Donnerstag, 31. Dezember 2015

31.12.15 - Silvester


In der Sauna.
In Dornbirn.
In Wien.
In Innschbrugg.
In Navis.
In meiner Wohnung.
Am Lanser Kopf.
In Schwaz.
In der Südsteiermark.
Aufm Berg.
In der Hütte.

Alleine.
Mit mehreren.
Zu zweit.

Verliebt.
Verzweifelt.
Einsam.
Glücklich.
Neugierig.
Entspannt.
Gelangweilt.
Überfordert.
Aufgeregt.

Rodeln gegangen.
Lied geschrieben.
Geratscht.
Zeit tot geschlagen.
Gesungen.
Blei gegossen.
Konzert gehört.
Gespielt.
Gegessen.
Feuer gemacht.
Alkohol getrunken.
Karten gelegt.
Wunschballon steigen lassen.
SMS geschrieben.

Raketen geschaut.
Wehmütig geworden.
Umarmt.
Geküsst.
Hände geschüttelt.
Musik gehört.
Getanzt.

Am nächsten Tag...
sich neu gefühlt;
im Cafe Central gesessen;
geschrieben;
G. angerufen;
neue Luft eingeatmet;
heim gefahren;
lang geschlafen;

Jedes Jahr anders.
Jedes Jahr a Druck.
Jedes Jahr grosse Emotionen.

Und letztes Jahr - ungewusst schwanger gewesen.
Und heuer: fern von jeglichem Druck. Völlig frei von Kreativität und Originalität und Besonderheit. In aller Unaufgeregt und Entspanntheit einfach sein. Mit Max. Mit Kalle. Mit alkoholfreiem Sekt und meinem ersten Schluck Rotwein seit einem Jahr. Unglaublich dankbar. A bissl gestresst, wenn ich meinen Blick nach vorne richte. Voll kindlicher Vorfreude, wenn ich an mein neuestes Projekt denke. Und laut lachend, wenn ich meinen beiden Lieblingsmenschen zuschaue. So gehe ich in diesen Abend. Und in das neue Jahr.
 
Euch, liebe Leserinnen und Leser, wünsche ich ein buntes, ein erfülltes und inspirierendes neues Jahr. Möget ihr Antworten auf die Fragen finden, die das Leben euch stellt. Möget ihr mutig und klaren Geistes vorangehen. Möge die Liebe euch umarmen und leiten. Und - habts es einfach gut und fein mit anderen und mit euch selbst.
 
Alles Liebe, Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit
 
 
1.1.15 aufm Weg zur Juifenalm
 

Sonntag, 20. Dezember 2015

20.12.15 - Zukunftsaussichten


Worauf ich mich am meisten freue?
  • auf Ö1 im Autoradio
  • auf das Licht
  • auf die Tiroler Luft
  • auf den "Bio vom Berg"-Bergkäse
  • auf die sonntägliche Frühstückszeitung
  • auf Robert Kratky beim Frühstückmachen
  • auf das Brot
  • auf das eine oder andere Bäcker-Ruetz-Frühstück
  • auf das Bachrauschen
  • auf den Klang der Sprache
  • auf gemütliche Cafehäuser mit Bedienung
  • auf an guatn Kaffee
  • auf das Salz auf den Strassen
  • auf das, was ich spüre, wenn ich umgeben/umkreist/ummantelt bin von Bergen
  • und natürlich auf den ein oder die andere liebe/n MenschIn

Ich muss aber auch zugeben, dass mir diese kommenden Wochen bereits einige schlaflose Stunden bereitet haben. Das Leben in Lövsund ist auf jeder Ebene und in jedem Bereich das genaue Gegenteil vom Leben in Tirol. Und ich weiss nicht, wie Max damit umgehen und wie sich das in weiterer Folge auf das gesamte Erleben dort auswirken wird. Das macht mich unruhig und nervös. Aber, Zitat Lebenshilfe WS Hall: "Schau ma mol, donn sech mas jo!"
 
Meine lieben LeserInnen in Österreich, Deutschland, Russland, Irland, Italien, Finnland, USA, Kanada, Israel, Philippinen, Rumänien und Frankreich, ich wünsche euch
 
Schöne Weihnachten,
Happy Christmas,
God Jul und
Hyvää Joulua!
 
Möge es der Weihnachtsmann gut mit euch meinen! Und möge das Christkind euch wohl gesonnen sein!
Danke fürs Dabeisein in diesem Jahr! Danke fürs Lesen! Jedes einzelne Aufrufen meines Blogs freut mich sehr und macht Lust, weiterzumachen.
 
Habts es fein!
Alles Liebe, Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit
 
 
 
zugefrorenes Meer bei Sonnenuntergang um 2 am Nachmittag mit Mond am Himmel

 

Sonntag, 13. Dezember 2015

13.12.15 - Die Geschichte von dem kleinen Ton



Es war einmal ein kleiner Ton. Dieser Ton war so klein, dass kaum jemand auf der Welt Notiz von ihm nahm. Darunter litt der kleine Ton sehr. Anfangs noch hat er alles, was ihm möglich war an Lautstärke und Größe von sich gegeben, doch die anderen Töne und die meisten anderen Wesen hatten bestenfalls nur ein mitleidiges Lächeln für ihn übrig. Andere lachten ihn gar aus und fragten: „Was willst denn du kleiner Ton hier? Wir sind alle viel größer, viel besser und viel wichtiger als du. Sei besser leise!“ Und das tat der kleine Ton dann auch. Er wurde leiser und leiser, bis er gar nichts mehr von sich gab. Und je leiser er wurde, umso trauriger wurde er. So glich er mehr einem Schatten, der  verstohlen von einem Ort zum anderen schlich, als einem Ton, der seiner Natur entsprechend sang, lebte, tanzte und flog.

Mittlerweile war unser Ton schon etwas in die Jahre gekommen. Bei den Tönen wirkt sich das Älterwerden ganz anders aus als bei uns Menschen. Wir Menschen werden, je älter wir werden, gebrechlicher, leiser, langsamer, faltriger, kleiner, zittriger und lästiger für die Mitmenschen. Die Töne aber werden meist lauter, voller, größer, und auch, wenn sie schon längst gestorben ist, will das nicht so richtig auffallen, denn sie klingen immer noch nach, wecken immer noch Emotionen und berühren.

Es gibt aber etwas, das Menschen und Töne gemeinsam haben. Keiner von beiden ist wirklich glücklich und kann zu seiner Vollendung kommen, wenn er alleine ist.

Wir Menschen brauchen andere Menschen, um miteinander lachen und weinen zu können, um selber immer weiter gehen zu können. Denn nur in der Begegnung mit anderen kommen wir immer wieder in Berührung mit uns selber. Und das wiederum ist unumglänglich, will man nicht auf demselben Fleck stehen bleiben, den man irgendwann einmal zugewiesen bekommen hat.

Die Töne sollen ebenfalls nicht allein ihr Leben fristen. Denn allein klingen sie mit der Zeit etwas langweilig. Auch wenn sie noch so inbrünstig ihr Ureigenes von sich geben, so ist es doch im Grunde genommen immer dasselbe, das sie geben können. Eben ihren Ton. Wenn sie sich aber mit anderen Tönen zusammenschließen, dann erleben sie etwas ganz Wunderbares. Sie erfahren eine großartige Wandlung, in der sie von einem Ton, der sie zuvor waren, wichtiger und unersetzlicher Bestandteil eines großen Ganzen werden, nämlich eines Liedes. Und wie wir alles wissen, gibt es ja nicht nur ein Lied auf dieser Welt, es gibt so viele Lieder, dass niemand instande ist, sie alle zu zählen.

So also saß unser kleiner, etwas in die Jahre gekommener Ton, eines Tages auf einem einsamen Berggipfel und träumte stumm vor sich hin. Er wagte sich schon seit längerer Zeit nicht mehr ins Tal hinunter. Dort waren so viele Wesen, Menschen und andere Töne, und es gab dort auch so viele Lieder, und er hatte Angst vor ihnen. Vor ihnen allen. Hier oben auf den Bergen fühlte er sich wohl, denn hier wollte keiner etwas von ihm und er brauchte nicht das Gefühl zu haben, dass irgendetwas nicht mit ihm stimmte. Er saß also auf diesem Berggipfel, auf dem sich selten jemand oder etwas verirrte, starrte in die Welt, hörte all die Fragen, die sich ihm immer wieder stellten und spürte ein seltsames Gefühl von tiefer Sehnsucht. Der Ton war so vertieft in sich selber, dass er gar nicht bemerkte, wie ein kleiner Schmetterling herangeflogen kam und sich hinter ihm setzte. Erst sein Schluchzen riss den Ton aus seiner Welt und er gewahr dieses kleine Wesen hinter sich, dessen Flügel zusammengeklappt waren und trotzdem so stark zitterten, als würde ein starker Sturm daran reißen, obwohl es windstill war. Man konnte die Farben nicht mehr sehen. Der Kopf hing traurig nach unten und wurde zugedeckt von den Flügeln, die Fühler hingen ebenfalls nach unten. Und dieses herzerschütternde Schluchzen, wodurch der Ton aus seinen Träumen gerissen wurde, war es schließlich auch, was ihn allen Mut zusammennehmen ließ, um den Schmetterling mit seinem tröstlichsten Ton zu ummanteln. Töne können nicht sprechen, können nicht von sich aus Worte bilden. Also versuchte er auf seine Art – summend und tönend - ungefähr folgendes  dem zitternden Wesen zu geben:
 
„Du lieber, kleiner Schmetterling. Ich sehe dich. Ich spüre dich. Es ist schon gut. Ich bin da. Höre. Spüre. Weine. Das ist gut. Ich umarme dich. Ich bin da. Alles ist in Ordnung.“

Der Schmetterling hob den Kopf. Er sah aber nichts. Er vernahm nur diesen unglaublich warmen und herzlichen obwohl sehr stillen Ton.

Menschen benehmen sich oftmals etwas seltsam, wenn sie etwas hören, aber nicht sehen können. Manche glauben sogar, sie werden verrückt und begeben sich zu einem Arzt, der sie heilen soll.  Sie klammern sich an ihren Verstand, der ihnen sagt: „Wenn du etwas hörst, musst du es auch sehen. Wenn du etwas hörst und nichts siehst, ist mit dir etwas nicht in Ordnung.“. Der menschliche Verstand ist ein gar wundersames Wesen. Es hilft dem Menschen, sich in dieser Welt und in seinem Leben zurechtzufinden, Dinge auszuprobieren und daran zu wachsen in ihrem Wesen. Trotzdem ist große Vorsicht geboten. Denn er strebt danach, immer größer, immer mächtiger zu werden. Das macht er, indem er Dinge wie Intuition, Spontanität und Leichtigkeit im Tun einfach unterdrückt und wegsperrt. Nur so kann er größer werden. Das, was wirklich gefährlich daran ist, ist, dass er die meisten Menschen etwas ganz wichtiges vergessen lässt. Die Menschen haben vergessen, dass alles auf dieser Welt, jeder Mensch, jedes Wesen, jede Blume und jeder Stein, also wirklich alles, was gesehen und auch nicht gesehen werden kann (das menschliche Auge ist nicht dafür gemacht, dass es alles, was es gibt, sehen kann), seinen ureigenen Ton in sich trägt. Auch der Planet, auf dem wir leben, hat seinen eigenen Ton, doch wir haben verlernt, diesen zu hören. 

Da sind die Tiere und alle anderen Wesen, die nicht vom menschlichen Verstand gesteuert sind, besser dran. Denn sie sind im Moment, sie spüren den Augenblick, sie spüren sich selbst in jedem Augenblick, völlig losgelöst von allen Gedanken und Überlegungen. Wie auch unser Schmetterling. Er hörte den Ton, spürte ihn in sich, fühle sich getröstet, gehalten, und mit jedem Moment wuchs seine Zuversicht. Die Verzweiflung war immer noch sehr stark, doch auch der Mut tauchte plötzlich wieder in ihm auf. Erst sehr zaghaft, doch schnell wuchs er, wie eine Pflanze, der man zu trinken gibt. Er hörte auf zu zittern, breitete seine Flügel auf und spürte die Sonne, die ihn wärmte, und hörte ein leisen Summen, das ihm Zuversicht schenkte.

Der Ton sah den Schmetterling, er sah seine wunderbaren bunten Flügel, Staunen machte sich in ihm breit und Freude über dieses schöne Wesen. Auch seine Zuversicht wuchs, und er vergaß ganz darauf, dass er ja eigentlich Angst hatte vor allem, das lebte. Sein zuvor zurückhaltendes, vorsichtiges Summen wurde immer lauter, immer freudiger, bis es die ganze Bergspitze einnahm und zu einem mutigen und sicheren Ton anschwoll. Welch Freude das war! Auf einmal hörte er sich selber wieder, er wusste, wie er sich anhörte, wer er war, wie er war. Und er hörte, wie wundervoll er klang. Er sang, er spielte mit sich, er fühlte sich plötzlich so lebendig und so frei.

Das wiederum schien den Schmetterling anzustecken, und er hatte plötzlich große Lust zu fliegen, wohin der Wind ihn trägt. Und das tat er dann auch. Aber er flog nicht allein. Er nahm den Ton mit, denn er konnte nicht anders als singen, fliegen, tanzen, sich freuen. Zusammen tanzten sie den Tanz des Lebens, sie schlugen Purzelbäume, spielten fangen, waren in einem Moment wie Kaiser und Kaiserin und im nächsten schon wieder wie ein Haufen balgender Kinder. Sie lachten, weinten, waren stark und zugleich so schwach, so weich.

Und da war er wieder, dieser wunderbare Klang. Es war der Erdenklang. Selbst unser Ton hatte ihn schon fast vergessen. Der Erdenklang, musst du wissen, ist ein Klang bestehend aus allen Tönen dieser Erde. Alle Wesen sind Teil dieses Klangs. Alle Lieder, die je gesungen wurden, sind darin enthalten. Ebenso wie jedes Gefühl, jedes Schweigen und jegliche Gestalt, die das Leben annimmt. Das alles zusammen ergibt den Erdenklang. Du möchtest wissen, wie er klingt? Schließe deine Augen und höre, was ist. Und wenn du ganz leise im Kopf und geduldig im Herzen bist, wirst auch du ihn hören. Und du wirst erfahren, dass du selber ein Teil dieses Klanges bist, und dass du nur deinen Ton, dein Wesen entfalten musst, um ganz zu werden und um zur Vollendung zu gelangen. Du wirst dich verlieren und zugleich finden. Das ist das Ziel. Das ist der Grund deines Daseins. Das ist das, worum sich alles dreht.
 
 
 

Montag, 7. Dezember 2015

07.12.15 - Der dunkle Advent


 
 


Die Sonne. Mmmmm, wie gut sie uns heute getan hat!!! Sie lässt sich nicht mehr allzu oft blicken hier im Norden, und wenn, dann nur für ganz kurz, wie man oben gut sieht. Und wenn sie denn schon mal da ist, dann muss man das nutzen. Also, Max trotz lautstarkem Protest zsammengepackt und aussi. Ma, soooo fein. Und so anders, die Wintersonne. Wenn sie da ist, dann so flach. Der unsichtbare Bogen, dem sie folgt, schrammt knapp über dem Horizont entlang. Und so hat man immer das Gefühl von Morgen bzw. Abend. Nur a bissl anders, weil das Licht dunkler ist. Ja. Sie scheint dunkler. Dunkelgold. A ganz spezielle Stimmung...!
 
Auf dieses andere, zwielichtartige Ding, das sich Tag schimpft, und immer dann auftritt, wenn nicht die Sonne scheint, geh ich jetzt gar nicht weiter ein. Tut meinem Innenleben nicht gut...
 
Deshalb steht a Themenwechsel an.
 
Wie wärs zB mit "Advent in Finnland"?

Das, was bei uns der erste Advent ist, ist hier "Lilla Jul" (kleine Weihnachten). Damit läutet man die Adventszeit ein, indem man einfach so tut, als sei Weihnachten, nur eben im kleinen Format. Man stellt einen kleinen Christbaum bei sich daheim auf, hängt kleinen Schmuck drauf  und verschenkt kleine Geschenke. Vielleicht singt man auch kleine Lieder und trinkt kleine Glasln Wein. Keine Ahnung. Wir haben auf jeden Fall keinen Christbaum, keinen kleinen und später auch keinen grossen. Dafür haben wir einen Adventkranz. Das ist mein Einfluss. Und den hab ich sehr gern.

Was noch sehr auffallend ist, ist, dass beinahe jedes Haus so etwas

Bildergebnis für weihnachten finnland fenster kerzen

im Fenster stehen hat.

Wir habens mit diesen komischen elektrischen Kerzen nicht so. Deshalb schaut das in unserem Fenster so aus:

 

Es gibt dann natürlich noch so viele andere Dinge wie die Lucia oder der Unabhängigkeitstag oder die Jultorta oder Härlig är jorden, jedoch...
 
... für Beschreibungen von mir emotionsfernen Dinge fehlt mir grad die Musse.
 
Für mich bedeutet Advent heuer:
  • Max durch die Abende und manchmal Nächte tragen
  • jeden Sonnenstrahl nutzen und mit am Riesengrinser willkommen heissen
  • Tirolflug und -zeit vorbereiten
  • zu jedem Essen eine Kerze anzünden
  • dem Zahnarzt einen Besuch abstatten
  • im 2-Stunden-Rhythmus mich einer guten Lektüre (momentan Sofi Oksanen) widmen, derweil Max isst
  • und die Liebe spüren und leben, immer dann, wenn sie sich zeigt :-).
In diesem Sinne: Schönen und gemütlichen Advent!
 
Pfiatenk und Hej då -
d'Birgit

Samstag, 28. November 2015

28.11.15 - Wenn Ruhe einkehrt...


... dann haben wir endlich wieder Zeit füreinander.

Max und ich.
 
Alle sind sie weg. Mein lieber Freund aus Tirol, Kalles enge Familie und Kalle selbst. Ihre Motivationen trennen sie, der Abschied verbindet sie. Pfiati sagen war früher ein sehr schwieriges Unterfangen. Mit dem Alter nimmt die Akzeptanz der Unvermeidlichkeit zu. Also, Pfiati, lieber Mensch, und dann umdrehen und einen Schritt in Richtung wiedererlangtes, eigenes und alleiniges Ich machen und schauen, was dort ist. In meinem Fall: Max.
 
Max und ich in Finnland. Gestriges Projekt: Passfoto machen.
Zusammenpacken und Autofahren sind mittlerweile zur Routine geworden. Das Fahren auf Eis noch nicht. Aber schlussendlich doch das Ziel - Vörå - erreicht und mit Sack und Pack eini ins Fotogschäft. Zu meinem Erstaunen war hinter der halben Fotowand eine Friseurin mitsamt Frisierstudio und einer frisch blondierten Blondine.
"Do you speak english?" (Gewohnheiten lege ich nur sehr schwer ab.)
Verlegenes Lächeln ihrerseids.
Also gut. Auf Schwedisch die Bitte um ein Passfoto von Max.
Ich solle doch in einer Stunde wiederkommen.
Das sei a bissi kompliziert und obs nicht doch gleich ginge.
Anruf. In 20 min kommt die Fotografin.
Ok. 20 min warten mit einem Baby ist nicht gerade das Entspannteste. Also: Kann ich Windeln wechseln?
Ja. Natürlich. Hier vielleicht?
Und so ists geschehen, dass ich meine Decke ausgepackt hab und Max alsbald nackig auf dem Verkaufs- und Kassatisch gelegen ist und strampelnd-quietschend die Umstände für gut befunden hat.
Während wir geratscht und gequietscht haben, haben auch die Frauen hinter der Wand geratscht, bis dann endlich die Fotografin, die eigentlich ein Fotograf war (Missverständnisse passieren immer wieder), eingetroffen ist.
Und Max war immer noch gut drauf. Und er hat das ganz super gefunden, dass da ein weisser Karton unter ihm durchgeschoben wird. Und es war auch ganz lustig, dass dieser neue Mann da auf einen Stuhl steigt und auf einmal riesengross ist.
Aber wo ist Mama? Ah ja. Besser nicht aus den Augen lassen. Man weiss ja nie. Und so hat Max ganz ausdrucksstark mit den verschiedensten Emotionen im Gesicht ("Schau, Mama, was der Mann da macht!!!", "Wieso bist du denn so weit weg?", "Ich kenn mich da nicht aus!", "Hihi, ist das lustig!",...) mich angeschaut. Und immer wieder mich. Da hat der Fotograf gut und gern mit seinem Glöckchen läuten können. Oder komische Dinge sagen, die kein Mensch versteht. Und wie wir wissen, hat es die EU (mit Sicherheit Männer) für gut und richtig befunden, dass Menschen auf dem Passfoto ernst und emotionslos dreinzuschauen haben. Das möge man bitte mal einem kleinen Baby, das mit Enthusiasmus die Welt für sich entdeckt, erklären.  
Doch das Wunder ist geschehen, und Max hat die Kamera entdeckt. Und wenn er etwas neu entdeckt, dann schaut er. Mit grossen, wunderschönen Augen schaut er. Wirklich ohne eine Mine zu verziehen.
Also, das Foto war im Kasten und unser Projekt erfolgreich abgeschlossen. 
 
Und da ich die Geschichte nicht so abrupt abbrechen will, hier noch eine Willkommensfeier-Impression - ein Foto von unserem Wunsch-Feuer auf dem Meer:
 

Bei Schneesturm haben wir dem Feuer unsere Wünsche für Max übergeben, und dieses dann wiederum - begleitet von einem Joik - dem Meer in seiner endlosen Weite. Sehr archaisch. Sehr gross. Sehr gewaltig. War zutiefst ergriffen.
 
Hallo, lieber Max! Willkommen in dieser Welt!
 
Pfiat enk, liebe Leute! Pfiat enk und Hej då!
Mochts es guat!
d'Birgit
 

Donnerstag, 19. November 2015

19.11.15 - Brief an die 80-jährige Birgit


Liebe Birgit!

Ich bin ein bisschen aufgeregt. Dieses Wochenende haben wir die Willkommensfeier für Max. Zu diesem Zweck kommt auch mein lieber Tiroler Freund angeflogen hierher ins finnische Land. Und Kalles engste Familie wird dabei sein. Und dann heissen wir bei Schnee und Sturm, am Meer, mit Feuer und mit einem Joik und anschliessender Sauna unseren lieben Max willkommen. Wie du weisst, machen mich gemeinschaftliche Dinge wie Feiern immer ein bisschen nervös. Da sind Menschen. Und dieser Umstand bringt für mich stets eine gewissen Grundanspannung mit sich. Sag, entspannt sich das ein bisschen mit dem Alter?
 
Ich würde dich gern kennenlernen, liebe Birgit. Ich würde mich gern treffen mit dir, vielleicht auf einen Kaffee oder ein Glasl Rotwein, am liebsten bei einer kleinen Hütte irgendwo im Nirgendwo. Und dann würd ich dir einfach nur gegenüber sitzen und dich anschauen wollen. Wie schaut dein Gesicht aus? Seh ich Lach- oder Missmutsfalten in deinem Gesicht? Und was ist aus deinen Augen geworden? Sehen sie noch klar - auch dahinter? Wie ist deine Stimme, wenn du redest? Zittrig? Kräftig? Laut? Leise? Und dein Lachen - kann es noch schallen? Ich wäre neugierig auf deine Erzählungen. Was ist die letzten 42 Jahre passiert? Warst du glücklich? Und bist du's jetzt? Wie fühlt es sich an, wenn die Vergangenheit mehr Raum einnimmt als die Zukunft? Mit welchen Augen schaust du auf mich? Hey, und wie gehts Max? Und Kalle?  Und - wo bist du jetzt???
 
Zu gern wüsste ich, wie das alles hier ausgeht.
Und - nein, ich würd mich mit Händ' und Füssen wehren, würd es mir jemand verraten wollen bzw. können.
 
Mein kleines Leben kreist momentan um kleine Dinge wie die Mit-Organisation der Willkommensfeier, den nächsten Flug nach Tirol, das Bestellen von Windelhosen oder den Grosseinkauf für Besucher. Das alles ist jetzt in dieser Zeitspanne ziemlich wichtig, doch in Anbetracht der Grösse dieses Lebens ziemlich unbedeutend.
Unklar ist mir derzeit (oder eh immer, nehm ich an) das, was dahinter steht, der grössere Sinn des Ganzen, die eigentliche Richtung. Was nicht immer ganz so leicht zum Aushalten ist. Aber ist es nicht immer so, dass erst im Rückblick bestimmte Dinge Gestalt annehmen und Fragezeichen sich zu Punkten wandeln oder zu Rufezeichen?
 
Ich bin deine Vergangenheit, oder vielmehr ein Abschnitt daraus.
Und du bist meine Zukunft.
 
Mögest du eine strahlende, alte Frau sein, die JA zu dem sagen kann, was war und was ist!
Möge ich eine strahlende (nicht mehr ganz so junge) Frau sein, die sich mutig von Liebe, Wahrhaftigkeit und Freude leiten lässt.
 
Pfiat di und Hej då -
d'Birgit
 
 
 
 
 
 
 

Donnerstag, 12. November 2015

12.11.15 - Ausgeliefert


Stell dir vor.

Stell dir vor, du bist ein Baby. Es gibt dich erst seit ein paar Wochen in dieser Welt.
 
Du liegst. Du weisst nicht, dass man das Liegen nennt. Du weisst nicht einmal, dass DU das bist, der da liegt, weil du noch keine Vorstellung von ICH und DU hast. Aber das macht nichts. Du schaust. Siehst einen hellen Fleck dort drüben. Die Grossen sagen Nachttischlampe dazu. Sie wirkt auf dich wie ein Magnet. Du kannst deinen Blick nicht davon abwenden. Ab und zu huscht etwas durch dein Blickfeld. Das sind deine Arme, die in der Luft zappeln. Aber auch das weisst du nicht. Und es ist auch nicht weiter irritierend. Du nimmst es als gegeben hin. Wie auch die Nachttischlampe. Und alles andere, das das Jetzt bedeutet.
 
Während du schaust und zappelst, passiert plötzlich etwas (ein Furz bahnt sich an). Du hältst inne. Versuchst es irgendwie einzuordnen. Aber du weisst nicht, was es ist. Es (der Schmerz) kommt in Schüben. Und ist total unfein. Es (der Druck) wird mehr. Und es wird laut um dich herum (weil du schreist). Alles wird von diesem ES eingenommen. Es existiert nichts mehr daneben. Es wird heiss (dein Kopf rot vor lauter schreien). Das, was dich stets durchfliesst (der Atem), fliesst nicht mehr. Stockt viel mehr. Du kriegst Angst. Aber auch das weisst du nicht. Du spürst nur etwas. Es ist unfein. Es ist total schiach! Und es soll bitte aufhören. Alles. Sofort! Es wird heisser. Und lauter. Du kannst nichts tun. Aufhören!!! Aaaaaaahhhhh!!!
 
So. Und nun hast du Eltern, die haben ein Erziehungskonzept, das beinhaltet, dass Kinder um 8 schlafen sollen. Und wenn sie das nicht tun, dann muss man sie schreien lassen.
Was glaubst du, wie gehts dir da dabei?
Und mit welchen Augen wirst du deine Eltern anschauen, später, wenn du davon erfährst?
 
Oder: Du hast Eltern, die pädagogisch sehr gebildet sind. Sie haben viel über deine Entwicklung und die unterschiedlichsten pädagogischen Konzepte gelernt. Und sie fangen zu diskutieren über die möglichst wertvollste Herangehensweise in dieser hier nun entstandenen Situation. Und sie können sich nicht einigen...
Dieselben Fragen.
 
Oder: Du hast die hilflosen Eltern. Sie rennen herbei, packen dich, heben dich aus dem Bett, reden recht aufgeregt und nervös auf dich ein - laut genug, damit du sie ja hören kannst in deinem Geschrei, klopfen auf all deine Körperpartien, geben dich weiter an den/die andere/n, und wieder zurück, weils nix geholfen hat, schaukeln dich, schütteln dich, legen dich hin, heben dich wieder auf, wiegen dich, küssen dich, tragen dich herum, verändern die Stellung, tragen weiter, verändern wieder, ...
Wiederum: Dieselben Fragen.
 
Oder: Du hast die Überbesorgten als Eltern.
Oder: Du hast die Überforderten.
Oder: Du hast die Coolen.
Oder: Du hast die Reflektierten.
Oder: Du hast die Alternativen.
Oder: Du hast die Disziplinierten.
Oder: Du hast die Vertrauensvollen.
Oder: Du hast die Ängstlichen.
Oder: Du hast die Machthungrigen.
Oder: Du hast ...
Oder: ....
Oder: ....
Und: Vergiss nie zu fragen.

Egal, an welche Eltern du auch immer gerätst. Du wirst ihren Ideen und Konzepten und Lebensweisen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sein. Ob du nun willst oder nicht. Und dass ihr Sein und ihr Tun einen immens grossen Einfluss auf dein gegenwärtiges und zukünftiges Leben ausübt, steht völlig ausser Zweifel.


Ich habe einen kleinen Sohn. Ich weiss nur sehr wenig darüber, wie er etwas wahrnimmt oder empfindet. Das einzige, was wirklich augenscheinlich ist, ist, dass er total in seinen Emotionen und Körperempfindungen ist. Dinge, die sich in diesem Alter noch überhaupt nicht gut einordnen lassen. Die daherkommen wie Naturgewalten. Manche von ihnen fühlen sich vermutlich fein an, manche hingegen ganz wild und schrecklich. Und er weiss nicht, wie ihm geschieht, um Grönemeyer kurz zu Wort kommen zu lassen. Er kann nichts dafür tun oder dagegen, ist also jeglichen Geschehnissen völlig ausgeliefert. Ihnen und uns, den Eltern.

Von ganz von Anfang an war seine einzige Chance, sich voller Vertrauen in dieses Leben und in dieses Uns zu stürzen, in der Hoffnung, dass wir uns seiner annehmen. Auch wenn er uns nicht kannte. Auch wenn er überhaupt nichts wusste. Er hatte ja keine andere Wahl.
Dieses hingebungsvolle Vertrauen, das er mir und uns da entgegenbringt, einfach so, weil er eben nicht anders kann, rührt mich zutiefst. So patschert ich mich auch manchmal anstelle, er lässt sich immer wieder aufs Neue in den Arm nehmen, und immer wieder aufs Neue schnauft er - ausgelöst durch unsere Nähe - tief durch und kann angstfrei loslassen. Wie schön sein Gesicht dann ist...

John Lennon hat einmal gemeint, dass die ersten 5 Lebensjahre seiner Meinung nach am Wichtigsten sind. Ich würde gern so weit gehen zu sagen, es sind die ersten 5 Monate im Leben eines Menschen, die prägend sind. Vom ersten Augenblick an fängt das Gehirn an sich zu formen. Je nach Erfahrungen und Entwicklung verbinden sich Synapsen, werden Ordnungen gebildet, und Schritt für Schritt entsteht so eine Idee, eine Vorstellung davon, wie und was das Leben, das Ich und das Du ist. Die "Rillen" im Gehirn können jederzeit umgeschrieben oder erweitert werden. Hier, in dieser Anfangszeit aber wird der Grundstein gelegt.

Ich weiss selber nicht, wie erziehen geht. Ich weiss nicht, was richtig und was falsch ist. Und es liegt mir total fern, über andere Eltern und Erziehungsstile und urteilen. Wie könnt ich auch?
Aber eines hab ich für mich ganz klar gemacht: Ich möchte niemals Max' Vertrauen und seine physische Noch-Hilflosigkeit ausnutzen. Er ist ein vollwertiger Mensch. Und als solches behandle ich ihn. Ich möcht auch nicht sagen, dass ich Max erziehe. Ich darf vielmehr diejenige sein, die ihn gemeinsam mit Kalle auf seinen ersten Schritten durchs Lebens begleitet. Welch wunderbares Privileg!
Ich hoffe, ich tu ihm gut.

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit









 

Sonntag, 1. November 2015

01.11.15 - Ich hätt da mal ein paar Fragen...


Es gibt da ein Bild in mir. Oder besser gesagt einen Film.

Eine Frau steht mit ihrem Kinderwagen am Bahnsteig. Ich seh einen der Bahnsteige am Innsbrucker Hauptbahnhof, einfach weil mir der innerlich am nächsten ist. Die Frau wendet sich dem Ticketautomaten zu und dreht zugleich ihrem Kind den Rücken zu. Es ist kein anderer Mensch in der Nähe. Während sie versucht, das Ticket zu kaufen, fängt der Kinderwagen aus unerklärlichen Gründen an zu rollen. Auf die Gleise zu. Zeitgleich kommt ein Zug herangerast. Er hat ein sehr hohes Tempo, weil er an diesem Bahnhof nicht hält. Die Frau spürt plötzlich etwas und dreht sich um. Sie sieht nur noch, wie der Kinderwagen auf die Gleise fällt. Genau in dem Moment, indem der Zug die Stelle passiert. Von einer Sekunde auf die andere ist alles anders. Der Kinderwagen ist weg. Die Frau schreit. Vielleicht rennt sie sinnloser Weise ein Stück dem Zug hinterher. Vielleicht bleibt sie in Schockstarre stehen.

Diesen Film hab ich in mir, seit ich einen Artikel in einer Zeitung gelesen habe, der von genau diesem Unglück berichtet. Bereits vor etlichen Monaten. Oder Jahren? Nicht in Innsbruck. Irgendwo. Der Ort tut nichts zur Sache. Und obwohl ich diese Frau nicht kenne, und obwohl ich nie an diesem Bahnhof war, und eigentlich rein gar nichts mit der Sache zu tun habe, hat sich dieser Film in mir festgesetzt.

Und er taucht auf. Immer wieder.
Zum letzten Mal heute. Max war in seinem Kinderwagen. Nachdem ich Laub zusammengerecht hab, wollt ich mit ihm auf die andere Seite der Strasse, um zu schauen, wie's unseren lieben Bäumen geht. Ich schieb also Max vor mir her. Geh an unserer Garage vorbei, durch das Einfahrtstor, auf die Strasse. Und - zack, da ist er. Der Film. Und sofort die connection zu jetzt. Das Bild: ich schiebe Max, unachtsam, träumend, patschert oder sonst was, der Kinderwagen ist bereits auf der Strasse, ich noch nicht, Auto kommt, ist da, zack, weg. Puh...!
Es ist nicht so, dass ich mir das vorstelle. Bewusst oder absichtlich. Es kommt. Es kommt völlig unvorbereitet. Und mich reissts immer wieder. Es ist so wild. Und es ist ja tatsächlich immer so, dass der Kinderwagen zuerst die Gefahrenzone betritt. Um jede Ecke, die wir gehen, jede Strasse, die wir überqueren, die Reihenfolge ist immer die gleiche: Erst Max. Und dann ich.

Da blättere ich also die Zeitung durch. Irgendwann. An irgendeinem Ort. Ich les einen Artikel. Und weiss während des Lesens nicht, dass mich dieser Artikel nun begleiten wird auf unbestimmte Zeit. Und mich beeinflusst. Emotional und mental.

Das, was bleibt, was wir erinnern, was in uns arbeitet, ist nicht immer das Gscheiteste.
Brocken, von irgendwelchen Menschen, vielleicht einfach so dahingesagt.
Traumsequenzen.
Lieder oder Tonfolgen.
Erlebtes oder Fiktives, was sich ja oft nicht unterscheiden lässt.
Absätze aus irgendwelchen Büchern, denen sie schon längst nicht mehr zuordenbar sind.
Filmszenen.
Unbedeutendes. Peinliches. Berührendes. Erschreckendes. Erregendes.
Bilder. Sie kommen hoch. Wirken in irgendeiner Form. Und verschwinden wieder. Das geschieht oft so subtil, dass wir uns dessen nicht einmal bewusst sind. Und doch beeinflussen sie uns, unser Fühlen und unser Handeln.

Wenn ich da weiterspinne, dann tun sich schon einige Fragen auf:
Was vom Erlebten, vom Jetzt wird vom Gehirn wahrgenommen, was wird behalten und was wird vergessen?
Und warum genau dieses, aber nicht jenes?
Mit dem Wissen, dass das Gehirn nicht nur speichert, sondern auch aussortiert bzw. sich weigert, Seiendes wahrzunehmen, weils sonst zu viel an Reizen und Information wäre, habe ich dann überhaupt den Anspruch auf "die Realität"?
Und was bedeutet das für mich und mein Leben?
Und für andere, die mit mir sind?
Und - ist das Gehirn jemand anderer? Oder wieso sonst unterscheide ich zwischen es und mir?

Und die eine Frage, die mich beschäftigt, seit ich denken kann:
Wenn ich einen Käse (austauschbar mit Apfel, Schokolade, und allem anderen Guten) esse, und jemand isst genau denselben Käse, schmeckt er das Gleiche wie ich?

Max verlangt nach mir :-). Gut so. Sonst krieg ich noch einen Knopf im Hirn. Oder - wo?

Habts es fein, liebe Leute! Und schauts gut auf euch und eure Lieben!
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit


 

Sonntag, 25. Oktober 2015

25.10.15 - Sauuuuuna



Der Finne und seine Sauna. Das gehört zusammen wie der Russe und sein Wodka. Oder der Japaner und seine Kamera. Oder der Tiroler und seine Lederhose.
 
Grundsätzlich geh ich mit Klischees sehr vorsichtig um. Es ist schnell amal etwas dahingesagt oder besser gesagt nachgesagt, was dann oft jeglicher Grundlage entbehrt. Doch hier, liebe Leute, das kann ich euch sagen, alles, was man sich in seiner kühnsten Phantasie bezüglich finnischer Sauna ausmalen kann und mag, es stimmt!
 
In der Sauna werden Geschäfte abgeschlossen und politische Entscheidungen getroffen.
Hier gibt es Wettbewerbe unter dem unausgesprochenen Motto "Wer hälts länger aus?", und der eine oder der andere (ich bleibe bewusst bei "der") hat dabei auch schon mal sein Leben gelassen.
In früheren Tagen hat man hier seine Kinder zur Welt gebracht und Kranke geheilt, aus dem einfachen Grund, weil das der einzig saubere, keimfreie Raum weit und breit war.
Und auch heute noch gehört die Sauna zur Grundausstattung einer jeden Wohnstatt sowie Klo, Bett und Dusche.  Jedes Haus hat seine eigene Sauna. Sogar in den Hochhäusern mit zig-Wohnungen drin (ja, auch die gibts hier!) findet sich in jeder neueren Wohnung eine Sauna. Und falls nicht, dann auf jeden Fall eine Gemeinschaftssauna irgendwo im Keller für alle. Und weil man ja nicht immer im eigenen Haus hockt, gibt es auch in Krankenhäusern (sogar auf der Geburtenstation!), Booten, in den Sommerhäusern und gar im Parlament Saunen.
 
Darf ich euch nun unsere Sauna vorstellen? Voilá, hier ist sie.
 
Von aussen (aufgenommen im Frühling):
 
 


Und von innen:


 

Der Grund, warum ich euch heute so viel von der finnischen Sauna erzähle, ist, weil wir endlich wieder mit unserem Saunaritual gestartet haben nach längerer After-giving-birth-Pause.
 
Wir sind mittendrin im Herbst. Dunkel wirds. Die Blätter sind abgefallen, die kräftigen gelben und roten Farben wandeln sich zu braun. Es ist kalt und man fängt an, sich sein Nestl herzurichten, sodass einem der Winter nix anhaben kann.
Und grad jetzt, mitten in dieser Zeit, wos langsam grausig wird, gibts nix feineres als in der Sauna zu sitzen.
Schon allein das Einigehn ist so genial. Man muss sich das so vorstellen, dass wir ja mit nix oder sehr, sehr wenig von unserm Haus in die Sauna ummigehen, also aussi, Tür zu, 4 Stufen runter, 5 - 8 m ummi, 2 Stufen auffi, Schuhe ausziehen und eini. Wenns kalt ist, kann sich dieser Weg ganz schön in die Länge ziehen. Aber eben, dann das Einigehen. Mmmmm.... Die Hitze kommt von vorn, eh klar, und dann, nachdem die Tür zu ist, langsam, ganz langsam tastet sie sich vor, bis hin zum Buggl. Es ist wie eine Umarmung. Schliesse die Augen und spüre, wie die Hitze meinen kalten, frierenden Körper aufnimmt, einhüllt. Das ist der schönste Moment des ganzen Saunagangs für mich.
Zur Zeit sitz ich allein in der Sauna. Kalle ist bei Max. Süsses Nixtun. Ab und zu Wasser auf den Ofen schmeissen, wenns zu trocken oder zu "kalt" wird. Und dann nur dasitzen und schwitzen, die Hitze einatmen, den Kerzenflammen zuschauen, wie sie durch die Glasscheibe verzerrt flackern (warum flackern sie, wenn die Luft sich nicht bewegt?), Gedanken kreisen lassen, durch die beschlagenen Fensterscheiben zum Haupthaus ummischauen und wissen, dort sind meine 2 lieben Menschen und habens fein miteinand, wieder zurückkommen mit der Aufmerksamkeit, die heisse Wand am Rücken spüren, den Schweiss, wie er vom Gesicht runterrinnt, mich anschauen, meinen Körper, Augen schliessen, spüren, atmen, Wasser aufn Ofen schmeissen, atmen, schwitzen - und irgendwann das Gefühl: Puh, aussi!!! Ja. Und dann geh ich raus. Spür und atme die kalte Luft, trink was, geh herum, schau auf die Sterne, versuche die wenigen Sternenbilder, die ich kenne, zu finden, geh vielleicht aufs Klo grad irgendwo, und dann fang ich bald an zu frieren. Und geh einfach wieder rein. Nach 3 Gängen ists dann meistens genug und ich stell mich unter die Dusche.
Nach unserm After-Sauna-Meeting mit Tee, Obst und ratschen schläft sichs ganz besonders gut. Es ist soviel fein! A wöchentliche Reinigung. Innen und aussen. Körperlich und geistig. Und ganz überhaupt.
 
Kalles Sauna war der Grund, dass wir uns überhaupt begegnet sind.
Seine Sauna war der Grund, dass ich länger als nur auf einen Kaffee geblieben bin.
Und seine Sauna ist mit ein Grund, dass ich immer noch da bin :-).
 
Alles Gute, alles Liebe, liebe Leute!
 
Pfiatenk und Hej då -
d'Birgit
 
 
 

Mittwoch, 14. Oktober 2015

14.10.15 - Die Mama und das Sein = Mamasein


 
Max liegt auf der Couch und schläft. Wie schön.

Es ist wirklich unglaublich, und ich kann es mir selbst nicht erklären, doch Fakt ist, es bleibt keine Zeit für nix mehr. Wenn Kalle unterwegs ist, dann bedeutet das für mich: 24 Stunden Bereitschaft. Erklär einem kleinen, neuen Weltenbürger, dass du aufgrund von Schlafmangel grad selber furchtbar müde bist und eigentlich gern 15 min rasten würdest. Oder dass du nur schnell duschen gehst, also dann eh gleich wieder da bist. Das wird genau nicht funktionieren.
 
Ich jammere nicht. Ganz im Gegenteil. Manchmal, wenn ich ihn anschaue, dann durchströmt mich die Liebe, das Hingezogensein zu ihm so tief und so erbarmungslos, dass ich weinen könnt.
 
Es ist aber ganz klar so, dass sich mein Blick auf die Dinge, konkret: aufs Mamasein, verändert hat, seit ich selber Mama bin. Das Mamasein ist ein Fulltime-Job. Ein einsamer Fulltime-Job. Der Tag ist voll mit Baby und Haushalt. Da ist nix mehr mit mal in aller Ruhe einen Kaffee trinken. Oder nur mal schnell einkaufen fahren. Telefonieren? Puh... Ja, eh. Ich ruf dich an.
Jeder Spaziergang wird zum durchorganisierten Event. Wann hat er das letzte Mal gegessen? Muss ich vorher noch füttern? Hab ich die Windeln gewechselt? Wie lange hält ers aus ohne essen? Wohin könnt ich gehen und wie lange brauch ich dazu? Brauch ich dazu den Wagen oder den Tragsack? Und - wie kalt ist es? Wieviel Gwand braucht er, dass ers fein hat? Da kanns dann schon passieren, dass von dem Moment der Entscheidung "Wir gehen spazieren" bis hin zur tatsächlichen Ausführung gleich amal eineinhalb Stunden vergehen.
 
Und dann ruft mich Kalle an von einer seiner Geschäftsreisen und fragt: Und? Was habt ihr heute gemacht?
...
 
Flüchtlingsströme ziehen durch Europa.
Auf den meisten Bäumen sind schon fast keine Blätter mehr.
VW hat Schmäh geführt mit seinen Abgaswerten.
Jeder dritte Mensch in Wien hat blau gewählt, also, möchte gern die FPÖ ganz weit oben wissen.
 
Diese und alle anderen Dinge "da draussen" berühren mich nur mehr am Rande. Schäme mich fast dafür, und doch ist es so.
Meine Welt ist sehr klein geworden. Dreht sich in erster Linie um Max, und dann um uns, bevor dann amal a Zeit lang nix kommt und danach erst "die Welt". Ich hab mir das Muttersein in vielen verschiedenen Facetten ausgemalt, doch diese Farbe war so nicht in meinem Repertoire vorgesehen.
 
Mittlerweile ists dunkel geworden. Max gibt seine Aufwachtöne von sich. Und weiter gehts :-).
 
Habts es fein, liebe Leute!
Und schauts gut auf euch.
 
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit
 
 
 
 

Sonntag, 4. Oktober 2015

04.10.15 - Ungleichbehandlung oder Das fortschrittliche Finnland



Finnland. Als Teil Skandinaviens wird es in Österreich immer als Paradebeispiel für so vieles herangezogen, dass man glatt meinen könnte, hier herrsche das Paradies vor. Das Schul- und das Sozialsystem suche ihresgleichen, die Frage der Gleichbehandlung von Mann und Frau stelle sich nicht und ganz überhaupt ist "dort oben" sowieso immer alles besser.
Ich frage mich, wie es dazu kommt und wer solche Dinge aufgrund von welcher Grundlage in die Welt setzt.
 
Ich möchte meinem Erstaunen über das finnische System hier durch eine kürzlich erlebte Geschichte Ausdruck verleihen.
 
Ein Brief kommt ins Haus geflattert. Adressiert an Muller Birgit. Aufgrund des fehlenden Üs auf der finnischen Tastatur heisse ich in beinahe jeder offiziellen Stelle Muller anstatt Müller. Hier haben sie die Punktln mit dem Kugelschreiber nachgezeichnet, was ich schon wieder fast süss finde. Das Sozialamt also schreibt mir, dass sie vom Magistrat die Information erhalten haben, dass ich ein Kind geboren habe ohne verheiratet zu sein und dass ich aufgrund dessen mit dem Vater des Kindes im Amt zu erscheinen habe, um die Vaterschaft zu klären. Häh? Hierzu muss erklärt werden, dass nur unverheiratete Paare diesen Weg ins Amt machen müssen. Denn, bei denen weiss man ja nie, wer mit wem und wie oft und überhaupt...
 
Ein befreundetes Paar, ebenfalles unverheiratet (ts, ts, ts), hatte diese Prozedur bereits hinter sich. Auf die Frage, was uns da erwartet, haben sie gemeint, dass es eigentlich ganz harmlos ist. Es sei nur eine Frage zum Sexualverhalten der Frau um die Zeit der Empfängnis gekommen, sonst sei aber alles ganz ok gewesen. Was?!?!!! Ich war empört! Aber gleichzeitig wurde ich auch sehr neugierig auf das, was uns das erwartete.
 
Wir sind also nach Oravais. Zum Sozialamt.
 
 


Mit Max im Schlepptau. Der musste nämlich auch dabei sein (zwecks Gesichtsvergleich?).
Zu zweit haben sie uns in der Wartehalle abgeholt und uns durch das undurchsichtige Amtslabyrinth in ihr Büro geleitet. Das hat sich erst noch a bissi unheimlich angefühlt, grad so, als wollten sie uns getrennt voneinander befragen. Bis sich dann herausstellte, dass die 2. Frau eingeschult wurde und wir nach der Erstinformation nur ganz, ganz viele Formulare unterschreiben mussten. Das wars dann auch schon wieder.
 
Also, nicht weiter tragisch, oder?
Ja. Eh. Nur - diese klare Ungleichbehandlung von verheirateten und unverheirateten Paaren mutet mir völlig absurd an. Nur, weil ich nicht verheiratet bin, muss ich sagen: Ja, Kalle ist wirklich der Vater. Und, ja, ich teile mir die Aufsichts- und Sorgepflicht für Max mit ihm zu gleichen Teilen. Ja. Ganz echt. Hier habts sogar meine Unterschrift. Und er muss das seinerseits natürlich auch tun. Verheirateten Paaren bleibt dies zur Gänze erspart. Weil, bei denen ist die Sache ja klar, nit? (Wenn das Leben nur immer so einfach wäre!)
 
Andererseits - ich hab keine Ahnung, wie es in Österreich ist. Vielleicht noch absurder? Oder vielleicht ist das ja gar nicht absurd? Vielleicht ist das normal, dass man nur als verheiratetes Paar Kinder in die Welt setzen soll? Oder vielleicht ist es normal, dass unverheiratete Paare sich ruhig rechtfertigen und erklären sollen, wenn sie schon nicht gewillt sind, den "guten" Weg zu gehen?
Was weiss ich. Vielleicht bin ich auch nur sehr sensibel.
 
Verbleibe recht freundlich und mit einem verwunderten
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit
 
PS: Sie wollten nicht einmal wissen, wie er heisst. Er ist also offiziell immer noch "Pojke" (Junge). Irgendwie traurig.
 

Dienstag, 22. September 2015

22.09.15 - Er ist da.


"Mir haben Tage danach noch die Knie gezittert."
"Echt zach. Aber jetzt ist alles vorbei."
"Man vergisst mit der Zeit."
"So eine Geburt ist wie ein geistiger und körperlicher Tsunami."
"Als hätt ich einen Hormoncocktail getrunken."
"Der schönste und zugleich der schrecklichste Tag meines Lebens."
"Ich hab keinen Ton von mir gegeben."
"Es ist ein Wunder."
"Wir Frauen lassen ungeahnte Kräfte wirken."
"Nit so schlimm. Man hat ja immer wieder Pausen."
 
So einige Aussagen von mir bekannten Frauen zu ihrem Geburtserlebnis.
 
 
Mein kläglicher Versuch, in Worte zu fassen, was nicht in Worte zu fassen ist:

Für mich wars, als wäre ich in eine eigene Blase getrieben worden. Eine in sich geschlossene Blase ohne jeglichen Bezug zum Bisherigen oder zum Kommenden, voll von Schmerz, unkontrollierbarem Verlauf, ohne Vorstellung vom Weg und vom Ausgang. Dauer von Stunden, von Tagen. Immer wieder die Welle. Immer wieder geht sie vorbei. Immer wieder. Immer wieder. Irgendwann das Gefühl: Bringt nix. Sie kommt trotzdem. Unablässig. Lässt mich nicht in Ruhe. Gibt mir keine Ruhe. Keine Pause.
Irgendwann dann der Moment. Getrieben von unbändigen Kräften, alle Masken, alles Gelernte, jegliche Etikett fallen ab, sind nie gewesen, alles, was man ist, ist Körper, alles, was man nicht braucht in diesem Moment, existiert nicht mehr.  Worte erreichen einen nicht mehr. Es gibt nur noch dieses Eine. Das ist der Inhalt und der Grund allen Seins. Verblassendes bisheriges Leben. Nie gewesen. Neues Leben. Noch nicht da. Aber spürbar. Innen. Schon a bissl aussen. Die Grenzen sind erreicht. Wie geht man drüber? Indem man geht. Alternativlos.
Diese Blase schliesst sich mit der ersten Umarmung, dem ersten Hallo. Und langsam wird man wieder hinausgetrieben aus der Blase, dieses mal gemeinsam, zurück in die Realität.
 
Ein Ausschnitt unserer Geburt:
Wir sitzen in unserem Beobachtungsraum. Versuche, in den Wehenpausen zu essen. Wenigstens den Salat irgendwie runterzuwürgen. Weiss, ich brauche Kraft. Der Kreissaal ist am anderen Ende des Ganges. Während ich mir Chinakohl reinstopfe, höre ich jemanden schreien. Laut. Sie schreit sich die Seele aus dem Leib. Meine nächste Wehe kommt. Geht vorbei. Jetzt ist alles ruhig.
Ich lasse den Salat stehen.
 
Wenn ich jetzt zurückschaue, es ist nun beinahe 10 Tage her, fühlt sich diese unsere Geburt schon a bissl an wie ein Traum. Noch gut abrufbar, aber hauptsächlich mit dem Geist. Der Körper spürts nicht mehr, steigt nicht mehr ein. Den Verlust der Intensität der körperlichen Erfahrung in der Erinnerung versucht der Geist möglichst anschaulich und mit vielfältigen Bildern und Eindrücken wettzumachen.
Diese Blase ist wie ein Traum. Alles Träumende ist im Moment des Träumens derart intensiv und spürbar und wahr, dass man es sich nicht vorstellen kann, dieses Erlebnis jemals zu vergessen.
Ich vergesse nicht. Aber diese Erfahrung taucht a bissl ab innen drein, nehm ich an. Das einzig wirklich noch intensiv Spürbare ist die Erleichterung. Die Erleichterung, dass es vorbei ist. Immer dann, wenn ich eine schwangere Frau oder Mutter sehe.  Die Erleichterung, nicht mehr schwanger sein zu müssen. Immer dann, wenn ich wo bin, wo ich auch war, als ich schwanger war.
Es ist die Erleichterung des Gewesenen und Vollbrachten.
 
Max Jacob ist da. Und tut, als sei es das Natürlichste und Normalste der Welt. Er weiss nichts von all den Überlegungen im Vorfeld, von unseren Vorbereitungen mentaler und gegenständlicher Art. Wahrscheinlich weiss er auch nichts - zumindest nicht auf bewusster Ebene - von meinen Gefühlen und Empfindungen, die mich während der Schwangerschaft begleitet haben.
Er liegt einfach nur da. Und schaut. Manchmal grinst er. Oder schreit.
Alles, was er tut, macht er mit Hingabe.
Alles, was er zeigt, ist zu 100 % er.
Und ich schau ihn an. Und mit jedem Mal, wo ich ihn seh, verliebe ich mich aufs Neue. Kanns gar nicht fassen. Und fasse es dann doch. Werde durchströmt von Wellen der Freude und Dankbarkeit.

Er war ganz allein bei der Geburt. Keiner hat ihm die Hand gehalten. Keiner hat ihm erklärt, was mit ihm geschieht. Allein ist er hier angekommen, rausgetrieben und gepresst in eine kalte Welt voll von Dingen, die er nicht kennt und versteht.
Diese Gedanken schmerzen.

Und dann: all die ersten Male.
Erste Nacht zu Hause. Wir 3.
Erstes gemeinsames Frühstück.
Erstes Mal spazieren in Lövsund mit dem Kinderwagen.
Erstes Mal einkaufen mit Max.
...




Mein Leben ist nun voller Gelassenheit und Stärke. Wozu noch Unsicherheiten haben im Umgang mit Menschen oder mit der Sprache? Wozu sich klein fühlen oder an sich zweifeln? Wozu ...
Ich habe eine Geburt hinter mir. Ich habe Max in diese Welt verholfen. Und ich bin diesen Weg gemeinsam mit Kalle gegangen, mit dem ich mich nun mehr denn je verbunden fühle. Wir verbringen die Tage in Liebe, Freude, Müdigkeit und Offenheit. Und gehen nur von einem Tag zum nächsten. Mehr geht grad nicht. Und brauchts auch nicht.

Ich schliesse heute mit einem Zitat von Max: Öha. Öha. Öhaaaaaaa.

Alles Liebe, liebe Leute.
Bis in Bälde.

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit





 

Montag, 7. September 2015

07.09.15 - 1 Jahr


Am 2. September vor einem Jahr hab ich mich mit meinen 5 Zwetschken und dem Fiat Panda auf den Weg nach Finnland gemacht. Auf den Weg in mein neues Leben.

Der Abschied von Tirol ist zum Teil ein Herz zerreissender gewesen. Gesprächsfetzen, einzelne Worte oder Blicke von nahen Menschen haben mich begleitet und immer wieder Tränen ausgelöst. Mit längeren oder auch kürzeren Unterbrechungen ist das bis an die Nordküste Deutschlands so gegangen. Bis ich auf der Fähre war. Dort hab ich beschlossen, damit aufzuhören. Weils nix bringt. Und weils mich daran gehindert hätte, die Schritte, die ich eh schon begonnen habe zu gehen, auch wirklich zu tun. Also hab ich ganz brutal jeden Gedanken, jedes Bild, das aufgetaucht ist, gestoppt. Das hat sich wirklich brutal und gemein den Menschen und mir selber gegenüber angefühlt, war jedoch meine einzige Chance, damit umzugehen.
 
Diese Zwischenzeit, diese "Nicht mehr daheim und noch nicht da"-Zeit, hat sich angefühlt wie eine eigene Raumkapsel, nein, wie eine Blase. Die Blase hat geheissen: Mittendrin. Oder auch Unterwegs. In einem leeren Raum. Ohne Orientierung. Ohne Halt. Aber mit meinem Auto. Mein kleines weisses Auto und alles, was darin Platz gefunden hat, war das einzige, das mir geblieben ist aus meinem alten Leben. Das war meine Heimat und mein ganzer Besitz.
Ich war total allein.
 
Am 4. September bin ich in Finnland angekommen. Nachdem mich gleich nach dem Runterfahren von der Fähre die Drogenpolizei gefilzt hat, hab ich meine ersten Kilometer hier in diesem Land gemacht, und ich hab mich so unendlich verloren gefühlt. Ich war müde. Und wenn ich müde bin, bin ich auch ganz schnell a bissl grantig. Ich war also müde und grantig und genervt von der Polizei, und so bin ich dahingegurkt. Hab meine Pläne, meine alten Wege abzufahren, wie ich sie damals mit dem Radl absolviert hab, gleich sein lassen und hab den kürzesten genommen. Den kürzesten, der trotzdem noch endlos lange gedauert. Keine Ende in Sicht. Und froh drum. Ich war nervös. Und aufgeregt. Und hab mich nicht mehr erinnert, warum ich das hier eigentlich mach.
 
Ja. Und dann bin ich doch irgendwann hier angekommen.
Schön wär Folgendes gewesen: Wir sehen uns. Gehen ganz langsam aufeinander zu. Lächeln uns an. Küssen uns. Umarmen uns. Sagen uns gegenseitig: Welcome!, bevor wir uns hinsetzen, vielleicht schweigend ein bisschen halten, bevor wir dann endlich anfangen, uns von unserem Inneren erzählen.
Die Realität war, dass wir beide total nervös waren. Dass ich beinah geheult hab, wie ich ausgestiegen bin. Nicht vor Freude, sondern vor Erschöpfung, Abschiedsschmerz und Ablehnung der momentanen Situation. Dass ich ins Haus bin und aufs Klo, auf dem ich ganz lange geblieben bin. Dass wir danach Kaffee getrunken haben und ein Gespräch nur sehr mühsam zustande gekommen ist. Und dass ich in Wirklichkeit so verloren war wie noch nie zuvor.
 
Seitdem ist nun mehr als 1 Jahr vergangen.
Die Nähe und das Gespräch haben wir gefunden. Der Umgang miteinander ist ein entspannter und vertrauter geworden. Wir haben hier einiges verändert und ich bin langsam, ganz langsam wirklich hier angekommen. Es gibt sie immer noch, die schwierigen Momente, und ich glaube fast, dass das so bleiben wird. Und ich glaube fast, dass das ganz gut so ist. Oder eben einfach nur normal. Ich habe Menschen kennengelernt hier in diesem Land, die ich sehr schätze. Meine anfängliche Hilflosigkeit ist der Normalität gewichen. Mein Schwedisch ist ganz passabel, wie ich finde. Mittlerweile sind auch schon Umbaupläne fixiert. Und wir erwarten jeden Moment unser Kind. Es hat sich einiges getan. Wir haben viele Schritte gemacht. Innen wie aussen. Und es bleibt weiterhin spannend :-).
 
Ein Hoch auf dich, liebe Birgit! Manchmal kommts mir selber noch ganz unwirklich vor, dass ich wirklich "ausgewandert" bin.
Ein Hoch auf uns, lieber Kalle! Es ist so schön, immer wieder Neues durch dich und mit dir zu entdecken. Und jemanden so nahe zu haben.
Und ein Hoch auf euch, liebe LeserInnen! Es ist ganz wunderbar, so viele Menschen aus aller Herren Länder zu wissen - bekannt oder unbekannt - die interessiert meinen Geschichten folgen. Ich danke euch dafür!
 
Mochts es guat und passts auf auf enk.
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit
 
 
 
 
 

Montag, 31. August 2015

31.08.15 - NOCH, DANN und JETZT




 
So schaut mein Schwedischlernen aus. So viel fein, das Leben :-). In "meinem" Cafehaus, da sitz ich und les ich. Auf Schwedisch. Unterstützt werd ich dabei von meinem Wörterbuch, einem Kaffee, Schokolade, und -
 
- von den Schafln,
 

 
die da einfach vor sich hingrasen und so tun, als ob nix wär. Aber da haben sie schon recht. Es ist ja auch wirklich nichts. Ausser, dass der Sommer nun offiziell vorbei ist und der Herbst in seinen Startlöchern scharrt. Und dass ich einen kugelrunden Bauch hab und jederzeit bereit bin.
 
Zum Sommer, der für beendet erklärt wurde und zum Herbst, der's nach ersten zögerlichen Versuchen nicht erwarten kann, endlich voll auszubrechen:
Hier in Finnland, um genau zu sein, hier an der Westküste bis rauf nach Kokkola, gibts das Villaavsluntningsfest (nur, dass es in Kokkola anders heisst). Da wird am letzten Augustwochenende mit Raketen, Sauna und reichlich Alkohol gefeiert, dass die Sommerhauszeit beendet ist. Dh., dass jeder, der ein Sommerhaus hat, also eh so gut wie jeder, zu seinem Sommerhaus fährt und dort mit Freunden und Familie den Sommer offiziell für beendet erklärt.
Das hier war unser Villaavslutning:
 
 

 

Nicht am Sommerhaus, dafür an unserm Strand. Mit völlig unerwarteter Gesellschaft aus Djupö, unserem Nachbar"dorf". Ums Feuer sitzend, mit netten Menschen, die mit Alkohol das Leben hochleben lassen, mit Lachen und Ratschen und gegenseitigem Kennenlernen - das hat mir total gut getan.
Mit diesem Abend bin ich wieder einen Schritt weiter gekommen in meinem Projekt "Hier als mein neues Daheim".
 
Zu meinem kugelrunden Bauch:
Ich habe eine neue Zeitrechnung. Sie heisst NOCH und DANN.
NOCH mach ich dies und jenes.
DANN ist unser Kleiner da und wir schauen mal.
DANN kann aber auch die Geburt selber sein. Je nach Inhalt des Gedachten oder Gesprochenen.
 
Es ist ein Warten, das ich grad erleb. Ich war nie gut im Warten. Hat mich meist nervös, unzufrieden, unrund, letschat und grantig gemacht.
Dieses Warten hier ist nun ein anderes. Bin meist NOCH sehr im Vertrauen und in der Gelassenheit. Auch Geniessen (so wie heute) oder Missmut über den Schmerz und meine immer wiederkehrende Bewegungsschwierigkeit sowie Ängste und Unsicherheiten tauchen auf. Und so manches Mal - nämlich immer öfter - mischt sich Freude übers jetzt und auf DANN darunter. All diese Gefühle ergeben diese wunderbare, noch nie erlebte momentane Mixtur meiner Befindlichkeit und somit meines Lebens. Und trotz all dieser NOCHS und DANNS bin ich sehr im JETZT. Weil das das einzige ist, was ich habe und was mir geblieben ist.
 
Und eigentlich, liebe Leute - sollte es nicht immer so sein? Egal ob schwanger oder nicht, ob kurz vor der Geburt oder ganz woanders, das JETZT ist doch immer das einzige, was wir haben. Und im Grunde - wärs nicht immer gut, gerichtet zu sein? Es kann immer, jeden Moment, anders werden, von tschagg auf tatsch, von jetzt auf dann.
Wenn mich die Schwangerschaft etwas gelehrt hat, dann ist es das: Besser und immer mehr im JETZT zu verweilen. Und im JETZT die Dinge anzugehen, die JETZT gerade vom Leben angefragt sind (wie z.B. zu atmen, um dem Schmerz zu begegnen, die Augen zu schliessen und dabei zu sein, wenn der Kleine sich über Bewegungen mitteilt, beim Radln langsamer werden, wenns bergauf geht,... was auch immer). Alles andere ist nämlich komplett für d'Fisch.
 
Und so wart ich weiter. Und geh einfach den nächsten Schritt in meinem Leben. Nämlich zum Essen :-).
 
Habts es gut, liebe Leute!
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit
 
 
 
 
 
 
 


Sonntag, 23. August 2015

23.08.15 - Schwangerschaft, Geburt und Auszeit


 
Nach einem Gespräch mit meiner Schwangerschaftsberatungskrankenschwester (ich sage aus Faulheitsgründen immer Hebamme, wenn ich von ihr spreche, obwohl sie keine ist) fühl ich mich nun reichlich und ordentlich aufgeklärt.
 
Hier ein paar Kostproben. Vor der Tür des Krankenhauses gibt es leider keinen Parkplatz. D.h. Kalle liefert mich am Eingang ab und macht sich dann auf Parkplatzsuche. Je nachdem, wie fortgeschritten ich dann mit meinen Wehen bin, warte ich auf ihn oder gebäre inzwischen. Mal schauen. Aber abgesehen davon gibts wirklich alles. Es gibt einen eigenen Raum nur für uns, eine Sauna, einen Hocker mit Loch, eine Badewanne, einen CD-Player,... Man wird grad am Anfang so viel und oft wie möglich allein gelassen, um die Intimität dieses Prozesses nicht zu stören. Und... und... und...
 
Und so oder so ähnlich red ich mit den Menschen. Ich erzähle meiner Nachbarin, wie genial ich das finde. Ich beantworte brav die Fragen von Eva, meiner Schwangerschaftsberatungskrankenschwester. Ich erzähle im Skype, dass ich das System hier sehr schätze (ohne das österreichische wirklich zu kennen). Ich rede mit anderen bald werdenden oder schon Müttern hier oder dort über ihre und meine Erfahrungen. Und langsam merke ich, dass dieses Thema mich müde macht. Eigentlich mag ich gar nicht mehr davon sprechen. Es ist, als würde ich Luft aus dem Luftballon lassen. Ich rede von etwas, wovon ich keine Ahnung habe. Das ergibt wenig Sinn. Und bringen tuts auch nix.
 
Also: Themenwechsel!
 
Auszeittag. Heute. Hier und jetzt. Unser erster. Wir haben festgestellt, dass wir eine Auszeit möchten. Ich von ihm und er von mir. Das ist in keinster Weise verwunderlich, zumal wir jetzt im Sommer nahezu 24 Stunden am Tag zusammen picken. Und falls nicht, dann erklären wir uns lang und breit, um den/die andere/n ja nicht zu verletzen. Das kann nicht gsund sein! Schon gar nicht für Menschen, wie er und ich das sind. Also: Auszeit.
 
Gestern vereinbart. Und heute mit am breiten Grinser aufgewacht. Beide. Gefreut haben wir uns aufs Frühstück wie schon lange nicht mehr. Und nachher haben wir uns verabschiedet in unseren Tag hinein. Ich war fast a bissl aufgeregt. Einen ganzen Tag zur freien Verfügung, zur freien Gestaltung. Nur ich mit mir ganz allein (und dem Kleinen natürlich...). Uiuiui :-).
 
Erst mal bin ich ins Kaffeehaus gegangen, dorthin, wo ich vor 4 Jahren mit meinem Radl eine Pause gemacht hab auf dem Weg zum Kalle. Hab ihn noch nicht gekannt. Aber gefreut hab ich mich schon auf ihn. Besser gesagt auf seine Sauna. Ich war mit einer Freundin von ihm unterwegs, die ich zufällig kennengelernt habe und die mir gern diesen ihren Freund mit Sauna im Wald vorstellen wollte. Und da sassen wir damals, sie und ich, und ich war sooo glücklich. Genau das hab ich mir von meiner Radlreise gewünscht. Nämlich Menschen kennenzulernen, Zeit mit ihnen zu verbringen, und vielleicht sogar einen Einblick zu bekommen, wie sie leben.
War also in "meinem" Kaffeehaus. Bin draussen gesessen. Blick Richtung Meer. Hab den Herbst anklopfen gesehen, indem er die Vögel, die sich bald gen Süden verabschieden, sich auf den Drahtseilen versammeln und die Blätter an vereinzelten Bäumen bereits gelb werden lässt. Ich hab festgestellt, ich hab keine (oder sagen wir: kaum) Angst mehr vor dem Herbst oder dem Winter und der damit einhergehenden Dunkelheit und Kälte. Was auch immer kommt und wie auch immer es wird, es wird sowieso total anders, wie ich mir das jetzt ausmalen kann.
Nach am angemessenen Zeitl des Sinnierens bin ich heim.  Keiner war da und ich kam mir fast vor wie in alten Zeiten, wo ich noch allein gewohnt hab. Hab die Beatles eingeschaltet, mir was zum Essen gemacht, und mich damit auf die Terrasse gesetzt - mit einer Zeitung in der Hand und das ganz ohne schlechtes Gewissen. Volle fein!
Und dann - Zeit. Endlos Zeit, um zu schauen, was es grad braucht. Und das dann auch zu tun. Ohne mich abzusprechen, ohne zu schauen, ob mein Bedürfnis sich deckt oder komfort geht mit seinem, ohne Zeitlimit, ganz einfach so, als gäbs nur mich.
Nach dem Backen eines Apfelstrudels, einer Schwimmrunde und einigen Stunden dort am Meer in der Sonne mit Lesen, Dösen, Ratschen mit dem Kleinen, finnisch-wortkargen Begegnungen und Bloggen kommt mir nun langsam vor: Na, eigentlich...
 
Kalle kocht. Bald ist er fertig. Und dann essen wir zusammen. Es tut gut, nach einem Tag Ich wieder zurückkehren zu können ins Wir. Und es ist schön, sich darauf zu freuen :-).
 
Schöne Sommertage, liebe Leute!
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit


 
 
 
 
 

Samstag, 15. August 2015

15.08.15 - Die Blume


Fenster putzen. Gemüse ernten. Mantras singen. Radl fahren. Schwimmen gehen. Schlafen. Kochen. Essen. Windeln falten lernen. Schwedisch (vor-)lesen. Gitterbett zusammenbauen. Skypen. Blaubeeren pflücken. Blumen anschauen. Freunde treffen. Zum Sommerhaus auf die Insel fahren. Elternvorbereitungskurs gehen. Wäsche waschen. Krankenhaustasche packen. Kinderwagenstoffteile abziehen und waschen. Gitarre spielen. Blumen und Garten giessen. Nachdenken. Reden. Sauna gehen. Einkaufen. Feuer machen. Meinen Bauch im Spiegel anschauen. Schwitzen. Staubsaugen. Kastln montieren. Rasen mähen. Himbeerblättertee trinken. Einladungen aussprechen. Zur Hebamme gehen. Brot backen. Spinnweben entfernen. Auto zur Reperatur bringen. Bücher in die Bibliothek bringen. Moskitos erschlagen. Marmelade machen. In der Sonne liegen. Teppich klopfen. Bett frisch überziehen. Aus dem Fenster schauen. Sich unsern Kleinen vorstellen. Fotos machen. Die Blätter im Wind rauschen hören. Leute begrüssen. Den Tomaten beim Wachsen zuschauen. Lachen. Den Bauch streicheln. Tagträumen. Kaffee trinken. An alte Zeiten denken und dabei wehmütig werden. Mit dem Architekten reden. Schnaufen. Holz hacken. Bummeln in Vaasa. Schlafschachtel für den Kleinen herrichten. Zukunftspläne machen. Lesen. Schwarze Nachtstunden anschauen. Emotionenkarussell fahren. Alkoholfreies Bier trinken. Staunend den Kleinen im Bauch spüren. Vitamine schlucken. Einen Ausflug machen. Entsafter abholen. Ins Kino gehen. Blog schreiben. ...
 
Die Zeit vertreiben. Die Zeit leben. Die Zeit einteilen. Die Zeit nutzen, bis - bis zum einen grossen Moment. Ohne wirklich zu wissen, was kommt. Und ohne zu wissen, wann ES sein wird. Jederzeit bereit. Und jederzeit auf mögliche Zeichen achtend.
 
 
 
 
 
Diese Blume find ich wunderschön. Ohne ihren Namen zu kennen. Sie ist einfach so gewachsen in unserem Garten, nachdem wir ihren Samen gesät haben. Dieses futzikleine, völlig unscheinbare, eigentlich nur zu übersehende Samenkorn...
 
Wird unser Kleiner sich auch trauen, so wunderschön zu werden? Blühen und Strahlen und So-sein-wie-man-ist erfordert Mut. Möge sein Samen auf guten Boden gefallen sein!
 
Und möget ihr glücklich sein :-)!
Pfiatenk und Hej då -
d'Birgit
 
 
 
 

Donnerstag, 6. August 2015

06.08.15 - 5 Minuten





Angesichts der derzeitigen Umstände sind es genau 5 Minunten. 5 Minuten, die mich vom Meer trennen.
 
Seit einigen Wochen schon überkommts mich fast täglich. Sei's aus temperaturbedingten Gründen (eher selten, wie ich leider feststellen muss), sei's, weil ich mich unrund fühle (nur emotional, versteht sich) oder weil ich's einfach spüren will. Dann schwing ich mich aufs Radl und rausche los. Hin zu unserm Meer.
 
Ich muss zugeben, ich habs ja eigentlich nicht soooo mit dem Meer. Aufgewachsen in den Bergen, ist mir dieses grosse Wasser a bissl unheimlich. Man weiss nie, was oder wer unter einem ist, wenn der Wind kommt, wandelt sich der anfängliche Spiegel zu einem unkontrollierbaren Wellenbad, und - kalt ists!!! Brrrrr! Wie ich mich da am Anfang immer gewehrt hab. Stunden hats gedauert, bis ich dann endlich drin war. Und gekämpft hab ich dann, dass mein Gesicht nur ja nicht mit den Wellen in Berührung kommt. Und froh war ich, als ich dann wieder heraussen war. Und vorgekommen bin ich mir dann immer wie eine kleine Heldin.
 
Angeschaut hab ichs immer schon gern. Diese uneingeschränkte Weite. Der offene Himmel. Unverstellt von Bäumen. Frei. Und immer schauts anders aus. Ich mag dieses Gefühl, das ich spür, wenn mein Blick über das Wasser gleitet, den Horizont sucht, den Himmel findet, und wieder zurückkehrt zum sich ständig verändernden und doch ewig gleichen Wasser.
 
Es ist nicht mehr viel übrig von der anfänglichen Scheu. Ich zieh mich aus, klettere die Leiter hinunter, steh bis über den Knien im Wasser, atme 2 Mal tief ein, und beim zweiten Ausschnaufer gleite ich ins Meer.
Lasse mich umarmen.
Aufnehmen.
Ich verliere all mein Gewicht, das ich momentan mit mir rumtrage.
Und ich schwimme nach vor.
Dem Horizont entgegen.
Weg vom Steg, vom Alten.
Es fühlt sich immer wieder wie ein kleiner Aufbruch an.
Ein Aufbruch ins Unbekannte.
Das Meer wird mir ewig unbekannt sein. 
Und ich spüre die Verbindung zu allen Küsten, Kontinenten. 
Und ich spüre, wie's mich streichelt.
Immer weiter in sich aufnimmt.
Ich drehe mich auf den Rücken.
Hab die Ohren im Wasser.
Und höre nichts als dieses.
Und seh nichts als den Himmel und seine Lebewesen.
Ich bin ganz leicht.
Und vielleicht spürt mein Kleiner in mir drin genau das Gleiche wie ich in diesem Moment (auch wenn er's hoffentlich a bissl wärmer hat!).  
 
Hier, genau hier, erreich ich immer wieder den Punkt, wo sich Angst, ja, leichte Panik in mir meldet. Achtung! Kontrollverlust! Man kann nicht wo schweben, wenn man Mensch ist! Irgendwas stimmt nicht!
Dann dreh ich mich wieder auf den Bauch. Atme. Meine Augen suchen Halt. Finden ihn. Und alles ist wieder gut.
 
Nach am Zeitl schwimm ich zurück. Zurück zum Steg. Drehe dem Horizont, der Sonne, den Wolken, der Freiheit meinen Rücken zu und schwimm heim. Und es fühlt sich wirklich jedes Mal wie ein kleines Heimkommen an. Und ich spüre noch mal das Wasser um mich herum, wie es mich umgibt, trägt, umschmeichelt. Und dann bin ich schon da. Dreh mich noch mal auf den Rücken, ein kurzes Pfiati, greife die Leiter und klettere raus.
Und spür mein Gewicht wie einen Zementsack. Gott sei Dank bleibt meistens nicht viel Zeit, um das Gewicht zu beklagen. Die frische Luft zwingt mich zur Eile.
 
Wenn ich dann - 5 Minuten später - nach Hause komm, ist nichts mehr so, wie es vorher war. Zumindest in mir drin. :-)
 
Und das, liebe Leute, hab ich wirklich fast jeden Tag. Es ist unglaubliches Privileg. Dessen bin ich mir bewusst. Aber es ist auch einfach nur genial :-)!
 
Bis in Bälde!
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit