Freitag, 24. März 2017

24.03.17 - Frühling in Finnland


Endlich haben wir es wieder einmal fertiggebracht, einen gemeinsamen Termin zu finden. Schon viel zu lange haben wir uns nicht mehr gesehen.
 
U. Sie ist meine erste Freundin hier in Finnland. Sie hat mich meine anfänglichen Sprachschwierigkeiten nie spüren lassen. Und sie hat uns beinahe die gesamte Erstausstattung für Max, inklusive Bett und Kinderwagen, zur Verfügung gestellt. Da tut es nichts zur Sache, dass wir eigentlich grundverschiedene Menschen sind mit unterschiedlich gelagerten Prioritäten.
 
Wir treffen uns in Tesses Café. Seit ich aufgehört habe, Vergleiche mit früher anzustellen, finde ich es dort recht gemütlich. Ich bin schon viel früher da und finde zum Glück einen Platz im hinteren Teil, der mit seinen kleinen Tischen und dem Holzboden viel ansprechender ist als der vordere mit dem Fliesenboden und seinen Glasplatten auf den viel zu grossen Tischen. Ich trinke meinen Tee. Und blättere in der Zeitung. Und geniesse diesen kleinen Moment der Auszeit.
 
Sie kommt. Eine neue Frisur umspielt ihr Gesicht und sie strahlt, wie man nur strahlen kann, wenn man strahlt. Wir lachen viel. Sie erzählt von sich. Ich erzähle von mir. Und wir stellen fest, wir sind beide unterwegs, soll heissen, in Bewegung. Innen drin. Jede versucht auf ihre ganz eigene Art, ihr Leben aktiv zu gestalten und auszuprobieren. Wenn das nicht ein genialer Konsens ist! Wohl hats mir getan. Und leicht im Herzen bin ich ins Auto gestiegen, hab noch mal gewunken und bin losgefahren.
 
Und augenblicklich war ich wie berauscht. Ja. Das Treffen war schon nett. Und gut. Aber das war es nicht, was diese plötzliche Hochstimmung in mir verursacht hat. Vielmehr das: Es war hell! Um halb 8 am Abend. Hell!!! Oh... Wenn man Licht in sich aufsaugen kann, dann habe ich es in diesem Moment gemacht. Licht bringt Leben. Das ist nicht nur so dahingesagt oder gilt nur für Zimmerpflanzen oder so. Es ist tatsächlich so. Ich spürs. Das Leben reibt sich die Augen, streckt sich noch mal und - hohopp - aussa ausm Bett! Oh, wie leicht plötzlich alles erscheint! Und wie die Ideen sprudeln. Und wie gross die Lust aufs Ausprobieren ist. Oh, wie ich es geniesse. In diesem Augenblick hab ich dem Frühling die Hand geschüttelt und ihn willkommen geheissen. Und keine einzige Träne weine ich dem Winter nach. Soll er sich doch bitte verkrümeln hinter den sieben Bergen oder sonst wohin und sich nie, nie mehr wieder blicken lassen!
 
Es ist schon so. Der finnische Winter zieht tiefe Furchen in den Gesichtern und im Gemüt.
Man kann die Erleichterung und die Freude förmlich spüren. Sie geht wie ein Ruck durchs Land. Plötzlich sind wieder viel mehr Menschen draussen unterwegs, egal ob in der Stadt oder hier bei uns. Es lassen sich mehr Menschen von Max zu einem Lächeln verführen. Und überhaupt wird viel mehr gelacht und geredet. So erscheint es mir zumindest.
 
Es tut gut. Es tut so gut.
 
Hier noch ein Blick von Tesses Café hinaus in die Schärenlandschaft:
 

Schönen Frühlingsbeginn!
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit


Samstag, 18. März 2017

18.03.17 - Einfaches Leben


Etwas ratlos wandert mein Blick an ihr entlang. Sie liegt kühl und schwer in meiner Hand. Ihr schwarzes Metall reflektiert die Sonne. Dort, wo die Hand sie halten soll, hat sie einen gelben Aufsatz.
 
Ok. Ich fang am Besten einfach mal an. Ein Zug, naja, ein halber - und schon steckts. Sie lässt sich weder vor- noch zurückbewegen. Häh? Was mach ich falsch? Kaaaaaalle!!! Ah ja! Ok. No amal. Vor. Zurück. Ja. Geht schon besser. Und - zack. Schon wieder steckts. Aber egal. Jetzt weiss ich ja, warum. Noch ein Versuch. Und noch einer. Bald schon wird mein Tun flüssiger. Und die Säge, dieses anfängliche Kuriosum, zu meiner Verbündeten.
 
Ich, ein Stapel Bretter, das Gestell und die Säge. Das ist alles, was zählt. Das ist alles, was ist. Mir wird schnell warm, während ich Stück für Stück die Bretter zerkleinere und sie auf einen Haufen werfe, der schnell wächst. Oh, wie befriedigend! Die Säge singt, während sie sägt. Und meine Gedanken wandern. Und meine Augen schauen dem Sägeblatt zu, das sich immer weiter ins Holz frisst, bevor wieder ein Stück auf den Boden fällt.
 
 
Irgendwo dort drüben sind meine beiden Männer. Sie sind ihrerseids beschäftigt, indem sie mit Zange und Hammer Nägel aus den Brettern ziehen. Wir alle tun was, während sich die Vögel gesanglich auf den Frühling einstellen und der Wind uns davor bewahrt, zu sehr zu schwitzen. Es ist eine reine Freude.
 
Ich denke an mein früheres Leben. Und spüre eine ungemeine Wonne.
Mein Leben ist einfacher geworden. Ich säge. Ich hacke. Ich schleppe Körbe voller Holzscheitl ins Haus. Ich mache Feuer bei Bedarf. Ausserdem wechsle ich nur mehr die Windeln meines Sohnes. Und versuche ich, meine soziale Kompetenz und mein pädagogisches Wissen einzubringen, dann nur mehr für uns, für die Beziehung und für meine Familie. Manche Karrieregeister mögen meinen Lebensstil in Frage stellen. Für mich hingegen ist die Reduktion auf das Wesentliche und die daraus resultierende Unmittelbarkeit etwas Fantastisches.
 
Ich fühle mich durch unsere Lebensweise weitaus unabhängiger und selbstbestimmter. Wir kaufen kein Öl von Arabien. Und wenn einmal der Strom ausfällt, geht die Welt auch nicht unter, weil wir - zumindest a Zeit lang - auch sehr gut ohne leben können. Will ich in die Natur, brauche ich keinen Spaziergang, kein Auto, nicht einmal ein Ziel. Ich mache einfach nur die Türe auf und bin mittendrin. Diese Natur, die ich dort finde, ist nicht gemacht. Sie ist.
 
Ich lese diesen Text, stelle fest, dass er eigentlich hauptsächlich aus ausformulierte Aufzählung besteht, und frage mich: Wer liest schon gerne Aneinanderreihungen von Tolligkeiten?
Ich antworte mir: Sicher der eine oder die andere.
 
Ich möchte euch hiermit hochoffiziell an meinen neuesten Erkenntnissen teilhaben lassen!
1. Erkenntnis: Körperliches Arbeiten tut wohl!
2. Erkenntnis: Der Fokus weg vom Überflüssigen hin zum Relevanten noch viel mehr.
 
Übrigens: Die Schwäne sind zurück ☺!

Auf dass das Herz vor Freude einen Sprung mache!
 
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit
 
 
 


Samstag, 11. März 2017

11.03.17 - Wenn Männer den Frauen die Welt erklären


Ich scrolle mich durch das Internet. Wie immer, wenn ich eigentlich etwas tun will, das getan werden soll. Wie z.B. diesen Blog hier schreiben.
 
Dabei stosse ich auf ein Video. Es zeigt sehr anschaulich etwas, das offenbar "mansplaining" genannt wird. Ich habe dieses Wort nicht gekannt. Es gibt auf treffende Weise (man = Mann, plaining kommt von explaining = erklären) jenem Phänomen einen Namen, in dem ein Mann herablassend mit einer Frau über einen Themenbereich spricht, von dem er nur unvollständige Kenntnisse hat, unter der fälschlichen Annahme, er wisse mehr als seine Gesprächspartnerin (Erklärung aus wikipedia). Begründet auf der Tatsache, dass er ein Mann ist und sie eine Frau. Wenn man sich dieses Video anschaut (zu finden auf YouTube unter "mansplaining explained"), dann weiss man, was mit dieser etwas sperrigen Erklärung gemeint ist. Eine Sprecherin zum Beispiel stellt einem Mann eine Frage, und er hört sich diese nicht einmal bis zum Ende an, sondern unterbricht sie stattdessen und sagt: "Schhhhhh." Ein anderer sagt: "Hey, hey, Missus, shut up! Beruhige dich!" Und ein anderer wiederum (zu Hillary Clinton, wie ich hier anmerken möchte): "Ja, ja, red nur. Ich unterbreche dich sowieso, wann immer ich mich danach fühle."
 
Ich schau mir das an, und in mir wirds ganz eng.
Ich kenne das.
Und ich hasse das.
Echt.
Ich weiss, hassen ist ein grosses Wort, aber es ist tatsächlich so. Ich hasse es, unterbrochen zu werden, während ich rede. Ich hasse es, herablassend behandelt zu werden. Und ich hasse es, besserwisserisch zugetextet zu werden, ohne dass sich das Gegenüber die Mühe macht, meine Sichtweise verstehen zu wollen.
Dabei möchte ich nicht alles auf die Geschlechter schieben. Nicht allen Frauen ergeht es so und nicht alle Männer sind so. Doch wenn es jemandem passiert, ist es mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit eine Frau. Und wenn es jemand tut, ist es ziemlich sicher ein Mann.
 
Dass das immer noch so gehandhabt wird und als normal gilt in unserer Gesellschaft, trotz Jahrzehnte langer Bemühungen im Gleichberechtigungsbestreben, zeigen zum einen die Tatsache, dass es oft gar nicht auffällt, wenn es getan oder erlebt wird, weil es so selbstverständlich ist, und zum anderen die Reaktionen, wenn man es wagt, seine Rechte auf Meinungsäusserung und Ernstnahme derselben einzufordern. "Du hast ein Problem mit Männern, ha?" "Jetzt stell dich doch nicht so an." "Bist du etwa eine Emanze, oder was?" (Dabei wird das Wort Emanze ausgesprochen, als sei es Krätze.) Oder es wird gelacht. Oder ein dummer Witz gemacht. Oder das Gesagte mit einem läppischen Satz beiseite geschoben. Oder... Oder... Oder...

Ich weiss nicht, warum mich dieses Video emotional so überrumpelt hat. Mir ist es schon sehr lange nicht mehr so ergangen, und die Chance, dass es mir hier in unserem Wald bald wieder so ergehen wird, ist verschwindend gering.

Aber, und das wirds wohl sein, es geht ja nicht nur um mein eigenes kleines Leben. Es geht darum, wohin wir als Menschheit unterwegs sind. Es geht darum, wer und was wir sein wollen und wie wir miteinander umgehen wollen. Ja. Es geht wohl in Wirklichkeit allein darum, welches Leben wir führen wollen und welche Welt wir unseren Kindern und Kindeskindern übergeben wollen. Der Blick auf das Jetzt und auf das Hier unserer Gesellschaft lässt mich nicht gerade sehr optimistisch stimmen. Und das bezieht sich nicht nur auf gendertechnische Fragen...

Ich schaue aus dem Fenster.
Spüre meine Entrüstung.
Und gleichzeitig meine Hilflosigkeit.
Mir werden diese engen Rollenvorgaben so bewusst, in der jeder und jede von uns steckt. Wie oft kichern wir Frauen denn, wenn sich jemand respektlos uns gegenüber verhält? Immer noch.
Und dann diese ständige Reduktion auf das Äussere. Oh, wie ich das hasse! Ja. Auch das.
Ein Beispiel: Es gibt ein Foto von mir. Ich bin schwanger und sitze auf einem Boot. Ich bin kugelrund. Sagt doch nicht einer, der das Foto anschaut zu einem Mitschauenden: "Jetzt schau dir mal diesen Schädel an!" Ja, gehts noch?!?!?!

Es reicht. Ich mach mir jetzt einen Cappuccino.
Und freu mich am Frühling, der trotz Schneemassen in seinen Startlöchern scharrt.
Und an jenen Menschen, die dem Menschen mit Respekt begegnen.

Ihnen sei dieses Foto der Hoffnung gewidmet ☺.

der Schnee schmilzt
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit



 

Samstag, 4. März 2017

04.03.17 - Der Hammer und das Yoga


"Wenn man einen Hammer in der Hand hält, sieht plötzlich alles aus wie ein Nagel." (aus: Dein kompetentes Kind von Jesper Juul)
 
Dieser Satz lässt sich 1:1 übernehmen und spiegelt zu 100 % Max' Weltsicht wider. Mit seinem Spielzeughammer aus Holz schlägt er auf alles ein, was ihm in die Quere kommt, gänzlich unabhängig von Form oder Beschaffenheit der Gegenstände und gänzlich unbeeindruckt vom Erfolg. Hauptsache tog-tog-tog.
 
Kalle und ich verfolgen bei unserer "Erziehung" die Idee, dass Max bereits ein vollständiger Mensch ist und dass er mit so vielen Dingen wie möglich in Berührung kommen soll. Wir vermeiden tunlichst, ihm nur blaue Sachen anzuziehen, und wir haben ihm als Spielzeug auch schon mal eine Puppe gegeben. Seine Lieblingsfarben sind Rot und Grün und seine bunten Duplosteine mag er sehr. Er liebt es, in den Spiegel zu schauen. Staub zu saugen, Wäsche zu waschen und diese aufzuhängen und abzuhängen und zu verräumen ist auch super. Aber nichts, nichts in dieser Welt geht über ...
 
BOHRMASCHINEN, HÄMMER, SCHRAUBENZIEHER und SÄGEN!!!
 
Warum, um alles in der Welt?
Und was wäre, wäre Max eine Johanna?
Liegt das wirklich in den Genen? Oder ist es einfach toll, weil Papa so spannende Dinge damit macht?
Manchmal wundere ich mich, eben weil wir so auf Schubladen freie Kinderbegleitung Wert legen.
Aber eigentlich ist es ja wurscht. Es taugt ihm. Und das ist genug.
 
Wisst ihr, was passiert, wenn man sagt: "He Max, mach doch mal Yoga."? 
Das hier:
 

Stellt euch das Bild bitte aufrecht vor.
Und dann ist klar: Es besteht Hoffnung :-)!

Ein herzlicher Gruss an alle Yoga-Freunde und -Freundinnen.
Und an alle anderen natürlich auch.

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit