Montag, 23. Februar 2015

23.2.15 - Traumabewältigung in den Bergen Lapplands

 
 
 
Schifahren als Kind:
Meine Schi waren damals noch grösser als ich. Kästle. Kerzengerade natürlich. Schwarz. Mit gelb-violettem Muster. Wie cool die ausgeschaut haben! Doch sie wirklich zum Einsatz zu bringen, das hat mich oft grösste Anstrengung und Überwindung gekostet. Schifahren war für mich nämlich immer so:
Im Angesicht von Massen von Menschen, die auf der Piste an mir vorbei- und um mich herumrasen, die mir den Weg abschneiden, unvermittelt abbremsen, die hinter dem Bichl genau in Fahrtlinie stehen, die dann aber wieder stilvoll vorbeischweben, als wäre es das Einfachste der Welt,  stehe ich meinerseits auf den Schiern, total verkrampft in allen Körperteilen, die Stimme meiner früheren Volksschullehrerin im Ohr: "Knie locker lassen!" (Wie soll ich die denn locker lassen, hardigatti?!?!!), und versuche, so elegant - oder besser - so unbeschadet wie möglich den plötzlich auftauchenden Eisplatten und Steilhängen und meiner Angst Herr zu werden.
Das hat nie wirklich funktioniert. Und mit meinem Umzug nach Innsbruck hat meine Schifahrerkarriere ein abruptes Ende gefunden.

Das ist nun gut 20 Jahre her.

Mit heute, liebe Leute, ist dieses Kindheitstrauma beendet!

Bin in Lappland. In Muonio. Wir haben uns hier ein Hüttl gemietet. Mitten im Nirgendwo. In der Nähe gibts ein paar Bichl. Berge sagen die Finnen dazu. Pallastunturi. Und auf einem dieser Bichl haben sie 2 Lifte raufgebaut. Das war im Jahre anno Schnee. Dementsprechend sind die Lifte. Schlepplifte (gibts die in Tirol überhaupt noch???). Die Liftstützen sind rostig und schauen auch sonst a bissi klapprig aus. Aaaaber: Man kann wirklich Schifahren! Und genau das haben wir heute gemacht.

Anfangs war ich schon a bissi nervös. Hab ich mich doch an meine nervösen früheren Zeiten erinnert. Das erste, das mich schon mal sehr erstaunt hat, waren die Schi und die Stöcke. Bin mir vorgekommen wir ein Kleinkind. Alles so kurz. Und so klein.
Und dann sind wir zum Lift. Uiuiui... Hab schon gar nicht mehr gewusst, wie das geht. Aber Kalle war ganz souverän, und nachdem ich oben auch gut wieder ausderstiegen bin, war ich schon a bissl mutiger. Und dann sind wir gestartet. Und es war so unglaublich. Da gabs keine Menschen. Nicht vorne. Nicht hinten. Nicht im Lift. Nicht sonst wo. Wir haben die komplette Piste für uns allein gehabt. Naturschnee. Frisch gewalzt. Kein Eis. Nicht steil. Erst noch zögerlich, so hab ich mich schon sehr bald an die wenigen Dinge, die ich mal gekonnt hab, erinnert. Und schnell ausgebaut. Wie ich dahingefetzt bin! Und wie genial sich das angefühlt hat! Wie frei ich war von all den früheren Ängsten und Widernissen! Und wie ich mich gefreut hab! Gesungen und gelacht hab ich, und gewünscht hab ich mir, dass das nie aufhören möge.
Dann aber, nach 3 Stunden oder so diese beiden Lifte rauf und runter, ists doch a bissi fad geworden. Und wir haben das Ganze beendet.

Mit diesem heutigen Erlebnis ist mir klar geworden, dass meine frühere Verkrampftheit und mein Unvermögen nicht etwa von fehlenden Fähigkeiten gekommen wäre, sondern wirklich mit der Umgebung (Eis, viele Menschen, usw.) zu tun hatte. Diese Reizüberflutung hats mir unmöglich gemacht, mich zu entspannen. Und Unentspanntheit machts halt wirklich nicht fein.
Das ist meine Erkenntnis des heutigen Tages. Und lässt sich übrigens auch wunderbar auf andere Lebensbereiche übertragen.

In diesem Sinne, liebe Leute, pfiatenk und hej då!
De Birgit


Und hier gibts jetzt noch ein paar Lapplandimpressionen für euch. Bis in Bälde!





Montag, 16. Februar 2015

16.2.15: Der Eisfischer




Hier wurde ich Augenzeugin eines dieser vielen kleinen finnischen Wunder.
 
Kalle und ich gingen skaten. Auf dem Meer. Daran hab ich mich immer noch nicht gewöhnt, und immer noch fühlt sichs sehr mulmig an am Anfang. Nur - ich hab nicht viel Zeit für diese Mulmigkeit. Weil ich immer noch sehr damit beschäftigt bin, die Balance zu halten. Und das ist vermutlich ganz gut so. Kalle ist also dahingerauscht, während ich sehr stacksig und unsicher herumgewackelt bin, als wir plötzlich am Horizont diesen Mann entdeckten.
 
Sehr bald war klar, dass er nicht einfach nur so plan- und regungslos auf dem Eis herumsteht, sondern dass er einer dieser Eisfischer ist. Wir sind auf ihn zugeskatet. 
Die folgende Szenerie war total surreal. Da steht also ein Mann mit rotem Rauschebart, rund und gemütlich, sehr warm eingepackt, mit einer Schnur in der Hand, die in ein kleines Loch im Eis fällt. Er zieht immer wieder mal an der Schnur und schaut gebannt und konzentriert in das Loch. Neben ihm ein Sparkstötting. Das ist ein Gerät, das sowohl von alten Frauen, von Müttern mit Kindern als auch von Eisfischern verwendet wird. Man schiebt einen kleinen Stuhl vor sich her, der entweder als Einkaufstaschenträger, Kindersitz oder Rucksackhalter dient, und dieser Stuhl wiederum steht auf zwei langen Kufen, auf die man sich auch selber hinaufstellen und dann wie bei einem Roller "anschutzen" kann, um a bissl in Schwung zu kommen. Geht viel schneller als Gehen und viel langsamer als Radlfahren zum Beispiel. Wobei Radlfahren jetzt eh nicht geht, zumindest nicht für Nicht-finnische-Menschen. Aber das ist eine andere Geschichte.
Wie auch immer: Dieser Mann steht also da, mit seiner Schnur und seinem Sparkstötting, hinter ihm ein Gerät, das ausschaut wie ein Riesenbohrer, und ignoriert uns anfangs völlig. Wie man das eben so macht als finnischer Mensch. Doch irgendwann haben Kalle und er dann doch zum Reden angefangen. Auf finnisch natürlich. Wo ich noch nicht mithalten kann. Und das war gut. Mir blieb also Zeit, um genau zu schauen, um zu beobachten, um alles in mich reinzulassen. Ich war total fasziniert. Von seinem Gesicht mit den vielen Falten und dem roten Bart, von seinen Gerätschaften, von seinem Tun, und ich wollte so gern ein Foto machen. Und ich war - wie so oft - zu schüchtern. Das ist auch so eine Unart von mir. Mir kommt das immer so typisch touristisch vor. Und ich möcht so was von überhaupt nicht typisch touristisch daherkommen. Weder hier, wo ich gar keine Touristin mehr bin, noch irgendwo anders, wo ich sehr wohl reisend unterwegs bin. Ich hab da irgendwelche Synapsen falsch gekoppelt, und mein Gehirn hat abgespeichert, dass das Touristinsein was Verwerfliches ist.
Und dann hat da plötzlich ein Fisch gebissen. Er hat weitererzählt, während er den Fisch aus dem Wasser gezogen hat. Ich kenn mich ja mit Fischen überhaupt aus, wurde aber sofort überspült mit einer riesigen Welle von Mitgefühl. Er war gräulich, bis auf seine Flossenenden, die rot leuchteten. Zuerst dachte ich, es sei Blut. Erst beim genaueren Hinschauen hab ich gesehen, dass das die Flossenfarbe war. Und - dieser nette, gemütliche, rundliche, ältere Herr, hat diesen zuckenden Leib genommen, ihm den Hacken rausgezogen aus dem Maul gezogen und ihn einfach in eine seitlich platzierte Rucksacktasche gesteckt. Mit dem Kopf voraus. Und hat weitergeredet. Und uns erklärt, wo wir hinskaten müssen, wenn wir nach Lövsund wollen. Und ich war schockiert. Hab ihn angeschaut. Und hab gewartet. Und die beiden haben einfach nur weitergeredet. Bis der Fisch aus dem Rucksack rausgesprungen ist. Und auf dem Eis weitergezuckt hat. Auch das schien ihn nicht weiter zu irritieren. Hat sich einfach weiter unterhalten. Und ich habs nicht mehr ausgehalten. Natürlich hätt ich ihm auf englisch sagen können, dass er bitte endlich diesen Fisch umbringen soll. Genau das hab ich nicht getan. Was lässt sich ein alter, erfahrener Eisfischer von einer jungen, nicht finnisch-sprechenden und nicht-fischenden Gitsch derzählen, die nicht mal gscheit auf ihren beiden Haxen stehenderbleibt? Stattdessen hab ich zu Kalle gesagt, dass ich weg muss von hier.
 
Und wir sind weiter.
War a bissl wie erstarrt.
Wusste nicht, ob ich einfach nur dankbar sein sollte, dass ich mit dieser Begegnung a bissl mehr von der finnischen Lebensweise erfahren hab können, oder ob ich mich nicht doch besser in Grund und Boden schämen sollte für meine Feigheit.
Drehte mich noch mal um und machte dieses Foto.
Schweigend sind wir zum Auto geskatet.
 
Und die Welt dreht sich weiter.
De Birgit


Mittwoch, 11. Februar 2015

10.2.15: Darf ich vorstellen?


 
 
 
Das ist Erik, unser Eichhorn. Kommt alle 2, 3 Tage vorbei, vertreibt alle Vögel, lässt sich weder von Kalle, der neben ihm Holz hackt, noch vom Sturm oder sonstigen Ungemütlichkeiten beeindrucken und frisst sich satt. Am liebsten mag er Sonnenblumenkerne. Die haben wir gekauft, um auch den Dompfaff zu unseren Besuchern zählen zu dürfen. Die Meisen und der Specht sind ja nett. Aber mal wen anderen da zu haben, wär auch nett. Nur - ich war dann so gscheit, und hab das Plastiksackl mit den Kernen auf die Vogelfutterkiste gelegt anstatt hinein. Nur mal eben kurz, weil irgendwas war. Ja, und dann hab ichs dort vergessen. Und am nächsten Tag hat sichs Erik bereits zu Gemüte geführt (seine Spuren haben ihn verraten), das Sackl aufgerissen, ein paar Kerne auf den Boden gestreut und einige wohl genüsslich verspeist. Jetzt ist das Sackl drin. Und Erik auf dem Vogelhäusl.
Auf den Dompfaff warten wir übrigens immer noch.





Donnerstag, 5. Februar 2015

5.2.15: Auf dem Meer




Ja. AUF dem Meer. Nicht im und nicht am Meer. Sondern wirklich drauf!

Es liegt grad Schnee. Der Hase zieht seine Zick-Zack-Linie. War wohl auf der Flucht. Doch mangels anderer Spuren könnte man glatt meinen, ihm hats so getaugt, dass er einfach nur so herumgsprungen ist. Oder es war ein Seeadler unterwegs. Wobei der wahrscheinlich keine herumrennenden Hasen frisst...

Auf jeden Fall: Ich war heute auf dem Meer spazieren :-)! Zum allerersten Mal wirklich allein. Ich hab ja einen Heidenrespekt vor dem Meer. Und find es gleichzeitig so wunderschön. Ich bin hin, um die Weite zu geniessen. Um zu atmen. Um den Bäumen im Aug für a Zeitl zu entfliehen. Ich wollte gar nicht rauf. Nur dort sein. Wie ich dann aber gesehen hab, dass schon einige coole Snowmobile-Jungs mit ihren Geräten drauf herumgekurvt sind, da, ja, da bin ich einfach weitergegangen. Vom Festland (das ja eigentlich auch eine Insel ist, auch wenn sichs nicht so anfühlt) aufs Meer. Uiiii, war das aufregend! Bin erst auch ganz vorsichtig aufgetreten, und langsam, und vorsichtig, und... dann hab ich das gelassen. Hab die Gedanken an die unendlichen Wassertiefen unter mir gestoppt, und bin drauflos marschiert. Es war genial! So viel Leben auf dem Meer, das seine Spuren hinterlässt. Der Wind, der ungebremst ins Gesicht fegt. Und diese Weite. Hey, da kann man echt von Insel zu Insel gehen. GEHEN!!! Es ist unglaublich!

Hier ist es oft noch so anders. So, wie dort, wo ich noch nie war.

Im Staunen aufgelöst - de Birgit