicht tot zu sein.
 
Heute ist Wahlsonntag in Österreich.
 
Und Max läuft herum und ruft DOONNNNNG.
 
Und ich kann jetzt eh nichts mehr tun.
Das Faktum Tod verändert so vieles. Grosses wird klein und Kleines wird gross.
 
Brauchen die Leute einen Hofer? Ja. Vielleicht. Und vielleicht kriegen sie ihn sogar. In 6 Jahren wird der Spuk wieder vorbei sein. Und die, die heute noch mit dem Finger auf andere zeigen und Widerwertigkeiten verbreiten und unterstützen, werden sich irgendwann verschämt verkriechen oder alles abstreiten. Alles war schon mal da. Alles ist wieder vorbeigegangen.
 
DOONNNNNG.
 
Und ich weiss, Widerstand ist wichtig, weils die Würde bewahrt (das hab ich von Trojanow). Aber ich weiss auch, dass mir ab einen gewissen Punkt die Hände gebunden sind.
 
DOONNNNNG.
 
Liebe Leute, ihr, die mir politisch nahe steht, habts es gut.
Und ihr, die ihr politisch gefährlich am Weg seids, habts es gut.
Ich verneige mich vor jedem, der es wagt, Mensch zu sein und Mensch sein zu lassen.

Ich wünsche ein glückliches Am-Leben-Sein!

Pfiatenk und Hej då -
d'Birgit

DOONNNNNG

Egal, wie dunkel die Zeiten scheinen. Es gibt sie!!!

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