Samstag, 24. Februar 2018

25.02.18 - Nasenflügelbeben



Da les ich vor geraumer Zeit in der Zeitung: 

"Wir dürfen informieren: Unser Gasthaus hat wieder geöffnet!"

Nicht weiter interessant. Will schon wieder weiterblättern, als mein Blick das Foto streift. Oh - da sind ja Autos auf dem Eis. Was? Autos auf dem Eis!! AUTOS AUF DEM EIS!!!

Ich fange an zu lesen. Da steht, dass es diese Insel gibt, ungefähr 20 min vom Festland entfernt, und dass das Eis jetzt endlich so dick ist, dass man mit dem Auto rüberfahren kann. Und dort gibt es also ein Restaurant, das jetzt endlich wieder offen ist. Täglich und so lange das Eis hält. 

Ich möchte ja nicht die sein, die als erste herausfindet, dass das Eis nicht mehr hält...

Kein automatischer Alternativtext verfügbar.
entnommen dem Facebook-Profil von "Jannen Saluuna";
der rote Strich zeigt die Schispur, also vermutlich Loipe, der violett gepunktelte Strich die "Strasse" auf dem Eis;


Das ist eine der vielen Kuriositäten, die mir hier immer noch beinahe täglich begegnen.
Ich finds schade, dass ich mich langsam daran gewöhne. Kurioses wird normal. Und mein staunender Blick wird langsam ein angepasster.


Morgenwonne

Ich bin so knallvergnügt erwacht.
Ich klatsche meinen Hüften.
Das Wasser lockt. Die Seife lacht.
Es dürstet mich nach Lüften.

Ein schmuckes Laken macht einen Knicks
und gratuliert mir zum Baden.
Zwei schwarze Schuhe in blankem Wichs
betiteln mich "Euer Gnaden".

Aus meiner tiefsten Seele zieht
mit Nasenflügelbeben
ein ungeheurer Appetit
nach Frühstück und nach Leben. 
(Joachim Ringelnatz)


Weils gar so schön ist :-).

Mangels weiterer Inspiration, Motivation, Lust und Energie lass ich es gut sein für heute.
Habts es fein, schauts auf euch!

Alles Liebe, 
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit


Funkelndes Wunder


Samstag, 17. Februar 2018

18.02.18 - Fasching auf Finnisch


Fasching in Finnland ist wunderbar!
Warum?
Weil man da rodeln geht. 
Man muss sich nicht einmal verkleiden. Man muss auch nicht besonders lustig sein. 
Aber rodeln, das muss man. 
Fast jedes Dorf hat seinen Rodlbichl und da pilgern sie dann alle hin in Scharen mit ihren Pulkas, der finnischen Plastikrodel, und stürzen sich wagemutig in die Tiefe. 

Auch wir natürlich.

Um ehrlich zu sein, wir waren die einzigen dort. 
Obwohl wir nun doch schon etliche Jahre hier wohnen, haben wir noch immer nicht herausgefunden, wann man denn da rodeln gehen muss.
Aber macht ja nichts.
So haben wir den ganzen Bichl für uns gehabt.
Und es war genial!!!

Max entwickelt langsam ein Draufgängertum sondersgleichen, ist da runtergerauscht wie nix, ist wieder raufgekraxelt wie nix, und runter, und rauf - er hat überhaupt nicht genug bekommen können.

Huiiii, wie der Max schnell ist!!!

Ich bin auch runter. 
Und hab so gebremst, dass ich, als ich endlich unten war, von oben bis unten mit Schnee eingedeckt war. Hab schon lange nicht mehr Schnee im Gesicht gehabt. Herrlich!

Doch das ist Vergangenheit. Die Fastenzeit ist angebrochen. Und man sollte sich zurücknehmen. Man sollte fasten, also verzichten. Man sollte leiden. Sich etwas auferlegen. Vielleicht ist gar schon der Gedanke an Spass eine Sünde. Wer weiss das schon so genau. Zum Glück gibt es einige kompetente Herren, ihres Zeichens Bischöfe, die darüber Auskunft verleihen können. Und es macht keinen grossen Unterschied, ob die nun katholisch oder evangelisch, österreichisch oder finnisch sind. Aus Österreich hört man, dass das Segnen von Homosexualität sehr wohl gleichgesetzt werden kann (muss? soll?) mit einer Segnung eines KZs, in Finnland hört man, dass Kondome schlecht für Jugendliche sind und Sex vor der Ehe sowieso Sünde ist, also nicht stattfinden darf. Punkt. 
Pffff. Wäre ich Gott, wäre ich ganz schön erstaunt (genervt, entrüstet, sauer, gelassen, verwundert,...) über diese Auswüchse.
Aber - bin ich ja nicht.

Und ich darf mich wieder der Freude widmen.

Ich war die letzten paar Tage krank. Fieber, Husten, Schmerzen. In unserer Zeit des perfekten Funktionierens hat Kranksein keinen Platz und wird bekämpft mit allen Mitteln. Wer aber weiss, wie wunderbar die Erfahrung ist, krank sein zu dürfen, weiss, was ich damit meine, wenn ich das sage. Ich muss keine Medikamente nehmen, um das Fieber zu senken, ich muss mich nicht für jedes Husten entschuldigen oder versuchen, es zu unterdrücken. Es wird nicht einmal kommentiert. Stattdessen bekomme ich Zeit, soviel ich brauche, um zu liegen, um zu frieren, um zu schwitzen. Und ich bekomme liebevolle Zuwendung, so viel ich brauche. Und ich hab endlich Zeit, mich mit meinem Körper und seinen Botschaften auseinanderzusetzen. 

Im Zuge dessen habe ich einen wunderbaren Satz gelesen. Sinngemäss: Nur, wer ein starkes Selbstwertgefühl hat, kann glücklich sein (Virginia Satir). Und geschmeidig sich dem Leben stellen, möchte ich noch hinzufügen. 

Um noch einmal zum Fasching zurückzukommen: Wir sind dann heim und haben uns bei unserem Feuer mit heissem Tee und Fastlagsbullar aufgewärmt. Diese Fastlagsbullar, das ist nämlich das zweite Muss, wenns um Fasching in Finnland geht.

optisch schon ok

Manchmal würd ich gern richtige, also echte, gute Faschingskrapfen hierher importieren. Dann wäre mit diesen Fastlagsbullar, denen ich leider überhaupt nicht zugetan bin, glei amal Schluss...

Das werd ich aber nicht tun.
Wie käm ich denn auch dazu?!
Finnland ist genial, genau so wie es ist.
Und mein immer noch neues Leben noch viel mehr.

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit


Sonntag, 11. Februar 2018

11.02.18 - Was kann ich für Sie tun?


Ich sehe sie vor mir.
Die Frau, die meine erste Klientin sein wird. 
Sie ist so um die 50. Als sie aus dem Auto steigt, schaut sie sich vielleicht ein bisschen verlegen um. Aber sie hat einen klaren Blick und einen festen Händedruck, als wir uns begrüssen.

Ich bitte sie in mein Haus. Der grüne Teppich ist einladend und warm. Der Ofen steht da wie immer, auch der Schreibtisch und der Küchenblock mit Kaffeemaschine erweisen uns ihre Ehre. Das Bücherregal ist voll mit Lernunterlagen für meinen Deutschunterricht und mit Literatur zur Beratungsarbeit. Nur die Couch hat weichen müssen. Sie steht jetzt draussen im Zwischenraum und wartet. Sie weiss nicht worauf. An ihrer statt stehen sich jetzt im Raum zwei gemütliche Sessel schräg gegenüber. Sessel, in denen man sich  wohlig-kuschelig fallen lassen kann, der Kopf aber gleichzeitig die Möglichkeit hat, aktiv zu sein. Eine Mischung aus Lümmelsessel und Bürostuhl. Zwischen-neben den beiden Stühlen steht ein kleiner Glastisch mit Wasser, Taschentüchern und einer frischen Blume.

Ich merke, ich bin ein bisschen nervös. 
Was erwartet sie von mir?
Kann wirklich ich ihr das geben, was sie braucht?
Dann aber gebiete ich meinem Kopf Einhalt. Es geht hier nicht um mich. Es geht um sie. Meine erste Kundin.
"Was kann ich für Sie tun?"

Oh, wie freue ich mich auf diesen Moment!
Die Idee, hier mitten im Wald eine Beratung aufzumachen, scheint vielleicht etwas abenteurig. Riskant? Aussichtslos? Für d'Fisch? 
Mitnichten!
Ich bin der festen Überzeugung, dass es dieses Angebot braucht. Auch hier in dieser finnischen Welt. Gerade hier in dieser finnischen Welt. In kaum einen Land ist die Selbstmordrate so hoch, in kaum einem Land sind Gewalt in der Familie, Alkoholkrankheit und Depression ein so grosses Thema. 

Kalle war der Erste, der mich in meiner Idee unterstützt hat. Wie es eben so seine Art ist, ist er sofort mit neuen, zusätzlichen Ideen dahergekommen und hat somit eine Diskussion in Gang gesetzt, die bis heute nicht aufgehört hat. 
Viele andere hingegen kriegen ein komisches Gefühl, wenn ich davon erzähle, und wissen nicht recht, wohin mit ihrem Gesicht. Grad so, als würde ich ihnen eröffnen, meine nächste Idee sei es, nackt auf der Strasse zu tanzen und mit Trommelmusik und Opfergaben den Stechmückengott anzuflehen, dass er uns doch bitte von den Plagegeistern erlösen möge.

Vor ein paar Tagen war ich bei einer Unternehmerstartorgansiation, die bei rechtlichen und anderen Fragen neuen Firmengründern kostenlos zur Verfügung stehen. Sie hat, nachdem sie von meiner Idee gehört hat, gemeint, dass Deutsch sehr gefragt sei hier in diesem Land und dass ich ohne weiteres versuchen könne, das ein bisschen auszubauen.
Ich mag es, wenn Leute zuhören.
Ich mag es, wenn Leute zu höflich sind, um klar zu sagen, was sie sich denken...

Was ist hingegen wirklich mag, ist meine Idee. 

Ich bin Beraterin. Systemische Beraterin.
Das ist irgendwas zwischen unausgebildeter Zuhörerin und Psychotherapeutin.
In Österreich ist das ein eigener Geschäftszweig, in Finnland hingegen überhaupt nicht bekannt.

Nach ausgiebiger Recherche im Internet habe ich festgestellt, dass es in unserem ganzen Bezirk, der viele kleine Dörfer und einen Bezirksort umfasst, kein einziges Angebot gibt für Interessierte. Es gibt auch keinen Psychologen und keine Psychotherapeutin. Es gibt nichts. Und das ist fatal. Das meine ich im Ernst. Es ist fatal, wenn man Menschen allein lässt. Und es ist noch viel fataler, wenn man ihnen nicht einmal die Möglichkeit zur sachkundigen Auseinandersetzung bietet.
Die Zeitungen sind voll mit möglichen Auswirkungen.

Ausserdem ist es allerhöchste Eisenbahn, dass dieser Staub, dieser alte Dreck, dieses a bissl Anrüchige, das an dieser Branche klebt, verschwindet. 
Beratung ist eine Dienstleistung. Und nichts anders. 
Habe ich Kopfweh, gehe ich in eine Apotheke. 
Habe ich Hunger, gehe ich entweder ins Lebensmittelgeschäft oder ins Gasthaus. 
Möchte ich gern von hier nach dort, nehme ich den Bus oder ein Taxi. 
Und ich stehe wo an, weiss nicht recht weiter, mag gern neue Inputs bekommen, gehe ich zum Berater oder zur Beraterin. Das ist es. Nicht mehr und nicht weniger.
Dieses grosses Trara einerseits in Form von allen möglichen Zuschreibungen und Be- bzw. Verurteilungen von Menschen, die eben genau so eine Dienstleistung in Anspruch nehmen und dieses Verstecken von Gefühlen und So-tun-als-ob-Gebärden andererseits, das brauchen wir nicht mehr. Nicht mehr im Jahre 2018. 

Ich wünsche mir ein soziales Miteinander, indem man sagen darf, was ist, in dem man fühlen darf, was man fühlt und in dem man sein darf, wer man ist. 

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit
Der Himmel... so gross!




Samstag, 3. Februar 2018

04.02.18 - Du bist ein Wunder


Mutterschaft verändert das Leben. Alles. Und nichts, wirklich gar nichts bleibt davon unberührt.

Seitdem ich Mutter bin, sehe ich sogar Filme mit anderen Augen. Habe ich bis vor mehr als 2 Jahren mich noch mit dem Helden einer Geschichte identifiziert und diese aus seinem Blickwinkel aus miterlebt, so ist es jetzt immer die Mutter und ihre Perspektive, die mich die gesamte Geschichte durchleben lässt. Jemand wagt etwas und scheitert? Ich sehe diesen Jemand mit den Augen seiner Mutter. Und leide, wie nur eine Mutter leiden kann. 

Ich war im Kino. Das geschah die letzten Jahre nicht sehr oft, deshalb habe ich mich sehr darauf gefreut. Nicht zuletzt auch, weil Julia Roberts mitgespielt hat. Sie war als Schauspielerin total angesagt, als ich jung und in der "Kinophase" war, wenn man das so sagen will. Ich versprach mir von diesem Film also nicht nur Unterhaltung, sondern auch ein Abtriften in längst vergangene Zeiten. 

Wonder. So hiess der Film.
Ein Junge mit entstelltem Gesicht kommt nach jahrelangem Hausunterricht in die Schule und versucht dort, seine Rolle in der Schule und somit in der Gesellschaft zu finden. 
Mehr braucht man eigentlich nicht zu wissen. Und wenn ich sage, dieser Film wurde in Hollywood gedreht, dann weiss man auch bereits um den Schluss Bescheid.

Ich habe geweint. Und geweint. Und geweint. 
Sogar noch am nächsten Tag im Auto, auf dem Weg nach Hause von einem Arbeitstreffen, habe ich - geweint. Und geweint. Und geweint.

Der Film war nicht sonderlich dramatisch. Stattdessen hat er auf recht unaufgeregte Weise das gezeigt, was keinem erspart bleibt und was jeder auf irgendeine Weise bereits erlebt hat oder noch erleben wird. Die Suche nach seinem Platz im Leben. 
In meisterlicher Form zeigt er die Ungefiltertheit und Wucht von kindlichen Gefühlen in ihrer ganzen Bandbreite. Ich nenne hier "kindliche" Gefühle ganz bewusst. Denn ich glaube, in keiner Phase des Lebens kommen die Gefühle so rein, so gewaltig daher als in der Kindheit.

Ich habe geweint um und mit diesem kleinen Buben, der manchmal vor Verzweiflung fast vergeht und dann wieder vor Freude durch das ganze Universum springt.
Ich habe geweint um meinen Max, auf den ähnliches zukommen wird.
Ich habe geweint um die kleine Birgit, die auch einmal in der Schule war.
Und ich habe geweint um alle Kinder, die das alles noch vor sich haben.

Ich schaue zu Max. Er ist draussen mit Kalle. Gerade weint er, weil der Pulka (eine Plastikrodel) umgefallen ist und er mit dem Kopf im Schnee gelandet ist. 

Manchmal will ein "Tut mir leid!" aus meinen Mund heraus, wenn ich mir denke, was wir ihm da eigentlich zumuten mit diesem Leben. 

Und dann quietscht er. Und dann lacht er. Und dann springt er vor Freude in die Luft. Und dann fällt er mir um den Hals und sagt: "Da Max håt de Mama soooo lieb!"
Und spätestens dann weiss ich: Na na, des passt schon so. 
Genau so.

Danke, liebe Julia Roberts. Dein fantastisches Schauspiel hat mich tatsächlich mit längst Vergangenem verbunden und Vergrabenes offengelegt.
Kino ist wunderbar! 

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit