Samstag, 28. April 2018

29.04.18 - Frühlingsgedanken


"Erlaube jedem, dich zu verurteilen und du bist frei." (Robert Betz)

Das lass ich jetzt einfach mal so stehen.

Und widme mich ohne weitere Umschweife dem Leben selbst, richte die Schweinwerfer auf scheinbar Eigenartiges und Alltägliches und versuche damit einen Eindruck der Jetztzeit in meinem Leben in meinem Finnland wiederzugeben.

Wie schon im April 2015 beschrieben, haben wir auch jetzt wieder die Zeit der Birkensaftabzapfung. Im Gegensatz zu vor 3 Jahren boomt diese Art der Geldgewinnung regelrecht, was sich dadurch zeigt, dass die weißen Kübel wie Schwammerl aus dem Boden zu schießen scheinen. Sieht man irgendwo eine Birke, und das passiert ja relativ oft hier, kann man sich sicher sein, dass der nächste Kübel mit seinen Schläuchen wie Fangarme auch nicht weit ist. Allabendlich sieht man sie dann, die Männer auf ihren Quads, beim Ernten ihres nordischen "Superwassers". 
In ein paar Tagen ist der Spuk zum Glück wieder vorbei.

Ich gehe einkaufen. Großeinkauf im Gschäftl ums Beinahe-Eck. Ich bin immer noch ein bisschen verwundert ob der Tatsache, was eine Familie alles braucht im Vergleich zu einem alleinigen Menschen, aber ich kanns akzeptieren. Geh also dort herum, schau, was es gibt, überleg mir bei jedem Teil, ob wir das nun brauchen oder nicht, mach dasselbe im Kühlregal, und dann seh ich diese eigentümliche Flasche. Drauf steht: "Nötblod". Echt jetzt? Ich lese die Inhaltsstoffe, und tatsächlich: In diesem Land kann man Rinderblut kaufen! Praktisch abgefüllt in einer 500 ml Flasche, die stark an Medizin erinnert. Wer bitte kauft Blut von einer Kuh? Und was macht der dann damit?



Der Schnee zieht sich jetzt doch langsam zurück, gibt den Blick auf die braune Erde und das Wasser des Meeres frei und klammert sich in seiner Verzweiflung an die schattigsten aller Plätze. Das ist das einzige, was er noch tun kann. Loslassen muss man lernen, mein Lieber. Wie auch immer: Max genießt, Max springt, und Max saust in den Wald. Dort hat er sich ein spezielles Platzl zu "seinem" auserkoren. Und dann kommt er vor ein paar Tagen angerannt, völlig aufgeregt, und ruft: "I hob den Frühling gfunden!!!", streckt mir seine Hand entgegen, schenkt mir Preiselbeerblätter und freut sich, ja, eben wie ein kleines Kind.

Eines der spannendsten Dinge, die mich derzeit umtreiben, ist das Aufbauen meiner Firma. Firmenschild und Visitenkarten befinden sich im Druck, und die nächsten Schritte und Gespräche, um auf mich aufmerksam zu machen, sind schon klar in meinem Kopf. Ich gebe zu, ich spüre schon eine gewisse Hemmung, mich selber zu bewerben. Das liegt mir nicht im Blut. Ich hab von klein auf gelernt, mich zurückzunehmen, bescheiden zu sein, mich nicht zu zeigen, schon gar nicht zu präsentieren - das hier geht in die total andere Richtung. Gut, dass ich das endlich lernen darf!
Realistisch gesehen wirds wohl a Zeitl dauern, bis meine Praxis ins Laufen kommt. Aber ich hoffe so sehr darauf. Es wäre wunderbar, könnte ich etwas weitergeben und könnte ich mich so auf meine Art hier in dieses Land einbringen!

3 Besuche haben sich heuer angesagt! Ich freue mich sehr. Nach Jahren des Wartens und Wunderns und der ganz wenigen, dafür aber umso rühmlicheren Ausnahmen, passierts endlich. Und ich darf endlich meine Welt ein bisschen teilen.

Ich bin immer noch sehr mit Österreich verbunden.
Deshalb hab ich gestern neben dem Kochen - Preiselbeernocken übrigens - die Verleihung des Amadeus Awards 2018 verfolgt. Gestreamt, wie man neudeutsch sagt. Und ich muss sagen: Es war genial! Ich mag die Conchita. Und ich mag österreichische Musik. Viel davon hab ich nicht gekannt, einiges schon. Und dann saßen da plötzlich Pizzera & Jaus auf der Bühne, zwei Jungs, beide mit Gitarre in der Hand, und sie sangen "Mama". Ich bin ja generell sehr rührselig, leicht zum Weinen zu bringen, aber es ist jetzt schon sehr lange her, dass eine Musik mich derart berührt hat. Ist vielleicht auch ein bisschen schwierig mit diesen Kinderliedern... Auf jeden Fall, da ist es passiert. Das ging rein wie der Duft von Sommerregen. Ohne Umwege. Ohne Hindernisse. Einfach so. Und ich hab geweint, dass es nur so eine Freude war. Kurz darauf war eine Frau an der Reihe. Yasmo. Als Rapperin sang/sprach sie von Frauen, die nicht "just fun" wollen, sondern Gleichberechtigung. Fantastisch. Sie hats auf den Punkt gebracht. Eine Kunst, die nur sehr wenige verstehen. 
Endlich! Das, was vor langer Zeit mein Lebenselixier war, nämlich das Eintauchen in Musik, in Töne, in Gesänge, in Worte, ist wieder mit mir passiert.
Bin um Jahre jünger geworden!

Wir sind endlich wieder mit Plastiksackerln ausgezogen und haben Müll zusammengeklaubt. Das hat mich früher eigentlich genervt. Also, nicht das Zusammenklauben selber, aber dass die Leute so viel Zeug aus ihren Autofenstern werfen. Einfach so. Dinge, die Jahrzehnte, Jahrhunderte lang nicht verroten. Was denken sich die dabei? Ist es Dummheit? Faulheit? Eine Kombination? 
Dieses Mal wars anders. Es ist auch viel grausiges Zeug herumgelegen. Aber - es war schön, unterwegs zu sein mit meinen beiden Lieblingsmenschen, der eine auf dem Radl, der andere auch mit Plastiksackl in der Hand, mit der Mission im Geist, der Natur und somit uns allen etwas Gutes zu tun.
Es hat sich gut angefühlt. 
Ein paar Tage später simma gleich wieder losgezogen.

Nennt mich naiv, aber manchmal, da weiß ich, dass wir Menschen auf diesem Planeten die Kurve noch kriegen. Es gibt so viele tolle Menschen auf dieser Welt. Mein Mann, der mit mir Müll zusammenklauben geht. Meine Freundin, die ein Frauencafé in die Welt bzw. ins Dorf setzt. Meine Ekofriseurin, die ihres beitragen will. Die wohl berühmteste Cousine Österreichs, die es auf Humor volle Weise schafft, vielleicht das eine oder andere Auge zu öffnen. Die tausenden und abertausenden Menschen in Spanien, die gegen ein Gerichtsurteil aufstehen und sagen: So nicht! Und, und, und... Es gibt Gras, das jedes Jahr trotzdem wieder wächst. Es gibt Musik, die nicht plätschert, sondern berührt und somit (Ärsche und Herzen) bewegt. Und einen Radiosender, der zur Nachrichtenzeit zur vollen Stunde davon berichtet, welche Vögel schon angekommen sind in Finnland.
Dies alles sei nur stellvertretend genannt für Menschen, die sich selbst und das Leben lieben, dementsprechend handeln (wer liebt, will nicht zerstören) und unbeirrt und mutig ihren Überzeugungen folgen.


You may say I'm dreamer, but I'm not the only one. (J.Lennon)

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit



Sonntag, 22. April 2018

22.04.18 - Ringo und die verpasste Chance


Im Frühling, wenn das Eis des großen Flusses schmilzt, kann es zum "Ispropp" kommen, also zum Eisstau. Das Wasser schiebt, das Wasser drückt, das Eis ist aber noch nicht gebrochen. Dabei schieben sich Eisplatten ineinander und türmen sich zu Bergen auf, bevor es dann endlich bricht. 

In genau diesem Moment des Auftürmens sind wir - a bissl angeschlagen vom Einkaufen - über die Brücke gefahren. Es waren schon einige Menschen da und haben das Schauspiel beobachtet. Ich - hinter dem Steuer - habs nur aus den Augenwinkeln gesehen, will heißen, wir waren einfach zu schnell, und ich wollte stehen bleiben, was aber nicht gegangen ist, weil hinter mir Autos fuhren und neben der Straße keine Parkmöglichkeit war. "Kalle, wir müssen umdrehen!" Dieser, etwas überrumpelt, meinte daraufhin, es gäbe einen Platz, weiter flussaufwärts, da hätte man eine viel bessere Möglichkeit, um dieses Naturschauspiel zu beobachten. Ok. Also flussaufwärts, und ohne den Fluss je zu Gesicht zu bekommen, meldete ich nach einigen Kilometern doch eher mehr als weniger meine Zweifel an. Er beruhigte mich. Wir fuhren weiter. Nach mehreren ungeduldigen Kilometern wars dann endgültig vorbei. Schluss. Aus. Feuerwehrautos blockierten die Straße, die Brücke war voll von Menschen in Uniform, unten am Fluss schaufelte ein Bagger, was lächerlich wirkte angesichts den Gewalten, denen er ausgesetzt war, und auf dem Fluss das schwimmende Eis. Das schwimmende Eis! Nichts mehr, das sich staute. Nichts, das sich auftürmte. Es schwamm nett und frühlingshaft und gut gelaunt der Mündung ins große Meer entgegen. 

Und das ist dann eigentlich auch schon fast die ganze Geschichte.

Wir sind dann noch mal zurückgefahren zur ersten Brücke, aber es war natürlich viel zu spät. Da gabs fast kein Eis mehr, und das, was noch übriggeblieben war und etwas verloren den Eismassen hinterherschwamm, hat mich an die letzten Nachzügler eines Klassenausflugs erinnert. Da gibts auch immer die berühmten 2 oder 3, die völlig unmotiviert und lustlos hinterherlatschen. 

Oh, war ich enttäuscht! Und sauer! Und traurig! Und alles gleichzeitig.

Auf der Heimfahrt redete ich nicht viel. Ich steuerte das Auto mehr automatisch als bewusst und dachte mir nur: Na ge! Na ge! Na ge! Ich kenne das Gefühl der verpassten Chance nur zu gut. Oft waren es besondere Momente wie Naturschauspiele und damit verbunden gute Fotos, die ich verpasst hatte. So wie in diesem Fall. Aber nicht immer gings nur um Fotos. Und ich habe mir nicht nur einmal Mal selber versprochen, es beim nächsten Mal anders anzugehen.

Natürlich war ich erst mal sauer aufm Kalle. Das ist das Leichteste. Der andere hat Schuld daran, dass ich nicht das erlebe, was ich erleben will.
Das ist natürlich ein Schmarrn. Wenn ich was will, dann bin ich, und nur ich allein dafür verantwortlich, dass ich das auch bekomme.

Das einzige, was in so einer Situation hilft:
Einen Schritt zurückgehen.
Atmen.
Grant ziehen lassen.
Atmen.
Hinschauen.

Was ist da wirklich passiert?
Ich hab die Chance, einen Ispropp zu sehen, verpasst, weil ich in diesem Moment zu feige war, umzudrehen.
Außerdem hab ich diesen entzückten inneren Schrei "Wow... SCHAU!!!" erstickt mit dem Nachgeben eines Vorschlages von jemanden, der es vermeintlich besser weiß. (Wobei wir hier den ganz klassischen Fall eines Missverständnis haben: er denkt, ich will sehen, wie das Eis in Massen den Fluss runterströmt, ich aber will die Eisberge sehen. Beide denken, keiner redet - da kann nix Gscheits dabei rauskommen.)
Das wars dann.

Hab also hingeschaut, und mir ist sehr bald sehr klar geworden, dass mein Anteil an der ganzen Gschicht ein ziemlich großer war.
Die Verantwortung ist zu übernehmen und die Konsequenz zu tragen.
Fertig.

Das Gute am Alter ist, dass mit den zunehmenden Jahren auch die Nachsicht mit einem selber zunimmt. Zumindest bei mir ist das so. Dann hab ich halt wieder mal was versemmelt. Mein Gott, das kann schon mal passieren. Bin ja schließlich keine Maschine.
Außerdem wird es immer etwas geben, das ich noch nicht gesehen oder getan habe. Der Ispropp darf weiter auf der Liste der noch zu erlebenden Dinge verweilen.

Und wenn ich jetzt noch einen zusätzlichen Schritt zurückmache und auf das Ganze schaue, dann muss ich schon sagen, der Schaden hält sich verschwindend gering. Denn, was ist ein verpasster Ispropp verglichen mit einem - Ringo Starr-Konzert :-)!!!

Ringo, du alter Beatle, der mir nie besonders viel gegeben hat, ICH KOMME!!!
Diese Chance nämlich, doch noch mal einen der Beatles live zu erleben, packe ich - meinem lieben Mann und seinen Inspirationen seis gedankt! - beim Schopf.

Habe die Konsequenzen aus dem Erlebten gezogen :-).

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit

Der klägliche Versuch eines Handyfotos von der 2. Brücke. Da, wo das Eis bereits schwimmt.






Samstag, 14. April 2018

15.04.18 - Aufbruch


Obwohl sich mir im Traum bereits zwei Kunden angekündigt haben, hält sich der Ansturm auf meine Firma im wirklichen Leben derzeit doch noch etwas in Grenzen. Das war so vorgesehen und ich habe nun - nach einer ziemlich turbulenten Woche - endlich  Zeit, mich der Inneneinrichtung meiner Praxis zu widmen. Und das ist schwieriger als gedacht.

Da sehe ich den Ofen, der viel zu weit in den Raum ragt, als dass ich mit meinem Kunden gut und angemessen arbeiten könnte.
Dieses eine Eck, in der jetzt die Stehlampe ihren Platz hat, ist leer und ungemütlich.
Und dieser Küchenblock - ich weiß auch nicht. Ich hab noch nie eine Praxis mit Küche gesehen.
Und mein Schreibtisch, der muss ja schon auch irgendwo sein, nit?

Meine Auge schaut sich um und sieht nur Dinge, die vermeintlich nicht in eine Praxis gehören bzw. die anders sein sollten.
Mein beschränkter Geist hupft und springt auf der Suche nach Möglichkeiten ummadum und verheddert sich schlussendlich in seinem undurchschaubaren Netz an Ideen, kommt zu Fall und liegt da. Schach matt!
Und ich? Ich verbringe Stunden in Geschäften und danach im Internet, nur um dann am Abend festzustellen, dass der Tag genau nix gebracht hat außer Kopfschmerzen, Augenbrennen und Gestresstheit.

Stop!
Aus!

Aussi!

Der Frühling ist da. Mit warmen 15 Grad macht er uns schon fast übermütig. Wir packen Max' Radl in den Kofferraum und machen uns auf den Weg nach Hellnäs. Das ist dort, wie die Brücke unsere Insel mit dem finnischen Festland verbindet. 
Jaja. Das Meer ist noch zugefroren.
Jaja. Es liegt schon noch richtig viel Schnee.
Und ja. Man braucht schon noch gscheit dickes Wintergwand.
Aber ja. Es ist hell. Und wie hell! Sogar um 10 am Abend ist es noch hell.
Und ja. Die Schwäne und die Kraniche sind wieder da.
Und ja. Es herrscht Aufbruchsstimmung im ganzen Land. Die Menschen reden miteinander, sie lachen - man vergisst fast, dass man in Finnland ist. 

Mit hurrrrjafart oi üwan Bichl... Genau in der Mitte des Fotos sieht man die Brücke.

Frühling ist dann, wenn man aufhört, den Winter und den Schnee ernst zu nehmen.

Wir machen Feuer.
Die Würschtln liegen bereit.
Und mein Herz geht ganz weit auf. Ich hätte mir meine Zukunft niemals nie besser ausmalen können.


Und wie wärs jetzt eigentlich, wenn ich einfach einen der Stühle in das leere, ungemütliche Eck stellen würde und den anderen irgendwie schräg davor?
Und dann könnt ich ja das fantastische Sonnenbild von Munch an diese eine Wand zwischen den zwei Fenstern hängen, wo aufgrund der Sesselpositionierung der Blick des/r KundIn automatisch hinfällt, wenn er/sie nachdenkt. 

Ja. Ich glaub, das ist es jetzt :-). 
  
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit

Dienstag, 10. April 2018

10.04.18 - Unvorhergesehenes


Liebe Leute!

Man kann sich gut und gern bestimmte Dinge vornehmen in seinem Leben. 
Man kann sich zum Beispiel vornehmen, jeden Tag um 6 aufzustehen und gut, gesund und reichlich zu frühstücken. 
Man kann sich vornehmen, regelmäßig Sport zu treiben, um Körper und Geist beweglich und frisch zu halten.
Oder man kann sich vornehmen, jeden Sonntag einen neuen Eintrag im Blog hinauszuschicken.

Nur, das Leben hat oft anderes mit einem vor.

So war es auch bei mir dieses Mal.

Kommenden Sonntag aber, liebe Leute, da bin ich wieder da.
Versprochen!
Hobts a guate Zeit derweil!

Alles Liebe,
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit