"Erlaube jedem, dich zu verurteilen und du bist frei." (Robert Betz)
Das lass ich jetzt einfach mal so stehen.
Und widme mich ohne weitere Umschweife dem Leben selbst, richte die Schweinwerfer auf scheinbar Eigenartiges und Alltägliches und versuche damit einen Eindruck der Jetztzeit in meinem Leben in meinem Finnland wiederzugeben.
Wie schon im April 2015 beschrieben, haben wir auch jetzt wieder die Zeit der Birkensaftabzapfung. Im Gegensatz zu vor 3 Jahren boomt diese Art der Geldgewinnung regelrecht, was sich dadurch zeigt, dass die weißen Kübel wie Schwammerl aus dem Boden zu schießen scheinen. Sieht man irgendwo eine Birke, und das passiert ja relativ oft hier, kann man sich sicher sein, dass der nächste Kübel mit seinen Schläuchen wie Fangarme auch nicht weit ist. Allabendlich sieht man sie dann, die Männer auf ihren Quads, beim Ernten ihres nordischen "Superwassers".
In ein paar Tagen ist der Spuk zum Glück wieder vorbei.
Ich gehe einkaufen. Großeinkauf im Gschäftl ums Beinahe-Eck. Ich bin immer noch ein bisschen verwundert ob der Tatsache, was eine Familie alles braucht im Vergleich zu einem alleinigen Menschen, aber ich kanns akzeptieren. Geh also dort herum, schau, was es gibt, überleg mir bei jedem Teil, ob wir das nun brauchen oder nicht, mach dasselbe im Kühlregal, und dann seh ich diese eigentümliche Flasche. Drauf steht: "Nötblod". Echt jetzt? Ich lese die Inhaltsstoffe, und tatsächlich: In diesem Land kann man Rinderblut kaufen! Praktisch abgefüllt in einer 500 ml Flasche, die stark an Medizin erinnert. Wer bitte kauft Blut von einer Kuh? Und was macht der dann damit?
Der Schnee zieht sich jetzt doch langsam zurück, gibt den Blick auf die braune Erde und das Wasser des Meeres frei und klammert sich in seiner Verzweiflung an die schattigsten aller Plätze. Das ist das einzige, was er noch tun kann. Loslassen muss man lernen, mein Lieber. Wie auch immer: Max genießt, Max springt, und Max saust in den Wald. Dort hat er sich ein spezielles Platzl zu "seinem" auserkoren. Und dann kommt er vor ein paar Tagen angerannt, völlig aufgeregt, und ruft: "I hob den Frühling gfunden!!!", streckt mir seine Hand entgegen, schenkt mir Preiselbeerblätter und freut sich, ja, eben wie ein kleines Kind.
Eines der spannendsten Dinge, die mich derzeit umtreiben, ist das Aufbauen meiner Firma. Firmenschild und Visitenkarten befinden sich im Druck, und die nächsten Schritte und Gespräche, um auf mich aufmerksam zu machen, sind schon klar in meinem Kopf. Ich gebe zu, ich spüre schon eine gewisse Hemmung, mich selber zu bewerben. Das liegt mir nicht im Blut. Ich hab von klein auf gelernt, mich zurückzunehmen, bescheiden zu sein, mich nicht zu zeigen, schon gar nicht zu präsentieren - das hier geht in die total andere Richtung. Gut, dass ich das endlich lernen darf!
Realistisch gesehen wirds wohl a Zeitl dauern, bis meine Praxis ins Laufen kommt. Aber ich hoffe so sehr darauf. Es wäre wunderbar, könnte ich etwas weitergeben und könnte ich mich so auf meine Art hier in dieses Land einbringen!
3 Besuche haben sich heuer angesagt! Ich freue mich sehr. Nach Jahren des Wartens und Wunderns und der ganz wenigen, dafür aber umso rühmlicheren Ausnahmen, passierts endlich. Und ich darf endlich meine Welt ein bisschen teilen.
Ich bin immer noch sehr mit Österreich verbunden.
Deshalb hab ich gestern neben dem Kochen - Preiselbeernocken übrigens - die Verleihung des Amadeus Awards 2018 verfolgt. Gestreamt, wie man neudeutsch sagt. Und ich muss sagen: Es war genial! Ich mag die Conchita. Und ich mag österreichische Musik. Viel davon hab ich nicht gekannt, einiges schon. Und dann saßen da plötzlich Pizzera & Jaus auf der Bühne, zwei Jungs, beide mit Gitarre in der Hand, und sie sangen "Mama". Ich bin ja generell sehr rührselig, leicht zum Weinen zu bringen, aber es ist jetzt schon sehr lange her, dass eine Musik mich derart berührt hat. Ist vielleicht auch ein bisschen schwierig mit diesen Kinderliedern... Auf jeden Fall, da ist es passiert. Das ging rein wie der Duft von Sommerregen. Ohne Umwege. Ohne Hindernisse. Einfach so. Und ich hab geweint, dass es nur so eine Freude war. Kurz darauf war eine Frau an der Reihe. Yasmo. Als Rapperin sang/sprach sie von Frauen, die nicht "just fun" wollen, sondern Gleichberechtigung. Fantastisch. Sie hats auf den Punkt gebracht. Eine Kunst, die nur sehr wenige verstehen.
Endlich! Das, was vor langer Zeit mein Lebenselixier war, nämlich das Eintauchen in Musik, in Töne, in Gesänge, in Worte, ist wieder mit mir passiert.
Bin um Jahre jünger geworden!
Wir sind endlich wieder mit Plastiksackerln ausgezogen und haben Müll zusammengeklaubt. Das hat mich früher eigentlich genervt. Also, nicht das Zusammenklauben selber, aber dass die Leute so viel Zeug aus ihren Autofenstern werfen. Einfach so. Dinge, die Jahrzehnte, Jahrhunderte lang nicht verroten. Was denken sich die dabei? Ist es Dummheit? Faulheit? Eine Kombination?
Dieses Mal wars anders. Es ist auch viel grausiges Zeug herumgelegen. Aber - es war schön, unterwegs zu sein mit meinen beiden Lieblingsmenschen, der eine auf dem Radl, der andere auch mit Plastiksackl in der Hand, mit der Mission im Geist, der Natur und somit uns allen etwas Gutes zu tun.
Es hat sich gut angefühlt.
Ein paar Tage später simma gleich wieder losgezogen.
Nennt mich naiv, aber manchmal, da weiß ich, dass wir Menschen auf diesem Planeten die Kurve noch kriegen. Es gibt so viele tolle Menschen auf dieser Welt. Mein Mann, der mit mir Müll zusammenklauben geht. Meine Freundin, die ein Frauencafé in die Welt bzw. ins Dorf setzt. Meine Ekofriseurin, die ihres beitragen will. Die wohl berühmteste Cousine Österreichs, die es auf Humor volle Weise schafft, vielleicht das eine oder andere Auge zu öffnen. Die tausenden und abertausenden Menschen in Spanien, die gegen ein Gerichtsurteil aufstehen und sagen: So nicht! Und, und, und... Es gibt Gras, das jedes Jahr trotzdem wieder wächst. Es gibt Musik, die nicht plätschert, sondern berührt und somit (Ärsche und Herzen) bewegt. Und einen Radiosender, der zur Nachrichtenzeit zur vollen Stunde davon berichtet, welche Vögel schon angekommen sind in Finnland.
Dies alles sei nur stellvertretend genannt für Menschen, die sich selbst und das Leben lieben, dementsprechend handeln (wer liebt, will nicht zerstören) und unbeirrt und mutig ihren Überzeugungen folgen.
| You may say I'm dreamer, but I'm not the only one. (J.Lennon) |
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit