Samstag, 30. März 2019

31.03.19 - Über das Glück


Ich liebe Wasserpfützen. Immer schon. Der Unterschied zu meiner Zeit als kleine Birgit ist jener, dass ich jetzt diese Leidenschaft ausüben darf. Und das tue ich auch. Mit Inbrunst und Abenteuerlust. So fahre ich also mit meinem Auto und mit dem Radl durch alle Pfützen, die ich nur finden kann. 
Man muss wissen, dass es unterschiedliche Qualitäten an Pfützen gibt. 
Da gibts die ganz seichten. Sie reichen eben mal aus, um die Reifen zu befeuchten. Wenn man mit dem Auto durchfährt, spürt und hört man gar nichts. Das Wissen um das Tun ist die Befriedigung.
Dann gibts die größeren, die tieferen. Sie sind mit mehr Wasser gefüllt als die seichten, und sie lassen nur mehr selten den Blick auf den Boden zu. Mit dem Radl ists dann so, dass ich bei der Durchfahrt die Beine zur Grätsche forme. Huiiiiii. Mit dem Auto hört man ein kurzes Pfffffschhhhhh, und wenn man Glück hat, wird das Wasser an der Seite des Wagens ein bisschen hochgeschleudert. Das ist dann schon etwas Besonderes.
Aber dann, dann gibts die First-class-Pfützen. Sie bespritzen mit einem Schwall das Autofenster, dass es nur so eine Freude ist. Ein schauriges Zusammenzucken ist die automatische Folge, da man ja mit dem Auto verschmilzt und eins wird, sobald man hinter dem Lenkradl sitzt. Mit dem Radl fahr ich da gleich gar nicht durch, aus Angst, keinen Boden vorzufinden und aus Angst vor Schlaglöchern, die nach dem Winter durchaus die Größe eines Fußballes und die scharfen Asphaltzähne eines Haifischgebisses haben können.
Das Durchfahren ist das eine, das, was aber mindestens gleich viel Bedeutung für mich hat, ist die Spur, die die Reifen auf die Straße zeichnen. Ich fahre durch und drehe mich um oder schaue in den Rückspiegel. Und siehe da, da ist sie. Meine Spur. Schlank und Schlangenlinien förmig (wenn mit dem Radl), gerade und sich scharf abzeichnend (wenn mit dem Auto). Und dem, der nach mir kommt, schenkt sie ein Zeugnis meines Daseins, solange sie kann, obwohl ich selber schon längst über alle Berge bin. Bin also über mein Wirken (das Zeichnen meiner Spur) an mehreren Orten gleichzeitig. 
Es ist das Bild vom Leben und Sterben. 
Ebenso vergänglich.
Ebenso simpel.
Ebenso faszinierend.


Diese Jahreszeit ist meine Jahreszeit. Der Frühling lässt trotz Tag-und-Nacht-Gleiche (früher, in meinem alten Leben, habe ich "Frühlingsbeginn" dazu gesagt) noch auf sich warten. Aber das Licht, das Licht ist wieder da. Strahlender und heller denn je. Und a bissl auch die Kraft der Sonne, die allmählich das Eis und den Schnee schmelzen lässt und der Welt ihre Wasserpfützen schenkt. Und mit den Wasserpfützen Freude. Und mit der Freude Lust auf Leben, Energie, Tatendrang, Mut, alles mögliche. Es ist wunderbar!

Dem Glück liegt der Wandel zugrunde.

Früher dachte ich, Lady Gaga ist scheiße. Provoziert mit schrillen Auftritten und hat keine Ahnung von Musik. Dann habe ich "A star is born" gesehen. Und dann habe ich mich des längeren mit ihr auseinandergesetzt. Und jetzt weiß ich, Lady Gaga ist phänomenal! Eine Frau, die nit spielerischer Leichtigkeit und Akzente setzend alle gängigen Stilrichtungen aus dem FF beherrscht und selbst die Großen wie Elton John und Tony Bennet alt ausschauen lässt. Mit Mick Jagger hat sie es übrigens auch probiert, der hat aber souverän dagegen gehalten.
Dem Glück liegt der Wandel zugrunde. Und wenn es manchmal die eigene Sichtweise ist, die sich wandeln muss.

"Kann i di heiraten, wenn i groß bin?"
Oh, mein lieber Max. Nein. Tut mir leid. 
Bis vor kurzem war er noch ein Baby. Und jetzt macht er Zukunftspläne und ist auf der Suche nach einer passenden Frau.
Wie tief, wie berührend diese Frage ist. Dieses ständige Verändern und Entwickeln von Gedanken und (Sprach-)Vermögen ist ja bei kleinen Kindern besonders augenscheinlich.
Dem Glück liegt der Wandel zugrunde.
Kommt diese Frage in 15 Jahren immer noch, müss ma was tun.

Nach jahrzehntelangem Gitarrespiel auf demselben Niveau (ich nenne es gern das Schrumm-schrumm-Niveau) habe ich mich endlich dazu durchgerungen, Gitarreunterricht zu nehmen. Genauer gesagt: Jazz-Gitarre. Emil, mein Gitarrelehrer, ist der erste, der mir sagt, dass es gut ist, wenn ich mich nicht an den vorgeschriebenen Notenwert halte, sondern mir selber überlege, wie ich ein Lied interpretieren will. Wow! Das fährt ein. Und schon bin ich mitten drauf auf dem Zug der Jazzgitarristen. Und spiele mir die Finger wund. Und bin so stolz, wenn ich etwas hinbekomme. Wie zum Beispiel den Bossa Nova. Coole Begleitung, cooler Rhythmus, und etwas, das nichts mit Talent zu tun hat, sondern etwas, das man einfach lernen kann. 
Dem Glück liegt der Wandel zugrunde. Von Schrumm-Schrumm zu "A girl from Ipanema" (ich singe übrigens "A boy from Ipanema" - meine Interpretation).

Wir sind Schifahren in Fast-Lappland (a bissale südlicher, deshalb nur "Fast-Lappland"). Für fünf Tage sind wir dort. Und Dank meines wunderbaren Mannes erlebe ich sehr viel Zeit für mich allein auf den Pisten dieses einen Berges, während er unserem Max das Schifahren zeigt. Es gibt kaum andere Schifahrer. Die Pisten sind in fantastischem Zustand, frisch präpariert, der Schnee ist fest und weich zugleich und ich finde keine einzige eisige Stelle. Ich gleite, ich carve runter, mit der Zeit auch völlig entspannt, und ich versuche, so stilvoll wie möglich zu fahren, was mir nach einer Weile auch ganz gut gelingt. In meinem Körper spüre ich die Freude, meine Muskeln, die freie Leichtigkeit.
Und niemand, der mich anbrüllt: "GEH IN DE KNIIIIIIA!!!!"
Dem Glück liegt der Wandel zugrunde.


Ich gehe einkaufen. Und sehe wieder einmal ein Auto vor der Eingangstür des Geschäftes stehen. Ein Auto ohne Fahrer, dessen Motor läuft. Das ist eine dieser typischen finnischen Angewohnheiten, wo ich nicht mitkann. Eine, die eine Verengung in meinem Brustkorb und zusammengekniffene Augen verursacht. Ich weiß nicht genau, warum mich das so wütend macht. Ja, natürlich, der Umweltgedanke ist ein Teil davon. Aber das ist nicht alles. Vielleicht ist es diese Achtlosigkeit, diese "Ich bin ich und alles andere ist mir wurscht - Attitüde", die mich so abstößt.
Ich steige ein. Setze zurück. Parke das Auto, dessen Besitzer mir unbekannt ist, 20 Meter weiter weg. Hinter einem anderen, einem größeren Auto. Drehe den Zündschlüssel. Endlich - Stille. Ich lasse den Schlüssel stecken, steige aus, hole mir ein Einkaufswagerl und widme mich - wieder ruhig und froh - meinen Einkäufen.
Ich mache so etwas natürlich nicht wirklich. Dafür bin ich viel zu feige. Aber in meiner Phantasie mache ich so etwas. Dabei stelle ich mir das verdatterte Gesicht des Fahrers vor, wenn er aus dem Geschäft kommt und der Platz, auf dem sein Auto gestanden ist, leer ist. Herrlich!
Der Genuss der Phantasie, die meine Gefühle wandelt. 
Und dem Glück liegt der Wandel zugrunde. 

Das Telefon klingelt. Ich hebe ab. Was mir übrigens seit meiner Namensänderung viel leichter fällt als früher. Ein Reporter meldet sich und fragt, ob er mit mir ein Interview machen darf. Es soll dabei schon auch um meine Arbeit als Sprachenlehrerin und Beraterin gehen aber vor allem darum, wie es ist, als Älplerin auf den Schäreninseln Finnlands zu leben.
Ja. Natürlich darf er das! 
Dem Glück liegt der Wandel zugrunde. Von der unselbstständigen und wortlosen Ausländerin zur Interviewpartnerin, die möglicherweise Interessantes zu erzählen hat. 

Dem Glück liegt der Wandel zugrunde.
Alles verändert sich. Ständig. Jede Minute. Jede Sekunde.
Mal in diese, mal in jene Richtung.
Alles ist in Bewegung. 
Bewegung ist Leben.
Wenn man das akzeptiert, wenn man es sich bewegen lässt, und wenn man sich bewegen lässt und mitgeht, dann hat man gewonnen.

In diesem Sinne:
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit