Sonntag, 27. März 2016

27.03.16 - Eine Geschichte zum Ostersonntag


Er wacht auf.
Und obwohl die Augen offen sind, ist alles dunkel. Schwarz. Was ist geschehen? Er kann sich an nichts erinnern. Das letzte Bild ist, wie er mit seinen Freunden, nein, mit seinen Kollegen oder zumindest Leidensgenossen im Regal im Geschäft steht und wartet. Worauf? Auch das weiss er nicht. Und ist ihm auch egal. Er weiss nur, warten macht müde. Und da muss er wohl eingeschlafen sein.
Und jetzt? Jetzt sitzt er da in der Dunkelheit und hat... Was ist das? Angst? Irgendwas Beklemmendes kribbelt in ihm hoch, breitet sich aus, nimmt Besitz von ihm. Er bekommt fast keine Luft mehr. Muss sich beruhigen. Sich in den Griff kriegen. Dieser Attacke etwas entgegensetzen. Er weiss, um handlungsfähig zu werden, muss er die Kontrolle wieder erlangen.
Ok. Erst mal sich selbst observieren. Er schliesst die Augen und spürt in sich hinein. Zu seiner Erleichterung stellt er fest, dass er noch ganz ist. Kein Loch, kein Stück ist herausgebrochen, sogar die Ohren sind noch unversehrt. Die Goldfolie hüllt ihn zuverlässig ein wie eh und je. Das macht ihn gleich wieder ein Stück zuversichtlicher. So vertrackt kann die Lage also gar nicht sein. Hätte er nämlich einen Unfall gehabt, so wäre mit Sicherheit diese filigrane und empfindliche Folie beschädigt worden und sein Ende wäre nah. Schon etwas mutiger versucht er, mit seinem Glöckchen, das er um den Hals gebunden hat, zu läuten. Es funktioniert. Damit hat er früher Kinderaugen zum Leuchten gebracht und Hände haben sich nach ihm ausgestreckt. Jetzt verhallt das Läuten in der Dunkelheit, als wäre es nie gewesen.
Wo ist er? Was ist das hier? Er versucht, sich zu konzentrieren. Das, was er ganz klar wahrnimmt, ist, dass er im Trockenen sitzt. Steine auf dem Boden. Erde? Ja. Auch Erde. Uijegal! Erde bedeutet Schmutz. Na ge...
Er hört den Wind, wie er bläst und vermutlich grosse Äste eines Baumes gegen irgendetwas schlagen lässt. Ihn selber streift nur ein zarter, sanfter Lufthauch. Er kommt von unten. Rein? Also, ist er irgendwo innen? Muss wohl so sein. Er ist irgendwo drinnen, obwohl er auf nackter Erde sitzt. Es ist kein Haus. Dafür ist es viel zu nieder, zumal seine Ohren schon fast die Decke erahnen können. Er versucht, die Grösse bzw. die Länge dieses Dings auszumachen. Er hat keine Chance. Es muss Nacht sein. Denn nicht einmal von da, wo Luft reinkommt, ist auch nur eine Ahnung von Licht auszumachen.
Ok. In Anbetracht der Tatsache, dass er eh nichts ändern kann an der Situation, beschliesst er, das einzige zu tun, was er wirklich gut kann. Warten.
Und so wartet er. Und während er wartet, werden seine Augen immer schwerer und bald schon fallen ihm diese ohne es zu merken zu. Er schläft einen traumlosen Schlaf, als er von seinem eigenen Lachen geweckt wird. Er lacht. Laut. Häh? Warum? Was ist los? Etwas kitzelt ihn. Uahhhh! An den Füssen. Am Hintern. Hilfe!!! Etwas Pelziges nähert sich ihm, eine kalte feuchte (Nasen?)Spitze beschnüffelt ihn, überall, und - oh Schreck! - reisst ihm ein Stück seiner wundervollen, edlen Goldfolie weg! Mäuse. Es sind Mäuse! Und jetzt hört er sie überall. Vorne. Hinten. Neben ihm. Diese grausigen Viecher mit ihren langen Nasen und den ekligen Zähnen. Sie zerren an ihm. Wollen die Folie durchbrechen. Wollen ihn aufessen! Ihn! Den Goldenen! Den Edlen! Den Besonderen! 
 
HILFE!!! PANIK!!!! HOLT MICH HIER RAUS!!!!
 
Doch es nützt alles nichts. Niemand hört ihn. Niemand erbarmt sich seiner. Die Mäuse wuseln herum. Zerren an ihm. Knabbern an ihm. Und er, er ergibt sich in sein Schicksal. Was soll er denn sonst tun? Er hat sich sein Leben lang gefragt, wie es wohl ist, dann, am Ende des Lebens, das Aufgegessenwerden. Er hat nie daran gezweifelt, dass es einen Sinn haben würde. Dass irgendetwas ganz wunderbares passieren würde mit ihm. Er war sich dessen ganz gewiss, ohne es jedoch wirklich benennen zu können.
Soll es das wirklich gewesen sein? Soll sein Leben wirklich so erbärmlich enden? So würdelos? So banal?
Sie vergehen sich am Hintern. Jemand sitzt auf seinem Ohr. Und wäre es hell, er könnte es nicht mehr sehen. Sie haben ihm das Auge weggefressen.
 
Kalle sucht. Überall war er schon. Im Holzschupfen, auf der Terasse, hinterm Haus, in der Sauna, sogar das Balju hat er freigemacht. Nirgends. Nichts. "Sie hat gar nichts versteckt", saust es ihm durch den Kopf. "Sie pflanzt mich nur und macht sich einen Spass daraus, mich hier im Garten bei Wind und Sturm rumstiefeln zu lassen. 
Hey - halt! Das Kanu! Natürlich! Unterm Kanu hat sie was versteckt!! Aber, nein, ist sie wirklich so dusselig? Das kann sie nicht getan haben! All die Viecher, die da rumkrabbeln. Die lassen doch nix übrig. Nein, nein. Da muss ich schon woanders suchen."
So sucht Kalle den ganzen Garten ab. Stellt alles, was möglich ist, auf den Kopf, kriecht rein, wo er kann, öffnet, was aufzumachen ist und dreht um, was sich umdrehen lässt. Zu guter Letzt, schon völlig entnervt, hebt er mit einem Grant das Kanu an. Und bevor es wieder zu Boden fällt, sieht er -
 
ihn:
 

Den goldenen Schokoladenosterhasen bzw. seine kläglichen Überreste.

Frohe Ostern, liebe Leute :-)!

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit
 

Samstag, 19. März 2016

19.03.16 - Mit Krawall ins Wochenende


Wir sind in Vaasa. Wochenendlicher Einkauf und Bummel. Die Sonne scheint, auch wenn die Kälte noch schneidend ist. Max macht auf seines Papas Arm seinen neu entdeckten entzückenden Laut, voller Begeisterung und Inbrunst, immer wieder, ohne Ende, und alles ist ganz wunderbar. Kalle und ich fühlen uns wie immer ein bisschen stolz, wenn wir mit Max unterwegs sind. Er zieht alle Blicke auf sich und hat die Fähigkeit, seine Umgebung zum Strahlen zu bringen. So auch heute. Und alles scheint ganz normal und wunderbar.
 
Jedoch - in diesem verschlafenen Städtlein, wo man unter normalen Umständen die Menschen suchen muss, will man sie sehen, herrscht ein Auflauf und ein Krawall, dass wir uns nur wundern können. Man bekommt den Eindruck, als setze sich die Menschenmenge aus exakt zwei Gruppen von Leuten zusammen. Zum einen sind da die gut gelaunten, kurzärmeligen und gross-behüteten Mittzwanziger, die herumlaufen mit seltsamen gelben oder violetten Hosen mit bunten Bildchen drauf, grad so wie die Abrüster mit ihren seltsamen T-Shirts in Österreich, und zum anderen sinds die Mütter und die Väter, meist zusammen auftretend, Kinderwägen vor sich herschiebendend und um Fröhlichkeit bemüht, die das Gewusel prägen. Und dann gibt's noch eine dritte Gruppe, die ich aus Versehen beinahe unterschlagen hätte. Es ist die Gruppe der Zuschauenden. Meist bisschen älter, bisschen rund, irgendwo am Rand stehend, in Grüppchen zusammengefunden. Es sind die, die immer etwas zu sagen haben und jegliches Geschehen kommentieren müssen.
 
Wir kommen also da auf diesen Marktplatz und quetschen uns so unauffällig wie möglich - das ist leicht heute - durch zum grossen Einkaufszentrum. Dort hat sich alsbald das Rätsel aufgelöst. Es ist eine Versicherungsfirma, die einen Riesenevent veranstaltet hat. Sie war wohl auch dafür verantwortlich, dass mitten in diesem Einkaufszentrum eine Bühne aufgebaut wurde.
Eine Bühne für Mütter.
Eine Bühne für Mütter mit ihren Kleinkindern. Ja. Ganz echt. Nachdem die Frau, die durchs Programm führt, verschwunden ist, gibts eine fetzige Ö3-Musik und 3 Mütter mit ihren Kleinkindern stürmen und rocken die Bühne.
 
 
 
Ich weiss, ich bin eine Spassverderberin.
Aber, bitte, ist das nicht ein totaler Missbrauch von Kindern???
Was denken sich die denn, wenn sie in 10 oder 15 Jahren ein Bild von sich und ihrer Mutter, der sie doch auf Gedeih und Verderb ausgeliefert waren und zugleich absolut und bedingungslos vertraut haben, entdecken, auf dieser Bühne, bis zur Peinlichkeit blossgestellt, von stolzen Omas und Opas fotografiert? Süss und lustig. Putzig.
Und wie gehts der einen Mutter, wenn sie sieht, dass sie vergessen hat, das Preisschild von ihrer extra zu diesem Zweck neu gekauften Bluse zu entfernen?
 
Dem Max hats getaugt. Ich glaube, hätte er nicht eine so langweilige Mama, er hätte volle gern mitgetanzt.

Die jungen Menschen mit bunten Hosen sind StudentInnen, die was zum Feiern haben.
Der Apfelkuchen in Kombination mit Kaffee bei dem stets lachenden asiatischen Paar ist genial.
Und eigentlich gibts nix besseres, als dass es die Menschen endlich wieder aussiziacht auf die Strasse, hinein ins Leben mit Krawall, Leichtigkeit, Wurschtigkeit und am grossen Lachen im Gsicht.
 
Der Winter in Finnland ist vorbei :-)!
 
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit

Sonntag, 13. März 2016

13.03.16 - Geistige Anwandlungen und Luftsprünge


Mein Geist schlägt Kapriolen:
 
  • ein gemütliches Tiroler Cafehaus in Maxmo eröffnen, in den Räumlichkeiten der zugesperrten Pizzeria, wo's richtigen Kaffee, guten Kuchen und eine feine Atmosphäre gibt - das ist die totale Marktlücke in Finnland;
  • Beeren pflücken und an die Marmelademacher verkaufen;
  • mit Darbo, die ja finnische Preiselbeeren verwenden für ihre Säfte und Marmeladen, Business machen;
  • in Selbstständigkeit unterstützend für alte Menschen, die daheim wohnen, tätig werden;
  • als Übersetzerin fungieren - für Firmen, Filme, Autoren; oder so...
  • im Flüchtlingsheim in Oravais mitarbeiten und somit meinen Teil zur europaweiten Flüchtlingskrise beitragen;
  • mein eigenes Massagestudio bei uns daheim eröffnen;
  • meine jahrelange Erfahrung in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung nutzen und eine Recherche auf die Haxn stellen, von der beide Länder, also Österreich und Finnland, profitieren können;
  • unser Gästehaus für viel Geld an Touristen vermieten mit dem Hinweis "Authentisches Leben in Finnland erfahren" (es gibt kein Klo und keine Dusche im Häusl, dafür Plumpsklo und Sauna)
 
Und so springt er und tanzt die wunderlichsten Stücke, und ich schau zu. Zweifel und Zaghaftigkeit wechseln sich ab mit Tollkühnheit, Optimismus und kribbeliger Freude.
 
Es gab eine Zeit, da habe ich mir manchmal gedacht, wie froh ich doch bin, dass ich nie mehr in meinem Leben diesen Bewerbungsprozess durchlaufen muss, zumal ich doch genau die Arbeit verrichten konnte, die ich wollte und in die ich meine Fähigkeiten gut einbringen konnte.
 
Es ist erstaunlich herausfordernd für mein Innenleben, noch einmal ganz von vorne anzufangen. Mit Null Bonuspunkten, mit nichts, worauf ich aufbauen kann. Mit nichts als mit grossem sprachlichen Manko. Ich weiss das, obwohl mir die Menschen hier durchaus anderes versichern.
 
Die Details sind ja im Endeffekt immer die Spielverderber bzw. die, die neben all den Fantastereien Ernsthaftigkeit einfordern, wirkliches Hinschauen und Durchdenken. So weit bin ich noch gar nicht.
 
Denn, neben all diesen Ideen und Gedankensprüngen stellt sich ja die Hauptfrage: Geht das überhaupt schon? Lässt sich mein Arbeitsleben so weit mit Kalles Arbeitsleben vereinbaren, dass Max weiterhin gut versorgt ist? Oder erfordert mein Schritt in die Arbeitswelt zugleich Max' Schritt in die Kindergartenwelt? Und wenn ja, will ich, dass er bereits mit einem Jahr eintritt in dieses enge Korsett der Betreuung? Ist das gut für Max und für uns? Und - können wir uns solche Gedanken finanziell leisten?
 
Ich habe eine Schonfrist bekommen für den Start in mein neues Leben in diesem neuen Land. Allmählich neigt sich diese dem Ende zu und - ja,... Und?
 
Schau ma mal...
 
Bis dahin, liebe Leute, habs es fein, lassts euren Geist tanzen und euer Herz lachen!
 
Alles Liebe, Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit
 
Möge ich den weiten Horizont und das mir Wichtigste nie aus den Augen verlieren!
 
 


Sonntag, 6. März 2016

06.03.16 - Manchmal muss es Nirvana sein


Eine harte und anstrengende Woche liegt hinter uns.
Unser Plan beim Frühstück: Ich bekomme heute endlich wieder mal Zeit zum Blogschreiben  und dann gemma zusammen auf einen Sonntagskaffee ins Tesses Cafe. Ein wunderfeiner Plan. Dann kommen wir drauf, dass wir Brot kaufen müssen. In Angesicht der finnischen Brotauswahl beschliesse ich, gschwind eines zu backen. Geht ja schnell. Und dann schreibe ich meinen Blog. Und dann gemma endlich ins Cafehaus.
 
Eine halbe Stunde brauchts, bis Max gewaschen und frisch gewickelt vergnügt brabbelnd am Boden liegt.
Ich mixe meinen Teig.
Lasse ihn rasten.
Fange schon mal mit meinem Blog an, während Kalle Max füttert.
Bei mir und in mir geht nix weiter.
Max und Kalle gehen nach draussen, während ich mich dem Schreiben widmen will.
Der Wecker läutet.
Teig hat fertig gerastet.
Der Teig! So ein Sch... Den hab ich total vergessen!
Ok. Noch gschwind Brot backen. Dh kneten, formen, und eini ins Rohr.
 
In Bälde finde ich mich im absoluten Küchenchaos wieder.
Finger voller Teig. Mehl allüberall. Gschirr und Essensreste vom Max geben sich grinsend-auffordernd neben und in der Spüle.
Ok. Zusammenräumen. Abwaschen. Sauber machen. Geht ja schnell.

Doch dann: Ich bringe mein Kochbuch zum Tisch und entdecke, dass dieser mitsamt dem darunter liegenden Boden übersät ist mit Kartoffel- und Karottenpatzen.
 
Zack! Der Grant schiesst mir ein wie ein Blitz.
Ich will einen gemütlichen Sonntag und was ist? Nichts anderes als in der Küche stehen und den anderen hinterherräumen und nachputzen. Das kanns ja nicht sein, bitteschön!!!
 
Völlig genervt lasse ich Kurt Cobain seine monotone Frustration verbreiten.
 
Während ich mitgröle, wasche ich das Geschirr.
Und langsam beruhigt es sich in mir.
Ich habe das Glück, einen Mann zu haben, der nicht nur mithilft (was für die meisten - egal ob Männlein oder Weiblein - eh schon ganz viel ist), sondern der echt macht. Ganz von allein und gar alles. Mit derselben Selbstverständlichkeit wie ich.
 
Es geht also nicht um Kalle.
Es ist mein Schlafmangel. Und die letzte Woche. Die vielen Besucher und Einladungen. Und das ständige Zurückstellen meiner eigenen Bedürfnisse. Das dauernde Ausrichten nach anderen. Und meine daraus resultierende Gereiztheit, die in Zeiten wie diesen im Untergrund schwelt wie die Glut im Ofen.
 
Meine derzeitige Lektüre: 4-3=1
Eine Frau verliert ihren Mann und ihre beiden Kinder bei einem Verkehrsunfall.
 
Meine tiefsten Ängste werden in diesem Buch angesprochen (was der Grund dafür ist, dass ich mich ganz lange vor dem Lesen gedrückt habe). Und dieses unfassbare Glück, das mir widerfahren ist, wird mir so klar vor Augen geführt. Da habe ich den wunderbarsten Mann, den ich mir nur  vorstellen kann und das liebste Kind, das alles andere übertrifft, und es fällt mir wirklich nichts anderes ein, als grantig zu werden, wenn etwas anders läuft, als ich es mir vorstelle???

Wenn Grant aufsteigt, dann ist das ein Zeichen dafür, dass sich irgendetwas für mich nicht fein anfühlt und dass es etwas gibt, wo ich hinschauen und was ich ggf. besprechen muss. Nicht mehr und nicht weniger.
In diesem Fall: Ich finde mich hier daheim als Mutter und Gefährtin in einer Rolle wieder, die nicht nur und ausschliesslich erfüllend und befriedigend ist.

Es ist gut, dass es den Grant gibt. Aber er soll bitteschön niemals nie und auch dann nicht die Führung meines Handelns übernehmen.

Es kommt mir immer wieder ein Satz in den Sinn, wenn ich an dieses Buch denke:
"Ich möchte dir gut sein."
Das ist nicht immer leicht für mich, aber es ist wert, es zu versuchen.

Es ist Zeit für meine Familie.
Und fürs Brot :-).
 

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit