Mittwoch, 26. Dezember 2018

26.12.18 - Here comes the sun


"Es ist mir ein Rätsel, wie Menschen so sehr ihre eigene Sterblichkeit verdrängt haben, dass sie so etwas wie Langeweile überhaupt empfinden können."

Dieses Zitat stammt von meiner Neuentdeckung des Jahres, der wunderbaren Lisa Eckhart.


Wir schreiben den 21. Dezember. Die dunkelste Nacht. Zugleich der dunkelste Tag.
Es ist Morgen.
Meine beiden Lieblingsmenschen schlafen noch. Es gibt nichts zu versäumen.
Das Feuer knistert im Ofen.


Ich habe gestern ein Foto gesehen vom Innsbrucker Christkindlmarkt. Blauer Himmel. Sonnenschein. Schnee. Ein Schauer ist mir über den Rücken gerannt. Gibts das wirklich?


Ich befinde mich in dieser Zwischenwelt, die ich Noch-nicht-Schlaf-aber-schon-nicht-mehr-Wachzustand nenne.
Ich atme.
Vielmehr: es atmet.
Die Wärme legt sich wohlig um meinen Körper.
In meinen Körper.
Der Bauch hebt sich.
Senkt sich.
Das fahle Tageslicht dringt durch meine Augenlider.
Ich sinke weiter.
Tiefer.
Ich spüre meine Muskeln.
Sie vibrieren.
Sie arbeiten.
Auch wenn sie sich grad überhaupt nicht bewegen.
Meine Hände auf meinem Bauch sind warm.
Halten sich aneinander fest.
Die Lider liegen schwer auf meinen Augen.
Halten mich außen vor.
Luft strömt ein.
Aus.
Kriecht in alle Winkel meines Körpers.
Ein wunderbares, friedvolles, glückliches Gefühl legt sich um mich.
Umarmt mich.
Wird ich.

Im nächsten Augenblick spür ichs, körperlich:
Irgendwann werd ich es nicht mehr spüren.
Ich werde nicht mehr meinen Atem spüren, wie er durch meinen Körper strömt.
Ich werde nicht mehr meine Beine spüren, wie sie sich wohlig strecken und schwer auf ihrer Unterlage liegen.
Meine verschränkten Hände werd ich nicht mehr spüren.
Das Kitzeln eines vorwitzigen Haares auf meinem Nasenflügel - auch nicht.
Dieses wohlige Gefühl von schläfriger Wärme - nein.
Es wird diesen Körper nicht mehr geben.
MICH - wirds nicht mehr geben.
Nicht einmal mehr für mich.
...


Max kommt um die Ecke gelaufen.
Maaaama! Schau!


Das ist das Bild einer Katze, die schon weggegangen ist. Sie war da, hinter diesem dunklen Fleck. Aber dann ist sie weggelaufen. 


Erst heuer ist mir klar geworden, dass Weihnachten hier in Schwedenfinnland etwas völlig anderes ist als in Österreich. Also, wirklich ein anderes Fest. Es heißt nur gleich und wird zufällig am gleichen Tag gefeiert.
Es hat angefangen mit einem Weihnachtsbuch, das ich für Max gekauft habe. Es war eine CD beigelegt mit den typischen schwedischen Weihnachtsliedern. Ich hab sie eingelegt, und mich hats aus den Socken gehauen. Wie lustig die waren. Wie schwungvoll. Wie verrückt. Ein Fuchs, der übers Eis rauscht, ein Karussell, das einen mitnimmt, wenn man sich nur beeilt, die Mama, die den Weihnachtsmann küsst, Musikanten, die übers Land ziehen und tanzen, eine Frau, die sich im Meerwasser wäscht, und so weiter und so fort. Fantastisch!
Wir konnten gar nicht anders als mittanzen und mitsingen.
Und ich begriff: Weihnachten muss nicht nur stimmungsvoll und getragen und besinnlich und ruhig sein. Man darf auch Spaß haben!
Schräge Vorstellung, oder? 
Das nächste: Weihnachten wird immer mit ganz vielen Menschen gefeiert. Im Idealfall. Da kommen dann alle zusammen. Die eigene Familie sowieso, und dann noch die Geschwister mit ihren Familien, die Eltern und die Schwiegereltern, vielleicht noch irgendwelche Cousinen und Cousins, Opas, Omas, ja, alles, was sich halt irgendwie "verwandt" fühlt. Und der Mittelpunkt dieses Treffens sind die schönen, eigens für dieses Fest gekauften Kleider und der berühmte "julbord", das Essen. Man isst, packt Geschenke aus, isst, und isst dann noch a bissl.
Bis alle müde sind und nach Hause oder auf die Couch rollen.
Schön? Ja, vermutlich eh. Ich kenns halt nur nicht.
Und drittens: Der Weihnachtsmann. Er kommt in den Kindergarten, in die Schule, er fährt mit dem Zug, er steht vor und in Geschäften, kurz: er ist omnipräsent. Die ganze lange Adventszeit lang.

Eine Weile war ich glühende Befürworterin dieses etwas anderen Weihnachtens. Für ein paar Tage.
Ich fand es fantastisch. Diese andere Sichtweise. Diese Leichtigkeit. Diese Fröhlichkeit.
Bis der Weihnachtsmann angefangen hat zu nerven. Im Adventkalender taucht er hinter fast jedem Türl auf. In jedem Weihnachtsbuch, am Geschenkstresen, überall nur weiß umrandeter roter Plüsch.
Tschuldigung, aber wie passt der da eigentlich dazu zu diesem Weihnachten? Wir kennen ja alle diese Geschichte von Bethlehem und Jesus. Und der Schritt zum Christkind ist dann nicht mehr weit. Nur, wo ist da der Weihnachtsmann? Antwort: Nirgends! Der hat seine ganz eigene Geschichte. Mit Wichteln und Rentieren und Schlitten.
Das heißt also, dass man hier in Finnland (und an den meisten anderen Orten dieser Welt) zwei völlig unterschiedliche Dinge feiert. Am selben Tag und unter dem selben Namen, nur mit gänzlich verschiedenartiger Inhaltlichkeit.
Das passt ja auch. Es ist nur ein bisschen verwirrend, find ich. Ich für meinen Teil mag es gern, eine Sache zu haben, worauf ich mich konzentrieren kann.

Man merkt, ich bin kein Fan des Weihnachtsmannes.
Aber um das festzuhalten: Vom Christkind auch nicht.
Es ist mir nur näher.
Und das ist einzig und allein meiner Geschichte geschuldet.


Gestern waren Max' Brüder und seine Schwester mit ihren Familien eingeladen bei uns, um mit uns eine Art Vor-Weihnachten zu feiern.
Wir waren fertig mit den Vorbereitungen.
Setzten uns nieder.
Warteten auf unsere Gäste.
Mit einem Kaffee in der Hand schaute ich aus dem Fenster.
Dicke Schneeflocken fielen langsam und sacht vom Himmel.
Und da wurde mir wieder einmal klar: Woll, woll, ich bin schon Tirolerin.
Ich mag Spaß und Tanz und Freude sehr.
Aber nicht zu Weihnachten.
Da mag ich es gern still und sacht und geheimnisvoll.
Nicht mit dem Christkind. Aber auch nicht mit Gepolter und "Ho, ho, ho!". Sondern mit dicken Schneeflocken, Feuer im Ofen, wenig Menschen, wenig Essen, gemütliche Kleidung und ganz viel Platz für Nähe, Spontanes und Gefühle.

Max, der Glückspilz, er darf beides erfahren. Großes Treffen mit vielen fröhlichen Menschen und kleines, gemütliches Familienfest. Und er darf in beidem seine Heimat finden.


Liebe Leser, liebe Leserin!
Ich wünsche einen guten, runden Abschluss des alten Jahres. Und viel Freude und Bewegung im neuen Jahr.
Danke fürs Dabeisein.
Danke fürs Lesen.
Danke für die motivierenden, herzerwärmenden Feedbacks!

Bis zum nächsten Jahr!
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit


Jedes Jahr aufs neue: Here comes the sun, düdl-dü-dü!



Freitag, 30. November 2018

30.11.18 - Novemberrückblick


Das war er also, der November.

Kontinuierlich, mit höchster Präzision und Beharrlichkeit, klettert die Summe der Lichtstunden die Leitersprossen hinab. Wenn jede Sprosse eine Minute darstellt, dann sind es mit jedem Tag 4 bzw. 5 Minuten, die sich kampflos und gefügig der Dunkelheit hingeben. Das macht in ca. 12 Tagen eine ganze Stunde weniger an Licht, oder man kann auch sagen: eine ganze Stunde mehr Dunkelheit. Momentan (heute haben wir den 26.11.) stehen wir bei Sonnenaufgang um 9:25 Uhr und bei Sonnenuntergang um 15:12 Uhr. Morgen: 9:28 vs. 15:10 Uhr. 25 Tage geht das noch so. Am Ende dieser Leiter, dann, wenn die Dunkelheit den Tag sich einverleibt hat, die Nacht am längsten ist, die Tiere reden können und magische Kräfte sich ungehindert des Landes und seiner Lebewesen bedienen, dann, wenn sich die Schwärze kaum mehr als 4 Stunden am Tag zurückzieht und der Dämmerung weicht, dann war das für frühere Menschen so bedrückend, so beängstigend, dass sie gar den Göttern Opfer (Schafe, Kühe, Pferde, Schweine, ja manchmal sogar Menschen - siehe auch sv.wikipedia.org/wiki/Midvinterblot) dargebracht haben, nur dass bitte, bitte das Licht zurückkehren möge. Heute macht man das ja nicht mehr, glaube ich zumindest, aber ein mulmiges Gefühl bleibt bestehen.

Trotzdem. Für mich gibt es keinen Grund zur Klage. Wir haben ein kuschelig-warmes Haus, selbst gemachten Honig aus Löwenzahnblüten, die wir im Frühling gepflückt haben (mmmm, wie gut der Frühling schmeckt!), arbeitsmäßig viel zu überlegen und zu tun, was den Geist beweglich bleiben lässt, frostige, klare Luft, die die Lungen bis ins letzte Eck ausfüllt und erfrischt, einen reinen Paarabend in naher Zukunft zum Draufhinfreuen, Herz und Geist erwärmende Musik im Auto, fantastische Mond- und Sternenhimmel und immer wieder kostbare Stunden der Freude an- und miteinander. Außerdem darf unser Blick fliegen ohne an Hausmauern anzustoßen (wenn er denn etwas sieht), unser Sekundenglück (Danke, H.G., für dieses Wort!) darf sich in laut ausgestoßenen Juchizern entladen ohne menschliche Irritation zu erzeugen und nichts, rein gar nichts mehr spricht gegen die Metamorphose Mensch - Couchpotato. 

Und ich lese.
Lese von Sophie Scholl.
Von Kiruna, einer Stadt in Schwedisch-Lappland, die komplett umgesiedelt wird. Dem Bergbau ists geschuldet.
Vom Einsatz der Stimme.
Von jemandem, dem ein Syndrom bescheinigt wird, dass zur Folge hat, dass die betroffene Person in naher Zukunft nicht mehr sehen und nicht mehr hören wird können.
Ich lese Södergran und de Beauvoir.
Und ich lese die hiesige Tageszeitung, die mich plötzlich auf den Namen einer längst vergessenen Pilgerweggefährtin hinweist. Sie wohnt grad ums Eck.
Ich lese über Kommunikation in der Geschäftswelt.
Und über die Anwendung des Modalpartikels "ruhig" in der deutschen Sprache.
Ich lese Die Zeit und die Nachrichten im Internet.
Und immer wieder komische, lustige, blöde, interessante, tratschige Dinge in Facebook.
Und leider wieder überhaupt nicht Finnisch. Pffff....
Aber dafür alles gleichzeitig. Nebeneinander. Zwischendurch. Übereinander. Konzentriert. Nebenbei. Immer nur a bissl. Im großen Stück.
Im Gehirn vermischt sich alles zu einer einzigen großen Masse.
Und ich tauche ein, versinke, ...

Wunderbare dunkle Zeit!

ABER: Da ist ja mein Max! Auf ihn ist Verlass. Er zieht mich raus. Raus aus meinem Gehirn. Raus in die Welt. Rein in den klirrenden Winter. Rein ins Da. Rein ins Jetzt.

Und wir schöpfen Schnee. Wir spielen Vogel. Wir spazieren. Wir wundern uns, wo denn der Sommer hinverschwunden ist. Wir spüren den Wind und sehen den Vögeln nach. Und freuen uns über den Schwarzspecht, der schon wieder einen Zapfen fallengelassen hat. Ei, ei, ei, ei, deasn Specht! Und wir spielen fangen und Zug. Und bevor ma einigehn in die Wärme, juchizma so, dass Finnland in seinen Grundfesten erschüttert wird.

JUUUHUHUHUII!!!!




Oft treibt mich gerade jetzt in diesem Herbst und Winter die Frage um, warum manche Menschen die Frage nach dem Warum kaum bzw. nur sehr schlecht aushalten. Es ist tatsächlich verwunderlich oder auch irritierend, wieviel Aggression bzw. Rechtfertigung dieses kleine Wort auslösen kann.
Nie, wirklich nie ist die Frage "Warum?" meinerseits gedacht als ein Angriff, zumindest setze ich diese nie bewusst als vermeintliche Waffe ein. Sie ist vielmehr Ausdruck meines Interesses. Ich möchte und muss manchmal verstehen, wieso etwas so ist wie es ist. Und ich brauche Informationen, um Entscheidungen treffen zu können.
Ich beobachte dieses Phänomen im privaten Bereich ebenso wie im öffentlichen. Erst vor kurzem hatte ich ein Gespräch mit jemandem, der aufgrund seiner Position für uns als Familie wichtig ist. Wir redeten, und ich fragte: "Warum ist das so?" Während die Person sich sichtlich um eine Antwort bemühte, wurde ihre Stimme laut, der Tonfall grantig, das Gesicht rot und die Augen groß. Nur Antwort habe ich leider keine erhalten.
Als sehr gutes Beispiel dient aber auch wurscht welches Interview mit wurscht welchem Vertreter der aktuellen österreichischen Bundesregierung an. Das Gift, das diese Menschen versprühen, nimmt beängstigende Ausmaß an.
Und derweil will man nicht mehr wissen als: Warum?

Aber, ich muss zugeben, ich kenne das ja eh auch. Als Kind und auch noch als junge Erwachsene nahm ich ein "Warum?" als ein In-Frage-Stellen meiner Person als Ganzes wahr. Das war einerseits meiner eigenen Unsicherheit geschuldet und andererseits musste ich auch erst lernen, Kritik und Interesse zu unterscheiden.

Aber - geht es wirklich den anderen auch so? Ist das denn überhaupt möglich, dass alle diese Personen unter geringem Selbstwert leiden?
Und wenn ja, muss man da nicht etwas dagegen tun?!

Max befindet sich gerade in der "Warum?"-Phase. Ein Beispiel eines tatsächlich stattgefundenen Dialogs:
Kalle kommt um 3 in der Nacht vom Arbeiten heim.
Wir frühstücken.
Max: Papa, wie gehts dir heute?
Kalle: Ziemlich gut. Ein bisschen müde. Aber sonst gut.
Max: Warum bist du müde?
Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass spätestens hier manche nur mehr rot sehen. Und dementsprechend destruktiv reagieren.
Kalle sagt: Weil ich heute so spät nach Hause gekommen bin und nur wenig geschlafen habe.
Und damit hat sichs.
Und Max weiß nun, warum Papa müde ist.

Wir möchten, dass Max alles erfahren darf, was er wissen möchte.
Er soll von uns nicht hören: "Dafür bist du noch zu jung!" oder "Sei endlich mal still. Du nervst!". Er soll weder ausgelacht noch geschimpft werden dafür, dass er eine Frage stellt.

Wenn man bereits als Kind die Erfahrung macht, dass es in Ordnung ist, Fragen zu stellen, wenn man also das Fragen an sich als etwas Positives erlebt, dann glaube ich, dass man zum einen die grundsätzliche Neugier am Leben nicht verliert, was die Lebenszeit hier auf Erden wesentlich bunter und spannender macht, und zum anderen eignet man sich Wissen an. Derjenige, der über vielfältiges Wissen verfügt, kann sich souverän durch die Gezeiten bewegen. Und ganz von selbst und nebenbei nimmt man etwas Unbezahlbares mit in sein Erwachsenenleben. Man entwickelt jene Stärke und Sicherheit, die man braucht, um Fragen als Fragen zu hören und Kritiken als Kritiken. Man lernt, beides zu unterscheiden, sieht keinen Anlass, sich von diesem oder jenem aus der Bahn werfen zu lassen und kann vielmehr gezielt und adäquat reagieren. Und somit die Richtung bestimmen.

Das alles kann man sich natürlich auch später noch aneignen.
Doch wenns so geht, dann bitte - sehr gern.

Habts an schönen Advent!

Pfiat enk und Hej då!
d'Birgit

Papa, warum verwendest du eigentlich deine Kaffeetasse als Regentonne?






Mittwoch, 31. Oktober 2018

31.10.18 - Oktobereinblicke


Ich hatte nie die Möglichkeit, meine Schwiegereltern kennenzulernen. Kalles Papa ist bereits vor vielen Jahren gestorben, weit vor meiner Zeit, und Kalles Mama hab ich zwar getroffen, wir konnten uns aber leider nicht unterhalten, weil ich damals noch kein Schwedisch gesprochen hatte. Kurz nach unserem Kennenlernen ist auch sie gestorben.

Diesen Umstand tut mir leid. Nicht nur, dass mir dadurch verwehrt wird, einen Blick auf Kalles Vergangenheit über seines Eltern Augen zu werfen, es bedeutet auch, dass Max keine Großeltern in seinem Heimatland hat. Das ist eine Lücke in vielfacher Hinsicht.

Wir haben uns arrangiert. Natürlich.

Vor einigen Wochen nun sind Max und ich in die Bibliothek gefahren. Wir leihen uns dort regelmäßig Bücher aus. Das ist eine schöne Abwechslung für so manchen verregneten Tag.
Sobald wir unseren Fuß in die Bibliothek gesetzt haben, ist Max auch schon in "seine" Spieleecke gerannt, ist dort herumgehüpft und hat Traktoren und Viecher mit seiner Phantasie zum Leben erweckt. Ich hingegen bin herumgestreunert von Buchregal zu Buchregal, hab gestöbert, geblättert, da und dort a bissi gelesen, alles, was man halt so tut in einer Bibliotek. Bald schon habe ich mich in der Biografieabteilung wiedergefunden. Ich bin schon seit längerem auf der Suche nach einer Biografie von Tove Jansson. Tove Jansson ist so etwas wie die finnische Astrid Lindgren. Nur dass ihre Bücher viel subtiler, viel entspannter und viel phantasiereicher sind als jene von Lindgren, wie ich finde. Ich mag ihre Art, mit Worten umzugehen und ich mag ihre selbst gestalteten Illustrationen. 

Plötzlich sticht mir dieses Buch hier ins Auge:



Elly Sigfrids.
Kalles Mama.
Ihres Zeichens Lehrerin, Politikerin, Schriftstellerin, eines Priesters Ehegattin, Mutter. 

Dieses Buch heißt "Ganz draußen im Meer" und handelt von ihren 5 Jahren auf der Insel Norrskata, wo ihr Mann eine Priesterstelle bekommen hat und sie selber zu ihren zwei Töchtern noch zwei Söhne. Das Buch ist angereichert mit Familienbildern und Anekdoten. 

Oh, wie mein Herz zu schlagen angefangen hat! Ich begann zu blättern. Da war Kalles Papa, den ich bisher nur als alten Mann auf Fotos gesehen hab als junger, fescher Kerl, Kalles Oma, von der ich viel gehört hab, mit Kalle auf dem Arm, da war das Haus, in welchem er seine ersten Jahre verbrachte,... Außerdem wird geschildert, wie man sich mit Essen versorgt hat oder wie Arztbesuche ins weit entfernte Turku auf dem Festland bewerkstelligt wurden, von Festen wird ebenso berichtet wie von Krankheiten, die Dorfbewohner erwachen wieder zum Leben, Besucher bringen Fische, die Töchter stellen herausfordernde Fragen, die Elly versucht, so gut wie möglich zu beantworten,...
Endlich, endlich hat sich eine Möglichkeit aufgetan, Elly doch noch erzählen zu lassen und ihr zuzuhören. 

Danke, liebe Schwiegermama, für dieses Buch!


Von Elly, die weit über 90 Jahre alt geworden ist, ist der Schritt zum Thema Alter nur ein kleiner.
Vielen Frauen, also hauptsächlich Frauen, berichten ja von der 40er- bzw. der After-40er-Krise.
Ich hab das überhaupt nicht. Seit ich 40 bin, fühlt sich mein Leben stimmig und rund an. Ich bin im Frieden.

Ja, ja, es stimmt schon. Das Ende naht. Mit jedem Atemzug.

..."doing nothing but aging"... (G.H.)

Die ersten Haare werden grau, Falten haben sich bereits eingegraben ins Gesicht, ausgehen kann ich gar nicht mehr, weil ich um spätestens 21.00 Uhr todmüde bin, Krach macht mich nervös und wenn ich mich in einer Gruppe von Menschen befinde, gehöre ich mit Sicherheit nicht mehr zu den Jungen.
Aber ich mag es. Ich bin entspannter, zufriedener, klarer und weniger streng mit mir selber. Es gibt immer weniger Dinge, die ich unbedingt noch tun muss (zB nach Südamerika fahren, ein Kind bekommen oder cool sein) und immer mehr Dinge, die ich genieße.
Es hat also, wie alles andere auch, seine Vor- und seine Nachteile.

Vor ein paar Tagen war ich bei einer Physiotherapeutin. Wegen meinem Arm.

Das Gesundheitssystem in Finnland sieht keine Akutbehandlung vor (außer Schmerzmittel natürlich), vielmehr handelt es sich bei Physiotherapie um eine vom Staat gütigerweise angeboteten Art der Nachbehandlung. Wenn also schon alles vorbei ist, Wochen später, bekommt man einen Anruf zur "Nachbehandlung". Man darf sich natürlich schon vorher auch selber einen Physiotherapeuten suchen, nur muss man dann auch selber fürs ganze Honorar aufkommen, wohingegen man einen Teil von der Krankenkasse rückerstattet bekommt, wenn man brav wartet, bis man angerufen wird.

Nein, nein. Ich wundere mich nicht. Das ist die hiesige Realität, die ich so nehme, wie sie ist. (Und über die ich mich manchmal so ärgere, dass ich gar nicht anderes kann als schimpfen, schimpfen und noch mal schimpfen. In tiefstem Tirolerisch. Herrlich!)

Diese Physiotherapeutin war gut. Und nett. Und jung. Und sportlich. Nach einer Weile des Überlegens und Nachdenkens hat sie Folgendes gesagt: "Du brauchst dich eigentlich nicht wundern. Du bist jetzt 41. Mit dem Alter kommt manchmal einfach etwas daher."

Bum.
Das hat gesessen.

Das erste Mal in meinem Leben wurde eine körperliche Beschwerde mit meinem Alter erklärt.
Wie war das gleich noch mal?
Ich mag es, schon so alt zu sein???
Ja. Eh.
Aber...

Nein. Es passt schon.
Ich schau mich jetzt a bissl um, welche Angebote für ältere Menschen es hier so gibt. Ich hab gehört, die sollen ein ganz nettes Altersheim in Vasa in Planung haben, wo man gar nicht mehr merkt, dass man in einem Altersheim ist, weil man eine ganze Wohnung für sich selber hat und weil man gehen und kommen kann, grad so wie man will.
Außerdem gibts nette Treffen für ältere Menschen in einem unserer Nachbardörfer immer am ersten Sonntag des Monats. Da wird gebastelt und gesungen und Kaffee gibts gratis dazu.
Und diese flotten Rollatorenflitzer, mit denen man mit wehendem Haar die Hügel runterpfeifen kann, die find ich schon auch sehr cool.


Relaterad bild
lovangersmaskin.se


Auf in die goldenen Jahre :-)!

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit


Samstag, 29. September 2018

30.09.18 - Septemberblog


"Prost, lieber H.! Mochsch es guat! Es tuat ma so load. Pfiati!"
"Auf di, liebe M.! Mochsch es du a guat. Danke! Es war schen mit dir!"

Dabei sitz ich auf unserer Eckbank in der Küche, eine Kerze brennt, vor mir die Flasche mit dem Zirbenschnaps. Ich schenke mir ein kleines Stamperl ein und nach am Zeitl des Sinnierens und Spürens und Denkens und Verbindens mit der betroffenen Person sag  ich "Pfiati!" und leere es. Auf ihr Wohl. Auf unsere Begegnung. Auf das, was diese Person in mir ausgelöst und gesät hat. Auf ihren Schritt ins Andere. 
Einmal. Für H.
Noch einmal. Für M.
Und dann noch einmal. Für E., der gern gestorben wäre, es aber nicht geschafft hat.

Das ist mein Ritual, um jenen Menschen, welche gestorben sind (seit einiger Zeit stirbt man ja nicht mehr, man ver-stirbt, was ein beachtlicher Unterschied ist), meine letzte Ehre zu erweisen. 

Das hilft mir. 
Ich muss nicht vor Ort zu sein, um mich zu verabschieden.  
Aber ich muss mich verabschieden können. Bewusst.
Dann, und nur dann kann ich gut weitergehen. 


Und so gehe ich weiter mit meiner Familie und einer gemeinsamen Freundin. Wir suchen die Lebens- und Wirkstätten des kleinen, ungefähr 7 Jahre alten Kalle auf. Wir machen eine Kaffeepause an einer Ruine, die vor langer, langer Zeit, um genau zu sein vor dem gewaltigen Brand, der ganz Vaasa zerstört hat, eine Kirche war. Wir ratschen, Max kraxelt herum, wir trinken Kaffee, und wir beobachten. Uns fällt auf, dass es hier sehr viele Frauerl und Herrerl mit ihren Hunden gibt. Ich mein, ja, eh, gibts ja überall. Aber ausschließlich? Und alle gehen sie rein in die Ruine. 
Ich werde neugierig.
Pirsche mich an.
Schaue über die Mauer.
Sehe nichts. Die Mauer ist zu hoch.
Pirsche mich an der Mauer entlang weiter zu einer Lücke, die früher mal ein Fenster gewesen sein muss. 
Und da sehe ich.
Und was ich da sehe, macht tiefen Eindruck und vermischt sich mit einem Gefühlsmix aus Belustigung, Fassungslosigkeit, dem Bedürfnis, mich sofort mitzuteilen und einer Prise Faszination.

Ein Gottesdienst für Hunde!


bei der Predigt

das Abendmahl


Ja. Da hat es sich wieder mal gezeigt, mein kurioses Finnland. Ich mag es!


Ich befinde mich momentan in einem unfreiwilligen Experiment. Es lautet: "Wie verändert sich die Wahrnehmung, wenn man auf das Liegen verzichtet?" Ich liege nicht mehr. Auch nicht in der Nacht. Mein Arm, der irgendwas Schmerzhaftes aufgefangen hat, lässt die Liegeposition nicht zu. Also sitze ich. Meist auf der Couch. Ich wandere auch viel umher, lese viel, surfe im Internet mal hierhin und mal dorthin, alles, während ich meinen Arm knete und massiere. Es ist nicht nur unangenehm. Nur, ich merke, wie meine Wahrnehmung eine andere wird. Der Müdigkeitsschleier deckt vieles zu. Bin leicht reizbar. Ziehe mich mehr als sonst in mich zurück. Kleinigkeiten werden zu riesigen Hürden. Dabei gleiche ich viel mit Schokolade und sonstigem Unrat aus. Und die Sehnsucht, einen Polster unter meinem Kopf zu spüren, treibt mich manchmal fast in den Wahnsinn.


Eine Woche, nachdem ich den oberen Absatz verfasst habe, gebe ich glücklich kund, dass ich heute Morgen mehr als eine halbe Stunde in der Liegeposition verbracht habe. Es war wunderbar. Das muss das Paradies sein, von dem sie alle reden, wenn sie reden. 

Der Herbst ist da, die Blätter, falls überhaupt noch am Baum, sind rot und gelb und braun, der Sturm lässt Bäume auf Stromleitungen fallen und somit die Häuser im Dunkeln munkeln, Max ist mit seinem Kindergarten grundsätzlich zufrieden und überschwänglich glücklich, wenn ich ihn abhole, die Kälte kriecht durch unsere Jacken und lässt uns langsam mit unseren dicken Wintersachen liebäugeln, und so nähern wir uns mit Riesenschritten der Dunkelheit.

Schau ma mal, wies heuer so wird.

Aber a bissl a Galgenfrist hamma ja no.
Eini in die Jacke und aussi in d'Sun.
Es tuat so guat!

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit






Sonntag, 2. September 2018

02.09.18 - Hejhej!


Hallo, liebe Leute!

Das Starten eines Eintrages nach dieser langen Sommerpause fühlt sich ein bisschen an wie das Wiedersehen eines Freundes, den man für lange Zeit aus den Augen verloren hat. Ein bisschen aufgeregt bin, ein bisschen verlegen gar. Beim Blumen- und Gartengießen hab ich mir bereits Gedanken rund ums Formulieren gemacht anstatt mich den Pflanzen zu widmen, und beim Geschirrabwaschen war ich mir immer noch nicht sicher, was ich eigentlich sagen möchte.

Und so sitz ich nun da vor meinem Computer und versuche, mir ein Gegenüber vorzustellen. Ich habe festgestellt, dass es das einfacher macht.

Es wird eine Änderung geben. 
Ich fühl mich außerstande, diesen Blog in herkömmlicher Form weiterzuführen. Das Leben verlangt anderes von mir, und zwar in erster Linie Zeit für andere Dinge. 
Aber ganz aufhören möchte ich nicht. Ich schreibe gern und mag es, wenn meine Geschichten gelesen werden.
Deshalb hab ich mich zu folgender Entscheidung durchgerungen:
Ich schreibe weiter Einträge in diesem Blog mit dem Unterschied, dass diese nicht mehr wöchentlich wie bisher sondern monatlich erscheinen werden. Es wird also einen Oktobereintrag geben, einen Novembereintrag, usw. 
Das kommt meinem Bedürfnis des Mit-Teilens entgegen und ist gleichzeitig eine realistische Entgegnung auf meine derzeitige Lebenssituation.

Die Ruhe vor dem Sturm.
Wer kennt sie?
Wer kennt sie nicht?

In diesem Herbst gehts hoch her. Politisch sowieso (die österreichische Regierung zieht alle Register, während das Volk stupide grinst, die schwedische Wahl verspricht nichts Gutes, und egal, ob ich den Blick in Richtung Osten oder in Richtung Westen lenke, ich sehr nur tiefschwarze Gewitterwolken), aber auch persönlich (Kindergarten, Unterrichten, Beraten, vielleicht sonst noch irgendwie zu Geld kommen, Ofensetzen, als gewählte Dorfrätin Sitzungen beiwohnen, Beziehung leben, Alltag schupfen, usw.).

Und trotzdem. Jetzt in diesem Moment ist nichts davon zu spüren.
Die Sonne ist untergegangen. Die Wolken stehen gelb und irgendwie immer noch sommerlich am Himmel, der Kühlschrank surrt, Kalle liegt in seinem Schlafsack irgendwo am Berg in Lappland, Max liegt im Bett - 
und es gibt nur mehr mich. Mein Atmen. Meine Gedanken. Meinen Körper. Mein Leben. 

Die finnische Stille macht ganz viel Platz innen drin. Hier bin ich viel weiter als sonst wo. Und vieles wird klar. 
Ziele nehmen Ängsten den Wind aus den Segeln.

Die Ruhe vor dem Sturm.

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit

No a Tirolerin in Finnland :-)!



Samstag, 16. Juni 2018

17.06.18 - Ringo und der Sommer


Wenn ich dieses Ereignis beschreiben soll, stoße ich sehr schnell, genauer gesagt: augenblicklich, an meine schriftstellerischen Grenzen. Wie auch könnte ich adäquat dieses Gefühl in Worte fassen, das mich überkommt, wenn ich mich mit einem Beatle in einem Raum befinde? 

Keine Chance.
Vielleicht sollte ich einen Schreibunterricht nehmen?
Aber ge.

Ich probiers mal so:

Wäre an diesem Abend ein futzikleines Weibl oder Mandl in meinen Kopf hineingekraxelt mit der Fähigkeit, das momentane Empfinden und Denken zu lesen, und hätte es sich dort ein bisschen umgeschaut, hätte es vielleicht Folgendes vorgefunden:

Erstaunen.
Erstaunen darüber, dass Ringo Starr so klein ist.
Und Erstaunen darüber, dass sein Tanzstil gar so hilflos ist.

Amüsement.
Ringo hat nicht das Genie eines John Lennon, und er hat nicht die Tiefe eines George Harrison, auch fehlt ihm der Charme eines Paul McCartney.
Aber ist er nicht einfach nur süß in seinen Singversuchen, in seiner Nettigkeit, in seiner Coolness, in seiner herrlichen Normalität?

!!!UAAAAH!!!
So muss dieses Gefühl heißen, denn ein anderes Wort gibt es nicht.
"Yellow Submarine". Er ist der einzige, der das singen darf, weil er der einzige ist, der diesem Lied seinen Stimme geschenkt hat. Damals.
Wir alle springen auf. Wir singen. Ich weine. Und ich bild mir ein, wir spüren alle dasselbe: Ein tiefes Bedürfnis, sich zu verbeugen vor dem Menschen, der dazu beigetragen hat, dass Lieder wie dieses in diese Welt gekommen sind. Wir haben uns nicht verbeugt. Aber unsere Standing Ovations hatten denselben Zweck.

Ehrfurcht.
Ehrfurcht vor der Zeit.
Ehrfurcht vor dem Alter(n).
Sie waren so jung damals. Viel jünger als ich es heute bin. Und dann haben sie sich zusammengesetzt, mit ihren 20 Jahren, und haben 10 Jahre lang die Welt auf den Kopf gestellt. Einfach so.
Und jetzt steht er da, der Ringo Starr, mit seinen beinahe 80 Jahren. Er springt, er läuft, er spielt seine Drums, er macht seine Scherze mit dem Publikum und tut grad so, als sei er einer von uns.

Dankbarkeit.
Dankbarkeit, dass er noch lebt.
Dankbarkeit, dass ein Wind von damals dahergeweht kommt und mir eine Ahnung verleiht, wie es möglicherweise war, damals.

Freude.
Auf dem Weg zum Hostel spüre ich, wie meine ureigene Beatlesgeschichte mit jedem Hinspüren des gerade Erlebten ein Stück weit runder wird. Und mit ihr ich.

Und dieses kleine Weiblmandl schaut sich um und denkt und spürt nichts als ein einziges, ein großes Ja! In mir und in sich selbst.
Nach einer Weile kraxelt es aus meinem Kopf heraus und zieht weiter.


Liebe Leute, danke fürs Dabeisein, danke fürs Mitgehen, danke für eure Feedbacks!
Mit diesem Post verabschiede ich mich in die Sommerpause.
Obs dann im Herbst weitergeht, weiß ich nicht. Falls alles so kommt, wie es sich jetzt einmal abzeichnet, jobmäßig und ganz überhaupt, dann wirds richtig viel und richtig eng. Und dann schauts nicht gut aus für die Blogzukunft.

Aber jetzt tu ma einfach mal Sommer genießen.
Habts es gut und habts es fein!
Alles Liebe!

Oder wie Ringo zu sagen pflegt:
Peace and love is all you need!

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit





Samstag, 9. Juni 2018

10.06.18 - Sonnenregen


Man nehme das alte Höttinger Vogelfängerlied "Ziwiu ziwiu", verändere den Text in "Es regnet, es regnet, es re-, es re-, es regnet" und schon kennt man den neuen, den mit- und hinreißenden, den alles andere in den Schatten stellenden Regen-Schirm-Song von Max Jacob Sigfrids. 

"Und donn nimmt da Max sein Regenschirm,
und donn nimmt de Mama ihrn Regenschirm,
und donn nimmt da Papa sein Regenschirm,
und donn leg ma de Schuach un,
und donn gemma aussi,
und donn gemma alle gemeinsam spazian
und donn sing ma: Es regnet, es regnet, es re-, es re-, es regnet!"

Das ist er: unser Max.

Und wenn er in strahlendem Sonnenschein - mit Ausnahme von gezählten fünf Regentropfen vor drei Tagen gab es schon seit Wochen keinen Regen mehr bei uns - mit seinem neuen aufgespannten Regenschirm spazieren gehen will? Na und? Dann tun wir das. Und dann haben wir Spaß dabei. Und wenn uns jemand begegnet, was ohnehin nur höchst selten der Fall ist, und wenn uns dieser jemand verwundert anschaut, dann winken wir, rufen ihm "Hej hej!" zu und schreiten weiter singend und lachend unseres Weges.

Ich glaube, die Wichtigkeit von Spaß im Zusammenhang mit Erziehung, aber auch im Leben ganz allgemein, wird als Wert an sich völlig unterschätzt.
Wer Spaß hat, wer lachen kann, der ist frei von Hemmungen und Negativem und stattdessen voll von Freude und Helligkeit. Wer Spaß miteinander und am Leben hat, der will nichts Böses. Der stellt sich nicht über und nicht unter jemandem. Der macht sich nicht klein, der begegnet dem anderen positiv und ist rein mit sich selber. Und wenn auch nur für diesen Moment. Er sucht das Schöne und findet es. Spaß zu haben ist eine Entscheidung. Und wer mit Spaß und mit Freude aufgewachsen ist, der hat einen guten Start ins Leben, wie ich finde.

Das Leben ist aber nicht nur Spaß, hör ich kritische Stimmen raunen.
Und: Spaß muss man sich erst mal leisten können!
So ein Schmarrn, sag ich. 
Und ich seh ihre Gesichter vor meinem inneren Auge, und plötzlich weiß ich, woher ihre zerknirschten, überforderten, ängstlichen, verbitterten, lustlosen, grauen Stimmen kommen. Sie kennen selber keinen Spaß. Haben ihn nie gekannt. Werden ihn nie kennen.

Hui Max, schnell, wo sein deine Schuach? Und donn schnapp da dein Regnschirm und nocha sauuus ma aussi!!!

ES REEEEGNET, ES REEEEEGNET,....!!!!!

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit




Samstag, 2. Juni 2018

03.06.18 - Zur selben Zeit


Mit beeindruckender Effizienz  und ungeheuer flinken Fingern hänge ich die Wäsche im Garten auf. Das muss so sein. Ansonsten würden mich die Mücken wahrscheinlich aussaugen und geschwächt vom großen Blutverlust ginge ich in die Knie und käme erst recht nicht mehr vom Fleck.

Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - sitzen ein alter Mann und seine alte Frau das letzte Mal bei Kaffee und Keksen am gemeinsamen Wohnzimmertisch; morgen wird sie ins Altersheim gebracht.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - wird ein Kind von seinem Papa ausgelacht; es hat in die Hose gemacht; alle schauen amüsiert.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - gibt der Mann an der Kassa das Wechselgeld heraus; der Kunde schaut ihn nicht an.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - gebiert eine Frau ihr Kind; es schreit nicht.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - lächelt jemand ein Baby an; das Lächeln friert ein, als er sieht, dass das Baby behindert ist.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - zerfetzt eine Bombe die Beine des Bauern; er hat gerade auf seinem Acker Kartoffeln gesetzt.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - raucht jemand eine Zigarette; was macht schon diese eine?
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - gibt eine Mutter ihrem Kind seinen Brei; der Essensvorrat ist aufgebraucht.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - berührt das Schildkrötenbaby mit seinem Fuß endlich das Wasser; als es von der Möwe gepackt wird.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - wird eine Frau vergewaltigt; die Demütigung ist beinahe schlimmer als der Schmerz.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - wird ein Regenwurm von einem Fahrradreifen zerquetscht.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - meditiert jemand; er fühlt sich verbunden mit sich und dem Universum.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - weint jemand; es gibt niemanden, den er anrufen kann.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - wacht jemand vom Koma auf; das Leben darf noch einmal beginnen.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - wird jemand hinweggespült von seinem ersten richtigen Orgasmus; er will nie nie nie mehr zurück.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - verabschiedet sich jemand von seinen Eltern; er weiß, er wird sie nie wieder sehen.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - nimmt ein kleines Kind zum ersten Mal die Kaugeräusche seiner Familie wahr; das Essen wird nie mehr so sein, wie es einmal war.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - fliegt ein Vogel gegen eine Fensterscheibe und bleibt betäubt liegen; die Katze ist von ihrem Nickerchen erwacht.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - stirbt jemand; es sind Leute da, die er nicht mag.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - nimmt jemand die Waffe in die Hand; seine Stunde ist endlich gekommen.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - lacht jemand so, dass ihm die Tränen in die Augen schießen; die strafenden Blicke von den Umstehenden machen es nur noch schlimmer.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - setzt sich jemand den Goldenen Schuss; die Freundin durchwühlt die Taschen nach Brauchbarem.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - öffnen sich die Gefängnistore; Verlorenheit hat sich noch nie so massiv angefühlt.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - verlieben sich zwei Menschen ineinander; weil es immer wieder passiert; weil das Leben stets nach einem Ausdruck sucht.
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - blättert jemand in der Zeitung; sein inneres Auge sieht immer nur sein Gesicht;
Zur selben Zeit, irgendwo in dieser Welt - betet jemand; draußen werfen die Flugzeuge ihre Bomben ab;

Inspiriert von "Räumliche Distanz" von Funny van Dannen bin ich manchmal überwältigt von der Tatsache der Vielheit an Leben, Lebensereignissen und Lebensgeschichten. 

Ich hänge die Wäsche auf.
Ich spüre die abgekühlte Temperatur an meinen nackten Armen.
Und ich bin sehr dankbar um mein eigenes kleines großes Leben.
Und um die räumliche Distanz.

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit



Samstag, 26. Mai 2018

27.05.18 - Plagegeister


Die Tür zittert in ihren Angeln.
Das ist bei uns immer so, wenn die Waschmaschine im Schleudergang ihre Pflicht erfüllt.

Jemand hat einmal zu mir gesagt, er hoffe, dass die Ameisen sich nie ihrer Macht und ihrer Intelligenz bewusst werden. Ansonsten würden sie ohne zu zögern die Erde übernehmen und der Mensch hätte keine Chance.
Das fällt mir ein, wenn ich mich in unserer Küche umschaue.
Es gibt da irgendwo ein Loch in unserem Haus. Das haben sie entdeckt. Und das nutzen sie nun für fidele Ausflüge ins Land des Paradieses mit endlosem Vorkommen an Futter, Unrat, Brösel und allem, was das gesunde Ameisenherz begehrt.
Kalles Methode, sie mit dem Finger zu zerquetschen, wird nie die meine werden. Das Geräusch, wenn die Knochen brechen (oder Innereien platzen oder was auch immer dann wirklich passiert), fährt mir durchs Gebein und der Ekel zeichnet unansehnliche Falten in mein Gesicht. Ich nehm stattdessen ein Papier, eine Küchenrolle, und zerquetsche sie damit. Das Rascheln des Papiers übertönt das Bersten der Knochen und Innereien.
Glücklich machts mich trotzdem nicht.
Und eine endgültige Lösung des Problems, dass andere Kreaturen unser Haus übernehmen wollen, schaut definitv anders aus.

Die Mücken sind da. Wir haben auf sie gewartet wie auf das unausweichliche Herunterfallen des berühmten Damokles-Schwertes. Max kam heute am Vormittag herein und sein weit grinsendes Gesicht war mit Mückenstichen derart übersät, als hätte er Masern.
Wenns um Mücken geht, zuckt Kalle nur mit den Schultern, während ich überschwemmt werde aus einem Gefühlscocktail bestehend aus Panik, Grant, Stress und dem verzweifelten Versuch, die Kontrolle zu behalten.
Max hingegen verwandelt sich selber in eine Mücke, schwirrt mit Pssssssssss-Lauten durch unser Haus und sticht uns erwartungsvoll mit seinem Finger und einem entzückten "Stech" in den Arm.
Vielleicht ist Humor tatsächlich das einzig Sinnvolle, das sich diesem Wahnsinn entgegensetzen lässt.
Und mein Mückenspray, versteht sich.

Dass Ameisen und Mücken Plagegeister sein können, ist vermutlich für jeden irgendwie nachvollziehbar. Dass aber auch Murmelen (auf deutsch: Murmeltiere) dazugezählt werden können, mag überraschen.
Laut ORF-News ist es einem Zillertaler Landwirt aber genauso ergangen. Irgendetwas an diesen Tieren hat ihm derart zugesetzt, dass er sich nicht mehr anders zu helfen wusste, als Gülle in deren Bau zu leiten.

Was oder wer als Plagegeist bezeichnet wird, das ist natürlich höchst subjektiv. 
Und mit welchen Mitteln man dagegen vorzugehen gedenkt, höchst individuell.
Töten mag vielleicht für den Moment Abhilfe verschaffen. Das Blöde ist nur, dass es bei denen, wo die Hemmschwelle sehr niedrig ist (Mücken, Ameisen), selten etwas bringt, weil 1000e seiner/ihrer Kollegen mit Vergnügen die aufgetauchte Lücke schließen, und bei den anderen (größere Tiere, Menschen) die Hemmschwelle oft zu groß ist (außer beim obg. Landwirt).

Ich für mich habe einen genialen Kanal für meine Tötungslust entdeckt. Und fröhne ihm mit Freude und Genuss.
Rasenmähen. Mit der elektrischen Sense.
Ich liebe es, die Pflanzen, egal ob Gras oder Büsche oder Blumen oder Blätter, also Pflanzen, die dazu tendieren, sich alles einzuverleiben, was ihnen unterkommt, wenn man sie nur lässt, umzuschneiden. Ich mag es, zu sehen, wie sie durch die Lüfte fliegen, wenn sie abgeschnitten werden, ich mag den Geruch, ich mag es, wie die Schnur unter meiner Sense ihre Spuren ins Gewucher schlägt, und ich mag das Resultat. 
Wenn ich auf Mission bin, dann kenne ich keine Gnade. Ich schneide alles um, was sich mir in den Weg stellt. Und es ist mir egal, ob das nun eine schöne Blume ist oder ein gewöhnliches Grasbüschel. 
Gnadenlöses Töten!
Ich kämpfe um jeden Zentimeter. Erobere ihn uns zurück. Geb ihn nicht her. Gebiete der hysterischen Natur des Frühlings Einhalt.
Und das Beste dabei: Ich töte nicht wirklich. Nicht einmal die Pflanze selbst, zumal sie ihre Wurzeln ja behält.

Man mag mich vielleicht als komisch bezeichnen.
Aber ich hab meine Freude :-)!

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit

Unser heutiger Besucher - wohl für die wenigsten ein Plagegeist.


Samstag, 19. Mai 2018

20.05.18 - Der nächste Schritt


Früher hatte ich eine Arbeit, die ich sehr mochte und in der ich mir eine gute Position erarbeitet hatte. Außerdem hatte ich viele Freunde und viele Hobbies. Dafür aber hatte ich wenig Platz zum Wohnen und war (fast) immer Single.

Heute habe ich einen Mann, ein Kind und einen wunderschönen, großen, freien Platz zum Wohnen und zum Leben. Dafür aber fange ich beim Arbeiten wieder ganz von vorne an, habe kaum Hobbies und meine sozialen Kontakte lassen sich an wenigen Fingern abzählen.

Der Gedanke "Geht echt nur entweder - oder?" kommt und verschwindet sogleich wieder.

Da reden diese gscheiten Menschen, die, die nie ihren Arsch von ihrer Couch hochbekommen haben: Man muss sich halt integrieren! 
Ja. Das mach mal.
Wissen die eigentlich selber, was sie sagen, wenn sie reden?

Grundsätzlich ist mein Jetzt wunderschön. Es tut gut, dieses Andere leben zu dürfen nach dieser endlos langen Zeit des Alleinseins, Selbstmotivierens, Alleinentscheidens und Alleinkämpfens. Immer noch versuche ich (und höre hoffentlich nie damit auf) so viele Momente wie möglich so intensiv wie möglich zu erleben. Eben weil ich weiß, dass es auch anders sein kann. Und weil ich weiß, dass sich immer alles verändert und demzufolge nichts bleibt, wie es ist. 

Aber - es ist schon auch krass irgendwie. 
Es sind so unterschiedliche Leben, die sich mir da zeigen und die von mir gelebt werden wollen.
Jedes mit seinen eigenen Wundern und Schönheiten.
Jedes auch mit seinen Schwierigkeiten. 

Und ich bin immer noch dabei, herauszufinden, wie das eigentlich geht - leben. 

Nach der letzten Woche und vor allem nach den letzten Tagen mit seinen Erlebnissen und Begegnungen ist klar, dass ich etwas verändern muss. Die Welt und das Leben spielen sich nicht nur hier in unserem Haus, in unserem Garten ab. Auch wenns schön wäre und es meiner Einigeltendenz sehr entgegenkommen würde. Fakt ist, die Welt ist viel größer, viel bunter und viel vielschichtiger. Und ich muss da raus, um ganz zu werden.
Nutzt nix. 

Die Nestlzeit war wunderbar. Oh, wie sehr ich das gebraucht hab! Oh, was ich alles nachgeholt hab! Ich habs aufgesaugt wie ein trockener Schwamm. Ich hab mich Kopf über Hals hineingestürzt, bin darin herumgeschwommen, getaucht, hab mich treiben und tragen und fallen lassen, kaum einmal, dass ich aufgeschaut hab, und wenn doch, dann nur, um die Schmetterlinge oder den Sternenhimmel zu bestaunen, ansonsten war ich eingehüllt in ein wohlige, warme, kuschelige Decke, die (fast) alles abgefangen hat, was nit fein war.

Es ist Zeit, den nächsten Schritt zu machen.
Den Schritt hinaus in die finnische Welt. 
Mit meinem wohligen Nestl als Grundstein.

Dieses Leben hats ja echt in sich!

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit


der finnische Sommerhimmel




Samstag, 12. Mai 2018

13.05.18 - Muttertag


Herzliche Gratulation, ihre lieben Mamas da draußen!
Heute ist euer Tag.

Und heute ist auch mein Tag.

Deshalb entbinde ich mich der Pflicht und der Lust des Schreibens, wünsch euch einen wunderfeinen Tag und viel Freude mit euren Kindern, euren Männern, euren Müttern, eurem Frausein, eurem Mut, eurer Kraft, eurer Flexibilität, eurer Lebendigkeit, ...

Lasst uns eine Ode auf das Leben singen!
Ohne Mütter kein Leben.
Ohne Leben - nix.




Auf dass das Leben sprießen möge!

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit

Samstag, 5. Mai 2018

06.05.18 - Der langsame Tod


Irgendwie fühlt sichs nicht richtig an. Ich weiß nicht, woher das kommt. Und ich weiß nicht, was es ist. Es ist nur so - nicht so, wie es sein sollte.

Das Fressen kommt. Fischmehl. Hm. Was soll ich dazu sagen? Es schmeckt nicht speziell gut. Aber es ist mein Highlight. Mein einziges in einer Aneinanderreihung von eintönigen, grauen Tagen, unterbrochen allein von Möwengeschrei über meinem Kopf.

So sitze ich also hier in meinem Kastl, unter mir Gitter, neben mir Gitter, vor mir Gitter, über mir Gitter, und ich warte. Und weiß doch nicht worauf.

Der Gestank von Kot und Fischmehl beißt in meiner Nase. Meine Augen tränen.

Die Füße tun weh. Die Drähte des Gitterbodens schneiden in meine empfindlichen Pfotensohlen. Hinlegen verschafft Erleichterung, weil dann nicht mein ganzes Gewicht auf die Sohlen drückt. Aber - HimmelHerrgottNochmal - ich kann doch nicht den ganzen Tag, die ganze Nacht, mein ganzes Leben herumliegen!!!
Also zieh ich meine Runden. Ich drehe mich um mich wie ein dummer Hund, der seinem eigenen Schwanz nachrennt. Bis meine Pfoten bluten. Bis ich mich wieder hinlege.

Links und rechts von mir gibt es auch Füchse. Sie sind dick. Wechseln wie ich zwischen Gehen und Liegen. Ihr Blick ist meist stumpf und leer. Wir ignorieren uns. Es gibt nichts zu sagen.

Licht und Dunkelheit wechseln sich ab.
Wir warten.

Ab und an werde ich von einer Sehnsucht gebeutelt, gequält, gepiesackt, zerfleischt, dass ich nicht anders kann als meinen Schmerz hinausjaulen. Das ist ein Schmerz, der schlimmer ist als der Schmerz in meinen Pfoten.
Ich schließe die Augen. Ich sehe grün. Ich sehe braun. Ich rieche frisches Gras und spüre den Wind in meinem Fell. Ich laufe. Ich laufe so weit ich kann. Immer geradeaus. Landschaft zieht an mir vorbei. Mein Herz rast. Meine Lungen beben. Meine Zunge hängt mir aus dem Maul.
Und ich öffne die Augen. Und sehe wieder nichts als Gitter. 
Ich schließe die Augen. Und schreie. Bis mein ganzer Körper bebt. Bis kein Geräusch mehr mein Maul verlässt.
Meine Nachbarn schreien auch.
Das ist unser einziger Kontakt. Es ist das einzige, was uns verbindet.
Dieser unsägliche Schmerz.  

Bevor wir uns wieder der Apathie hingeben.

Heute ist etwas anders. Ich weiß nicht, was. 
Es ist Abend. Die Sonne ist gerade untergegangen, und obwohl sie gescheint hat, vermag sie es noch nicht, der Kälte des Winters etwas entgegenzusetzen. Der Wind fuhr ungebremst durch meine Wände und riss an meinem Fell. 
Jetzt ist es windstill. Die Möwen sind längst schon weg. Ein paar krächzende Krähen sind geblieben. Ich stehe auf meinen schmerzenden Fußballen, recke meine Nase in die Höhe und versuche einen Geruch auszumachen.
Ich rieche - nichts.  
Ich höre auch - nichts. 
Und sehe - nichts.
Wieso schlägt mein Herz schneller?
Wieso stellen sich meine Nackenhaare hoch?
Woher kommt dieser Zwang zum Knurren?
Da! Hier ist was.
Ein scharfer Geruch. 
Etwas - Großes, Gefährliches.
Es kommt näher.
Jetzt seh ich was.
Eine dunkle Gestalt.
Was ist das?!?!?

Oh! Mein! Gott!

Ein Wolf!

Ich springe. Ich belle. Ich fletsche meine Zähne. Ich knurre.
Meine Nachbarn machen es mir nach.
Der Wolf kommt näher.
Unser Lärm wird lauter. Hysterischer.
Der Wolf ist da.
Ich will weg.
Ich renne.
Gegen die Gitterwand.
Der Wolf bleibt unter mir stehen.
Ich springe.
Gegen die Gitterwand.
Ich sehe, wie die Wolfsschnauze sich durch eines der Gitterlöcher durchbohrt.
Ich bekomme Panik.
Ich springe weiter.
Kräftiger.
Gegen die Gitterwand.
Immer wieder gegen die Gitterwand.
Bis die Wolfsschnauze eines meiner Beine zu fassen kriegt.
Sie zieht mich an sich heran.
Ich kann erst gar nicht fassen, was hier passiert.
Ein Wolf frisst mein Bein?!
Erst jetzt der stechende Schmerz.
Ich will mich losreißen.
Ich kämpfe mit aller Kraft.
Es ist zu spät.
Ich kann nichts mehr tun.
Er bekommt mein zweites Bein zu fassen.
Frisst es.
Er schnappt nach meinem Bauch.
Er reißt ihn auf.
Er bohrt seine Schnauze in meine Gedärme.
Ich bin erstaunt, wie gelassen ich plötzlich bin.
Ich weiß, dass ich sterbe.
Höre den ohrenbetäubenden Lärm meiner Nachbarn.
Rieche Blut.
Das Gestank, das aus seinem aufgerissenes Maul strömt. 
Das Gestank meines Darmes.
Gestank.
Gnädiger Windstoß.


So oder so ähnlich ist es vielleicht dieser Blaufüchsin auf diesem Bild gegangen.

Vasabladet, 29.4.18

Sie wurde von einem Wolf zerfleischt.
So wie zwei ihrer Kolleginnen.
Und weitere neun erwachsene Füchse in unserer Region.
Plus 25 Welpen, die von ihren Müttern in Panik totgebissen wurden.

Wie allgemein bekannt und von vielen Umwelt-, Natur- und Tierschutzorganisationen angeprangert, ist Pelzzucht (hauptsächlich Blau- und Silberfüchse und Nerze) hier in Finnland nach wie vor üblich und ein nicht zu unterschätzendes Geschäft. 

Im Artikel vom Vasabladet vom 29.4., dem ich das obige Bild entnommen habe, wird darauf hingewiesen, dass die Züchter heuer nicht den vollen Preis für den Schaden, den der Wolf ihnen zugefügt hat, ersetzt bekommen werden, zumal unvorhersehbar hoher Tierschaden (Rentiere, Schafe, etc.) landesweit entstanden ist.

Vielleicht noch ein paar Fakten:
Die Tiere verbringen Zeit ihres Lebens in einem Gitterkäfig mit einer Bodenfläche von 0,8 m² und einer Höhe von 70 cm.
Infos dazu gibt es auf der Pro-Fuchszüchter-Seite
https://profur.fi/sites/default/files/fur_farming_and_certification_of_finnish_fur_farms_03_2016.pdf
Wenn der Pelz geerntet wird, die Tiere also umgebracht werden, muss dass so geschehen, dass der Pelz nicht beschädigt wird. Sie werden getötet durch Elektroschock, Vergasung oder Gift, wenn sie Pech haben, werden sie erschlagen, in kochendes Wasser geworfen (hier vermute ich, dass es aufgrund ihrer Größe hauptsächlich die Nerze betrifft) oder das Fell wird bei lebendigem Körper abgezogen.
Infos dazu:
http://nachhaltig-sein.info/privatpersonen-nachhaltigkeit/pelze-pelzkragen-in-zahlen-infografik

Wir leben in der EU. Mit ihren vielen Gesetzen und Normen und Regeln verfolgt sie auf unterschiedlichste Art grundsätzlich das Ziel, das Leben (alles Leben) miteinander in Respekt und Würde zu gestalten.
Außerdem leben die meisten von uns in beheizten Räumen, sodass Pelz nicht für unser Überleben notwendig ist.

Ich möchte das so nicht haben.
Ich möchte nicht, dass mit meinem und unser aller Steuergeld die Pelzzüchter in ihrer Profitgier und in ihrer Ignoranz und in ihrer Faulheit unterstützt werden.
Profitgier, weil mit Pelzen noch richtig viel Geld gemacht werden kann. Immer noch. Auch heute noch.
Ignoranz, weil das Tier als Ware betrachtet wird. Als Gegenstand ohne Lebensenergie, ohne Schmerz, ohne Emotion, ohne Recht auf eigenes und erfülltes Leben. Als Gegenstand, der seine Daseinsberechtigung allein daraus zieht, dass er dem Mensch zum Genuss (zum Status, zum Geldgewinn, etc.) dienen darf. Dasselbe gilt im Übrigen auch in der Fleischproduktion, wie wir ja alle wissen.
Faulheit darum, weil sie sich mit dem Gitterboden jegliches Ausmisten sparen. Der offizielle Grund für diese Art von Boden ist natürlich ein anderer: Krankheiten werden vermieden. Danke. Nett.
Und dann kommt der Wolf.
Böser Wolf, der einfach seine Schnauze durch die Gitterlöcher steckt und die Füchse auffrisst.
Jo no na nid!
Dass der Züchter in dieser Geschichte der Geschädigte sein soll, wie im Zeitungsartikel berichtet, und Geld erstattet haben will, ist an Zynismus nicht zu überbieten. Und dass der dann auch noch Mitleid erfährt anstatt eine gscheite Strafe wegen Tierquälerei plus Zuchtverbot verpasst zu bekommen, das stößt an die Grenzen meines Verständnisses.

Money rules.
Manchmal ist es einfach nur frustrierend.

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit


Samstag, 28. April 2018

29.04.18 - Frühlingsgedanken


"Erlaube jedem, dich zu verurteilen und du bist frei." (Robert Betz)

Das lass ich jetzt einfach mal so stehen.

Und widme mich ohne weitere Umschweife dem Leben selbst, richte die Schweinwerfer auf scheinbar Eigenartiges und Alltägliches und versuche damit einen Eindruck der Jetztzeit in meinem Leben in meinem Finnland wiederzugeben.

Wie schon im April 2015 beschrieben, haben wir auch jetzt wieder die Zeit der Birkensaftabzapfung. Im Gegensatz zu vor 3 Jahren boomt diese Art der Geldgewinnung regelrecht, was sich dadurch zeigt, dass die weißen Kübel wie Schwammerl aus dem Boden zu schießen scheinen. Sieht man irgendwo eine Birke, und das passiert ja relativ oft hier, kann man sich sicher sein, dass der nächste Kübel mit seinen Schläuchen wie Fangarme auch nicht weit ist. Allabendlich sieht man sie dann, die Männer auf ihren Quads, beim Ernten ihres nordischen "Superwassers". 
In ein paar Tagen ist der Spuk zum Glück wieder vorbei.

Ich gehe einkaufen. Großeinkauf im Gschäftl ums Beinahe-Eck. Ich bin immer noch ein bisschen verwundert ob der Tatsache, was eine Familie alles braucht im Vergleich zu einem alleinigen Menschen, aber ich kanns akzeptieren. Geh also dort herum, schau, was es gibt, überleg mir bei jedem Teil, ob wir das nun brauchen oder nicht, mach dasselbe im Kühlregal, und dann seh ich diese eigentümliche Flasche. Drauf steht: "Nötblod". Echt jetzt? Ich lese die Inhaltsstoffe, und tatsächlich: In diesem Land kann man Rinderblut kaufen! Praktisch abgefüllt in einer 500 ml Flasche, die stark an Medizin erinnert. Wer bitte kauft Blut von einer Kuh? Und was macht der dann damit?



Der Schnee zieht sich jetzt doch langsam zurück, gibt den Blick auf die braune Erde und das Wasser des Meeres frei und klammert sich in seiner Verzweiflung an die schattigsten aller Plätze. Das ist das einzige, was er noch tun kann. Loslassen muss man lernen, mein Lieber. Wie auch immer: Max genießt, Max springt, und Max saust in den Wald. Dort hat er sich ein spezielles Platzl zu "seinem" auserkoren. Und dann kommt er vor ein paar Tagen angerannt, völlig aufgeregt, und ruft: "I hob den Frühling gfunden!!!", streckt mir seine Hand entgegen, schenkt mir Preiselbeerblätter und freut sich, ja, eben wie ein kleines Kind.

Eines der spannendsten Dinge, die mich derzeit umtreiben, ist das Aufbauen meiner Firma. Firmenschild und Visitenkarten befinden sich im Druck, und die nächsten Schritte und Gespräche, um auf mich aufmerksam zu machen, sind schon klar in meinem Kopf. Ich gebe zu, ich spüre schon eine gewisse Hemmung, mich selber zu bewerben. Das liegt mir nicht im Blut. Ich hab von klein auf gelernt, mich zurückzunehmen, bescheiden zu sein, mich nicht zu zeigen, schon gar nicht zu präsentieren - das hier geht in die total andere Richtung. Gut, dass ich das endlich lernen darf!
Realistisch gesehen wirds wohl a Zeitl dauern, bis meine Praxis ins Laufen kommt. Aber ich hoffe so sehr darauf. Es wäre wunderbar, könnte ich etwas weitergeben und könnte ich mich so auf meine Art hier in dieses Land einbringen!

3 Besuche haben sich heuer angesagt! Ich freue mich sehr. Nach Jahren des Wartens und Wunderns und der ganz wenigen, dafür aber umso rühmlicheren Ausnahmen, passierts endlich. Und ich darf endlich meine Welt ein bisschen teilen.

Ich bin immer noch sehr mit Österreich verbunden.
Deshalb hab ich gestern neben dem Kochen - Preiselbeernocken übrigens - die Verleihung des Amadeus Awards 2018 verfolgt. Gestreamt, wie man neudeutsch sagt. Und ich muss sagen: Es war genial! Ich mag die Conchita. Und ich mag österreichische Musik. Viel davon hab ich nicht gekannt, einiges schon. Und dann saßen da plötzlich Pizzera & Jaus auf der Bühne, zwei Jungs, beide mit Gitarre in der Hand, und sie sangen "Mama". Ich bin ja generell sehr rührselig, leicht zum Weinen zu bringen, aber es ist jetzt schon sehr lange her, dass eine Musik mich derart berührt hat. Ist vielleicht auch ein bisschen schwierig mit diesen Kinderliedern... Auf jeden Fall, da ist es passiert. Das ging rein wie der Duft von Sommerregen. Ohne Umwege. Ohne Hindernisse. Einfach so. Und ich hab geweint, dass es nur so eine Freude war. Kurz darauf war eine Frau an der Reihe. Yasmo. Als Rapperin sang/sprach sie von Frauen, die nicht "just fun" wollen, sondern Gleichberechtigung. Fantastisch. Sie hats auf den Punkt gebracht. Eine Kunst, die nur sehr wenige verstehen. 
Endlich! Das, was vor langer Zeit mein Lebenselixier war, nämlich das Eintauchen in Musik, in Töne, in Gesänge, in Worte, ist wieder mit mir passiert.
Bin um Jahre jünger geworden!

Wir sind endlich wieder mit Plastiksackerln ausgezogen und haben Müll zusammengeklaubt. Das hat mich früher eigentlich genervt. Also, nicht das Zusammenklauben selber, aber dass die Leute so viel Zeug aus ihren Autofenstern werfen. Einfach so. Dinge, die Jahrzehnte, Jahrhunderte lang nicht verroten. Was denken sich die dabei? Ist es Dummheit? Faulheit? Eine Kombination? 
Dieses Mal wars anders. Es ist auch viel grausiges Zeug herumgelegen. Aber - es war schön, unterwegs zu sein mit meinen beiden Lieblingsmenschen, der eine auf dem Radl, der andere auch mit Plastiksackl in der Hand, mit der Mission im Geist, der Natur und somit uns allen etwas Gutes zu tun.
Es hat sich gut angefühlt. 
Ein paar Tage später simma gleich wieder losgezogen.

Nennt mich naiv, aber manchmal, da weiß ich, dass wir Menschen auf diesem Planeten die Kurve noch kriegen. Es gibt so viele tolle Menschen auf dieser Welt. Mein Mann, der mit mir Müll zusammenklauben geht. Meine Freundin, die ein Frauencafé in die Welt bzw. ins Dorf setzt. Meine Ekofriseurin, die ihres beitragen will. Die wohl berühmteste Cousine Österreichs, die es auf Humor volle Weise schafft, vielleicht das eine oder andere Auge zu öffnen. Die tausenden und abertausenden Menschen in Spanien, die gegen ein Gerichtsurteil aufstehen und sagen: So nicht! Und, und, und... Es gibt Gras, das jedes Jahr trotzdem wieder wächst. Es gibt Musik, die nicht plätschert, sondern berührt und somit (Ärsche und Herzen) bewegt. Und einen Radiosender, der zur Nachrichtenzeit zur vollen Stunde davon berichtet, welche Vögel schon angekommen sind in Finnland.
Dies alles sei nur stellvertretend genannt für Menschen, die sich selbst und das Leben lieben, dementsprechend handeln (wer liebt, will nicht zerstören) und unbeirrt und mutig ihren Überzeugungen folgen.


You may say I'm dreamer, but I'm not the only one. (J.Lennon)

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit