Sonntag, 1. Dezember 2019

01.12.19 - Pfiati, Omi!


Komm, großer schwarzer Vogel, komm jetzt
Schau, das Fenster ist weit offen
Schau, ich hab dir Zucker aufs Fensterbrett gestreut
Komm, großer schwarzer Vogel, komm zu mir
Spann' deine weiten, sanften Flügel aus
Und leg sie auf meine müden Augen!
Bitte, hol' mich weg von da!

Und dann fliegen wir rauf, mitten in den Himmel rein
In eine neue Zeit, in eine neue Welt
Und ich werde singen, ich werde lachen
Ich werde "Das gibt's nicht!" schreien
Weil ich werde auf einmal kapieren
Worum sich alles dreht

Komm, großer schwarzer Vogel, hilf mir doch
Press' deinen feuchten, kalten Schnabel auf
Meine Wunde, auf meine heiße Stirn
Komm, großer schwarzer Vogel, jetzt wär's grad günstig
Die anderen schlafen grad
Und wenn wir ganz leise sind
Hören sie uns vielleicht nicht
Bitte, hol mich weg von da

Und dann fliegen wir rauf, mitten in den Himmel rein
In eine neue Zeit, in eine neue Welt
Und ich werde singen, ich werde lachen
Ich werde "Das gibt's nicht!" schreien
Weil ich werde auf einmal kapieren
Worum sich alles dreht

Ja, großer schwarzer Vogel, endlich
Ich habe dich gar nicht reinkommen gehört
Wie lautlos du fliegst
Mein Gott, wie schön du bist
Auf geht's, großer schwarzer Vogel, auf geht's
Pfiat enk, ihr meine Berge
Ihr meine Lieben daheim
Bitte, vergesst mich nicht

Auf geht's, mitten in den Himmel rein
Nicht traurig sein, nein, nein, nein, 
Es ist kein Grund zum Traurigsein
Weil ich werde singen, ich werde lachen 
Ich werde "Das gibt's nicht!" schreien
Ich werde endlich kapieren
Ich werde glücklich sein

(Ludwig Hirsch, leicht abgeändert)



Ich wünschte, ich könnte die Zeit anhalten, das Leben.

Ich möchte nicht darüber reden, wie sich das für den Lachs anfühlt, der gerade gestrandet ist und von der blutrünstigen Spinne, die am Strand auf ihn wartet, angegriffen wird (Max' soeben entdecktes und für eine Diskussion wert befundenes Kopfabenteuer).
Ich möchte nicht darüber nachdenken, was wir zu essen kaufen müssen.
Ich möchte nicht mit anderen Eltern über ein total verschrobenes und abstruses Kindergartensystem diskutieren.
Ich möchte nicht eine Frage zu meinen Halsschmerzen gestellt bekommen.
Ich möchte nicht meinen Koffer auspacken.
Ich möchte nicht schlafen gehen.
Ich möchte nicht wieder aufstehen.
Ich möchte nicht arbeiten.
Ich möchte nichts müssen, nur dürfen.
A bissl lei.
Bitte.

Meine Omi ist tot.
Und alles, was ich möchte und was ich brauche, ist eine Höhle, in die ich mich zurückziehen kann und in der ich so lange verweilen kann, bis es wieder gut ist. Bis ich fertig geweint habe. Bis alle Bilder so oft und so lange an mir vorbeigezogen sind, dass ich sie nicht mehr festhalten will. Bis alle Gedanken ihre Ruhe finden.
Eine Höhle, in der ich nichts anderes tun muss als schlafen, weinen und manchmal was essen. Das wäre schön.

Ich habe Angst, liebe Omi, dass ich deinen Geruch vergesse. Deinen wunderbaren Geruch, der mich seit klein auf eingehüllt hat in eine Wolke aus Geborgenheit und Daheimsein.
Gerüche kann man nicht fotografieren, einfrieren, verwahren. Sie verflüchtigen sich mit ihrem Träger. Und die Welt ist um eine Duftnuance ärmer.

Ich habe auch Angst, dass ich deine Stimme vergesse, dein echtes Lachen. Wie eine Ertrinkende etwas sucht, an das sie sich klammern kann, versuche ich, mir immer wieder etwas von dir Gesagtes in Erinnerung zu holen. Nicht, dass mein Gehirn den Klang deiner Stimme jetzt schon nicht mehr reproduzieren könnte. Aber prophylaktisch, für dann, wenns dann so weit ist. So wie das Vorschlafen vor einem anstrengenden Wochenende oder das Anessen einer Reserve für kommende karge Zeiten.

Verzweifelte Versuche, festzuhalten.
Kaltes Wissen, dass genau das nicht geht.

Liebe Omi, Pfiati Gott!
Soll ich's echt sagen?
Gut.
Ich sags.
Lebe wohl im schönen Tirol!
Unser alter Abschiedsgruß. Stets im Spaß gemeint, immer begleitet von unserem lauten Lachen.
Er passt nicht mehr, und doch passt er besser als je zuvor. Ich weiß auch nicht warum.

Deine Birgit


PS: Seit du tot bist, fühlt sich das Sterben nicht mehr so bedrohlich an.

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