Samstag, 23. Dezember 2017

24.12.17 - Frohe Weihnachten!


Weihnachten.
Ein Fest der Familie?
Ein Fest der Liebe und Freude?
Ein Fest der hohen Erwartungen?
Oder doch nichts als nicht eingestandener Stress?

Diese Woche haben wir uns wieder auf unsere alljährliche Weihnachtsrunde begeben. Jedes Jahr schnüren wir kleine Päckchen, schreiben selbstgestaltete Karten und verschenken diese an Menschen, die wir mögen, an Verwandte, an Freunde. 

Auf dem Weg von Mensch zu Mensch sind wir dem hochbetagten Mann begegnet, der seine Demenz kranke Frau seit Jahren pflegt, und der sich endlich eingestehen hat müssen, dass er nicht mehr kann. Nun ist sie auf der Liste für den nächsten freien Platz im Altersheim. Das werden ihre letzten gemeinsamen Weihnachten sein.
Wir sind  der Frau begegnet, die sich mit ihren 80 Jahren noch einmal so richtig verliebt hat. In einen Schweizer. Er weiss vermutlich nichts von seinem Glück, aber sie strahlt wie eine 15-Jährige und lacht und redet ohne Unterlass.
Wir sind der Frau begegnet, die von einer Reise mit der ganzen Familie nach Australien im kommenden Jahr träumt.
Und die Frau, die stets gezeichnet war von einem schweren Leben, die sich nicht mehr richtig bewegen hat können und nur sehr unzusammenhängend geredet hat, sie war auf den Füssen und hat erzählt und gelacht und getan, als sei das immer so gewesen.

Weihnachten.
Ein Fest wie jedes Jahr?
Ja. Wenn man Glück hat. 
Oder Pech. 
Und plötzlich kommt dann ein Weihnachten, da ist alles anders. 
Und man ist gezwungen, es anders zu gestalten.
Das Gute daran: Wie anders es auch immer sein möge, man wird sich arrangieren.
Der Mensch ist ein famoser Anpassungskünstler.
Und es geht einfach weiter. Das tut es ja immer. Ganz von selbst.

Und überhaupt, wird Weihnachten nicht überbewertet?
Einer meiner Freunde pflegt zu sagen: Weihnachten ist wie der gefühlte Weltuntergang. Jeder stresst und jeder meint: Aber vor Weihnachten sehen wir uns bestimmt noch mal. Grad so, als gäbs nach Weihnachten keine Tage mehr.
Auch das stimmt.

Wir haben uns für das Geniessen und gegen den Stress entschieden.
Wir ziehen uns nicht schön an.
Wir putzen nicht vorher das ganze Haus durch.
Wir laden keine anderen Menschen ein.
Wir machen keine ausgefallenen Geschenke.
Stattdessen freuen wir uns auf die tirol-finnisch-kulinarische Mischung (Nudelsuppe zu Mittag, Risgrynsgröt am Abend).
Wir freuen uns aufs gemeinsame Christbaumsuchen im Wald, aufs Umschneiden, Heimtragen und Schmücken.
Und wir freuen uns aufs Zusammensein. 
Alles andere ist offen.
Wir wissen nicht, wies wird. 
Wir wissen nicht, wann wir was machen. 
Und wir wissen auch nicht, was alles unbedingt sein muss, um uns weihnachtlich zu fühlen. 
Aber wir können uns zum Glück auf uns selber verlassen. Wir können uns darauf verlassen, dass wir spüren, was wir brauchen oder möchten. Und das tun wir dann einfach.
Herrlich!

Ich bin so froh um meine entspannte, spontane, strahlende, authentische, lebendige, liebende Familie!

Liebe Leute, liebe Lesererinnen und Leser, dasselbe wünsche ich euch.
Ich wünsche euch, dass ihrs gut habt an diesem Tag!
Egal, wie es dann im Konkreten ausschaut, euer Inneres soll sich pudelwohl und quietschvergnügt fühlen dort, wo es ist.

Ich mache jetzt eine Weihnachts- bzw. Neujahrpause und melde mich dann am 14. Jänner wieder.
Bis dahin - alles Liebe, alles Gute und alles Glück der Welt!

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit

Då kummt de Sunn, düdldüdü!

Samstag, 16. Dezember 2017

17.12.17 - Woche 50: Tag für Tag


11.12.17

Das Gefühl, das die entlegensten Winkel meines Seins durchflutet, wenn ich oben auf dem Berg stehe, wenn mein Blick frei fliegen kann bis zum Horizont und weiter, wenn die klare, frische Alpenluft meine Lungen und meine Seele durchspült und reinwäscht und wenn nur Berge und nichts als wiederum Berge den Moment zeichnen und den Geist freimachen von meinem eingeschränkten Menschendenken -

- die Sehnsucht danach, nach dieser Erhabenheit, nach dieser Gesundheit, Reinheit, Freiheit, treibt mir in Momenten wie diesen Tränen in die Augen.




Da hilft kein finnischer Sternenhimmel. So gewaltig er auch sein möge.
Keine finnische Freiheit von Zwängen und Pflichten kann dem etwas entgegensetzen.
Nicht einmal Jultårta, die die magische Fähigkeit haben, Unangenehmes in Annehmbares zu verwandeln, kommen dagegen an.
Da hilft nur: Schlafen gehen. Die Zeit ziehen lassen. Warten. Tee trinken.
Alles kommt. Und vergeht auch wieder.


12.12.17

Ein Tag zieht vorbei und tut - eingebettet in Alltäglichem - nicht viel mehr als mich streifen.
 
 
13.12.17: Luciaumzug aus Max' Perspektive

Brrrrrr.... Kalt!
Oh.... A Laterne!
MAAAAX will trågn!!!!
Ich geh mit meiner LATEEAAAARRRNE.....
Max reitet aufm Papa.
A Stearn!

A Traktor!
Max steht aufm Boden.
Da sitzt wer auf dem Traktoranhänger.
???
 

Viiiiele Menschen.
Viiiiiele Laternen.
Max reitet wieder aufm Papa.
Ich geh mit meiner LATEEAAAARRRNE...

ATrompete!

Kling, Glöcklein, KLINGELINGELIIIING!!!!!

A Hund!
Oh.
Der Hund pusst an Max.
Max streichelt an Hund.

Huch!!!



Was will der???
Wer ist das???
Hihi. Der gibt mir was.

Ich geh mit meiner LATEEAAAARRRRNE...


14.12.17

Ein Hanteln von Tag zu Tag.
Und ich derglange jeden neuen Tag.
Und ich derlasse jeden alten los.
Mehr kann man momentan nicht von mir erwarten.


15.12.17: ein ganz normaler Tag

Um 5 aufstehen.
Einheizen.
Kaffee kochen.
Trinken? Nein.
Max wacht auf.
Sehr lange völlig ausser sich.
Frühstück.
Wäsche waschen.
Geschirr waschen mit Max.
Max baden.
Essen kochen.
Nebenbei Ohne-Windel-sein-Training.
Wäsche aufhängen.
Essen.
Max schläft.
Weihnachtsgeschenke aus dem Auto holen und verstecken.
Müll verräumen.
Geschenkspapier suchen.
Kaffee trinken.
Max wecken.
Über 1 Stunde Schnee schaufeln.
Max auf seinem Bob herumziehen.
Schneelaterne bauen.
Indoor-Holzvorrat aufstocken.
Geschenke einpacken für unsere morgigen Gäste.
Weihnachtskarten schreiben.
Mit Max dieselben unterschreiben.
Abendessen zubereiten.
Essen.
Abendritual.
Max schläft.
Geschirr waschen.
Duschen.
Feststellen, dass für morgen noch genau nichts vorbereitet ist.
Pffff....


16.12.17

Menschen. Menschen. Wohin man schaut, überall Menschen.


17.12.17

Weihnachtsmusik dudelt unten aus dem Lautsprecher.
Max und Anton, sein Bruder, lesen ein Autobuch, während die anderen a bissl reden oder eben auch nicht.
In dem Moment sitze ich in unserem Turm in unserem Bett, stelle diesen Blogeintrag fertig und bin gleichzeitig stille Beobachterin dessen, was unten passiert.



Und obwohl es gefühlsmässig sehr früh ist und die Nacht sehr kurz war, freue ich mich.
Hergezogen als ewiger Single, finde ich mich "plötzlich" wieder in einem grossen Kreis von entspannten und lachenden Menschen  Das ist schon sehr schön. Und besonders.

Auf dass diese letzte Woche vor Weihnachten so entspannt und lachend wie möglich werden möge!

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit

 

 

Sonntag, 10. Dezember 2017

10.12.17 - Über den Vorteil von Kindern


So machten wir uns also auf den Weg. Mein Mann, mein Bua und ich. Ein langer Marsch von mehreren Kilometern durch eisige, Menschen leere, vom Wind gepeitschte Schneelandschaft stand uns bevor. Knochenmark durchdringende Kälte, Atemwolken, die noch auf den Lippen zu Eiskristallen gefrieren, gehüllt nur in ein paar Lumpen, so stapften wir, den Kopf gesenkt gegen den Sturm ankämpfend, schweigend und schwer atmend durch den knietiefen Schnee.

Nein. So wars natürlich nicht. Es war zwar Schnee, aber nit viel. Die Baumwipfel haben ein bisschen getanzt und gespielt mit dem Winterlüftchen, Scharen von Drosseln sind von Vogelbeerbaum zu Vogelbeerbaum geflogen, blaue Fetzen haben den wolkigen Himmel durchzogen, die Luft war frisch und klar und die Stimmung gut. Und Lumpen warens auch nicht, die uns umhüllten, auch wenns der Szenerie eine Spur von Drama gegeben hätte.

Wir machten uns auf den Weg zu einem alten Mann. Er verkauft Holz, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Und wir sind einer seiner dankbaren Abnehmer. Kalle war ein paar Tage zuvor dort, um mit seinem Anhänger welches zu holen. Und nun war es an der Zeit, unsere Schulden begleichen.

Der Weg war tatsächlich ein langer. Wir gingen schnell, Max auf Kalles Schultern. Bei jedem uns entgegen kommenden Auto sprang unser kleiner Wirbelwind begeistert wie auf dem Sattel eines galoppierenden Pferdes, riss beide Arme in die Höhe und winkte und wachtelte was das Zeug hielt. Zwei Lenker haben dann auch tatsächlich ihren Zeigefinger vom Lenkrad gehoben. Die wenigen Häuser schienen dunkel und verlassen. Spuren zeugten von vorbeihüpfenden Eichhörnchen und wandernden Elchen. Wir gingen durch ein Stück Wald, bald säumte eine offene Wiese die Strasse, die Traktorwerkstatt war schnell hinter uns gelassen und nach dieser einzigen Kreuzung weit und breit hatten wir endlich freien Blick aufs Meer.
- Wow! Schon zugefroren!
Um die Kurve herum, und schon waren wir da.

- Hm. Sieht dunkel aus.
  Du, ich glaub, da ist keiner daheim.
- Das kann man so nicht sagen. Wir gehen auf jeden Fall zur Tür.
Wir durchquerten den Garten, wunderten uns noch über die breiten Baggerspuren, als auch schon ein Licht anging. Kalle winkte, und der alte Mann hinter dem Fenster, der sich soeben am Küchentisch niedergelassen hatte, winkte uns zu sich hinein.
Wir sind uns noch nie vorher begegnet, er und ich.
Ah. Das musste seine Frau sein. Sie ist also doch nicht an Krebs gestorben, wie ich gehört habe.
- Hej! Griass enk.
Händeschütteln. (Auch wenn das sehr komisch und vielleicht sogar Grenz überschreitend ist in diesem Land, aber ich kann und will nicht anders).
- Bin die Birgit.
Ich verstand ihre Namen nicht. Das machte aber nichts. Weil wir uns sowieso nie mit Namen ansprechen werden.
Und bald schon entstand ein Gespräch zwischen den Männern.
Ich beobachtete Kalle ein wenig und war wieder einmal sehr angetan von seiner Fähigkeit, mit allem und jedem ein entspanntes und wohltuendes Gespräch auf Augenhöhe zu führen. Egal, in welcher gesellschaftlichen Position sich sein Gesprächspartner auch immer befindet.
Die Frau schien anfangs ein bisschen verloren, wie sie da im Türrahmen stand. Aber Dank Max hat sich die Situation sehr schnell sehr entspannt. Er entdeckte nämlich ein Katzenfoto, und der Bann war gebrochen. Sie nahm uns mit und stellte uns Fritz, den Kater, vor. Sie erzählte stolz, wie es zu diesem wunderbaren deutschen Namen kam, sie erzählte vom Bagger, der heute da war und von Lillajul und, ach Gott, sie hat ja die Kerzen auf ihrem kleinen Christbaum noch gar nicht angemacht.
Bald darauf entstand ein Gespräch zu viert.
Und es war nett.
Und wir haben gelacht.
Und wir haben uns irgendwie gemocht.
Ja. Und dann simma wieder aufgebrochen. Wir hatten einen weiten Weg vor uns und die Dunkelheit würde bald wieder alles verschluckt haben.
- Danke! Pfiat enk! Mochts es guat! Hej då!
 
Sie haben uns noch aus dem Fenster hinterhergewunken, und beschwingt und leicht von dieser Begegnung machten wir uns auf den Heimweg. Während Max gerannt ist und mit dem Schnee gespielt hat, habe ich mich gefragt, was das jetzt eigentlich war.
 
Im alltäglichen Leben, also in Geschäften oder in der Stadt, begegne ich so viel missmutig dreinschauenden Gesichtern und so viel Distanziertheit und auch Unfreundlichkeit.
Aber dann, wenn ich mal wirklich mit jemandem ins Gespräch komme, weil es die Situation so verlangt, wie zum Beispiel in dieser oben beschriebenen Szene, ist es oft so nett und so lustig.
Ich tu mir manchmal recht schwer mit diesem Widerspruch.
 
Wir gingen weiter, Max war immer noch beim Laufen, vor und zurück und vor und zurück, und wir haben unseren Gedanken eine Stimme gegeben.
Ich glaube, es wäre einfacher, würde man sich öfter sehen. Bei einem Spaziergang zum Beispiel oder im Garten oder auch am Strand oder so. Die Hemmschwelle zu einem Gespräch wäre niedriger, wenn man sich immer wieder mal über den Weg laufen würde und es wäre selbstverständlicher, ein paar Worte miteinander zu wechseln.
Und hier ist einer der ganz grossen Unterschiede zu Tirol. Man verbringt sein Leben entweder im Haus, im Auto oder - ganz selten - beim Sport. Zumindest hier in unserem kleinen Umkreis drängt sich mir dieser Eindruck auf. In Tirol hingegen ist man so gut wie nie alleine, sobald man das Haus verlässt. Egal, ob im Dorf im hintersten Tal, auf dem Berg oder in einer Stadt. Nicht, dass das uneingeschränkt wunderbar wäre. Aber es liegt auch auf der Hand, dass diese finnische, sich einigelnde Lebensgestaltung kaum Raum für Geplauder und Tratscherei offen lässt. 
Das ist irgendwie schade.
 
Aber andererseits - ich muss gestehen, hätte ich den Max nicht, ich weiss nicht, ob ich selber mehr als unbedingt nötig draussen wäre. Der konstant blasende Wind, die Kälte, das Eis auf den Wegen, die Dunkelheit - das alles ist eigentlich so grausig und unfreundlich und so gar nicht einladend. Da lob ich mir unseren Ofen, der es besser als alles andere versteht, das Leben in kuschelige, warme Wohlfühlwatte zu packen.

Und was lernen wir daraus?
Macht viele Kinder!
Oder macht etwas mit euren Enkeln.
Oder leiht euch Kinder aus (Eltern werden es euch danken!).
Kinder machen das Leben gesünder, lustiger und spannender.
Und wenn es sein muss, entspannen sie schon auch mal allein durch ihr Sein eine unnötige Verkrampftheit.
Danke, mein lieber kleiner grosser Max :-)!
 
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit

entstanden im gerade noch Schnee freien November

Samstag, 2. Dezember 2017

03.12.17 - Es adventelt


Es ist halb 6.
Es ist dunkel. So wie die meiste Zeit des Tages.
Das Feuer knistert im Ofen.
Der Kaffee dampft neben mir.
Und es ist still.
Alle schlafen noch.

Habe diese Woche meinen Deutschkurs abgeschlossen. Möglicherweise für immer? Wer weiss das schon.
Meine Schüler waren fanstastisch. Wunderbare Menschen, die es mir durch ihre Toleranz und Aufgeschlossenheit ermöglicht haben, meinem Lehrertrauma in die Augen zu blicken und dieses zu guter Letzt zu bewältigen.

Die Adventszeit hält langsam auch in Finnland Einzug.

Max singt sein Tomtelied vor und zurück und auf und nieder und freundet sich damit langsam mit den hiesigen geschäftig-wuselnden Wichteln an.
Viele Häuser haben jetzt ihren grossen Auftritt: sie sind im Americanstyle weihnachtlich-blinkend mit Rentieren, Weihnachtsmännern und Glocken geschmückt und leuchten ihre bunten Lichter in die dunkle Welt.
Wir begehen diese stille Zeit, indem wir beinahe täglich unsere Jultårtor zum Kaffee verdrücken.
Letztes Wochenende gab es in Vaasa die alljährliche offizielle Eröffnung des Weihnachtsgeschäftes mit Feuerwerk und Weihnachtsmann und allem Drum und Dran.
Lillajul (kleines Weihnachten) steht vor der Tür und damit Max' grosser Tag: das erste Mal Pepparkakor (Pfefferkuchen oder harter Lebkuchen) und Glögg (alkoholfreier Glühwein auf finnisch).
Die Dunkelheit fordert langsam ihren Tribut und mein Wunsch nach Schlaf übertrifft allmählich alles andere.
Ich freu mich auf die Weihnachtslieder. Frei nach Andreas Hofer: "Mandar und Weibar, 's isch widr Zeit!". Von "Last Christmas" bis zu "Es wead scho glei dumpa" - ich nehm alles mit Handkuss und am wohligen Kribbeln im Bauch.
Der Adventskranz steht schon fix und fertig in seinem Eck und harrt seiner Zeit (und das bereits seit einer Woche... nicht, weil wir so fleissig sondern vielmehr weil wir a bissl patschert sind - wir waren schon vor einer Woche der Meinung, es sei 1. Advent...).
Und dann dieses.
Und dann jenes.
Es ist ja doch jedes Jahr das Gleiche.
Ist es das?
 
Die Bäume stehen da wie Statuen.
Regungslos.
Laublos.
Wie stumme Wächter.
Manchmal drückt ein Sturm ihre Kronen so sehr gen Boden, dass ich Angst habe, sie brechen ab oder fallen um.
Aber sie stehen immer noch.
Nehmen, was kommt.
 
Die Dunkelheit.
Sie ist allumfassend. Alles verschluckend.
Keine Strassenlaterne, kein beleuchtetes Fenster eines anderen Hauses durchdringt sie.
Nur manchmal Autoscheinwerfer, die sich im Nichts verlieren.
Die Stille.
Stille in einer Intensität und Wucht, dass es einem fast den Atem raubt.
Nichts lässt einen so still werden wie die Stille.
Die Sterne.
Wie viele sind es?
Ein Kinderlied meint: "Gott, der Herr, hat sie gezählet..." - Na, viel Spass!
Da kommt mir das Göttliche Nudelsieb in den Sinn. Weisst du noch, P.? Damals, in Kroatien?
 
Früher war mir bang vor dieser schwarzen Zeit.
Heute - mag ich sie. Ich fühl mich wohl. Und geborgen. Und gut aufgehoben.
Hab ich früher zu den Menschen, die ich mag, immer gesagt: "Kommt im Sommer, da ist es am schönsten. Wunderbar, dieser nie endende Tag!" so bin ich heute geneigt zu sagen: "Leute, ihr müsst die echte Dunkelheit kennenlernen!"
Es gibt keine bessere Zeit im Jahr, um mit sich selber zu sein.
 
Und so möge er in Gang kommen, der Advent!
Und auch, wenn es in unserer so lauten Welt oft nicht einfach ist, einen Gang herunterzuschalten und den Blick nach innen zu richten, so mögen wir doch zumindest das eine oder das andere Mal dieses innere Kribbeln spüren, das es so nur zur Adventszeit gibt. So wie damals. Wisst ihr noch?

Habts es gut und fein!

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit

Samstag, 25. November 2017

26.11.17 - Der Staat greift durch


Wir stellen folgendes fest:
1. Punkt: Das Volk ist dumm.
2. Punkt: Wir sind es nicht.
3. Punkt: Das Denken des Einzelnen gehört unterbunden, Schritt für Schritt und damit unbemerkt. Nur so hat man die grösstmögliche Kontrolle über menschliche Triebe, die ungesteuert zu Untergang und Verrohung (und unseren Machtverlust) führen würden.
Dieser Vorgang läuft unter dem Titel: "Euer Wohl liegt uns am Herzen".
Das Volk dankt es uns.
4. Punkt: Zweckdienliche Mittel: Informationsverschleierung, Datenspeicherung und -weitergabe, bewusste Streuung von Falschinformation, Einschränkung und Reglementierung von alltäglichen Gütern.
5. Punkt: Wir erklettern den Zenit der Macht und erlangen absolute Kontrolle.

Wer ist wir?
Die, die was zu sagen haben.
Die, die gewählt worden sind.
Die Gscheiten.
Die Guten.
Die Feschen.

Wer ist das Volk?
Die anderen.

Hab ich Paranoia? Keineswegs.

Man lese die folgenden Geschichten und mache sich seinen eigenen Reim.

1. Beispiel: Milch
Überschrift: Fett ist ungesund.
Man trinkt Milch. Auch zum Mittagessen. Auch als Erwachsener.
Wir alle wissen und kriegen ständig vorgebetet: Fett ist schlecht (kaum hört man jemals einen Unterschied zwischen tierischen und pflanzlichen Fetten, und noch viel seltener wird darüber berichtet, wozu die eigentlich gut sind und wie sie im menschlichen Körper wirken).
Milch hat ca. 3,5 % Fett.
Die Gleichung ergibt: Milch ist schlecht.
Es wird mit aller Stärke und Macht daran gearbeitet, dem Verfall menschlicher Gesundheit entgegenzuarbeiten. Wie?
- Die Weitergabe von fettfreier Milch in Kindergärten und Schulen wird staatlich gefördert (!).
- Normale Milch kostet ungefähr das Doppelte von fettarmer (1,5 % Fett) bzw. fettfreier (0 % Fett) Milch.
- Der Milch wird Fett entnommen und dafür Vitamin D zugeführt. Klingt beeindruckend gesund, nicht?
Dieses Gschloder von fettarmer Milch muss man gesehen (und gekostet) haben: Weissliches Wasser mit an der Oberfläche schwimmenden Fettpatzen.
Darf ich die weiteren finnischen Hauptnahrungsmittel präsentieren? Gegrillte Würschtl (Teil der finnischen Identität), gummiartiges in Plastik verpacktes Weissbrot und Fleisch in allen Variationen.
Keine grosse Schlagzeile weist je darauf hin, dass zuviel Fleischkonsum schlecht für die Gesundheit (Herzkrankheiten, Blutdruck, Fettleibigkeit) und die Umwelt (Abholzung der Urwälder, verwerfliche Quälerei von Tieren)  ist oder dass Weissbrot kaum Nährwert besitzt.
Und so bleibt die Schlüssigkeit dieser Milchfettverteufelung völlig auf der Strecke.
Es geht dieser Kampagne offenbar nicht um die Gesundheit der Bevölkerung.
Sondern?
Welche Lobby steckt dahinter?

2. Beispiel: Süssigkeiten
Überschrift: Godisdag
Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz, an das sich fast alle Eltern widerstandslos halten. Ihre Kinder bekommen nur einmal in der Woche Süssigkeiten. Jeden Samstag. Dafür aber Unmengen, ohne Halt und Stopp. Wieso? Süssigkeiten sind ungesund. Und einmal in der Woche ist eh so wenig und dann ist es auch nicht so schlimm. Und ausserdem ist es gut für die Zähne, wenn sie nicht jeden Tag etwas zu Süsses zu beissen bekommen. Pffff......
Meiner Meinung nach sollte es vielmehr darum gehen, Kindern einen guten Umgang mit Süssigkeiten und folglich einen guten Umgang mit Ernährung generell aufzuzeigen. Dass das aufwendiger ist, ist unumstritten. Aber dass das eines der wichtigesten Dinge überhaupt ist, die man so einem kleinen Menschen mit auf seinen Weg geben kann, auch.

3. Beispiel: Bankomat
Überschrift: 50 Euro-Scheine
Wenn man hierzulande Bargeld braucht, was ja gar nicht mehr gern gesehen wird, weil bargeldloses Zahlen das neue Gut ist, der bekommt als grösste Banknote einen 50 Euro-Schein.
Vielleicht soll damit suggeriert werden, dass man auf sein Geld achten soll bzw. nicht so viel Geld ausgeben soll. So wie die Mutter ihrem kleinen Kind 10 Euro gibt und ihm mit erhobenem Zeigefinger sagt: Damit musst du jetzt einen Monat lang auskommen.
Der Staat liebt die Bevormundung.
Ich nicht.

4. Beispiel: Überziehungsrahmen
Überschrift: Kontrollierte Kontoführung
Man darf sein Konto nicht überziehen, Schluss. Aus. Wenn man das machen möchte, braucht man eine spezielle, kostspielige Regelung.
Es ist etwas passiert und man braucht plötzlich mehr als man hat? Pech gehabt!
Dann geht man zu einem Amt, füllt dort unzählige Formulare aus, stellt sich endlosen peinlichen Fragen, muss sich wieder und wieder erklären, wie es so weit kommen konnte, man streut Asche auf sein Haupt und sagt 3x: "Meine Schuld, meine Schuld, meine grosse Schuld!" und wenn man Glück hat, wird einem die Gnade erwiesen und ein gewisser Betrag ausgehändigt.
Wie sich das anfühlt?
Was das mit dem Selbstwert der Menschen macht?
Egal.
Sind sie klein und voll von Schuld- und Schamgefühlen, dann werden sie wenigstens nicht aufmüpfig.

5. Beispiel: Alkohol und Zigaretten
Überschrift: Erwachsene hin oder her - Wir wissen, was gut für die Leute ist. Und was nicht.
Will man Alkohol kaufen, muss man in ein eigenes Geschäft gehen. Nein. Nicht in ein Lebensmittelgeschäft. Sondern in ein "Alko"-Geschäft. So heissen die hier. Sie haben eigene Öffnungszeiten und wenn man da rein geht, dann fühlt man sich so ähnlich wie man sich früher gefühlt haben mag, wenn man in ein Beate-Uhse-Geschäft gegangen ist. Man tut etwas Verbotenes. Es ist verrucht. Man schaut sich nicht an. Huscht durch die Gänge. Hält den Blick gesenkt. Und hofft, dass man von niemandem gesehen wird.
Will man Zigaretten kaufen, weil man irgendwann mit dem Rauchen angefangen hat und dieser Sünde gern weiterhin frohnen möchte, dann geht man in ein Lebensmittelgeschäft. Dort gibt es riesige mit Plastik ummantelte Zigarettenboxen, welche nur für die Kassamenschen zugänglich sind. Man weiss nicht, was angeboten wird. Es wird keine Zigarettenpackung je öffentlich gezeigt. Welche Marken werden angeboten? Wie entscheidet man sich? Das tut nichts zur Sache. Man muss dankbar sein, wenn man überhaupt etwas Zigarettenähnliches bekommt. Je schuldbewusster man sich gibt, desto grösser die Chance.

6. Beispiel: Datenweitergabe
Überschrift: Ungefragt zugesandte Windeln bzw. Kataloge
Max kam auf die Welt und kurz darauf fand ich eine Windel von einer Babyartikelfirma in unserem Briefkasten mit herzlichem Glückwünsch für das Neugeborene. Ich hab mich gewundert, woher sie das wissen, habs aber dann im Zuge "unseres Neugeborenen" wieder vergessen. Nur, seitdem bekommen wir regelmässig Spielzeugkataloge u.ä. zugesandt. Ich will dieses Zeug nicht und frag irgendwann recht genervt Kalle, woher die wohl unsere Adresse haben. Und der sagt mir, als sei es das Normalste der Welt: "Na ja, wahrscheinlich von der Bank oder von der Krankenkasse." Auf weiteres Nachfragen wurde ich folgend informiert: Die Bank wie auch die Krankenkasse dürfen meine Daten weiterverkaufen. Ganz legal und ohne mich vorher zu fragen bzw. zu informieren. Gehts noch?!

7. Beispiel: Öffentlicher Rundfunk
Überschrift: Pressefreiheit? Scheiss drauf!
"In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 sind die Freiheit der Meinung, der Meinungsäußerung und der Presse als grundlegende Menschenrechte festgelegt. Dazu heißt es in Artikel 19: "Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.“ Die UNESCO hat als einzige Sonderorganisation der Vereinten Nationen das Mandat, die Meinungs- und Pressefreiheit zu schützen." (www.unesco.de)
Das gilt nicht für Finnland. Zumindest nicht für den öffentlichen Rundfunk.
Der Kanzler hat sich mutmasslich auf Freunderlwirtschaft eingelassen.
Der Öffentliche Rundfunk hat sich erlaubt, darüber zu berichten.
Der Kanzler hat sich darüber furchtbar beschwert.
Einer der Bosse des Rundfunkes hat daraufhin unterbunden, dass weiterhin darüber berichtet wird.
Einem Kabarettisten, der diesen Fall bereits in sein Programm aufgenommen hat, wurde untersagt, diesen Teil zu spielen.
Wo simma gleich wieder? Nordkorea? Ah na. Finnland.

Ich mag Finnland.
Und es bringt mich mit Gefühlen in Kontakt, die mir bis dato völlig fremd waren.
Welche das sind?
WIR BRAUCHEN EINE REVOLUTION!!!!
MENSCHENRECHTE DEN MENSCHEN!!!!
SCHOKOLADE AM MITTWOCH!!!!
So oder so ähnlich.

Habts es gut!
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit

FEUER AM DACH!!!! Na, na. Decht lei auf da Schneewiesn :-).


Samstag, 18. November 2017

19.11.17 - Im Wandel der Zeit


Auf der Suche nach einem Foto für ein Wandbild stöbere ich mich durch meine fotografische Vergangenheit. Die Bilder sind bald wie ein Sog. Ein Sog, der mich hineinzieht in längst Vergangenes und Vergessenes. Gefühle überschwemmen mich, Bilder und Farben durchspülen mich, sogar Gerüche und Geräusche sind da. Ich weiss nicht, wie lange ich mich den Bildern hingebe. Aber als ich zurückkomme, muss ich mich erst mal orientieren.
Wo bin ich jetzt?
Wer bin ich?
Wie isses?
Ah ja. Genau.
Pffff....
 
Ich habe die grösste Zeit meines Lebens damit verbracht, mich "nicht genug" zu fühlen. Nicht gut genug, nicht schön genug, nicht gscheit genug, nicht witzig genug, nicht interessant genug, nicht ....
Die Konsequenz war, mich "zu" zu fühlen. Zu schiach, zu dick, zu langweilig, zu komisch, zu still, zu uninteressant, usw.
Dieser Tenor hat sich wie ein roter Faden durch mein Leben gezogen und Situationen, Entscheidungen und Beziehungen wenn nicht bestimmt, so doch beeinflusst.
 
Oi, das ist ein Schlamassel. Ich sags euch. Wie soll man denn auf diese Weise gesund und stark und klar durchs Leben gehen?
 
Ich habe es stets verabscheut, mich auf Fotos zu sehen. Zumindest dann, wenn andere mit dabei waren. Da hab ich mich oft geniert. Wenn ich aber alleine war, so hab ich diese Fotos sehr wohl sehr gerne angeschaut. Deshalb gibt es erstaunlich viele Selfies von mir von fast immer schon. Nicht, weil ich mich heimlich doch gut fand, viel mehr gings mir wohl darum, einen Ausweg zu finden. Irgendetwas zu entdecken, das vielleicht doch gut oder schön oder zumindest nicht so schlimm war. Das war wohl meine Art, eine Antwort auf jene Fragen, mit denen sich mit Hemmungen beladene Menschen herumquälen, zu finden: Wer bin ich? Wie wirke ich? Was sehen die anderen in mir? Was halten die anderen von mir?
 
Und jetzt also diese Fotos vor mir in meinem Computer. Ich, mittlerweile 40 Jahre auf dem Buckel und graue Haare auf dem Kopf, schaue in die Gesichter dieser jungen, 20-, 30-jährigen Birgit, in Südamerika, auf dem Berg, auf Reisen, daheim, mit Familie, mit Freunden, allein, und alles, was ich sehe, ist diese junge Birgit. Die, die lacht. Oder auch nicht. Die, die oft a bissl unbeholfen wirkt. Und die, die sich sehr oft mitten in einer Herausforderungen befindet. Ich sehe die Birgit, die es halt einfach einmal versucht mit dem Leben. Wohlwissend, dass mehr eh nicht geht.
 
Und ich bekomme ein grosses Mitgefühl. Ich finde es so schade, dass ich mich belasten und bremsen hab lassen mit so vielen so unnötigen Gefühlen und Fragen. Ich war so jung. Es wäre so viel mehr gegangen. Ich hätte so viel mehr ausprobieren können, mir weit mehr zutrauen können. Wäre ich eine selbstbewusste Frau gewesen, hätte ich vielleicht schon früher gewagt, meinen Träumen zu folgen.
 
Ich bereue nichts. Aber es ist mir ein bisschen leid um die verlorene Zeit.


 
 
 
 
Diese Bilder sind alle miteinander 10 Jahre alt.
Was soll man sagen?
Wie die Zeit vergeht?
Ja. Sie vergeht. Und das ist gut so.
 
Ich habe in den letzten 10 Jahren viel Wichtiges gelernt.
Zum Beispiel frage ich mich nicht mehr: "Was soll ich (arbeiten, sagen, anziehen, etc.)?", ich frage mich stattdessen: "Was will ich (arbeiten, sagen, anziehen, etc.)?" Denn die innere Freude ist ein zuverlässiger Kompass durch die Wirrungen des Lebens. Das hat nichts mit Egoismus zu tun, wie vielleicht einige einwenden werden, es zeigt vielmehr, wer ich bin und wie ich mit meinem Wesen am besten der Welt und ihren Bewohnern dienlich sein kann. Und wenn dann immer noch Zweifel bestehen, ist die nächste Frage: "Trägt es zu meinem eigenen Glück oder/und zum Glück der Welt bei?" Dann ist die Sache klar.
Und ich darf selbst die Zügel in die Hand nehmen und Regisseurin meines Lebens sein.
Das geniesse ich sehr.
 
Es gibt da einen schönen Spruch, den ich hier nur sinngemäss widergeben kann und mit dem ich euch und mich in die neue Woche schicken möchte:
Leben, um zu werden, wer man ist.
 
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit
 
 


Samstag, 11. November 2017

12.11.17 - Martinsumzug


Finnland ist nicht Österreich. Und in Finnland gibts weder einen Heiligen Martin noch die Idee von einem Laternenumzug. Und, wenn ma uns ehrlich sind, man braucht diese Tradition absolut nicht, um eine glückliche Kindheit zu haben.
Owa es is jo so scheeeeen :-).
 
- K: Soll mas machen?
- I: Ma. I weiss nit. Es war so anstrengend heute Nachmittag.
- K: Ja, eh. Aber mach ma doch eine kleine Runde. Einfach rund ums Haus. Dann braucht Max nit einmal seinen Overall anziehen. Ich hol 2 Laternen. Dann brauch ma lei mehr Kerzen. Mach mas?
- I: Puh. Ok. Mach mas.
(Deine Phantasie möge diesem Dialog bitte eine schwedisch/englische Klangfarbe verleihen!)
 
Und so haben wirs gemacht. Die Laternen waren bald herinnen, die Kerzen schon da, und Max? Ja, der hat sich gar nicht mehr eingekriegt. Er ist in die Küche gelaufen. Und in die Stube. Und wieder in die Küche. Und in die Stube. Dabei hat er mit flatternden Armen und mit tiefer Inbrunst "ICH GEH MIT MEINER MEINER LATEEEEERNE" zum Besten gegeben, will heissen: gebrüllt.
 
Proberunde im Haus.
Die Mama als erste im Zug mit der grossen Laterne, dann Max, und als Schlusslicht der Papa mit der kleinen Laterne.
Stube, Bibliothek, ein 3-stimmiges ".... LATEEEERNE!".
Ok.
Bereit zum Auftritt.
Es war erstaunlich warm da draussen.
Und stockdunkel.
Nur die Lichter aus den Fenstern unserer Hauses haben uns die Treppen gezeigt.
Was ein Glück war. Weil der stockdunkle Himmel war für Max so beeindruckend, dass er mit begeistertem Blick nach oben und mit wachtelnden Armen einfach weitergelaufen ist, als wären niemals nie Stufen in dieser Welt erfunden worden.
Aufgefangen. Gesammelt. Stellung bezogen.
Und schon hat sich unser Martinszug in Bewegung gesetzt.
"...LATEEEEERNE!"
Am Sandkasten vorbei.
Hinterm Haus, der Waldgrenze folgend.
Was war das für ein Geräusch?
Egal.
"....LATEEEEERNE!"
Und auf die Wiese.
Max zog an mir vorbei.
Gab die Richtung vor.
Zum Büro-Haus.
Auf den Schotter.
Gästehaus.
".....LATEEEEERNE!"
 
An der Haustür waren gleichzeitig unsere Runde und die letzte Strophe beendet.
Und dann?
Dann simma dagestanden.
Einfach nur dagestanden.
Die ausgeblasenen Laternen haben geraucht.
Und wir haben geschaut.
Und gehört.
Max hat uns nach einer Weile der Stille erklärt, dass er jetzt nicht mit uns hineingehen wird.
Wir haben ihm erklärt, dass man ja drinnen sein muss, wenns dunkel ist.
 
Ja.
Dann war ma herinnen.
Und dann hamma getanzt.
Im Kreis.
Alle 3.
Und unser 3-stimmiges "....LATEEEERNE!" geschmettert, dass es nur so eine Freude war.
Und ich hätt fast zu weinen angefangen. "Nit vor Kummer, na vor Freud'." wie es Willi Resetarits so treffsicher zu singen pflegt.
 
Was für ein unfassbarerer Glückspilz ich doch bin!
In solchen Momenten frag ich mich: Gibts irgendjemanden auf der Welt, der auch nur annähernd so glücklich ist?
Liebe muss man lernen. Immer wieder. Jeden Tag aufs neue. Und man muss sich bewusst entscheiden dafür.
Das habe ich im Laufe unserer Beziehung gelernt.

Was hab ich nur früher mit all der Liebe in mir getan?
 
Pfiat enk und Hej då -
Birgit

 

 

Samstag, 4. November 2017

05.11.17 - Aussen- vs. Innenschau


Die Drosseln ziehen über unseren Köpfen hinweg. Hunderte. Tausende. Ein nie enden wollendes Schauspiel an schwarzen, sich schnell bewegenden Punkten am Himmel, mit der ständigen Erwartung des letzten, der nie kommt.
 
Wir frühstücken. Rumms. Eine Kohlmeise kracht mit voller Wucht gegen unsere Terrassentür. Und bleibt liegen. Ist sie tot? Ich sehe sie nicht gut. Sie ist in einem blinden Eck gelandet. Dort, wo ich nur ihren Kopf sehen kann. Ich will die Tür nicht aufmachen, weil ich sie nicht erschrecken will, sollte sie noch leben. Ich glaube, sie atmet. Max schaut mich an. Ich erzähle, was passiert ist. Er sagt: "Miass ma blosn gehn!" Oh, mein lieber kleiner Bua mit seinem grossen Herz.
 
Ich lese von Alfred Dorfers neuem Programm. Und ich werde plötzlich ganz wehmütig. Mir wird klar, was ich alles nur mehr mit einem sehr grossen Unwahrscheinlichkeitsgrad erleben werde aus der schlichten Tatsache heraus, dass ich in Finnland bzw. nicht mehr in Österreich lebe. All die kulturellen Angebote wie Alfred Dorfer, Andreas Vitasek, Rolling Stones, Herbert Grönermeyer, Hubert von Goisern, Willi Resetarits. Oder die Plätze, die mich tief innen berühren wie der Geier, ein Gipfel der Tuxer Alpen, oder diese eine geschützte Stelle im Halltal, dort oben, wo nie einer hinkommt und von wo man alles sieht. Soll das schon alles vorbei sein?

Max zeigt auf seine Brustwarze und sagt: "Das ist ein Muttermal."
Ich sage: "Nein. Das ist deine Brustwarze."
Er: "Mit der Brustwarze kann man warzen."

Ich lese und stelle fest: Da hängt nix zsamm. Gar nix.

Was solls?
Ich mach mir noch einen Kaffee. Einen dieser komischen Filterkaffees, die ich in meiner Tirolzeit mitleidig belächelt habe, welche sich aber in Finnland als die bestmögliche Kaffeealternative überhaupt herauskristallisiert hat.

"Dei hohe Zeit is lång vorüber, de Dummheit de zum Himmi schreit..."
So oder so ähnlich singt der Reinhard Fendrich sein "I am from Austria" in meinen Gehirnwindungen. Werd ich mich jemals integrieren? Also, in jenem Sinne wie unsere strammen rechten Österreichfreunde es meinen, nämlich die eigene Identität aufgeben und die neue annehmen? Na.
Aber ich merke schon, dass dieses mein neues Heimatland bereits auf mich abfärbt.
Gehe ich in ein Geschäft, grüsse ich nicht mehr die Hälfte aller Menschen, die zur selben Zeit wie ich dort zugegen sind. Wir schauen uns grösstenteils nicht einmal an. Das hat etwas Entspanntes. Und in diesem Sinne bin ich schon sehr finnisch.
Ausserdem fange ich an, die pragmatischen Zugänge im Verkehrswesen (die Strassen werden im Winter grösstenteils sich selber überlassen - der Schnee und das Eis schmelzen ja eh wieder), im medizinischen Sektor (Nein, nein, da ist nix.) oder auch im Handel (es gibt genau 2 Geschäfte, wo es eh was gibt, und das wars) sportlich zu nehmen und irgendwo sogar zu schätzen. Manchmal.
Und sonst, wobei ich jetzt aber nicht weiss, ob das finnisch ist oder das Alter oder unsere örtliche Abgeschiedenheit oder aber unsere Beziehung, die da ihre Finger im Spiel hat, stelle ich fest, dass die Schalen und Hüllen und Masken, die ich da mein ganzes Leben lang entwickelt und sorgfältig gepflegt habe, sich allmählich auflösen. Sie fallen nicht einmal ab. Sie verschwinden einfach. Weil ich sie nicht mehr brauche. Und mein Ich, meine Essenz sozusagen, tritt immer mehr zutage. Das geniesse ich sehr. 

Mein Kaffee neigt sich dem Ende zu.
Ebenso wie dieser Blog.

Bis nächste Woche!
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit




 

Samstag, 28. Oktober 2017

29.10.17 - Ein Kaffeeplausch



 
Die Qualität des Bildes lässt einiges an Wünschen offen. Zu meiner Verteidigung sei gesagt: Das Foto ist durch die Fensterscheibe gemacht. Der Inhalt aber, der überstrahlt alles, wie ich finde.

Hier seht ihr einen der vielen Gründe, warum ich Kalle so liebe. Max darf immer und überall dabei sein. Er bekommt alle Möglichkeiten, um seine eigene Erfahrungen machen. Und er wird nie dem Gefühl ausgesetzt, lästig zu sein.
 
Gestern hatten Max und ich Besuch von einer Mutter mit 2 Kindern. Und während Max einen eventuellen neuen Freund auf seine Tauglichkeit als Spielgefährte hin abgecheckt hat, hatte ich vermutlich mein erstes Mutter-Austauschgespräch überhaupt. Ich kann nur sagen: Es war erstaunlich. Auf beiden Seiten hamma uns nur gewundert.
 
Ich: Was? Ihr seid seit 17 Jahren zusammen???
Sie: Was? Max schaut nicht fern?
Ich: Was? Du telefonierst jeden Tag mit deiner Mama?
Sie: Was? Max ist alleine draussen und beschäftigt sich selber?
Ich: Was? Du backst einen Frozen-Eisprinzessinnen-Kuchen zum Geburtstag???
Sie: Was? Kalle hat den ganzen Sommer frei?
 
Hui, was es nicht alles gibt!
 
Manchmal hab ich das Bedürfnis, unseren Begleitstil, den wir für Max entwickelt haben, einer Art Prüfung zu unterziehen. Das geht nie mit einer Freundin. Das geht immer nur mit meinem Mann.
Sind wir noch auf dem richtigen Weg?
Haben wir was übersehen?
Wo geht Max grad um?
Wie gehts uns als Eltern?
All die wichtigen Fragen eben, die eine gute, glückliche, geborgene Kindheit wenn schon nicht garantieren, so doch zumindest unterstützen.
Und ich muss immer wieder feststellen, wenn ich mir diesen wunderbaren, schon so grossen und selbstständigen, mutigen, intensiv empfindenden, achtsamen und strahlenden kleinen Buben so anschaue: Wir sind gut unterwegs.
Die grossen Kämpfe sind bisher ausgeblieben.
Das gegenseitige Vertrauen ist gross und stabil.
Die Freude mit- und aneinander unübertrefflich.

Aber eine Geschlechtsgenossin dazuhaben, eine Kaffeetrinkerin, eine Nicht-Familienangehörige, eine Nicht-mit-Kalle-Verbundene, eine Ähnlichaltrige, und noch dazu eine mit Kind, sodass auch Max auf seine Kosten kommt, das ist wirklich eine aussergewöhnliche Erfahrung.
Was früher ganz selbstverständlich war, nämlich der Austausch mit anderen Menschen, hat sich hier in diesem meinem finnischen Leben zur absoluten Rarität entwickelt.
Und ich muss sagen: Ich mag es!

Das Schaukelpferd wiehert in Max' Zimmer.
Das Feuer knistert im Ofen.
Kalle singt.
Und das Leben geht weiter.
Und es bleibt spannend.

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit

 

Sonntag, 22. Oktober 2017

22.10.17 - Wunderbare Neuigkeiten

 
Da fesche Bua macht also jetzt Politik, die Fans applaudieren, und ich halte mich an Arik Brauer, der da sagt: Auf die 5 Jahre kommts jetzt auch nicht mehr an.

Damit belass ich's auch und freue mich, euch Folgendes berichten zu dürfen:
Der finnische Präsident wird Vater! Er und seine Frau erwarten Anfang nächsten Jahres ihr Kind.

Ausserdem:
  • Ein finnischer Mann, der früher eine Frau war und mitten in der Geschlechtsumwandlung steht, hat aufgrund eines Kinderwunsches eine OP-Pause eingelegt, und ist tatsächlich schwanger geworden!
  • Die erst 10-jährige Ekaterina Bee aus Italien gewinnt die Auszeichnung "Wildlife Photographer of the year 2017" mit diesem grandiosen Möwenfoto.
Bildergebnis für ekaterina bee foto

  • Herr Murat Kurnaz, für 5 Jahre eingesperrt in Guatanamo, ist heute Sozialarbeiter in Deutschland und arbeitet mit Migrantenkindern.
  • Frauen und Männer der norwegischen Fussballnationalmannschaft verdienen ab 2018 gleich viel.
  • Meine Omi wurde vor kurzem 94 Jahre alt.
  • Der Schneeleopard ist nicht mehr vom Aussterben bedroht.
  • Mein Bonsai, schon dem Tode geweiht, hat sich fürs Leben entschieden und seine grünen, frischen Frühlingstriebe zeigen dem Herbst die lange Nase. 
  • Tirol hat sich gegen eine Olympiabewerbung für den Winter 2026 entschieden.
  • Die Frau an der Kasse schaut mir in die Augen und lächelt, als sie mir das Wechselgeld herausgibt.
  • Mein kleiner Bua sitzt mit mir auf dem Teppich. Wir spielen und kuscheln und habens fein, und plötzlich hält er inne, schaut er mich an und singt: "Ich hab dich lieb. Soooo lieb."
  • Eine Elchkuh hat eine gefinkelte Taktik entwickelt, um der Elchjagd lebend zu entkommen. Sie hat sich mit Dorfbewohnern angefreundet. Sie kommt in deren Garten, isst den einen oder anderen Apfel vom Baum, bekommt auch schon mal den Rest eines Mittagessens zugesteckt, und jetzt, zur Jagdzeid, denken sich die Leute: Wer will schon einen Elch essen, der zum Haustier geworden ist?
  • Der Papst legt Müttern nahe, ihre Kinder auch während der Messe zu stillen.

Ich hab mir seit letztem Wahlsonntag, welcher so sehr erfüllt war von Traurigkeit  und Wut, etwas längst Vergessenes in Erinnerung gerufen.

Es handelt sich um Folgendes: Ich bin davon überzeugt, wenn man das Schiache in dieser Welt und in diesem Leben immer kommentiert und bejammert und im Fokus hat, dann wird es grösser. Es gewinnt an Macht und an Kraft. Und das will ich nicht.
Ich gebe hiermit hochoffiziell bekannt, dass ich mich von jetzt an bemühe, meinen Fokus auf das Gute im Leben zu richten.
Oberflächlich? Mitnichten. Es handelt sich vielmehr um die bewusste Entscheidung, ein gutes Leben zu führen. Ich will mich freuen. Ich will glücklich sein. Das inkludiert für mich eine klare Haltung, was die Scheusslichkeiten dieser Welt betrifft, aber es bedeutet auch, dass ich es nicht weiter zulassen werde, dass sie mich in meiner inneren Lebensqualität beeinträchtigen.
Dinge, mit denen ich nicht einverstanden bin, kann ich wahrnehmen, ich kann akzeptieren, dass es sie gibt, und ich kann als konkrete Handlung meinen eigenen Standpunkt vertreten. Nach aussen und nach innen. Das ist zum einen viel effizienter und befriedigender als im stillen Kämmerlein zu leiden und traurig zu sein und zum anderen - ja, ich bin schliesslich erwachsen, nicht? Kann mich also ruhig auch dementsprechend verhalten.
Und ansonsten versuche ich, das Schöne, Achtsame und Bewusste in mein Leben zu lassen, mich daran zu erfreuen und es zu verbreiten.
Ganz nach dem Motto: Wende dein Gesicht der Sonne zu, dann fallen die Schatten hinter dich.
Ein Versuch ist es allemal wert.

Möge meine Good-News-Liste auch euch erfreuen!

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit



Samstag, 14. Oktober 2017

15.10.17 - Wie es ist, Ausländerin zu sein


Ausländer und Ausländerinnen sind Menschen zweiter Klasse. Wenn sie Glück haben.

Nein. Ich schwadroniere jetzt nicht über den österreichischen Wahlkampf, der an Peinlichkeit fast nicht mehr zu übertreffen ist.
Ich versuche auch nicht, Menschen mit rechtsdrehenden Gehirnen irgendwie zu erreichen.

Stattdessen möchte ich gern eine Geschichte erzählen. Meine Geschichte.

Ich, Österreicherin, Bürgerin der EU, seit 3 Jahren wohnhaft in Finnland, weisse Haut, blaue Augen, verheiratet mit einem waschechten Finnen, Mutter eines ebensolchen, im Vollbesitz meiner mentalen und physichen Kräfte, der hiesigen Sprache mächtig, finde mich bei der Polizei ein, um einen Identitäsausweis zu beantragen. Es ist nämlich so, dass die Bank für die Kontoführung, so wie ich sie gern hätte, einen Identitäsnachweis braucht und ihr aber mein österreichischer Pass nicht reicht. Wer weiss schliesslich, wem die Österreicher allen einen Pass geben! Da könnte ja jeder daherkommen...!!! Ok. Ich brauche also etwas Finnisches. So komisch das auch sein möge, hier in Finnland ist es die Polizei, die Pässe u.Ä. ausstellt. Also, ich rede mit dieser Polizistin, erkläre, was ich gerne hätte, und wir reden ein bisschen hier und dort und sie fragt mich Verschiedenes, das eh schon überall aufscheint, aber bitte, ich gebe ihr meinen Pass und Geld und alles mögliche, und dann sagt sie, gut, das wars dann.
Und ich frage: Fein. Darf ich meinen Pass wieder haben?
Sie: Ja.
Ich: Danke. Und wo und wann krieg ich nun meinen Identitäsnachweis?
Sie: Den kann ich in dieses Lebensmittelgeschäft nach Oravais schicken (das ich auch so eine Seltsamkeit in diesem Lande, dass man Pässe und andere Dinge zu Lebensmittelgeschäften geschickt bekommt).
Ich: Das freut mich.
Sie: Haben Sie jemanden, der Ihnen helfen kann?
Ich: Wobei?
Sie: Beim Abholen.
Ich: Ich brauche keine Hilfe.
Sie: Doch. Sie brauchen jemanden, der mit Ihnen geht und einen finnischen Pass hat.
Ich: Wieso?
Sie: Weil Ihr Pass nicht reicht zum Abholen.
Ich: Wieso? Der Pass zeigt mein Foto und sagt meinen Namen und gilt in der ganzen Welt als Identitätsnachweis. Ausserdem ist Österreich Mitglied der EU. Und Finnland ist ebenso Mitglied der EU.
Sie: Da steht auch ein falscher Name drin.
Ich: Aha. Wie ist mein richtiger Name?
Sie dachte, mein Pass sei auf meinen ledigen Namen ausgestellt. Hab aber schon einen neuen. Sie entdeckt ihren Irrtum und sagt: Vergessen Sie es einfach. Sie brauchen trotzdem jemanden. 
Ich: Und meine Versicherungskarte? (Die verwendet man hier immer und überall für alles.)
Sie: Nein. Tut mir leid.
Ich: Das darf doch wohl nicht wahr sein! Ich soll meinem Mann sagen, dass er nicht arbeiten gehen kann, damit er mit mir Händchenhaltend diesen Brief abholen geht?!?!?! Das ist doch wohl nicht Ihr Ernst!!!
Also haben wir uns darauf geeinigt, dass ich zur Polizei komme und ihn dort abhole. Das darf ich dann auch alleine.
 
Ich halte noch mal fest: Ein EU-Staaten-Pass ist in Finnland kein Identitätsbeweis!
Ich frage mich, ob das rechtsgültig ist.
 
Es ärgert mich, dass ich als Inhaberin eines ausländischen Passes als Mensch zweiter Klasse behandelt werde. Weil mein Pass kein finnischer ist, kann ich mein Konto nicht auf vernünftige Art verwalten, ich darf erst nach 2 Jahren Aufenthalt in diesem Land ein eigenes Handy haben, ohne ein horrend-hohes Pfand zu hinterlegen und ich darf keine Briefe mit Dokumenten ausgehändigt bekommen, wenn mein Mann nicht dabei ist.
Was heisst das für mich? Das heisst, ich werde in diesem Land behandelt, als bedürfte ich eines Vormundes! Aus einem einzigen schlichten Grund: Ich bin Ausländerin.
 
Ich mag gar nicht daran denken, was wäre, wäre mein Pass ein nigerianischer.
 
Ich bin immer noch grantig.
Und ich ärgere mich grün und blau über solche Leute wie den Kurz.
Und ich möchte endlich aus dieser mir aufgezwängten demütigenden und entwürdigenden Bittstellung entlassen werden.
 
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit
 
 
Sooo fein kannt mas hobn...
 
 

Samstag, 7. Oktober 2017

08.10.17 - Das Kreuz mit Finnisch

 
"Pekka pomppasi lähimmästa kellarinaukosta sisään."

Das, liebe Leute, ist Finnisch.
Jahrelang hab ich mich gedrückt. Vieles hab ich getan, um mich ihm nicht stellen zu müssen. Ich hab Schwedisch gelernt, mein Englisch gefestigt, ein Buch geschrieben, meine längst vergrabene Lehrtätigkeit wieder aufgenommen, vom Paddeln mit dem Kajak über Skaten auf dem zugefrorenen Meer bis hin zum Holzsageln alles ausprobiert, "nebenbei" ein Kind geboren und aufgezogen, alles getan um mich zurechtzufinden in der finnischen (Lebens-)Welt, sogar geheiratet hab ich, und auf einmal steh ich da, schau mich um, und muss feststellen: Die Ausreden sind mir ausgegangen.
 
Ich finds ja schon sehr bezeichnend, dass gerade ich, die immer massive Schwierigkeiten gehabt hat, zu reden, in ein Land auswandere, in dem ich nicht nur eine, nein, sondern sogar zwei neue Sprachen lernen muss. Aber bitte. Da nützt alles Lamentieren nichts. Es ist, wie es ist.
 
Ich habe mich von Anfang an sehr gefürchtet vor dem Finnischen. Wenn ich nur versucht hab, laut finnische Überschriften zu lesen, so war es mir unmöglich, die Laute so zu formen und aus meinem Mund zu schicken, als dass es auch nur annähernd Finnisch geklungen hätte. Die Worte sind verblüffend lang und die ganze Sprache ist völlig anders aufgebaut als alles, was ich bisher an Sprachen kennengelernt habe. Es gibt kein Er, es gibt kein Sie, und will man etwas beschreiben, so hängt man irgendwelche Silben an ein bereits dastehendes Wort anstatt diesen Beschreibungen ein eigenes Wort zu geben. Es gibt statt 4 Fälle wie im Deutschen 12. Die Melodie ist eine andere. Der Rythmus ebenso. Und die Art und Weise, wie man sich ausdrückt und etwas sagt, ist insgesamt wohl viel blumiger und bildreicher und ungenauer als im Deutschen.
Kalle sagt immer, wenn man Finnisch lernt, dann muss man anders denken lernen.
 
Durch ein zufälliges Treffen mit einem Deutschen, der in Finnland wohnt, bin ich auf Vera F. Birkenbihl gestossen, die ein eigenes Sprachenlernkonzept entwickelt hat. Das hat gar nichts mehr zu tun mit der herkömmlichen Weise von Vokabelpauken und Konjugieren in den unterschiedlichsten Varianten. Es geht vielmehr darum, sich die Sprache - jetzt mal sehr vereinfacht ausgedrückt - über Dekodieren (Wort-für-Wort-Übersetzungen) und Hören anzueignen. Diesen Sommer hab ich ihr Konzept, dh. das Buch, das sie darüber geschrieben hat, gelesen. Und es hat mir total eingeleuchtet. Und die Neugierde hat der Angst einfach eins über den Kopf gezogen. Und mir war klar: "Wenn, dann nur so." Wie wir ja alle wissen, wenn man eins auf den Kopf kriegt, wird man im besten Fall ohnmächtig, aber aus jeder Ohnmacht wacht man auch wieder auf. So auch die Angst. Es hat nun doch noch einen ganzen Monat gebraucht, um den ersten Schritt zu tun. Aber - voilá - geschafft! Hab mir ein Kinderbuch vom Max geschnappt und werde mir jetzt langsam und Stück für Stück erarbeiten, wie es der Katze ohne Schwanz so geht in ihrem Leben.
 
Bis jetzt bin ich noch nicht frustriert.
Bis jetzt bin ich noch neugierig.
Und manchmal find ichs völlig absurd.
Und amüsant.
 
Also, wenn ich DAS tatsächlich schaffen sollte, dann hab ich wahrhaftig einen Grund zum Feiern!
Dann heb ich ein Glasl Rotwein, tanze um unser Lagerfeuer und juchize so laut, dass Tom, unser Nachbar, der einige 100 Meter weiter sein Haus hat, aus dem Schlaf hochschreckt.
 
Pfiat enk und näkemiin -
d'Birgit

Den Herbst entdecken mit Max. Wichtiger als alles andere.

Sonntag, 1. Oktober 2017

01.10.17 - Herbst in Finnland


Stell dir vor, du erfährst, dass du morgen sterben wirst. Ein nichts ahnender Freund lädt dich kurz darauf zu einem Fest heute Abend ein. Was tust du?
 
Wir haben Hochherbst (das ist die Äquivalenz zum Hochsommer). Jene Blätter, die noch nicht abgefallen sind, haben sich verfärbt und haben Braun- bzw. Gelbtöne angenommen, die Vogelbeeren hängen in fetten Trauben tiefrot von den Bäumen und ziehen die Äste nach unten, die Tage sind spürbar kürzer und die Temperaturen verzichten auf jede Form von Anstrengung, indem sie's grad mal a kleines bissl wärmer als saukalt machen. Das nur mal so vorab.
 
Es gibt einen Baum hier ganz in unserer Nähe. Jedes Mal, wenn ich über die Brücke aufs Festland fahre, komme ich an ihm vorbei.
Wenn die Sonne scheint, geschieht etwas ganz Erstaunliches mit ihm. Er ist nicht einfach nur gelb-braun, wie seine Kollegen und Kolleginnen. Er steht auch nicht einfach nur da und schaut zu, wie der Herbst ihm seinen Stempel aufdrückt, ihn verfärbt und ihn schlussendlich immer nackter und nackter werden lässt. Er fügt sich nicht mit einem Kann-man-nix-machen-Achselzucken. Das, was er tut, ist etwas ganz anderes. Er nimmt das Gelb des Herbstes, weil es nun mal das einzige ist, was ihm zur Verfügung steht, und legt dann zusätzlich - und jetzt kommts - in jedes einzelne Blatt sein ganzes Aufgebot an Leben, an Freude und an Leuchtkraft. Was dabei herauskommt, ist eine Diva, die nicht kommt, sondern erscheint, eine Diva, die es gewohnt ist, bewundert zu werden, eine, die ihre Schokoladenseite kennt und präsentiert und einsetzt, eine, die sich am Aufsehen labt und dieses braucht wie die Lunge den Sauerstoff, kurzum eine Diva, die bewusst geniesst, auskostet und sich dem Moment hingibt.
 
Der Baum und die Eingangsfrage sind untrennbar miteinander verbunden.
Es ist ihm egal, ob morgen der Winter kommt und seine Lebenstätigkeit auf ganz nieder bis kaum mehr wahrnehmbar hinunterschraubt oder nicht. Er hält auch nichts von depressiven Verstimmungen oder Traurigkeiten. Stattdessen ist er einfach nur. Aber das total und absolut. Ohne Zurückhaltung. Ohne Scham. Ohne Selbstmitleid. Ohne Verzweiflung. Völlig unabhängig von dem, was war und dem, was sein wird.
 
Hier sieht man ihn übrigens, den Guten:
 

Schwer für mich, ihm fotografisch gerecht zu werden. Aber für eine Ahnung reichts vielleicht.

Der Herbst ist wie halb 5 am Nachmittag.
Oder wie 75 Lebensjahre.
Oder eben wie Herbst.

Es gibt da ein wunderbares Gedicht vom Rainer Maria Rilke:

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren lass die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein; gib ihnen noch zwei südlichere Tage, dränge sie zur Vollendung hin, und jage die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Wunderschön und traurig gleichzeitig.
Genau so wie der Herbst.
Wunderschöne Traurigkeit.
Traurige Schönheit.
Ist das vielleicht die Definition von Melancholie?
 
Würde ich in der in der Eingangsfrage geschilderten Situation stehen, ich wünschte mir so sehr, ich könnte es halten wie der Baum. Tanzen, leuchten, den Moment feiern und im Sein mich selber geniessen.
Und, wenn ich ehrlich zu mir bin, ich stehe ja genau dort, in dieser Situation. Der einzige Unterschied ist, dass der Zeitpunkt meines Abschiedes von dieser Erde nicht so klar definiert ist.

Lasst uns eine geniessende, leuchtende Diva sein, liebe LeserInnen, so lange wir noch die Möglichkeit dazu haben.
Es ist so schön zu leben.

In diesem Sinne:
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit

rechts, das ist die Brücke, die unsere Insel mit dem Festland verbindet

einsames Klo an unserem Schwimmplatz

"unser" verwaister Schwimmsteg

noch ein paar Boote, die darauf warten, an Land gebracht zu werden

Was machen eigentlich Marienkäfer im Winter?