Der Frühling schleicht übers Finnenland. Er schleicht so sehr, dass man seine Nerven wegschmeißen möchte, bevor er dann doch mal einen grünen Grashalm rausdrückt.
Es ist kalt. Wir hatten bisher genau einmal über 10 Grad. Ansonsten krebsen wir immer noch um die 0 Grad herum. Grad so, als gäbe es irgendwo bei den Zuständigkeiten große Angst vor der endgültigen Entscheidung, die da heißt: weg von der Kälte, hin zur Wärme.
Mütze und Schal sind also nach wie vor obligatorisch.
Aber ich gebe zu, langsam, ganz langsam, also wirklich langsam und so heimlich, dass man fast mit der Lupe suchen gehen muss, wird's auch hier ein kleines bisschen grüner, hier und da mal eine Blume vielleicht, die Bäume im Knospenmodus.
Das Licht hingegen, das ist wie Max. Das schmeißt sich eini ins Leben, dass es nur so eine Freude ist. Um halb 11 am Abend liegen wir im Bett, schauen durch unsere großen Fenster in die Welt und tun nichts anderes als staunen. Ich zumindest. Es ist Nacht. Und es ist hell. Ich bitte nicht zu vergessen, dass mir der Schrecken der Dunkelheit immer noch in den Knochen sitzt. Vor kaum länger als einem Atemzug war überall dort Schwärze, wo der Schein der Glühbirne nicht hinreichte. Und jetzt, jetzt lieg ich da, die Sonne ist grad hinter dem Horizont verschwunden, die Vögel singen, und die Welt tut so, als wüsste sie nicht, was Dunkelheit überhaupt sei. Grad, dass sie nicht unschuldig zu pfeifen anfängt... Ich weigere mich jedenfalls, die Augen zu schließen. Warum? 3x darfst du raten 😉!
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Ich genieße diese Zeit des Daheimseins, des Einispürens, des Beobachtens,...
Manchmal ist mir, als sei ich wieder Kind. Damals bin ich auch hineingefallen in das Jetzt. Ich habe schmelzende Schneekristalle und Wasserläufe beobachtet, Ameisen, die sich meine Brotkrümel auf den Rücken stemmten und diesen wegzerrten, habe die Augen geschlossen und mich dem Brummen der Hummel hingegeben. So ist es wieder. In kurzen, freigeschaufelten Das-Radl-dreht-sich-immer-weiter-Pausen. Und ich liebe das.
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Es gibt übrigens noch etwas, das ich liebe. Neben meinem Mann und meinem Sohn liebe ich die Ideen meines Mannes. Vor allem dann, wenn diese sich mit Geburtstagsgeschenken befassen. Heuer bekam ich, ja, ich kann das ohne zu übertreiben sagen:
Ich bekam das beste Geburtstagsgeschenk meines Lebens!
Eine - TATATATAMMMM - Espressomaschine!
Die Zeites des genussfreien, stillosen, finnischen Filterkaffees haben ein Ende gefunden. Und eine neue Zeitrechnung hat begonnen.
Es ist wunderbar. Allein schon für den Klang, den sie macht, wenn ich sie einschalte, liebe ich sie. Es ist ein kurzes, verheißungsvolles Brummen, das so etwas sagt wie: "Ja. Ich bin bereit."
Um wirklich einen Cappuccino zu machen, braucht man Zeit und Muße. Es ist wie eine Zeremonie:
Wasser auffüllen.
Den Siebträgers mit Espressopulver befüllen. Achtsam und sorgfältig.
Den Siebträger hineindrehen.
Tasse holen.
Kännchen mit Milch vorbereiten.
Tasse unterstellen.
Knopf drücken.
Den Espresso riechen und ihm dabei zuschauen, wie er dickbraun in die Tasse läuft.
Tasse entnehmen.
Milch mit der Düse aufwärmen und schäumen.
Milchschaum in die Tasse mit Espresso gießen.
Ein Glas Wasser und einen Löffel holen.
Sich hinsetzen.
Augen zu.
Den vollendeten Cappuccino zu den Lippen führen.
Trinken.
Mmmmm....
Lange dachte ich, ich sei bereits am Gipfel des Menschen möglichen Lebensglücks angekommen. Aber ich habe mich getäuscht. Meine Lebensqualität hat tatsächlich den Sprung ins nächste Level geschafft.
Wohin geht die Reise?
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Ich sitze bei einem Glas Rotwein hier vor meinem Computer. Kalle liest für Max sein Gute-Nacht-Buch, oder besser gesagt Max "liest" und Kalle beantwortet Fragen, während ich ihnen zuhöre und eine wohlige Wärme in meinem Bauch spüre.
Da fällt mir ein Interview ein, das ich heute gelesen habe. Der Journalist meiner Zeitung hat eine Frau interviewt, die alleine mit ihrem Motorrad durch und rund um die Welt gefahren ist. Da habe ichs wieder gespürt, diese Ziehen in meiner Brust, diese Sehnsucht nach Unterwegssein. Manchmal tauchts noch auf. Und ich spüre den Wind in meinen Haaren und in meinem Gesicht. Ich weiß wieder, wie es sich anfühlt, diese Kribbeln, wenn man nicht weiß, wo man heute schlafen wird. Oder diese Gespräche mit wildfremden Menschen, die es in dieser Form nur auf Reisen gibt. Man hat sich vorher nie gesehen, man wird sich nachher nie mehr sehen. Beide wissen das. Und alles, was man hat, ist dieser eine Moment. Was sagt man da?
Das Bewegen in der Welt und in der Zeit ist ein anderes, wenn man unterwegs ist.
Manchmal fehlt es mir.
- o -
In diesen komischen Zeiten, in denen wir uns gerade befinden, läuft der Fernseher oder der Computer bei vielen auf Hochtouren. Während die einen gar nicht mehr wissen, wohin mit all ihren zu erfüllenden Aufgaben (Homeschooling, Home-Office, Kinder- und PartnerInnenbedürfnisse so gut wie möglich befriedigen, Haus in einem bewohnbaren Zustand halten, usw.), stülpt sich über andere eine Leere, die kaum auszuhalten ist. Viele sind konfrontiert mit ihrer Angst, ob beruflich oder privat, andere fühlen sich endlich befreit von Pflichten und Erwartungshaltungen der Umgebung. Viele gibt es, die plötzlich gar nichts mehr verstehen. Und anderen geht plötzlich ein Licht auf.
Ob dies oder jenes, oder gar nichts von alledem.
Ich hoffe, du, die/der das liest, kommst klar.
Ich hoffe, dein Kopf ist noch irgendwo im Bereich "Über Wasser".
Ich habe eine kleine Übung im Internet gefunden und möchte diese gerne teilen. Ich verwende manche dieser Sätze manchmal als Warm-Up für meinen Unterricht.
Lies es durch.
Wenn du Lust hast, suche die eine oder andere Antwort für dich.
Manches kommt ganz spontan, mit anderen mag der Kopf vielleicht ein bisschen herumspielen, bevor er sich zu einer Antwort durchringt.
Wie auch immer.
Alles ist ok.
Voilá:
Eine Herausforderung für mich ist ...
Ich werde ...
Ich bin sicher, dass ...
Bald werde ich ...
Ich weiß, dass ich ... kann.
Ich fühle mich immer gut, wenn ...
Der beste Moment des Tages ist ...
Wenn ich 64 Jahre alt bin, dann ... (ggf. Wenn ich 84 Jahre alt bin, dann ...)
Wenn du in Österreich lebst, solltest du niemals ...
Morgen am Abend wird ziemlich sicher ...
Ich habe wirklich genug von ...
Wenn ich die Uhr zurückdrehen könnte, würde ich ...
Ich träume von ...
Ich habe Angst, dass ...
Jung zu sein bedeutet ...
Alt zu sein bedeutet ...
Liebe ist ...
Ein Freund ist ...
Möchtest du eine oder mehrere Antworten mit mir teilen? Ich freue mich!
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Pass gut auf dich auf!
Bleib gesund!
Vergiss nicht, manchmal die Augen zu schließen und die Sonne in deinem Gesicht zu spüren.
Das Beste für dich!
Pfiati und Hej då -
d'Birgit
PS: Mit dem Wissen, dass man ja immer das sieht, worauf man fokussiert ist, möchte ich dir hier noch gern einige unterschiedliche Brillen, mit denen man in die Welt schauen kann, zeigen, aufgenommen im Umkreis von wenigen Metern:
![]() |
| die Perspektive eines Piratenkapitäns |
![]() |
| die Perspektive eines fortpflanzungswütigen Vogels |
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| die Perspektive einer, die sich in einer ihrer Das-Radl-dreht-sich-immer-weiter-Pause befindet |
Welche Brille hast du jetzt gerade auf deiner Nase?
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Ein mich-aus-den-Socken-hauendes Ereignis von heute Früh, das ich noch gerne teilen möchte, bevor ich diesen Eintrag online stelle:
Gestern hatte die hiesige Regierung eine Debatte über die Frage, wie man mit den Schulen und Kindergärten in Finnland weiter macht. Aufmachen? Zulassen? Lange Diskussion.
Ergebnis: Wir öffnen alle Bildungseinrichtungen mit dem 14. Mai.
Das ist jetzt an sich noch nichts besonderes. Viele Länder haben diesen Beschluss schon vor längerer Zeit getroffen.
Aber, und jetzt kommts: Man kann sich darüber nicht nur in den Medien und im TV informieren, die Regierung hat eine offizielle Stelle, die da heißt "Statsrådets Kansli", also "Des Kanzlers Büro" und auf deren Homepage, worauf auch die verschiedenen Medien verweisen, wird der Beschluss in verständlicher Sprache ausgeführt.
Und dann dieser kleine, unscheinbare, und doch für mich sehr bemerkenswerte Zusatz:
Mehr Information. Und dann werden die Namen und Telefonnummern aller möglicher Menschen wie zB Büroleiter, Abteilungsleiter, Oberdirektor und Kommunikationsdirektor ausgewiesen. Übrigens alles Frauen.
Zusätzlich finden sich Links zu den wissenschaftliche Bewertungen der Lage sowie Richtlinienverordnungen und weitere Grundlagen über den von der Regierung gefassten Beschluss.
Nachzuschlagen unter
https://vnk.fi/sv/artikeln/-/asset_publisher/hallitus-paatti-varhaiskasvatuksen-ja-perusopetuksen-rajoitteiden-purkamisesta
https://vnk.fi/sv/artikeln/-/asset_publisher/hallitus-paatti-varhaiskasvatuksen-ja-perusopetuksen-rajoitteiden-purkamisesta
Hey, liebe Leute, man kann hier in Finnland tatsächlich anrufen und nachfragen!!!
Wow!
Da verschlägts mir als einer, der die österreichische Politiklandschaft immer noch nicht wurscht ist und die da angewidert die Selbstbeweihräucherung des Bundeskanzlers sowie dessen geschniegelte und undurchsichtige und manipulierende Informationspolitik verfolgt, tatsächlich die Sprache.
So gehts auch?
Ja. So gehts auch!
Ich mag Finnland 😀!!!


