Freitag, 30. September 2016

30.09.16 - Von Elchen, Fliegen und anderem Getier


Der Herbst legt sich mit seinem goldenen Licht und seinen frischen Winden übers Land.
 
 
Viele der Birken sind bereits kahlgefegt und lassen den Blick in die Weite zu. Und plötzlich sind sie wieder allgegenwärtig. Die Elche.
 
In Ermangelung eines Fotos eines echten Elches hier Spielplatzelche.
 
Diese mächtigen Wesen, uralt und Ehrfurcht gebietend, streifen anmutig durch die Wälder, nehmen sich da eine Blaubeerstaude und dort ein Büschel Gras, solange es noch wächst, und stossen ihre mal heiseren, mal singenden Brunftschreie aus. So weit, so wunderbar und grossartig.
Bis ein lauter Krach den Zauber jäh zerreisst. Ein Schuss peitscht durch die Luft. Und wieder wird so ein erhabenes Tier zur armen Sau, weil es diesen Menschen, der da in sicherer Entfernung irgendwo auf dem Hochsitz sitzt und sich ins Fäustchen lacht, nicht bemerkt hat.
Herbstzeit ist Elchschiesszeit. Sie ist bereits die zweite Woche im Gang.
 
Um Menschen zu schützen, also Jogger oder Kinderwagenschiebende oder Radlfahrer, werden Schilder am Strassenrand aufgestellt. Das sieht so aus...
 
 

... und bedeutet: "He, Leute, nehmts euch in Acht, die Wahnsinnigen sind wieder am Weg. Jene, die auf alles schiessen, was sich bewegt." Es wird allen Ernstes geraten, zur eigenen Sicherheit eine orange Weste anzuziehen (keine Rote, wegen der Rot-Grün-Farbblindheit, die nur Männer betrifft und die schon so manchem Finnen das Leben gekostet hat)!
 
Und mit Sicherheit bleibt einem auch dieser Anblick nicht erspart:
 

Eine Blutspur, die sich über die Strasse zieht.

Und:


Die Innereien, die achtlos neben die Strasse geschmissen werden. Die Vögel freuen sich. Mir stellts die Grausbirn auf und ich werde einfach nur wütend über diese Respektlosigkeit der Menschen.

Mit den Elchen kommt die Elchfliege. Sobald sich die Stechmücken aus dem Staub gemacht haben bzw. diese aufgrund von Frostnächten in den ewigen Stechmückenhimmel eingegangen sind, hat ihre Stunde geschlagen. Dieses Vieh gehören zu den grausigsten, die ich kenne. Ihr Lebensraum ist der Wald. Wovon es ja genug gibt hier bei uns. Sobald sie einen Elch findet, stürzt sie sich auf ihn, wirft intelligenter Weise gleich ihre Flügel ab, sodass sie nicht mehr von ihrem Opfertier wegkommt, und saugt Blut. Sie lebt dort wie im Schlaraffenland bis an ihr Lebensende. Wenn man aber Mensch ist und Pech hat, dann verwechselt einen dieses Viech mit einem Elch, stürzt sich auf einen, wirft seine Flügel ab und macht sichs gemütlich. Sie kann von dem Blut der Menschen nicht lange leben. Aber sie krabbelt in den Haaren herum, man kann sie fast nicht greifen, weil sie sich verkriecht und versteckt, und sie beisst natürlich. Bäh, es ist widerlich. Und hält mich fern von jedem Wald.
 
Damit nicht genug. Hat schon mal jemand von der Fensterfliege gehört? Sie treibt vor allem im Frühling und im Herbst ihr Unwesen. Und am liebsten hier in Finnland. Denn, so ist es üblich und so will es ein ungeschriebenes finnisches Gesetz, hier verwendet man doppeltes Fensterglas. Da wird nicht lang gefragt und nicht lang herumgefackelt, es wird einfach eingebaut. Fertig. Damit das aber nicht zum feuchten Desaster wird zwischen den Scheiben, wird im Aussenfenster ein kleines Loch gemacht.  Diese seltsame Gepflogenheit rettet ihr Überleben und die Fensterfliege hat ein leichtes Spiel. Sie krabbelt durch das Loch in den Zwischenraum und legt dort ihre Eier ab. Da hilft auch alles Putzen nichts. Die Eier sind so winzig, dass sie in Spalten abgelegt werden, die ich nicht einmal sehen kann. Und dann, wenn die Sonne scheint und ihre Wärme verbreitet, schlüpft der Nachwuchs. Mich hat fast der Schlag getroffen, als ich nach meiner Fensterputzsession am Vormittag im neuen Zubau noch einmal rauf bin, um etwas zu holen, und dort mindestens 50 Fliegen oder noch mehr zwischen den Fenstern herumfliegen gesehen habe.
 
Sie sieht so aus:
 

Sie tut so, als sei sie eine ganz normale Stubenfliege. Man hat keine Chance, sich von ihr zu befreien. Vertreibt man eine von ihnen, kommen 20 andere nach. Das einzige, was mir/uns eingefallen ist: Gift. Werde ich wirklich zu jemandem, der Gift anwendet gegen Tiere? Ich???
 
Der Herbst hat aber auch noch andere tierische Gesichter.
 

Die Kraniche. Diese riesigen Vögel mit einer Flügelspannweite von mehr als 2 Metern. Im Herbst machen sie sich auf den Weg in wärmere und hellere Gefilde. Also in Richtung Süden. Vorher aber treffen sie sich noch unzählige Male in grossen Gruppen, um zu - ja, warum eigentlich? Ich hab ehrlich gesagt keine Ahnung. Aber es schaut wunderschön aus und mich durchflutet bei ihren herbstlichen Meetings jedesmal ein Gefühlsmix aus Wehmut, Neid und Freude.
 
Schwäne.
 
 
Sie hängen oft einfach nur so rum in irgendwelchen Lacken oder gar auf den Feldern. Manchmal eine Familie mit 2, 3 Kindern, manchmal ein ganzer Clan mit 50 Tieren oder so. Vermutlich bereiten auch sie sich schon vor für ihre Reise in den Süden.
Der Ruf der Schwäne und der der Kraniche ist ein sehr ähnlicher und ich habe ziemlich lange gebraucht, um ihn unterscheiden zu können. Und bis heute bin ich mir nicht ganz sicher.
 
Der Herbst hat seinen eigenen Klang, seinen Geruch, seine Emotionen, seine Farben, seine Früchte und - seine Tiere.
Manche von ihnen hab ich erst hier in meinem neuen Daheim-Land kennengelernt.
Jedes von ihnen berührt mich auf irgendeine Weise emotional.
 
Die Dunkelheit deckt mich zu.
Die Welt wird still.
Und ich harre dem, was da kommen will.
 
Pfiat enk. Hej då.
- d'Birgit
 
 
 

 
 

Samstag, 24. September 2016

24.09.16 - Happy Birthday, lieber Max!


Hast du Zeit für mich? Also, ich meine wirklich - Zeit? Nicht nur so a bissl nebenbei zum mal kurz Reinschauen, sondern so ganz richtig? Ja? Gut! Dann bitte ich dich, geh jetzt auf www.youtube.com, und gib dort "george harrison my sweet lord" ein. Lehn dich zurück, mach dirs fein und schenk dir diese 4:40 Minuten. Und dann sehen wir uns wieder.

Hallo! Und? Wie wars?

Das ist unser Lied. Also, Max' und mein Lied. Manchmal tanzen wir dazu durch das ganze Haus, kurz, bevor er sich hinlegt. Dann halte ich ihn ganz fest, unsere Köpfe liegen aneinander, meine Augen sind zu und wir lassen uns einfach nur tragen und bewegen von der Musik und von den Gefühlen, die da kommen. Und gehen. Und kommen. Und gehen.

Wir schreiben den dreizehnten September im Jahre zweitausendundsechzehn.
 
Max wacht auf. Wie besprochen versuchen wir beide, aus dem Bett zu springen. Kalle gelingt es ohne weiteres, während ich ordentlich zu tun habe. Aber während ich noch versuche, mich aus den unendlichen Tiefen der Nacht hochzustemmen, nimmt Kalle Max und sie machen einen Spaziergang durchs Wohnzimmer, sie suchen Martin, unseren Baumenschen, indem sie aus jedem Fenster schauen, obwohl wir genau wissen, dass er heute nicht kommt, sie sagen "Guten Morgen!" zu all den netten Menschen auf den Fotos, die in unserer Stube hängen, und derweil habe ich es endlich geschafft, in dieser Welt anzukommen und renne in die Küche, stelle den Kuchen (ohne Zucker, dafür mit viiiel Himbeeren) auf den Tisch, drücke die Kerze rein und zünde sie an. Max wird langsam unruhig. Denn das morgendliche Ritual verlangt nach einheizen. So wie jeden Tag.
 
OK. Fertig.
 
Sie kommen um die Ecke. Max auf Kalles Armen. Es ist noch ziemlich düster, und die Kerze erleuchtet den Küchentisch und den Kuchen mit ihrem warmen Schein.
 
Max schaut. Er ist müde. Und wir fangen an zu singen: "Happy birthday to you...". Und dann "Alles Gute für dich...". Und dann: "Ja må han leva...". Wir singen. Und Max' wechselnde Gesichtsausdrücke sind besser als jeder Film und besser, als jede Beschreibung das je schildern könnte.
Wir singen. Und Max schaut erstaunt zu mir, die ich beim Küchentisch stehe. Er sieht die Kerze. Er schaut zu Kalle. Er schaut zu mir. Wir singen immer noch. Und weil er es liebt, wenn wir singen, fängt er an zu lachen. Und er schaut auf die Kerze. Und seine Arme und Beine fangen an zu fliegen und alles zieht ihn hin zum Tisch und zum Kuchen. Er schaut wieder vom Kalle zu mir zum Kalle zu mir... Und mit grossen, strahlenden Augen und einem riesigen Lacher von einem zum anderen Ohrwaschl fängt er an, uns zu dirigieren. Und er quietscht. Und er lacht. Und er leuchtet. Und er ist so schön.
 
Das ist unser Sohn. Unser kleiner, lieber, wunderbarer Sohn.
Immer noch durchfährt mich ein Schaudern, wenn ich an die Geburt zurückdenke.
Immer noch durchfährt mich eine tiefe Ehrfurcht vor dem Leben, vor diesem Wunder, das bei dieser Geburt passiert ist.
Max, dieser kleine und vollständige Mensch, der ist echt in mir gewachsen und aus mir herausgekommen?!?!? Es ist ja nicht nur der Körper, der perfekt ist, der alles hat und alles kann, was ein Körper haben und können muss, es ist ja auch er, der Max, er mit seinem Wesen und er mit seinem Sein. Oh, wenn ich da weiterdenke, wird mir ganz schummrig.
 
Ein ganzes Jahr schon sind wir zu dritt. Ich bin Mama. Ich bin Partnerin. Ich!
Viele Dinge gehen mir durch den Kopf.
Ich weiss noch, dass es Zeiten in meinem Leben gab, da habe ich es mir nicht einmal vor mir selber zugestanden, auf eine eigene Familie zu hoffen oder mir eine solche zu wünschen.
Und ich weiss noch die Anfangszeit hier in Finnland.  Arbeitslos. Maxlos. Baustellenlos. Aus heutiger Sicht frage mich: Was haben wir denn da gemacht?
Max steht am Ofen, er will mir etwas zeigen. Ich schaue gerade nicht hin. Und er sagt mit seiner wunderbaren Stimme: "Mama!" Und es durchfährt mich warm und strahlend von oben bis unten und mitten hinein ins Herz. Es gibt jemanden, der Mama zu mir sagt!
 
Wir waren am Geburtstag "nur" zu dritt. Das war alles, was wir gebraucht haben. Vielleicht bin ich ein bisschen komisch, aber mir war dieser Tag so intim, dass ich da hätte gar niemand anderen dabei haben wollen. Ich nehme an - auch das wird sich verändern.
 
Alles Gute, mein lieber, kleiner, schöner, süsser, mutiger, wunderbarer Max!
Danke für dieses erste Jahr! Danke für jeden einzelnen Tag!
 
 


Auf dass noch viele weitere Tage folgen mögen!

Pfiat enk und Hej då -
d' Birgit
 
 
 

Freitag, 16. September 2016

16.09.16 - Es geht!


Es geht tatsächlich.

Es geht, einen Unterricht abzuhalten, Menschen ein gutes Gefühl zu vermitteln, ihnen Dinge zu erklären, miteinander zu lachen, ein klares Auftreten zu haben, sich kompetent zu fühlen, obwohl die Sprache nicht zu 100 % flutscht.

Es geht, Freude am Herbst und seinen tanzenden, lustig fliegenden Blättern, seiner Klarheit und Frische in der Luft, seiner Lust auf einen warmen Ofen in einem kuscheligen Zuhause, seiner Botschaft von nicht mehr, aber auch noch nicht, zu haben, auch wenn dieser bis jetzt immer verbunden war mit Melancholie und Traurigkeit.
 
Es geht, auf jemandem im Geschäft zu treffen, und mit ihm zu plaudern, dabei Fehler zu machen und so zu tun, als sei das normal.
 
Es geht, jemanden auf der Strasse anzusprechen, auch wenn ich mir komisch dabei vorkomme, einfach nur deshalb, weil er mit dem Radl unterwegs ist und ich weiss, wie wohl es auf so einer Reise tun kann, jemanden kennenzulernen.
 
Es geht, den Abend mit einer Vielzahl an Stechmücken und Fliegen im Haus zu verbringen, und dabei gelassen zu bleiben. Max hat sein Moskitonetz über dem Bett, und ich - ach, ist ja wurscht. Das Unangenehme nach einem Stich vergeht eh gleich wieder.
 
Es geht tatsächlich, Dinge anderes zu sehen und zu empfinden als man es bisher gewohnt hat.
Und es geht tatsächlich, sich dem Risiko der Peinlichkeit auszusetzen.
 
Ich sitze mit Max auf unserer Wiese vor dem Haus. Die Sonne scheint. Die frisch gewaschene Wäsche auf der Wäscheleine wachtelt im Wind. Die Blätter unserer riesengrossen Birke lassen los und sich fallen, ohne zu wissen, was sie erwartet, nur um sich dann wie ein gelber Teppich um uns und auf uns zu legen. Max nimmt ein Blatt. Und einen Grashalm. Und dann noch ein Blatt. Und quietscht a bissi über seine Entdeckung. Meine Gedanken wandern. Sehen einer Libelle zu, wie sie ihre Bahnen zieht mit ihren metallisch-schillernden Flügeln.
Und Max zeigt aufgeregt auf einen Baum hinter meinem Haus. Ich schaue. Da sitzt eine Krähe. Max streckt seine Arme aus, flattert mit ihnen und macht Kchr! Kchr! Kchr!.  Ich muss lachen.
Und plötzlich ist mir alles klar.
 
Es geht. Es geht tatsächlich, leicht und frei durchs Leben zu gleiten, sich an Schönem zu erfreuen und anzuerkennen, was ist. Das ist alles.
Und vielleicht ab und zu mit den Armen zu wachteln und laut Kchr! Krchr! zu rufen.
 
 
 
 
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit
 
 
 

Freitag, 9. September 2016

09.09.16 - Deutschkurs für schwedischsprachige Finnen


Ich habe in meinen alten Tagebüchern geblättert. In denen, die ich auf meiner Radlrundreise Innsbruck - Nordkap - Innsbruck verfasst habe. In einem Kapitel darin befasse ich mich mit der Frage: Womit verdiene ich mein Geld, sollte ich tatsächlich nach Finnland ziehen? Ja, ich war damals tatsächlich 5 Schritte voraus. Und meine Ideen sind gesprudelt. 
Eine davon: Ich könnte Deutsch unterrichten, zum einen, weil ich eine Ausbildung als Lehrerin habe und zum anderen, weil ich die deutsche Sprache ganz gut beherrsche.
 
Es ist so weit. Die Vergangenheit hat mich eingeholt und ich werde am kommenden Dienstag meine erste Deutschstunde abhalten. An der finnischen Volkshochschule. Auf Schwedisch. Uiuiui...
 
Seitdem ich gehört habe, dass sich genügend Teilnehmer angemeldet haben und der Kurs stattfinden wird, wehrt sich etwas in mir einzuschlafen, und wenn ich dann doch mal schlafe, dann drängen sich Träume von Schule, vom Lehrerinnensein, von der deutschen Sprache (Wie funktioniert diese eigentlich wirklich???), von Kreide, von Büchern, von Konflikten in Gruppen, von Unterrichtsmethoden, vom Bananen-Joghurt-Geruch in den Pausen, von Klassenräumen und von anderen unzähligen Diversigkeiten mit aller Gewalt in meinen Schlaf, rücksichtslos die Ellbogentechnik einsetzend und sich so aufdrängend, dass mir ganz schummrig wird und an Erholung nicht zu denken ist.
Ich bin Max jedes Mal dankbar, wenn er mich ins Hier und Jetzt zurückholt, indem er lautstark nach mir/uns verlangt.
 
Hm. Wieso?
 
Es sind meine ersten Schritte in die finnische Arbeitswelt. Ich werde mit neuen Inhalten konfrontiert, mit neuen Menschen und mit neuem Gedankengut. Zudem kann ich mein Persönlichkeitsrepertoire erweitern, indem ich die Rolle der Lohnempfängerin hinzufüge. Und ich bin einen ganzen Abend nicht mit Max und seinen Bedürfnissen beschäftigt, sondern mit jenen anderer Menschen.
Ausserdem, was nicht ganz unwesentlich ist: Ich glaube, es ist extrem wichtig für meinen Selbstwert und mein Selbstbild, endlich in den Arbeitskontext einzusteigen. Und das mache ich ja hiermit.
Gut, oder?
 
Ja. Wenn man die Details ausklammert.
Details wie etwa jene:
Vor langer, langer Zeit war ich schon einmal Lehrerin. Und nach zwei Jahren des Versuchens und Durchbeissens und Unwohlfühlens habe ich mir geschworen: Nie wieder!
Ich spreche Deutsch. Das ist meine Muttersprache. Aber heisst das, dass ich es automatisch kann? Ich meine, verstehe ich das Leben dieser Sprache? Wenn Kalle mich fragt: Wieso heisst es der Junge (männlicher Artikel), aber nicht die Mädchen (sächlicher statt weiblicher Artikel)? Alles, was ich ihm sagen kann, ist: Puh, keine Ahnung!
Und dann dieses Schwedisch.
Oioioi...
Ja. Ich kann mich unterhalten. Ja. Es geht schon so irgendwie. Aber reicht es, um vorne zu stehen, ein klares Auftreten zu haben, Menschen zu motivieren, eine gute Atmosphäre zu schaffen, Ängste zu nehmen und Freuden aufkommen lassen, kurz: einen Raum zu schaffen, in dem man gerne lernt und sich gerne ausprobiert???
Oioioi...
 
Da gibt es den ängstlichen Teil in mir. Den, den ich versucht habe, in den Details zum Ausdruck zu bringen.
Aber dann gibt es auch den experimentierfreudigen Teil in mir. Den, der mir sagt: He, das kann richtig Spass machen und man kann es total fein und lustig haben miteinander! Es steht und fällt mit einer guten Planung, netten Ideen, und dann - dann passt das schon! Ja, eh.
Und ich freue mich richtig!
 
Ja, jetzt schau ma mal. Ich versuche mit all diesen Gefühlen so gut es geht am Boden zu bleiben. Und einfach Schritt für Schritt zu machen. Und das Leben auszuprobieren. Wieder einmal...
 
Hört das mit den Anfängen eigentlich irgendwann mal auf?
Hm. Würde ich das überhaupt wollen?
 
Auf in eine neue Welt! Aufrecht, mit offenem Geist und klarer Aussprache.
 
Och nu öppnar vi boken på sidan fjorton.
 
 
Pfiat enk und Hej då -
d' Birgit
 
 
 

Sonntag, 4. September 2016

04.09.16 - Hej hej! Griass enk!

 
A: Hey! Lange nicht mehr gesehen! Wie gehts dir so? Wie war der Sommer?
B: Ja. Hallo! Ja. Total lang her!
 
Und da, genau an diesem Punkt, steh ich meistens schon das erste Mal an.
 
Die Frage "Wie gehts dir?" fordert einem schon einiges ab, finde ich. Natürlich hängt die Ausführlichkeit der Antwort von dem/r FragestellerIn ab. Und trotzdem, ich will ja den anderen nicht einfach nur abfertigen mit einem "Gut, passt schon. Und dir?" Mit dieser Antwort schlag ich eine Tür zu und verweigere eine echte Begegnung. Aber manche Situationen oder Menschen fordern genau das ein. Weil alles andere zu viel wäre. Man denke nur an eine Besprechung im Arbeitskontext. Da wärs absolut daneben, würd ich zum Beispiel anfangen, über meinen Schwiegervater herzuziehen.
Ganz eigen wird's dann, wenn das Wörtchen "so" an die Frage drangehängt wird. Das erweckt in mir den Eindruck, als wolle der andere eh nicht wirklich eine Antwort. Vielmehr will er unterhalten werden. Ins Kino gehen, die Schlagzeilen der Krone lesen und eine Antwort fallen in dieselbe Kategorie.
Für mich ist alleine schon diese Thematik total komplex.
 
Es kommt aber noch besser: Wie war der Sommer?
Das ist echt eine Herausforderung. Wenn nicht gar eine Zumutung. Wie, frag ich mich, soll ich den Sommer, der bekanntlich aus 3 Monaten besteht, das sind in etwa 90 Tage, in ein paar wenigen Sätzen so umreissen, dass das Gegenüber einen adäquaten Einblick bekommt?
Es gibt zum Glück Musts und Regeln, die einem weiterhelfen können.
  • Auf jeden Fall das Langweilige und Eintönige weglassen!
  • Das Highlight wie zB den Urlaub auf Mallorca herauspicken und sich darauf einschiessen.
  • Wenn alles andere zu intim oder zu langweilig ist: Das Wetter bietet sich immer an.
  • Auf die Aktivitäten fokussieren. So lenkt man vom Persönlichen ab.
  • Auf Facebook verweisen. Darin hat man nämlich eh alle Fotos gepostet.
  • Vermeintliche Nähe herstellen, indem man etwas Unangenehmes erzählt.
  • Keine Blösse zeigen und so tun als ob und damit sich selber, dem anderen oder beiden etwas vormachen. Das Leben und man selber hat nämlich toll zu sein!
  • Erzählen, wies war. Das kann dann zwar mehrere Stunden in Anspruch nehmen, aber das ist ja kein Hinderungsgrund.

Ist das zu negativ?
Nein. Es ist nur - nicht immer so einfach, finde ich.
Und trotzdem sind Fragen und Geschichten über das was war und das was ist, das einzige Werkzeug, das wir Menschen zur Verfügung haben, um in Kontakt zu treten, um unser Interesse zu zeigen, um etwas herzugeben und um echte Begegnungen herzustellen.
 
Deshalb: Wie geht's euch, ihr lieben Menschen? Wie war euer Sommer?
 
Ich schaue aus dem Fenster und sehe den Herbst. Der Sommer hat sich bereits vor drei Wochen von uns verabschiedet und sich aus dem Staub gemacht.
Ich schaue zurück und sehe eine recht intensive Zeit.
  • Tirol hat mich umarmt für mehrere Wochen und ich habe mich ihm nur sehr ungern wieder entzogen.
  • Unser Haus steht. Und der Zubau ist schon fast fertig.
  • Max ist schon längst kein Baby mehr. Wenn ich ihm zuschaue, mit welcher Freude und Offenheit und Neugierde und Ausdauer er sich ins Leben stürzt, dann durchfährt mich eine ungeahnte Mischung aus Liebe, Stolz, Glück, Angst und Faszination.
  • Mein Buch nimmt Gestalt und Form an und es ist nur mehr eine Frage von wenigen Wochen, bis es fertiggestellt ist.
  • Ich bereite mich auf meine Arbeit als Deutschkursleiterin vor.
  • Und es gab endlich Zeit. Zeit für das wirklich Schöne und Wichtige. Mmmmm....
 
Viele, viele Menschen haben über den Sommer diese Seite aufgemacht alte Einträge gelesen. Danke dafür! Das ist ein richtig gutes Gefühl!
 
Also dann, ihr lieben Leser und Leserinnen - ich freue mich "auf gute Zusammenarbeit" :-)!
 
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit
 
 
Als Willkommengeschenk für eine neue, gemeinsame Zeit zeige ich zwei Fotos. Sie zeigen die zwei Welten, in denen ich mich befinde. Mal hier. Mal dort. So gegensätzlich. Und beide so wunderbar. Dieses Spannungsfeld ist manchmal nur sehr schwer auszuhalten. Und gleichzeitig ein grossartiges Geschenk.