Freitag, 26. Februar 2016

26.02.16 - Missglücktes Einigeln


Ausm Haus aussi, iwa d'Stross ummi, durchn Obst- und Gemüsegortn durch und nochand steht ma genau do:



Der Winter hat uns fest im Griff. Die Welt da draussen ist gefroren und mit Schnee bedeckt.
 
Farben haben sich verabschiedet. Stattdessen drängen sich Weiss, Grau und Schwarz ins Auge. Und Gelb, wenn die Sonne untergeht.
 
Wenn ein Auto an dir vorbeifährt, hüllt es dich aufgrund der seit Herbst vorzufindenden Schneefahrbahn in eine dichte Wolke aus winzigen Schneekristallen. Bin ich mit Max unterwegs und kommt ein LKW, dann krieg ich Herzrasen.
 
Alte Damen und Herren (und Kalle...) bedienen sich ihres Sparkstöttings, um von A nach B zu gelangen.
 

Die coole Jugend hingegen nimmt ihre Schidoos, um sich bei einer Tankstelle - oder noch besser - mitten im Nirgendwo zu treffen, mit Bier und Zigaretten, und um zu debattieren, was coole Jungs eben zu debattieren haben.
 
Unsere Spaziergänge führen uns immer wieder mal aufs Meer. Die Faszination darüber, AUF dem Meer zu sein, wird sich wohl nie verflüchtigen.
 
Das ist es, was ich sehe, wenn ich von oben auf diese unsere kleine Lövsund-Maxmo-Welt schaue.
 
Die Sehnsucht, mich einzuigeln und mich zusammen mit meinen beiden Lieblingsmännern der kuschelig-knisternden Holzofenwärme hinzugeben und die grosse, weite, kalte Welt einfach auszusperren, ist gross. Aber das geht leider nicht.

Das Leben ringt uns und mir ständig Entscheidungen ab.

Die Baumittellagerung, die Innenwände, die Steckdosen und Millionen anderer Klein- und Grossigkeiten für unseren Turm wollen überlegt werden.
Die Frage nach meiner finanziellen und damit beruflichen Zukunft macht kaum Pause. Ideen kommen, wechseln sich ab mit anderen, verschwinden wieder,...
Max' rasante Entwicklung lässt uns staunend immer wieder aufs Neue längst getroffene Entscheidungen revidieren und neu treffen.

Und dann öffne ich die Nachrichtenseite im Internet.
Ich lese:
Viola Beach - eine junge englische Band, hatte vor ein paar Wochen ihren ersten Auftritt ausserhalb Englands, nämlich in Schweden. Ganz stolz waren sie, wie ihrer fb-Seite zu entnehmen ist. Nach dem Konzert wollten sie zum Flughafen fahren. Es war dunkel. Und die Brücke, die sich je nach Bedarf öffnet oder schliesst, war offen, als sie trotz Warnlichter ohne zu bremsen auf die Brücke gefahren und 25 m abgestürzt sind. Alle tot. Zack. Aus.

Ich nehme die hiesige Zeitung, Vasa Bladet, um mein Schwedisch aufzubessern.
Ich lese:
Drei Männer (das Alter fügt man in finnischen Nachrichten nicht bei). Zwei von ihnen sind auf einer Insel, der andere auf einer anderen. Alle bei ihrem Sommerhaus. Sie vereinbaren ein Treffen. Die beiden steigen auf einen Schidoo und wollen zu dem anderen hinüber. Das Eis trägt nicht. Sie brechen ein. Ihre dicke Winterkleidung saugt das Wasser sofort auf. Die modernen selbstaufblasbaren Rettungswesten funktionieren nicht. Sie haben keine Chance.
 
Ich gehe mit einer Freundin ins Museum. Dort läuft eine Kunstausstellung.
Ein Video:
Man sieht den angezogenen Körper eines Mannes. Die Bildoberkante schneidet den Kopf weg. Es gibt einen diffusen Hintergrund, von dem man nicht weiss, ob er ein Bettlaken oder doch nur Himmel darstellen soll. Die Arme und die Beine schlänkern. Und obwohl ich es noch nie gesehen habe, weiss ich doch, dass es genau so ausschaut, wenn jemand einen Strick um den Hals hat und wo hängt, aber noch nicht tot ist.
 
Mein Schutzschild ist derzeit sehr dünn, und das, was draussen geschieht, also Schönes und Angenehmes genauso wie Beängstigendes oder Erschreckendes dringt ungefiltert bis in mein Innerstes vor und breitet sich dort aus.
 
Werden die Bilder und Geschichten zu viel, mutieren sie zur Reizüberflutung, dann meldet sich meine Sehnsucht.
Und ich möchte einfach nur eine Pause. So etwas wie ein Anhalten der Zeit. Nur ganz kurz. Ehrlich. Es braucht nit viel. Nur a bissl. Pause.

Bitte.
 
Leg ma no a Scheitl noch...
 
 
 
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit
 
 


Dienstag, 16. Februar 2016

16.02.16 - Wenn ein Ohrwaschl stürzt


Einst gab es eine Zeit, in der alles, was in der Aussenwelt als Klang vorhanden war, einfach durch meine zwei Ohren hineingefallen ist. Diese waren wie zwei - wie in meinem Fall - ziemlich grosse Trichter, die alles, ohne es auf Nutzen oder Wertigkeit zu überprüfen, aufgenommen und weitergeleitet haben in mein Inneres. Ohne mir dessen wirklich bewusst zu sein, habe ich diesen Zustand als "normal" eingestuft und als gegeben angenommen.

Doch plötzlich:
Da heisst es, das Gehör sei gestürzt. Wie das? Ist es gestolpert? Über einen Stein? Oder einen Ast? War es aus Unachtsamkeit? War die Anforderung zu gross? Wohin ist es gestürzt? Runter vom Berg? Mit dem Kopf voraus in den Gatsch?
Üblicher Weise folgt nach dem Sturz der Schmerz. In diesem meinem Fall folgt das Rauschen. Das allumfassende und alles einnehmende Rauschen. Unaufhörlich. Wie ein Kühlschrank, vermischt mit einem Bach. Woher kommt es? Was ist es? Hat es eine Bedeutung?

Antworten zu all diesen Fragen hat niemand und gibt es vielleicht auch nicht, aber fix ist: Diagnose Hörsturz.
 
Wie es sich anfühlt?
  • als sei die Verbindung zum Draussen mit einem dicken Polster abgesperrt;
  • der Schritt in die Aussenwelt wird zu einem, der bewusst gemacht werden will; es passiert nicht mehr einfach so und von ganz allein;
  • dieses Rauschen verlangt, mit der Aufmerksamkeit innen zu sein bzw. bei diesem Geräusch;
  • ich höre Dinge, die im echten Leben im Jetzt nicht vorhanden sind, wie zB Männer, die singen, LKWs, die über eine nicht vorhandene Strasse donnern, Vogelgesang, Plastiksackln, die aneinandergerieben werden,... im Grunde will alles, das ich höre, überprüft werden, ob es auch wirklich da ist;
  • wenn ich mich inmitten einer Ansammlung von Menschen befinde, wie zB in einem Geschäft oder im Cafehaus, so kann ich die Dinge, die ich höre, nicht mehr differenzieren, und alles wird zu einem diffusen Klangteppich, den ich aufgrund von Überforderung aussperre aus meiner bewussten Wahrnehmung;
  • berühre ich mein linkes Ohr, so spüre ich es, höre es aber nicht mehr - ein total schräges Erleben, das so ähnlich erlebbar gemacht werden kann, indem man mit einer Hand das Ohr zuhält und mit der anderen Hand das Ohrläppchen berührt;
  • ich weiss nicht mehr, wie laut meine Stimme ist, wenn ich etwas sage;
  • und wenn ich singe, dann höre ich mich zweistimmig (die 2. Stimme klingt der Einfachheit halber eine Oktave tiefer)
Welche Auswirkungen im Alltag hat es?
  • Gespräche mit anderen Menschen, die nicht zur Familie gehören, werden ungemein anstrengend - Konzentration ist nun nicht mehr allein auf die Sprache zu richten, sondern auch darauf, dass den Sprechenden mein rechtes Ohr zugewandt ist, sodass ich sie überhaupt höre; wenn mehr Menschen im Raum sind, dann wird diese Doppelbeanspruchung  zur echten Herausforderung;
  • in Momenten der grössten Mulmigkeit habe ich Angst, dass ich nie mehr wirkliche und allumfassende Stille hören werde;
  • bin leicht reizbar;
  • ich vermeide - wenn möglich - Situationen, in denen ich auf Menschen treffen könnte, die in ein Gespräch mit mir kommen möchten;
  • liege ich im Bett auf meinem funktionierenden Ohr, so ist für Max die Chance, dass ich ihn höre, wenn er mich braucht, als relativ gering einzustufen; also versuche ich, Tiefschlaf zu vermeiden;
  • ich bin erstaunt, wie sich plötzlich die Wahrnehmung des Lebens verändert;
Es gibt auch zwei angenehme Dinge:
  • Max' Schreien dringt nicht mehr durch Mark und Bein;
  • der Kontakt zu mir selber ist stärker;
Und jetzt?
Jetzt ist es ganz ohne Medikamente oder Behandlung fast schon wieder gut.

Es gab da eine Begebenheit, die mich nachdenklich gestimmt hat. Ich war in Vaasa, mein Ohr hat sich bereits dem Sturz hingegeben gehabt, und der Wind hat geblasen. Ziemlich stark. Wieder einmal habe ich meine Mütze daheim vergessen. Ich bin also durch die Strassen gegangen, durch mangelndes Hörerlebnis wie in Watte gepackt, und da hab ich den Wind an meinem rechten, also am gesunden Ohrläppchen gespürt.  Ich habe ihn gespürt, weil ich gehört habe, wie er über die Härchen und die Haut gestrichen ist. Nie ist mir das aufgefallen, als beide Ohren noch gesund waren...

Ich bin dankbar für diese Hör-Auszeit. Sie hat mir so manches aufgezeigt. U.a. war ich recht erstaunt über meine diversen emotionalen Reaktionen. Ausserdem habe ich erkannt, dass die Welt auch eine andere sein kann, als ich bisher immer geglaubt habe. Und es braucht gar nicht viel dazu...
 
Ich verabschiede mich mit dem Wunsch nach wunderbaren Klangerlebnissen für euch!
Habts es guat und fein!
 
Pfiat enk und Hej då-
d'Birgit

Sonntag, 7. Februar 2016

07.02.16 - Veränderung auf Åland


Da machen wir uns also auf den Weg nach Åland.
 
Åland, das zu Finnland in einem Verhältnis steht wie Tirol zu Österreich.
Es ist ganz klar ein Teil davon, jedoch in erster Linie auf dem Papier.
Es gibt ein deutliches Bemühen um Abgrenzung vom grossen Ganzen.
Es gibt einen Stolz, ein Sohn/eine Tochter dieses Landes zu sein, der seinesgleichen sucht.
Der Landesname wird als Markenname verwendet und gelebt.
Und die eigenen Produkte und die Geschichte werden hoch und in Ehren gehalten.
 
Also, mir als Tirolerinnen ist das alles sehr vertraut. Es dünkt mich gar ein bisschen heimelig, wenn ich im Supermarkt mit geschwellter Brust Åland-Käse angepriesen sehe oder Äpfel aus Åland.
Und alles in allem finde ich dieses Gehabe "Wir sind Wir", hier wie dort, ziemlich niedlich.

Kalle ist die meiste Zeit beim Arbeiten, sodass Max und ich uns auf die Socken machen und die Gegend auf eigene Faust erkunden.
 
Und was wir alles entdeckt haben!

die Flaggen aus Åland, Finnland und Schweden (von links nach rechts)

den Berg von Mariehamn

Was macht einen Friseur ökologisch???

sooo nette, kleine Gschäftln :-)

a Cafehäusl von innen

der Strand - Blick nach rechts...

... und geradeaus; das Meer ist zugefroren und Viking Line ist unsere Fähre

So sind wir lustgewandelt, mein Kleiner und ich. Von hier nach dort. Und wieder zurück.
Die Ansprüche an den Urlaub haben sich total verändert, seit es den Max gibt. Da ists auf einmal total wichtig, dass es gute Wege zum Spazierengehen gibt (was war das Spazierengehen langweilig früher...!). Oder dass es zu dem Stock unseres Hotelzimmers einen Lift gibt, der gross und v.a. breit genug für den Kinderwagen ist (Hotelzimmer???). Oder dass es ein Lebensmittelgeschäft in Reichweite gibt. Oder ein nettes Cafehaus mit genug Platz für den Kinderwagen.
 
Das Leben, die Einstellung dazu, die Wünsche, die Ansichten, das Selbstbild, alles ändert sich ständig. Nichts bleibt, wie es ist. Nichts ist konstant.
 
Die alleinige Frage ist: Wie gehe ich mit Veränderung um?
Wehre ich mich?
Gehe ich mit?
 
Dieses "Wir sind Wir" lässt keine Veränderung zu. Es macht verschlossen. Es lässt einen verbissen klammern an seine vermeintlichen Besitztümer, es macht ängstlich und unfreundlich bis hin zu aggressiv. Und nicht zuletzt unglücklich. Das, was man verzweifelt versucht, festzuhalten, ist Illusion. Und nichts als diese. Weil nichts bleibt. Weil sich immer alles verändert. Manchmal langsam und unmerklich, manchmal auf einen Schlag. Und immer mit Bestimmtheit. Alles, was wir dabei tun können, ist mitgehen. Im Fluss bleiben. Mutig und aktiv gehen. In das Leben. Weil dieses einfach weitergeht. Auch ohne uns und unser aktives Zutun. Entweder wir gehen mit. Oder es geht mit uns.

der Blick aus der Kabine

Das ist auf dem Weg heim.
Es ist schön, wieder heimzukommen. Es ist schön, wo hinzugehören. Und es ist schön, dass die Veränderung manchmal so langsam vonstatten geht, dass man es nicht merkt.

Grüsse aus Finnland!

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit