Samstag, 30. Mai 2020

31.05.20 - Abschied


08:22.
Bald muss ich mich anziehen. 
Bald fahren wir los in den Kindergarten. 
Oh, der Sturm muss ja noch in den Schupfen gebracht werden! Sturm war früher Max' Schaukelpferd, mittlerweile hat er sich zu einem Wildpferd gemausert und verbringt die Nächte draußen in der wilden, unberührten Natur. Wenns nicht regnet. Oder schneit. Oder er Angst hat vor Wölfen. Oder Angst davor, dass es anfangen könnte zu regnen.
Sturm ist neben vielen anderen ein Teil unserer Familie geworden. Und natürlich gibt es unterschiedliche Bedürfnisse in einer Familie. Das gilt es zu verstehen und zu akzeptieren. 

Ich starre Löcher in die Holzwand gegenüber.
Und ich frage mich, wie lange ich diesen Blogg noch aktiv betreiben möchte. Ich merke, es stresst mich zunehmend. Mein Leben oder meine Gedanken finde ich zwar selber sehr spannend, bunt und manchmal sogar magisch. Aber etwas subjektiv Magisches ist und bleibt immer nur für einen selber magisch. Also, so im Sinne von: Ich erstarre ehrfurchtsvoll und denke mir "WOW" und der andere zuckt mir seiner Schulter und denkt sich "Und?".
Und so suche ich nach Themen, die nicht nur subjektiv von Bedeutung sind sondern die wirklich auch für die Allgemeinheit interessant sein können. Und diese Suche gestaltet sich in unserem Wald, wo endlich die Bäume Blätter bekommen und das als Highlight gilt, zunehmend schwierig. 
Hinzu kommt, dass ich keine Freundin von Einseitigkeit bin. Nach Jahren des Monologs kristallisiert sich ein gewisses Ungleichgewicht heraus. Ich erzähle und ich zeige und ich hüpfe und ich tanze und ich singe und ich schlage Purzelbäume und ich laufe barfuß mit einem Elch um die Wette - und das alles vor einer schwarzen Wand, die nicht einmal im Nehmen aktiv ist. 
Das alles gehört zum Leben einer Bloggerin, wenn sie ist wie ich.

Liebe Leute, je länger ich hier schreibend denke, desto klarer wird mir: Das wars.

Ich stelle mir gerade vor, wie es ist, heute das letzte Mal in die Bloggtasten zu hauen.
Ich gehe in die Zukunft und bleibe stehen am 29.06.
Was spüre ich? 
Erleichterung. 
Erleichterung darüber, dass ich mir nichts mehr einfallen lassen muss.
Erleichterung darüber, dass ich nicht krampfhaft kreativ sein muss.
Und ruhige Freude.
Zeit für einen feinen Ratscher und einen guten Kaffee 😊!

Ich drehe mich um. Mein Herz sagt Tschau und mein Blick lässt die alte Welt, die, die Finnland nicht kennt und aber trotzdem irgendwie dabeisein möchte, hinter mir. Mein Blick wendet sich dem Hier und Jetzt zu. Und schaut auf. Und sieht die Zukunft. Die Zukunft hier. Oder auch dort. Oder - wer weiß das schon so genau?
Oh ja. Das mag ich!

Na gut. 
Dieser eine Schritt muss noch getan werden.

Liebe Leute: 
Es war mir eine Freude.
Es war mir eine Ehre.
Mit einem Lachen und einer Leichtigkeit schwenke ich die weiße Flagge.
Ich winke euch noch einmal.
Danke für euer Interesse!
Måchts es guat und schauts guat auf enk!

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit

PS: Meine E-Mail-Adresse und Telefonnummer habts ja 😃!



Endlich!



Mittwoch, 29. April 2020

30.04.20 - April, April!


Der Frühling schleicht übers Finnenland. Er schleicht so sehr, dass man seine Nerven wegschmeißen möchte, bevor er dann doch mal einen grünen Grashalm rausdrückt.
Es ist kalt. Wir hatten bisher genau einmal über 10 Grad. Ansonsten krebsen wir immer noch um die 0 Grad herum. Grad so, als gäbe es irgendwo bei den Zuständigkeiten große Angst vor der  endgültigen Entscheidung, die da heißt: weg von der Kälte, hin zur Wärme.
Mütze und Schal sind also nach wie vor obligatorisch.
Aber ich gebe zu, langsam, ganz langsam, also wirklich langsam und so heimlich, dass man fast mit der Lupe suchen gehen muss, wird's auch hier ein kleines bisschen grüner, hier und da mal eine Blume vielleicht, die Bäume im Knospenmodus.
Das Licht hingegen, das ist wie Max. Das schmeißt sich eini ins Leben, dass es nur so eine Freude ist. Um halb 11 am Abend liegen wir im Bett, schauen durch unsere großen Fenster in die Welt und tun nichts anderes als staunen. Ich zumindest. Es ist Nacht. Und es ist hell. Ich bitte nicht zu vergessen, dass mir der Schrecken der Dunkelheit immer noch in den Knochen sitzt. Vor kaum länger als einem Atemzug war überall dort Schwärze, wo der Schein der Glühbirne nicht hinreichte. Und jetzt, jetzt lieg ich da, die Sonne ist grad hinter dem Horizont verschwunden, die Vögel singen, und die Welt tut so, als wüsste sie nicht, was Dunkelheit überhaupt sei. Grad, dass sie nicht unschuldig zu pfeifen anfängt... Ich weigere mich jedenfalls, die Augen zu schließen. Warum? 3x darfst du raten 😉!

- o -

Ich genieße diese Zeit des Daheimseins, des Einispürens, des Beobachtens,...
Manchmal ist mir, als sei ich wieder Kind. Damals bin ich auch hineingefallen in das Jetzt. Ich habe schmelzende Schneekristalle und Wasserläufe beobachtet, Ameisen, die sich meine Brotkrümel auf den Rücken stemmten und diesen wegzerrten, habe die Augen geschlossen und mich dem Brummen der Hummel hingegeben. So ist es wieder. In kurzen, freigeschaufelten Das-Radl-dreht-sich-immer-weiter-Pausen. Und ich liebe das.

- o -

Es gibt übrigens noch etwas, das ich liebe. Neben meinem Mann und meinem Sohn liebe ich die Ideen meines Mannes. Vor allem dann, wenn diese sich mit Geburtstagsgeschenken befassen. Heuer bekam ich, ja, ich kann das ohne zu übertreiben sagen: 
Ich bekam das beste Geburtstagsgeschenk meines Lebens!
Eine - TATATATAMMMM - Espressomaschine!
Die Zeites des genussfreien, stillosen, finnischen Filterkaffees haben ein Ende gefunden. Und eine neue Zeitrechnung hat begonnen.
Es ist wunderbar. Allein schon für den Klang, den sie macht, wenn ich sie einschalte, liebe ich sie. Es ist ein kurzes, verheißungsvolles Brummen, das so etwas sagt wie: "Ja. Ich bin bereit."
Um wirklich einen Cappuccino zu machen, braucht man Zeit und Muße. Es ist wie eine Zeremonie:
Wasser auffüllen.
Den Siebträgers mit Espressopulver befüllen. Achtsam und sorgfältig.
Den Siebträger hineindrehen.
Tasse holen.
Kännchen mit Milch vorbereiten.
Tasse unterstellen.
Knopf drücken.
Den Espresso riechen und ihm dabei zuschauen, wie er dickbraun in die Tasse läuft.
Tasse entnehmen.
Milch mit der Düse aufwärmen und schäumen.
Milchschaum in die Tasse mit Espresso gießen.
Ein Glas Wasser und einen Löffel holen.
Sich hinsetzen.
Augen zu.
Den vollendeten Cappuccino zu den Lippen führen.
Trinken.
Mmmmm....
Lange dachte ich, ich sei bereits am Gipfel des Menschen möglichen Lebensglücks angekommen. Aber ich habe mich getäuscht. Meine Lebensqualität hat tatsächlich den Sprung ins nächste Level geschafft.
Wohin geht die Reise?

- o -

Ich sitze bei einem Glas Rotwein hier vor meinem Computer. Kalle liest für Max sein Gute-Nacht-Buch, oder besser gesagt Max "liest" und Kalle beantwortet Fragen, während ich ihnen zuhöre und eine wohlige Wärme in meinem Bauch spüre.
Da fällt mir ein Interview ein, das ich heute gelesen habe. Der Journalist meiner Zeitung hat eine Frau interviewt, die alleine mit ihrem Motorrad durch und rund um die Welt gefahren ist. Da habe ichs wieder gespürt, diese Ziehen in meiner Brust, diese Sehnsucht nach Unterwegssein. Manchmal tauchts noch auf. Und ich spüre den Wind in meinen Haaren und in meinem Gesicht. Ich weiß wieder, wie es sich anfühlt, diese Kribbeln, wenn man nicht weiß, wo man heute schlafen wird. Oder diese Gespräche mit wildfremden Menschen, die es in dieser Form nur auf Reisen gibt. Man hat sich vorher nie gesehen, man wird sich nachher nie mehr sehen. Beide wissen das. Und alles, was man hat, ist dieser eine Moment. Was sagt man da? 
Das Bewegen in der Welt und in der Zeit ist ein anderes, wenn man unterwegs ist. 
Manchmal fehlt es mir.

- o -

In diesen komischen Zeiten, in denen wir uns gerade befinden, läuft der Fernseher oder der Computer bei vielen auf Hochtouren. Während die einen gar nicht mehr wissen, wohin mit all ihren zu erfüllenden Aufgaben (Homeschooling, Home-Office, Kinder- und PartnerInnenbedürfnisse so gut wie möglich befriedigen, Haus in einem bewohnbaren Zustand halten, usw.), stülpt sich über andere eine Leere, die kaum auszuhalten ist. Viele sind konfrontiert mit ihrer Angst, ob beruflich oder privat, andere fühlen sich endlich befreit von Pflichten und Erwartungshaltungen der Umgebung. Viele gibt es, die plötzlich gar nichts mehr verstehen. Und anderen geht plötzlich ein Licht auf.
Ob dies oder jenes, oder gar nichts von alledem.
Ich hoffe, du, die/der das liest, kommst klar.
Ich hoffe, dein Kopf ist noch irgendwo im Bereich "Über Wasser".

Ich habe eine kleine Übung im Internet gefunden und möchte diese gerne teilen. Ich verwende manche dieser Sätze manchmal als Warm-Up für meinen Unterricht.
Lies es durch.
Wenn du Lust hast, suche die eine oder andere Antwort für dich.
Manches kommt ganz spontan, mit anderen mag der Kopf vielleicht ein bisschen herumspielen, bevor er sich zu einer Antwort durchringt.
Wie auch immer.
Alles ist ok.

Voilá:

Eine Herausforderung für mich ist ...
Ich werde ...
Ich bin sicher, dass ...
Bald werde ich ...
Ich weiß, dass ich ... kann.
Ich fühle mich immer gut, wenn ...
Der beste Moment des Tages ist ...
Wenn ich 64 Jahre alt bin, dann ... (ggf. Wenn ich 84 Jahre alt bin, dann ...)
Wenn du in Österreich lebst, solltest du niemals ...
Morgen am Abend wird ziemlich sicher ...
Ich habe wirklich genug von ...
Wenn ich die Uhr zurückdrehen könnte, würde ich ...
Ich träume von ...
Ich habe Angst, dass ...
Jung zu sein bedeutet ...
Alt zu sein bedeutet ...
Liebe ist ...
Ein Freund ist ...

Möchtest du eine oder mehrere Antworten mit mir teilen? Ich freue mich!

- o -

Pass gut auf dich auf!
Bleib gesund!
Vergiss nicht, manchmal die Augen zu schließen und die Sonne in deinem Gesicht zu spüren.
Das Beste für dich!

Pfiati und Hej då -
d'Birgit


PS: Mit dem Wissen, dass man ja immer das sieht, worauf man fokussiert ist, möchte ich dir hier noch gern einige unterschiedliche Brillen, mit denen man in die Welt schauen kann, zeigen, aufgenommen im Umkreis von wenigen Metern:


die Perspektive eines Piratenkapitäns

die Perspektive eines fortpflanzungswütigen Vogels


die Perspektive einer, die sich in einer ihrer
Das-Radl-dreht-sich-immer-weiter-Pause befindet

Welche Brille hast du jetzt gerade auf deiner Nase?

- o -

Ein mich-aus-den-Socken-hauendes Ereignis von heute Früh, das ich noch gerne teilen möchte, bevor ich diesen Eintrag online stelle:
Gestern hatte die hiesige Regierung eine Debatte über die Frage, wie man mit den Schulen und Kindergärten in Finnland weiter macht. Aufmachen? Zulassen? Lange Diskussion. 
Ergebnis: Wir öffnen alle Bildungseinrichtungen mit dem 14. Mai.
Das ist jetzt an sich noch nichts besonderes. Viele Länder haben diesen Beschluss schon vor längerer Zeit getroffen. 
Aber, und jetzt kommts: Man kann sich darüber nicht nur in den Medien und im TV informieren, die Regierung hat eine offizielle Stelle, die da heißt "Statsrådets Kansli", also "Des Kanzlers Büro" und auf deren Homepage, worauf auch die verschiedenen Medien verweisen, wird der Beschluss in verständlicher Sprache ausgeführt. 
Und dann dieser kleine, unscheinbare, und doch für mich sehr bemerkenswerte Zusatz: 
Mehr Information. Und dann werden die Namen und Telefonnummern aller möglicher Menschen wie zB Büroleiter, Abteilungsleiter, Oberdirektor und Kommunikationsdirektor ausgewiesen. Übrigens alles Frauen.
Zusätzlich finden sich Links zu den wissenschaftliche Bewertungen der Lage sowie Richtlinienverordnungen und weitere Grundlagen über den von der Regierung gefassten Beschluss.
Hey, liebe Leute, man kann hier in Finnland tatsächlich anrufen und nachfragen!!!
Wow! 
Da verschlägts mir als einer, der die österreichische Politiklandschaft immer noch nicht wurscht ist und die da angewidert die Selbstbeweihräucherung des Bundeskanzlers sowie dessen geschniegelte und undurchsichtige und manipulierende Informationspolitik verfolgt, tatsächlich die Sprache.
So gehts auch?
Ja. So gehts auch!
Ich mag Finnland 😀!!!



Dienstag, 31. März 2020

31.03.20 - Der Traum


Wenn du nicht nach außen gehen kannst, gehe nach innen.

Und ich schließe die Augen.
Und ich schlafe ein.

Und ich sehe dich.
Dich, den ich schon mindestens 15 Jahre nicht mehr gesehen habe. Weder im Traum noch in dem Leben, das wir Wirklichkeit nennen. So wie damals war unser Treffen auch jetzt wieder sexuell sehr aufgeladen. Daran haben die Jahre nichts geändert. Wir öffnen die Tür zu unserem Raum, und als wir wieder herauskommen, verabschieden wir uns mit einem Gefühl der Dankbarkeit und Freude.

Ich wache auf.
Ich lebe.
Ich schlafe ein.

Und ich sehe dich.
Dich, der niemanden unberührt gelassen hat. Aufgrund deiner Emotionalität, deiner stark ausgeprägten Beziehungsantennen und deiner Behinderung war und vermutlich auch ist dein Leben kein Honigschlecken. Viele hatten sich bereits von dir abgewandt, bevor sie dich überhaupt kennenlernten. Damals, als wir uns trafen, war ich sofort tief berührt. Und auch heute noch, wenn wir uns im Traum begegnen, was immer wieder mal vorkommt, ist es sehr vertraut, sehr normal, so, als sei ich nie nach Finnland gezogen und so, als würden wir uns uns immer noch 5 Tage die Woche mehrere Stunden um die Ohren schlagen.

Ich wache auf.
Ich lebe.
Ich schlafe ein.

Und ich sehe dich.
Dich, die Heimat war und ist. Dich, deren Verlust mich Gefühlskapriolen schlagen lässt, auffi und oi und rundummadum, mich derschlagen liegen lässt und mich wieder aufreißt und weiter wirbeln lässt, ohne ein Aussicht auf Ende. Jedes Mal, wenn wir uns im Traum treffen, weiß ich, dass du tot bist. Ich bin dankbar für jede Begegnung mit dir. Für jedes Lachen. Für jede Träne.

Ich wache auf.
Ich lebe.
Ich schlafe ein.

Und ich sehe dich.
Dich, die meine Wegbegleiterin war über Jahrzehnte. Du warst die, die mich laut denken ließ, die mir die Einsamkeit nahm und die mir immer als erste in den Sinn kam, wenn ich etwas erlebt hatte, das geteilt werden wollte. Das war, bevor du dich weggestohlen hast. Heute treffen wir uns manchmal im Traumleben. Ich spüre immer Neugierde, bin immer auch zögernd, und jedes Mal bin ich froh, wenn ich dich und uns laut lachen höre.

Ich wache auf.
Ich lebe.
Ich schlafe ein.

Und ich befinde mich in einem Raum, in dem ich noch nie war. Mit Menschen, die ich nicht kenne. Es gehen hier eigenartige Dinge vor sich, und ich brauche eine Weile, bis ich erkenne, dass es die Zeit ist, die nicht ihren gewohnten Lauf in Richtung Zukunft verfolgt. Die Zeit dreht sich zurück. Und gleichzeitig zur Seite. Die Menschen verwandeln sich sehr, sehr langsam. Werden sie im echten Leben jeden Tag, jede Stunde, jede Minute ein bisschen, ein ganz kleines bisschen älter, was man als Außenstehende ja immer nur schubweise wahrnimmt, so werden sie hier - jünger. Aber das stimmt nicht ganz. Sie werden vielmehr - essentieller. Ihr wahres Sein stülpt sich immer mehr und mehr nach außen. Dementsprechend altern sie auch nicht. Sie werden alterslos. Denn die Essenz, manche nennen es vielleicht die Seele, kennt keine Zeit. Sie kennt kein Alter. Sie ist. Die Menschen in meinem Traum gehen also nicht vor und nicht zurück in ihrer Zeitrechnung, sie gehen einen Schritt zur Seite. Runter vom Zeitstrahl. Hinein in eine andere Dimension. Ich auch?

Ich wache auf.
Ich lebe.
Ich schlafe ein.

Und du erzählst mir von deinen Schwierigkeiten in deiner Partnerschaft. Nicht, dass wir uns im Wachzustand nahe wären. Wir kennen uns, laufen uns manchmal über den Weg. Nicht mehr, nicht weniger. Du erzählst mir also in unserer Traumbegegnung, wie es dir geht, und ich erzähle dir von meiner Familiencoachausbildung und dass ich auf der Suche nach KundInnen bin, die sich mir im Zuge meiner Ausbildung als Testpersonen kostenlos zur Verfügung stellen (was übrigens im wachen Leben auch der Fall ist und falls du interessiert bist, nimm bitte gerne Kontakt auf! 😊). Und dass ich mich gerne zur Verfügung stellen würde, falls du denkst, dass... Du stimmst sofort zu.

Ich wache auf.
Ich lebe.
Ich schließe meine Augen.

Ich spüre die enge Verbindung.
Mit jenen, die waren und sind.
Mit jenen, die mich irgendwann in meinem Leben berührt haben.
Ich spüre die enge Verbindung mit meiner Vergangenheit.
Mit meiner Zukunft.
Mit meinen Träumen.
Mit meiner Essenz.

Nein.
Ich muss nicht einmal schlafen, um dich zu spüren.
Ich muss nur die Augen schließen.
Dich in meinem Inneren zu mir holen.
Oder zu dir gehen.
Dich spüren.
Hören.
Riechen.
Wie geht's dir?
Ja. Ich weiß.
Es ist leicht.
Wenn ich es nur wagte...

Ich schließe mit der Weisheit eines 4-Jährigen:
"Koana måg jeda eppas." (Übersetzung: Es ist nie so, dass alle dasselbe mögen. Aber es ist so, dass jeder etwas eigenes mag.)

Alles, alles Gute für euch!

Pfiat enk und Hej då -
d' Birgit

auch so kann Isolation ausschauen
oder so

Schauts fest auf euch!!!



Freitag, 28. Februar 2020

29.02.20 - Februars Gedanken


Der Elefant hört einen Schrei. Es ist der Zirkusdirektor, der ihm nachruft. Er ist nämlich gar nicht einverstanden mit der Reiselust des Elefanten. Dieser setzt sich in ein Flugzeug nach Afrika. Er möchte seine Verwandten kennen lernen. Dort aber warten Wilderer auf ihn und wollen sein Elfenbein. Er rennt weg, sodass die Erde bebt, die Kugeln fliegen ihm um die Ohren, aber er kann ihnen entwischen. Völlig außer Atem legt er sich auf eine Terrasse am Ufer in Südafrika und schläft ein. Als er aufwacht, stellt er fest, dass die Bretter keine Terrasse waren, sondern ein Boot. Er befindet sich mitten auf dem Meer. Zum Glück liegen die Ruder im Boot. Nachdem er den Sonnenstand und die ungefähre Uhrzeit berechnet, weiß er, wo Norden ist und rudert los. Bald steigt er in London an Land und trifft dort seine neue Freundin.
Und so weiter. Und so weiter.

Wunderbare Geschichten entstehen mit meinen Schülern geradezu aus dem Nichts heraus.
Und diese Geschichten sind es dann auch, die uns verbinden.

Ich mag meine Arbeit. So groß mein Grausen war vor meinem ersten Deutschunterricht hier in Finnland (siehe auch meinen Blogeintrag vom 09.09.16 - "Deutschkurs für schwedischsprachige Finnen"), so sehr überwiegt jetzt meine Freude und meine Lust an dem, was ich tue.
Ich finde es wunderbar, mit dieser Arbeit meine Freude an der Kreativität ausleben zu können. Man kann auf so unterschiedliche Weise Sprache vermitteln und meine Auswahl an Methoden orientiert sich immer an der Frage: Macht es Spaß? Denn ich glaube, dass nur dann etwas nachhaltig hängen bleibt, wenn man mit Freude beim Lernen dabei ist, wenn man lacht und wenn das Gehirn das Gelernte mit etwas Positivem in Verbindung bringt. Dann mag man auch wieder kommen. Und darum geht es mir ja schon auch. Ich hätte natürlich gern, dass meine Schüler und Schülerinnen noch a Zeitl meine Dienste in Anspruch nehmen.

- o -

Ich habe heute in den Todesanzeigen geblättert. Eine Frau ist gestorben. Sie hat in dem Ort meiner Kindheit gelebt.
Ich habe sie noch nie gesehen.
Eine alte Schulkollegin - wobei ich nicht weiß, ob wir in derselben Klasse waren oder nur in derselben Schule - hat im Kondolenzbuch eine Nachricht hinterlassen.
Ich war seltsam berührt.
Dabei wusste ich nicht, woher das kam, bis es mir klar wurde.
Meine alte Schulkollegin hat ihr Leben lang in diesem einen Ort verbracht. Sie ist dort auf die Welt gekommen, ist dort aufgewachsen, ist dort in den Kindergarten und in die Schule gegangen, vielleicht hat sie sogar dort gearbeitet. Außerdem hat sie - so glaube ich - eine Familie gegründet und ist jetzt, ungefähr in meinem Alter, immer noch dort und in ihrem jetzigen Leben angekommen. Und sie hat es trotzdem - und ich sage bewusst trotzdem - geschafft, jemanden kennen- und mögen zu lernen, der weit außerhalb ihres eigenen Alters und vermutlich auch außerhalb ihres Rollenverständnisses als Kind und als junge Erwachsene gestanden war.
Mir war das nie möglich.
Jeder Entwicklungsschritt, der geschehen ist, und der ja oft ganz automatisch geschieht, wenn man jung ist, war bei mir sehr oft verbunden mit zwei Notwendigkeiten. Ohne, dass mir das bewusst gewesen wäre, und ohne dass ich das aktiv so gemacht hätte.
Die eine war, das Neue zu wagen und sich ins Unbekannte vorzutasten (verschiedene Arbeiten, verschiedene Wohnorte, Aufbrüche in diverse Abenteuer), und die andere war, das Alte (Wohnorte, Arbeiten, und leider oft auch Menschen) hinter mir zu lassen und damit abzuschließen.
Ich nehme ein Beispiel. Als ich so zwischen 15 und 18 Jahre alt war, war ich für ein oder zwei Jahre beim Kirchenchor. Mir wurde nahegelegt, ich solle dazugehen, damit ich nicht so am Rand stehen würde. Dort einmal dabei, habe ich sehr darunter gelitten. Ich habe mich klein gemacht, am liebsten unsichtbar. Ich war still, ängstlich und schüchtern. Wenn ich mich heute zurückversetze in diese Zeit, spüre ich immer noch meinen roten Kopf der Scham über mich selbst.
Wie auch immer, ich bin dann weggezogen. Das war mein Befreiungsschlag. Ich habe diese rotköpfige, ängstliche Birgit, die ja auch sonst kaum geschlafen hat, nur sehr schlecht ausgehalten und wollte vermutlich auch deshalb weg (von ihr). Hätte ich mich weiter in diesem Dorf und vielleicht sogar weiter in diesem Chor engagiert, wäre ich immer dieses scheue, ängstliche Wesen geblieben, ohne den Hauch einer Chance, das Selbst zu entdecken. Ich hätte mir selber nie die Möglichkeit geben können, frei zu werden, herumzuprobieren und zu spielen. Ganz abgesehen davon ist es natürlich auch schwierig, neue Ichs zur Entfaltung zu bringen, wenn die ganze Umwelt auf das alte Ich getrimmt ist.
Für mich zumindest.
Ich hatte nie eine andere Chance.

Das Neue beinhaltet immer viele Fragen, die je nach Situation variieren.
Wie kocht man Nudeln?
Wie funktioniert das Leben?
Welche Währung haben sie in Peru?
Wie bin ich glücklich?
Was mache ich, wenn ich einen Patschen im Radlreifen habe?
Wie werde ich meiner Verantwortung, die ich auf dieser Welt und als Mensch habe, gerecht?
Was fressen Flamingos?
Wie sagt man "Danke! Das ist aber nett!" auf Finnisch?
Ist es gerechtfertigt, eine Ausbildung in einem anderen Land zu machen und dabei die Familie für mehrere Wochen alleine zu lassen?

Und all diese Fragen münden schlussendlich in der letzten, der einen großen Frage:
Wie geht sterben?

- o -

Momentan treibt mich aber eine ganz andere Frage herum. Was macht man mit Menschen, die in ihrem Ausdruck und in ihrer Mimik und in ihren Worten völlig bewegungslos sind, wenn man mit ihnen redet?
Das ist im finnischsprachigen Finnland durchaus üblich.
Ich betone deshalb dieses "finnischsprachig", weil mir das mit schwedischsprachigen Finnen noch nie passiert ist.

Vielleicht bringe ich wieder ein Beispiel zur Veranschaulichung.
Eine Veranstaltung am Abend. Ich gehe hin.
Es handelt sich um einen Vortrag, dessen Thema mich sehr interessiert. Während dieses Vortrages gibt es immer wieder die Möglichkeit, mit dem Nachbarn bzw. der Nachbarin zu diskutieren.
Eine unserer Diskussion sieht folgendermaßen aus:
Ich: erkläre wortreich meinen Standpunkt; bin fertig;
Die andere Person: regt keine Miene; schaut;
Ich: denke, sie wartet auf noch etwas; sage mehr;
Die andere Person: verzieht keine Miene; schaut;
Ich: glaube, sie hat mich nicht verstanden; werde ein bisschen nervös; erkläre mehr;
Die andere Person: verzieht keine Miene; schaut;
Ich: habe nichts mehr zu sagen; schaue auch;
Die andere Person: nickt ein bisschen, verzieht immer noch keine Miene;
Ich: warte;
Die Vortragende geht weiter in ihrer Vorlesung.
Ich: bin ihr sehr dankbar und wende mich ihr zu.
Dann erst, und erst dann, flüstert die andere Person mir zu, wie sie es sieht und wie sie das eben Besprochene in ihrem Leben erlebt hat.

Häh???

Keine Spiegelung. Keine Resonanz. Kein Anzeichen, ob das Gesagte angekommen ist oder nicht. Keine Regung der Gesichtsmuskulatur.

Ich empfinde das als höchst befremdlich. Vielleicht auch als unhöflich oder arrogant. 

Gleichzeitig weiß ich aber auch, dass das nicht unhöflich gemeint ist. Es ist so, wie man das hier halt sehr oft macht. Man lässt sich Zeit, man mutet dem anderen keinen Überschwang an Gefühlen zu, man zeigt sich - gut dosiert, oder eben nicht, und man bewahrt auf jeden Fall die Distanz. Das ist wichtig.
Und das ist finnisch. 

Ich habe bereits so manche "finnische" Schüler in meiner Karriere als Deutschlehrerin kennengelernt. Die haben dann gelacht, wenn etwas gerade sehr lustig war, und erst danach, also nach dem Lachen, haben sie gemerkt, dass sie gelacht haben. Und mit einem WUUUUSCH hat die Regungslosigkeit die Herrschaft über das Gesicht zurückerobert gehabt.

Damit hab ich gscheit zu tun. 
In erster Linie ist es nämlich dieses Gefühl in mir, das in solchen Situationen daherkommt und das ich nicht mag.
Wie ein aufgescheuchtes Hendl flattere ich dann in mir drin herum, renne vor und zurück, überlege verzweifelt, was ich noch sagen könnte, sage Sachen, die ich überhaupt nicht sagen möchte, nur um dieses schweigende Sich-Anstarren zu verhindern, kurz: Ich befinde mich in einem absoluten Stresszustand. 

Mein lieber Ehemann hat hierzu einen super Tipp für mich: In den Nachrichten, wenn der Nachrichtensprecher mit einem Auslandskorrespondenten kommuniziert, dann brauchen die Worte ja oft ein Zeitl, bis sie den Angesprochenen erreichen. Dh der Auslandskorrespondent hört auch dann noch zu, wenn der Sprecher schon längst fertig ist mit dem Reden. Und dieser hält ihm das tatsächlich nicht vor. Das muss man sich mal vorstellen! Der Nachrichtensprecher sitzt einfach da und wartet und schaut und vertraut darauf, dass wohl bald eine Antwort kommen wird. 
Fantastisch!
Das möchte ich können!

- o -

Das auffallend Andere an diesem Februar sind die Regengüsse.
Mit der Wucht eines Gewitterregens.
Mit den Temperaturen des Novembers.
So kommt er daher, bleibt, und geht, und nichts, rein gar nichts lässt erahnen, dass wir uns gerade in der Hochzeit des Winters befinden.

- o -

Ein gut durchdachtes, klares Nein platziert an der richtigen Stelle macht groß.

- o -

Wir haben Semesterferien. Die Sonne scheint. Es wird ein bisschen kälter. Manchmal klettert das Thermometer sogar auf die Minusseite. 
Und wir gehen Familien-Eislaufen. Ja. Es gibt Eis auf dem Meer. Ich bin ja immer ein bisschen ängstlich was die Dicke anbelangt. Aber wenn Kalle dabei ist, dann passt das schon. Er kennt sich aus. Und Max ist so cool. Er ist dabei. Mit einer Selbstverständlichkeit und Reiselust (Do, bis zum großn Stoan will i aussi!!!) haut er sich mit seinem Sparkstötting und den Eislaufschuhen ins Abenteuer, dass es nur so eine Freude ist. 
Ich selber stehe noch ein bisschen wackelig auf meinen Kufen, aber wenn ich nicht gerade mit unebenem Eis oder inneren starken Gefühlswallungen beschäftigt bin, dann habe ich richtig Lust. Und wenn ich Kalle zuschaue, wie er über das Eis fliiiiiegt, dann möchte ich nichts lieber, als genau das zu können.
Morgen haben wir unsere erste gemeinsame Eislauftour. Also nur wir zwei Großen. Wir nehmen uns einen guten Kaffee mit, vielleicht eine Schokolade, und dann laufen wir rundummadum, hin und her, und wenn wir Glück haben, finden wir vielleicht sogar eine Insel. Dann setzen wir uns in die Sonne, trinken Kaffee, schließen die Augen... Hm...
Ferien sind wunderbar!

- o -

Mittlerweile ist es kalt geworden. Heute in der Früh zeigt unser Thermometer -13 Grad.
Die Sonne scheint.
Das Feuer brennt im Ofen.
Und ich freue mich auf meinen dampfenden Kaffee.

Liebe Leute, schaut gut auf euch!
Bis in Bälde!

Pfiat enk und Hej då -
d' Birgit







Freitag, 31. Januar 2020

31.01.20 - Achtung!


Was tun, wenn man Missstände aufzeigt und die Verantwortlichen und die Verantwortlichen der Verantwortlichen haben nur ein Achselzucken zur Antwort?

Was tun, wenn man von einem toten Politiker der übelsten Sorte im Traum aufgesucht und in tödlicher Mission verfolgt wird?

Was tun, wenn man einen Kaffee braucht und nur Gschlader findet?

Was tun, wenn Konsequenz Integritätsverletzung bedeutet?

Was tun, wenns kribbelt und wualt und man hat nichts als Wald und Eismeer um sich herum?

Was tun, wenn Sprachlosigkeit das einzig zur Verfügung stehende Kommunikationsmittel ist?

Was tun, wenn der Schmerz über den Tod als Faktum und über das Leid der Sterbenden im Besonderen derart an Größe gewinnt, dass an Schlaf nicht zu denken ist?

Was tun, wenn der Kopf sagt: "Wow, ja. Unbedingt! Volle super!" und der Körper: "Sicher nit!"

Was tun, wenn die Inkompetenz und die psychischen Probleme anderer das eigene Leben derart stark beeinflussen, dass ein freies und selbstbestimmtes Leben verunmöglicht werden soll?

Was tun, wenn man soll und es geht nicht?

Das Leben fühlt sich, wie man den oben formulierten Fragen vielleicht entnehmen kann, momentan durchaus wackelig an.
Doch wir haben Glück. Wir haben uns und unser Daheim.
Zuversicht und Ratlosigkeit, Spaß und Wut, Lust und Fassungslosigkeit wechseln sich ab.
Der Sturm bläst.
Wir halten uns aufrecht.
Wir gehen arbeiten.
Halten fest an unseren Routinen.
Und mit dem Wissen, dass alles vorbeigeht, gemma einfach weiter, Schritt für Schritt.

- o -

Tage sind vergangen.
Und mir fällt eine Geschichte ein, die einmal jemand erzählt hat, von dem ich viel gelernt habe.
Sie erzählt vom Umgang mit schwierigen Situationen und lautet folgender Maßen:

Wir denken uns nach Afrika. Dort sehen wir eine Herde Antilopen. Sie grast, spaziert herum, bis sie den Löwen wittert, der ihr auf der Spur ist. Die Tiere springen und laufen aufgeschreckt davon. Trotz aller Panik ziemlich geordnet, doch eine Antilopenkuh kann nicht mithalten. Sie ist langsamer als die anderen. Der Löwe hat ein leichtes Spiel. Er springt auf sie, rammt ihr seine Tatzen ins Genick, und bringt sie zu Fall. Nach ein paar verzweifelten Zuckern und Sekunden der Todesangst ists vorbei. Sie ist tot, er hat sein Fressen.
Die Herde läuft weiter. Sie kommt zu einem Fluss.
Die Tiere merken, dass der Löwe von ihnen abgelassen hat. Und gleichzeitig stellen sie fest, dass es eine von ihnen erwischt hat.
Was tun sie?
Sie schütteln sich am ganzen Körper.
Sie trinken Wasser.
Und sie gehen weiter.
Der Puls ist wieder auf normales Niveau gesunken.
Sie widmen sich dem, was ihre Aufmerksamkeit abverlangt.

Hier sehen wir ganz deutlich den Unterschied zwischen denen, die beängstigende Situationen, verletzende Aussagen oder Probleme im Kopf immer wieder wiederholen und damit ständig in dieser Ausnahmesituation verweilen, obwohl sie schon längst vorbei ist, und jenen, die in der Situation handeln, und wenn sie vorbei ist, sich dem Leben zuwenden.

Ich wollte mit der Geschichte veranschaulichen, wo wir uns gerade befinden.
Wir sind in der Schüttelphase.
Keiner ist gestorben.
Alles ist gut ausgegangen.
Aber schütteln müss' ma uns trotzdem noch fest.

- o -

Der Kindergarten wollte unter dem Deckmantel "barnens bästa", also "das Beste für das Kind", Max in eine Schublade pressen, wo er ganz klar nicht hineingehört und was ihm seine Zukunft zerstört hätte.
Ist der Titel ein guter, also wie zB "barnens bästa", oder "Tradition und Werte", kann man sich sehr viel erlauben, weil ja grundsätzlich niemand etwas dagegen haben kann. Grenzen werden missachtet, Tatsachen verdreht, Behauptungen aufgestellt, Mängel entdeckt und Maßnahmen entwickelt, und ehe man sichs versieht, findet man sich in Absurdistan wieder und stellt mit erschrecken fest: Das wars. Der Zug ist abgefahren.
Und das wird auch tatsächlich oft so gehandhabt. Und zwar überall dort, wo sich Menschen in einer Machtposition befinden. In sozialen Einrichtungen, in der Politik, in Schulen und Kindergärten, in Familien, in Firmen,...

Es gibt viel Gutes.
Und es gibt das, wo ich nur sagen kann:

Seid auf der Hut!
Und nehmt euch selber ernst!
Und steht für euch und für andere ein!

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit


Und manchmal hilft nur mehr ein Loch:




Montag, 30. Dezember 2019

31.12.19 - Ein Winter in Finnland


Es ist 5 Uhr am Nachmittag.
Die Straßenlaternen leuchten uns den Weg, während die Welt außerhalb des Lichterscheins im tiefen Schwarz versunken scheint. Max ist mit dem Sparkstötting unterwegs, also diesem Ding hier:

Bild vom Dezember 2017

und Kalle und ich gehen nebenher.
Das einzige, das wir hören, sind unsere Schritte im Schnee und das Zawischen des Sparkstöttings.
Wir sehen die letzte Straßenlaterne einige Meter vor uns. Und wir sehen die schwarze Wand hinter der Straßenlaterne.
Max sagt, ui, das wird spannend.
Kalle sagt, wie hell die Sterne leuchten.
Wir kommen von einem Besuch und sind auf dem Weg nach Hause. Es ist kalt. Ich hab die Gespräche im Kopf, das schöne Haus.
Und schon gehen wir direkt rein in die schwarze Wand.
Max sagt, ui, wie dunkel.
Ich schaue zu, wie unsere Schatten sich in die Länge strecken bis sie verschluckt werden von der Dunkelheit.
Und dann sehe ich es auch. Ich sehe, dass die Sterne tatsächlich leuchten. Obwohl sie so klein sind, für uns nicht größer als Punkte, leuchtet der Schnee weiß, er funkelt, und die Welt ist nicht schwarz sondern vielmehr glitzernd, geheimnisvoll, schattenhaft, elegant, stolz.
Max sagt, die Sterne schauen aus wie Augen.
Und die großen Bäume wie Monster.
Ich lache.
Ich atme das Sternenlicht und die Winterluft in mich ein.
Ich möchte meinen Kalle küssen. Genau in diesem einen Moment. Inmitten dieser Winternachtsmagie, in der es nur uns zu geben scheint.
Ich küsse ihn. Spüre ihn.
Max' Freudeschrei reißt uns zurück und verhindert damit erfolgreich ein Ab- und ein Eintauchen, ein Untertauchen...
Kim, Max, tamma juchizen.
Und das tun wir.
Laut. Inbrünstig. Dem Sternenhimmel entgegen und der kalten Winterluft zum Dank.

Manchmal, da mag ich Finnland sehr.

- o -

Das, was ich auch besonders schätze, ist die Kreativität der Finnen. Sie versuchen nicht nur mit Straßenlaternen, die Kilometer lange Lichtbänder durch die Landschaft ziehen, Doppelscheinwerfern an ihren Autos, enormen Parkplatzscheinwerfern, Reflexwesten, Stirnlampen sowie strahlenden Weihnachts- und überhaupt Winterbeleuchtungen der Dunkelheit Herr zu werden, nein, sie setzen auch kleinen Mädchen einen Kranz mit Lampenkerzen auf den Kopf und schicken sie los, um "das Licht zu bringen".
In echt.
Das schaut so aus:

Bildresultat för luciatåg"
Bild entnommen von svenskakyrkan.se

Luciatåget nennt man das. Ein sehr alter Brauch.
Entzückend irgendwie.
Gut dabei ist, dass mittlerweile Elektrizität Einzug gehalten hat. Früher hat man das mit echten Kerzen gemacht.
Mit dieser für dieses Land so wichtigen Tradition wird der Heiligen Lucia gedacht.
Wohlgemerkt:
               -  einem Mädchen, das Italienerin war - sie lebte im 3. Jhdt. in Sizilien - und in keinerlei 
                  Beziehung zu Finnland oder Skandinavien gestanden ist, und
                - in Finnland, das zum allergrößten Teil evangelisch ist und somit gar keine Heiligen
                  kennt.
Aber das alles scheint niemanden zu irritieren. Sie hat ein redliches, braves, christlich reines Leben geführt hat, wollte nicht heiraten und ist irgendwann auf die Idee gekommen ist, dass sie die Hände frei hat, wenn sie sich Kerzen auf den Kopf steckt, um Brotkörbe zu den Armen tragen zu können. Das reicht als Basis für einen landesweiten Ausnahmezustand - auch noch im
21. Jhdt.
Und somit zieht Lucia mit langem, weißem Gewand und Kerzen auf dem Kopf jedes Jahr am
13. Dezember mit allerlei Gestalten wie Wichteln und Sternenträgern durch die Straßen der Dörfer und Städte.
Beinahe jede Stadt, jedes Dorf hat seine eigene Lucia. Und die Wahl steht einer echten Misswahl in nichts nach. Nur dass hier die Missen vielleicht etwas jünger sind und singen können sollen.
Eine Facebookfreundin hat ein Foto von einer Lucia in der Kirche gepostet, aufgenommen von der Empore hinunter ins Kirchenschiff, vermutlich mit dem Standplatz neben der Orgel, und man sieht ein kleines Mädchen von hinten, das runter schaut zum Luciazug.
Dieses Foto wurde kommentiert mit den Worten: Sie, die davon träumt, Lucia zu sein, wenn sie groß ist.
Ich muss zugeben, es fällt mir relativ schwer, an diesem Brauch Gefallen zu finden.
Ich mag nicht, dass schon kleine Mädchen zu Missen herangezogen werden, auch wenn's mit dem Namen Lucia getarnt wird.
Ich mag nicht, dass die Träume eines kleinen Mädchens kaum weiter gehen, nicht weiter gehen können oder sollen als bis zur Lucia. Wo bleibt das Große, der Traum, dessen Wesen ja das Großartige, das Fantastische ist?
Hier kann man und muss man dagegenhalten, dass das Eine das Andere ja nicht ausschließt. Hoffentlich.
Und was ist mit den Jungs? Welcher Traum wird denen vorgegeben? Gibt es einen? Und wenn ja, dreht sich der auch immer nur ums Aussehen?
Es tut mir leid, aber es nervt.

- o -

Ich möchte gern noch etwas zeigen, das für den Winter in Finnland typisch ist.
Nämlich das hier:



Auf diesem Bild sieht man mein Auto. Es parkt auf einem öffentlichen Parkplatz mitten in Vaasa und wartet, bis ich von meiner Arbeit zurückkomme.
Das, was da so schimmert und die Lichter spiegeln lässt, ist Eis.
Zentimeterdickes, glattes, rutschiges Eis.
Und: Nein, da kommt keiner, der Kies oder Salz streut. Der nächste Frühling kommt nämlich bestimmt und dann hat sich das Problem von ganz allein erledigt.
Ich mag Finnland.

- o -

In unserem Ofen hat sich ein Krokodil versteckt. 

Auf seiner langen Reise rund um die Welt hat es sich plötzlich in Finnland wiedergefunden. Und zwar genau in unserem Garten. Komisch, gell?
Wir waren nicht zu Hause, und das Krokodil selbst war ziemlich verdutzt, als es seine Augen aufmachte und nichts als schemenhafte Umrisse im Dunkeln wahrnahm. Große, kantige Dinge, die es nicht zuordnen konnte, Bäume, die sich schwarz dem Himmel entgegenstreckten, wow... Dieser Himmel! Diese Sterne! Tausende und abertausende Sterne funkelten um die Wette und zwinkerten ihm zu.
Ein komisches Geräusch zwang seinen Blick zurück auf den Boden. Was war das? Was klapperte da so? Und wieso taten ihm seine Zähne auf einmal so weh? Waren es tatsächlich seine Zähne, die da aufeinander schlugen? Tatsächlich.
Und wie sein ganzer Körper zu zittern begann. Und seine Füße und der Bauch, die - es musste weg. Sofort! Irgendetwas stimmte nicht. Was war da los? 
Wären wir zu Hause gewesen, dann hätten wir gesehen, wie das Krokodil sich in einer Geschwindigkeit, die man ihm nicht zugetraut hätte, ins Haus stürzte. Mit Sicherheit wusste es nicht, was es tat. Es war ja nur ein Krokodil in Panik. Und das Haus war zufällig gerade im Weg, als es losstürmte. 
Und hier drinnen, ja, hier drinnen erstarrte es zuerst, alle Muskeln angespannt und zum Angriff bereit sollte es denn notwendig sein, bis es beruhigt feststellte, dass kein Tier, kein Mensch und auch sonst kein Leben in seiner unmittelbaren Nähe waren. Es war dunkler als dort, wo das Klapperding ihn überfallen hatte, aber es war wärmer. Viel wärmer. Woher kam die Wärme? Da? War es dieses runde, glatte Ding, das so wohlig warm strahlte? Kann man sich da anlehnen? Oh, ein Loch. Oh, wie fein. Oh, wie ließ sichs hier wunderbar kuscheln. Rasten. Augen zumachen. Genießen. Schlafen.

Wir kamen nach Hause. Unser Besuch war ein gelungener, der Kuss in dieser wunderbaren Winternacht sehr romantisch und der Juchizer ein Lebensschrei, der raus musste, weil innen drin der Platz zu klein war für so große Gefühle.
Es ist schön, nach Hause zu kommen, wenns draußen kalt ist.
Und so war auch dieses Mal so wie jedes Mal, wir machten uns erst mal ein wärmendes, feines Feuer.
Schon Holz im Ofen? Komisch.
Egal.

Mmmmm, herrlich...!

.


- o -

Ich wünsche ein wunderbares, neues Jahr, ihr meine lieben Leserinnen und Leser!
Schauts gut auf euch, auf dass wir auch in Zukunft zuversichtlich und hoch erhobenen Hauptes dem Jetzt und dem Kommenden ins Antlitz zu schauen vermögen.

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit



Sonntag, 1. Dezember 2019

01.12.19 - Pfiati, Omi!


Komm, großer schwarzer Vogel, komm jetzt
Schau, das Fenster ist weit offen
Schau, ich hab dir Zucker aufs Fensterbrett gestreut
Komm, großer schwarzer Vogel, komm zu mir
Spann' deine weiten, sanften Flügel aus
Und leg sie auf meine müden Augen!
Bitte, hol' mich weg von da!

Und dann fliegen wir rauf, mitten in den Himmel rein
In eine neue Zeit, in eine neue Welt
Und ich werde singen, ich werde lachen
Ich werde "Das gibt's nicht!" schreien
Weil ich werde auf einmal kapieren
Worum sich alles dreht

Komm, großer schwarzer Vogel, hilf mir doch
Press' deinen feuchten, kalten Schnabel auf
Meine Wunde, auf meine heiße Stirn
Komm, großer schwarzer Vogel, jetzt wär's grad günstig
Die anderen schlafen grad
Und wenn wir ganz leise sind
Hören sie uns vielleicht nicht
Bitte, hol mich weg von da

Und dann fliegen wir rauf, mitten in den Himmel rein
In eine neue Zeit, in eine neue Welt
Und ich werde singen, ich werde lachen
Ich werde "Das gibt's nicht!" schreien
Weil ich werde auf einmal kapieren
Worum sich alles dreht

Ja, großer schwarzer Vogel, endlich
Ich habe dich gar nicht reinkommen gehört
Wie lautlos du fliegst
Mein Gott, wie schön du bist
Auf geht's, großer schwarzer Vogel, auf geht's
Pfiat enk, ihr meine Berge
Ihr meine Lieben daheim
Bitte, vergesst mich nicht

Auf geht's, mitten in den Himmel rein
Nicht traurig sein, nein, nein, nein, 
Es ist kein Grund zum Traurigsein
Weil ich werde singen, ich werde lachen 
Ich werde "Das gibt's nicht!" schreien
Ich werde endlich kapieren
Ich werde glücklich sein

(Ludwig Hirsch, leicht abgeändert)



Ich wünschte, ich könnte die Zeit anhalten, das Leben.

Ich möchte nicht darüber reden, wie sich das für den Lachs anfühlt, der gerade gestrandet ist und von der blutrünstigen Spinne, die am Strand auf ihn wartet, angegriffen wird (Max' soeben entdecktes und für eine Diskussion wert befundenes Kopfabenteuer).
Ich möchte nicht darüber nachdenken, was wir zu essen kaufen müssen.
Ich möchte nicht mit anderen Eltern über ein total verschrobenes und abstruses Kindergartensystem diskutieren.
Ich möchte nicht eine Frage zu meinen Halsschmerzen gestellt bekommen.
Ich möchte nicht meinen Koffer auspacken.
Ich möchte nicht schlafen gehen.
Ich möchte nicht wieder aufstehen.
Ich möchte nicht arbeiten.
Ich möchte nichts müssen, nur dürfen.
A bissl lei.
Bitte.

Meine Omi ist tot.
Und alles, was ich möchte und was ich brauche, ist eine Höhle, in die ich mich zurückziehen kann und in der ich so lange verweilen kann, bis es wieder gut ist. Bis ich fertig geweint habe. Bis alle Bilder so oft und so lange an mir vorbeigezogen sind, dass ich sie nicht mehr festhalten will. Bis alle Gedanken ihre Ruhe finden.
Eine Höhle, in der ich nichts anderes tun muss als schlafen, weinen und manchmal was essen. Das wäre schön.

Ich habe Angst, liebe Omi, dass ich deinen Geruch vergesse. Deinen wunderbaren Geruch, der mich seit klein auf eingehüllt hat in eine Wolke aus Geborgenheit und Daheimsein.
Gerüche kann man nicht fotografieren, einfrieren, verwahren. Sie verflüchtigen sich mit ihrem Träger. Und die Welt ist um eine Duftnuance ärmer.

Ich habe auch Angst, dass ich deine Stimme vergesse, dein echtes Lachen. Wie eine Ertrinkende etwas sucht, an das sie sich klammern kann, versuche ich, mir immer wieder etwas von dir Gesagtes in Erinnerung zu holen. Nicht, dass mein Gehirn den Klang deiner Stimme jetzt schon nicht mehr reproduzieren könnte. Aber prophylaktisch, für dann, wenns dann so weit ist. So wie das Vorschlafen vor einem anstrengenden Wochenende oder das Anessen einer Reserve für kommende karge Zeiten.

Verzweifelte Versuche, festzuhalten.
Kaltes Wissen, dass genau das nicht geht.

Liebe Omi, Pfiati Gott!
Soll ich's echt sagen?
Gut.
Ich sags.
Lebe wohl im schönen Tirol!
Unser alter Abschiedsgruß. Stets im Spaß gemeint, immer begleitet von unserem lauten Lachen.
Er passt nicht mehr, und doch passt er besser als je zuvor. Ich weiß auch nicht warum.

Deine Birgit


PS: Seit du tot bist, fühlt sich das Sterben nicht mehr so bedrohlich an.