Donnerstag, 30. April 2015

30.04.15 - Holladio





Das ist gestern. Ich bin auf dem Weg zum Chor. Es ist kalt, die Wolken hängen rein, es fängt gleich zum Regnen an, die riesigen Löcher in den Strassen von den winterlichen Strapazen endlich a bissi ausgebessert, Hubert von Goisern in meinem Autoradio - so rausch ich mit meinem kleinen Autole durch die finnische Landschaft. Ich jodel mit mitm Hubert. Laut und inbrünstig. Tuat so guat. Da bekomm ich grad a bissi Wehmut, weil wir mit dem Chor ja überhaupt nicht jodeln.
 
Dort schlag ich mich mit Texten rum wie: "...Ja taivas on kuin kukkis kirsikat ja täynnä kukkia ois jonkun syli täynnä kukkia..." (finnisch)
Oder: "...Ge mig den kyss du bara låtit mig få smaka, en natt som denna får vi aldrig mer tillbaka, det börjar brännas här strax ovanför min haka,..." (schwedisch)
Auswendig, wohlgemerkt!
 
Und doch: Ich freu mich! Seit Jänner gibts a neue Chorleiterin. Jung, lebendig, weiblich. Und sie ist genial. Ich bin immer wieder erstaunt, was ein einziger Mensch bewirken kann. In wenigen Monaten ist Unglaubliches passiert bei uns und mit uns. Da sind jetzt nicht mehr nur wir Frauen, die versuchen, den richtigen Ton zu treffen. Jetzt ist auch Lust dabei, Achtsamkeit den anderen gegenüber, Lachen, Konzentration und Ausdruck. Manchmal mach ich einfach nur die Augen zu und höre. Und bin ganz überwältigt. So viele unterschiedliche Stimmen, und trotzdem EIN Klang. Wow! Da werden diese irren Zungenbrechertexte plötzlich zur völligen Nebensache.
 
So fremd ich mich am Anfang in dieser Gruppe gefühlt hab - war ich ja auch -, so sehr bin ich jetzt ein Teil davon. Die Kommunikation ist schon immer noch eine gscheite Herausforderung, und das darf sie ruhig auch sein. Es geht ja nicht nur ums Reden. Es geht ums Dasein. Ich mit meinem ganzen Wesen. So wie alle anderen auch da sind. Mit all ihrem Sein. Und was einbringen, was (mit-)gestalten, verändern, einfach nur, indem sie da sind. Singen tut gut, dem Geist und dem Körper, und mit anderen zusammen ist es noch einmal was ganz anderes.
 
Morgen gehts nach Schweden. Mit Bus und Schiff machen wir uns auf den Weg, um dort zu singen, zu berühren und zu sein.
 
Habts es fein! Wir tuns nämlich auch!
Pfiat enk und Hej då -
de Birgit
 
 

30.04.15 - Tao Tao (タオタオ絵本館 世界動物ばなし)

 



Kann sich noch jemand an Tao Tao erinnern? Den kleinen Pandabären, der immer gemeinsam mit seinen Freunden Geschichten von seiner Mutter erzählt bekommen hat? Ich habe diese Serie geliebt. Das Schönste waren die Zeichnungen, die Bilder. Die waren so schön für mich, dass ich oftmals ganz enttäuscht war von der Realität. Nie hab ich so fantastisch aussehende Blumen gefunden auf unseren Wiesen, die Vögel und die Schmetterlinge waren nie so bunt und so vielfältig, und unser Bach hat in echt nie so schillernd geglitzert und gefunkelt wie der im Film. So bin ich eine Zeitlang gar  nicht mehr gern rausgegangen, weil die Realität mich gnadenlos zurückgeholt hat - eben auf den Boden der Realität. Und dort wars ja ganz und gar nicht zauberhaft und mystisch. Dort wars so normal, kein Glanz und kein Funkeln nirgendwo, und auch die Farben waren weit weniger schillernd, vielmehr stumpf und matt.
 
Ich hab mit der Zeit die Kurve gekratzt, indem ich einen ganz bewussten und klaren Schnitt hab machen müssen. Das eine war die Film- und Zeichentrickwelt, und das andere die echte. Und diese beiden Welten haben nichts gemeinsam. Die eine tut nur manchmal so als ob. Als ich das herausgefunden hab, wars wieder gut. Und ich habe mich auf die Suche nach dem Wundersamen in der echten Welt gemacht. Und ich bin fündig geworden :-). Immer und immer wieder. Und das grösste Wunder an all dem: Ich finde immer noch!
 
Wie auf diesem Foto. Das hab ich gemacht auf eine der Brücken, die das Festland mit unserer Insel verbinden. Ist dieses Glitzern nicht wundervoll? Und die Wolken?! Jedes Mal, wenn ich da drüber fahre, schauts ganz anders aus als an all den Tagen zuvor. Nie ist das Meer dasselbe, der Himmel ist immer ein anderer und das, was sich auf dem Meer abspielt, wechselt sowieso ständig. Am meisten mag ich das Zusammenspiel von Wolken und Wasser - und mittendrin in diesen gewaltigen Kräften ich mit meinem kleinen Autole :-).
 
Als ich dieses Foto gesehen habe, ist mir plötzlich der Tao Tao wieder in den Sinn gekommen. Und der Gedanke, dass es doch manchmal Brücken geben muss von der einen Welt in die andere oder auch andersrum.
 
In diesem Sinne - Pfiatenk und Hej då!
De Birgit

Donnerstag, 23. April 2015

23.04.15 - Nichts

 


Ich liege auf der Terrasse in der Sonne. Die Augen sind geschlossen.
Ich höre.
Bin dazu geneigt zu sagen: Ich höre nichts. Da ist nämlich nichts. Kein Auto. Kein Flugzeug. Keine Stimmen. Keine Schritte. Keine Maschinen.
Derweil stimmt das nicht. Ich höre hin. Und ich höre.
Ich höre den Wind. Den Wind, wie er an den verschiedensten Dingen rund ums Haus mit aller Kraft rüttelt und zerrt, und ich höre, wie die Bäume sich von ihm biegen und wiegen lassen,  ihre Äste rauschend und knackend.
Ich höre Möwen. Und Krähen. Und die Kohlmeise. Und viele andere Vögel, die ich wohl kenne, deren Gesang ich aber nicht dem Sänger zuordnen kann.
Ich höre meinen Atem. Regelmässig. Bisschen angespannt. Lauter als der Wind.
Ich höre meinen Magen, wie er mit dem Verdauen des Mittagessens beschäftigt ist.
Ich höre meine Gedanken, die mir sagen, was ich alles wann machen muss. Damit verknüpft sind Emotionen, die sofort auftauchen, sobald die Gedanken auftauchen. Oder ist es umgekehrt?

Ich mach die Augen auf.
Sehe:



Nichts.
Ah geh! Ich sehe den Himmel. In sattem Blau. Drehe ich den Kopf, muss ich die Augen schliessen, weil sie ausserstande sind, die Sonne anzuschauen.
Ein riesiger Vogel - ein Kranich? - der seine Bahn durch mein Blickfeld zieht.
Die Baumspitzen, die in das Blau ragen.
Lege ich meinen Kopf in den Nacken, sehe ich Wolken. Weiss und bauschig.
Und eine Bachstelze, die hinter mir vorbeispaziert, als wär ich gar nicht da.
Ich sehe kleine schwarze Pünktchen in meinem Sehfeld, und auch Würmchen, nicht schwarz, sondern durchsichtig, die immer wieder nach unten sinken. Sobald ich blinzle, fangen sie wieder von oben an. Sie fallen nur auf, wenn ich mich auf sie konzentriere. Ob das wohl bei jedem so ist?
 
Das Nichts ist jetzt im Frühling laut, bunt, lebendig, sich ständig verändernt, tanzend?, vielfältig und Raum einnehmend. Wie wunderbar und faszinierend!
 
Manchmal, da hab ich mich im Winter mitten in der Nacht - also so um 8 am Abend - rausgestellt, und hab hin-gehört. Dieses Winter-Nichts klingt total surreal, weil man wirklich nichts hört. Nichts. Und wie ich mich anfangs angestrengt habe, um irgendetwas auszumachen...! Kein Laut. Kein Lebenszeichen. Von niemandem. Nur der eigenen Atem und das Rascheln der Winterjacke. Als sei jeder Laut, alles Leben in der Kälte erstarrt.
 
Da lieb ich dieses Frühlings-Nichts. Das gar kein Nichts ist. Es ist nämlich Alles. Alles Leben, das sich regt, seine Glieder streckt und zu einem Neubeginn ausholt. Mit Lust und dem Lebensdrang, dem sich nichts und niemand entziehen kann.
 
Da. Ein Auto :-)! Es gibt sie doch noch, die Menschen hier. Wie schön!
 
Möge der Frühlingsruf und der damit verbundene Farbenrausch (hoffentlich auch bald hier) euch ereilen und euch in eurem tiefsten Inneren erschüttern!!!
 
Pfiat enk und Hej då -
de Birgit
 




Donnerstag, 16. April 2015

16.04.15 - Birkensaftabzapfung vs. Wut


Und so schaut das aus:

 
 
 
Oder auch so:
 


Wissts, da spazierst nichts ahnend, Gedanken verloren mitten im Nirgendwo, und dann plötzlich das. Kübel, die Schläuche wie Arme oder noch schlimmer - wie Kabel - in Birken stecken und - ja, was??? Das ist mir schon schräg eingefahren irgendwie. Doch heute wurde Dank des Kübelbesitzers und Dank Wikipedia das Rätsel gelöst. Hier wird Birkensaft abgezapft. Das ist hier in Finnland durchaus üblich und wird jedes Frühjahr durchgeführt. Dieser so gewonnene Birkensaft, mehrere Liter am Tag, wird dann exportiert nach Deutschland, in noch ein anderes westeuropäisches Land, das ich leider vergessen habe, und nach Japan. Ihm werden heilbringende Kräfte zugeschrieben.
 
Vielleicht sollt ich auch mal den einen oder anderen Schluck davon trinken. Und vielleicht sollte überhaupt viel weniger davon exportiert werden. Heilung (in Gedanken und im Tun) würde mir oder uns da in Finnland echt nicht schaden.
 
Kleine Kostproben?
  • Es gibt da einen Bach in Vörå. 30 km von hier. Ich bin dort jede Woche einmal zur Chorprobe. Oder auch öfter. Weil es dort einen lieben Menschen gibt. Und ausserdem eben auch diesen Bach. Bäche sind sehr selten hier. Für meinen Geschmack viel zu selten. Wie hab ich mich gefreut, als ich den entdeckt hab! Und wie geschockt war ich, als ich den Schaum drauf schwimmen gesehen hab. Eine ganze Schaumbahn, nie endend.
  • Oder: Autos, die ihren Dienst quittiert haben, und nun vor sich hinrosten. Mitten im Wald. Heute verboten, früher durchaus die gängige Art der Autoentsorgung.
  • Oder: Polarfuchszüchtung. Unzählige Füchse zusammengepfercht auf wenige Quadratmeter. Ihr ganzes Leben. In kleinen Ställen, vom Boden erhöht, aber meist in schön rot angestrichenem Holz. Manchmal, da hört man sie schreien.
Ich mag dieses Land, in dem ich da lebe. Es ist ein schönes Land. Dieser "spirit" hier entspricht auf irgendeine ganz eigene Weise sehr mir und meinem Innenleben. Und eben weil ich es so mag, spür ich einen unglaublichen Zorn und eine Wut, wenn ich Dinge sehe, wie ich sie oben beschrieben habe.
 
Wohin mit dieser Wut? Was tun? Etwas tun?
 
Ein nachdenkliches Pfiat enk und Hej då -
de Birgit
 
 
 
 

Freitag, 10. April 2015

10.04.15 - In der Zwischenwelt

 
 


Am Flughafen. Auf dem Weg von da nach dort. Nicht mehr da. Und noch nicht dort. Bin in der Zwischenwelt gelandet. Hier am Flughafen Helsinki. Auf dem Weg nach Vaasa. Mitten in der Nacht. Menschen, die auf ihren unbequemen Stühlen warten. Andere Menschen, die gerade vom Flieger von irgendwoher ausgestiegen sind und hastig die Halle durchschreiten. Futuristisch anmutende Gebilde,
 


die Schlafkojen darstellen sollen, und die tatsächlich benutzt werden. Es ist ein vermutlich asiatisches Pärchen, das ganz verschlafen und zerzaust rausgekrochen kommt, während ich da warte.
 
Manchmal geniesse ich diese Stimmung. Es ist wie ein eigenes Universum. Mit eigenen Gesetzen, Gepflogenheiten, Gerüchen, Gefühlen,... Total abgeschottet und dicht gemacht von der Welt da draussen.
 
Da schau ich dann die Menschen an, und suche in ihren Gesichtern und ihrer Art, wie sie gehen und wie sie sich bewegen oder wie sie mit jemand anderem reden, die Antworten auf meine vielen Fragen. Wo kommen sie her? Wo gehen sie hin? Wie geht's ihnen? Sind sie auch so müde wie ich? Haben sie Angst vorm Fliegen? Freuen sie sich auf das, was kommt? Sind sie traurig, dass das nicht mehr ist, was war? Was ist ihre Geschichte?
 
Aber manchmal, da ist mir das alles viel zu viel. Die vielen Menschen, die herumrennen und sich im Zweifelsfall anrempeln, nur um ja nicht ausweichen zu müssen, kein Platz im Cafe oder der Kaffee total überteuert, die Koffer, die herumgezogen werden und vermischt mit den Menschenstimmen einen unglaublichen Krawall verursachen, die Lautsprecherdurchsagen alle paar Sekunden, um irgendwelche zu spät kommenden Passagiere darüber zu informieren, dass sie nun bald zu spät sind - und das auf 3 Sprachen -, der Rucksack am Buckel, der minütlich schwerer wird - das zehrt. Dann verkrümel ich mich in mich selbst oder in ein Buch irgendwo im hinteren Teil des Flughafens, dort wo niemand mehr hinmuss. Reizreduktion ist dann alles, was ich brauch.
 
Und die Zeit geht umma. So wie immer alles umma geht.
 
Ich bin mittlerweile wieder in der Lövsund-Realität angekommen. Und guat isch es :-).
Der Frühling ist da, das Licht auch, knüpf da an, wo ich aufgehört hab, und die Welt dreht sich weiter.
 
Habs es guat, ihr lieben Leute!
Pfiatenk und Hej då!
De Birgit