Sonntag, 22. April 2018

22.04.18 - Ringo und die verpasste Chance


Im Frühling, wenn das Eis des großen Flusses schmilzt, kann es zum "Ispropp" kommen, also zum Eisstau. Das Wasser schiebt, das Wasser drückt, das Eis ist aber noch nicht gebrochen. Dabei schieben sich Eisplatten ineinander und türmen sich zu Bergen auf, bevor es dann endlich bricht. 

In genau diesem Moment des Auftürmens sind wir - a bissl angeschlagen vom Einkaufen - über die Brücke gefahren. Es waren schon einige Menschen da und haben das Schauspiel beobachtet. Ich - hinter dem Steuer - habs nur aus den Augenwinkeln gesehen, will heißen, wir waren einfach zu schnell, und ich wollte stehen bleiben, was aber nicht gegangen ist, weil hinter mir Autos fuhren und neben der Straße keine Parkmöglichkeit war. "Kalle, wir müssen umdrehen!" Dieser, etwas überrumpelt, meinte daraufhin, es gäbe einen Platz, weiter flussaufwärts, da hätte man eine viel bessere Möglichkeit, um dieses Naturschauspiel zu beobachten. Ok. Also flussaufwärts, und ohne den Fluss je zu Gesicht zu bekommen, meldete ich nach einigen Kilometern doch eher mehr als weniger meine Zweifel an. Er beruhigte mich. Wir fuhren weiter. Nach mehreren ungeduldigen Kilometern wars dann endgültig vorbei. Schluss. Aus. Feuerwehrautos blockierten die Straße, die Brücke war voll von Menschen in Uniform, unten am Fluss schaufelte ein Bagger, was lächerlich wirkte angesichts den Gewalten, denen er ausgesetzt war, und auf dem Fluss das schwimmende Eis. Das schwimmende Eis! Nichts mehr, das sich staute. Nichts, das sich auftürmte. Es schwamm nett und frühlingshaft und gut gelaunt der Mündung ins große Meer entgegen. 

Und das ist dann eigentlich auch schon fast die ganze Geschichte.

Wir sind dann noch mal zurückgefahren zur ersten Brücke, aber es war natürlich viel zu spät. Da gabs fast kein Eis mehr, und das, was noch übriggeblieben war und etwas verloren den Eismassen hinterherschwamm, hat mich an die letzten Nachzügler eines Klassenausflugs erinnert. Da gibts auch immer die berühmten 2 oder 3, die völlig unmotiviert und lustlos hinterherlatschen. 

Oh, war ich enttäuscht! Und sauer! Und traurig! Und alles gleichzeitig.

Auf der Heimfahrt redete ich nicht viel. Ich steuerte das Auto mehr automatisch als bewusst und dachte mir nur: Na ge! Na ge! Na ge! Ich kenne das Gefühl der verpassten Chance nur zu gut. Oft waren es besondere Momente wie Naturschauspiele und damit verbunden gute Fotos, die ich verpasst hatte. So wie in diesem Fall. Aber nicht immer gings nur um Fotos. Und ich habe mir nicht nur einmal Mal selber versprochen, es beim nächsten Mal anders anzugehen.

Natürlich war ich erst mal sauer aufm Kalle. Das ist das Leichteste. Der andere hat Schuld daran, dass ich nicht das erlebe, was ich erleben will.
Das ist natürlich ein Schmarrn. Wenn ich was will, dann bin ich, und nur ich allein dafür verantwortlich, dass ich das auch bekomme.

Das einzige, was in so einer Situation hilft:
Einen Schritt zurückgehen.
Atmen.
Grant ziehen lassen.
Atmen.
Hinschauen.

Was ist da wirklich passiert?
Ich hab die Chance, einen Ispropp zu sehen, verpasst, weil ich in diesem Moment zu feige war, umzudrehen.
Außerdem hab ich diesen entzückten inneren Schrei "Wow... SCHAU!!!" erstickt mit dem Nachgeben eines Vorschlages von jemanden, der es vermeintlich besser weiß. (Wobei wir hier den ganz klassischen Fall eines Missverständnis haben: er denkt, ich will sehen, wie das Eis in Massen den Fluss runterströmt, ich aber will die Eisberge sehen. Beide denken, keiner redet - da kann nix Gscheits dabei rauskommen.)
Das wars dann.

Hab also hingeschaut, und mir ist sehr bald sehr klar geworden, dass mein Anteil an der ganzen Gschicht ein ziemlich großer war.
Die Verantwortung ist zu übernehmen und die Konsequenz zu tragen.
Fertig.

Das Gute am Alter ist, dass mit den zunehmenden Jahren auch die Nachsicht mit einem selber zunimmt. Zumindest bei mir ist das so. Dann hab ich halt wieder mal was versemmelt. Mein Gott, das kann schon mal passieren. Bin ja schließlich keine Maschine.
Außerdem wird es immer etwas geben, das ich noch nicht gesehen oder getan habe. Der Ispropp darf weiter auf der Liste der noch zu erlebenden Dinge verweilen.

Und wenn ich jetzt noch einen zusätzlichen Schritt zurückmache und auf das Ganze schaue, dann muss ich schon sagen, der Schaden hält sich verschwindend gering. Denn, was ist ein verpasster Ispropp verglichen mit einem - Ringo Starr-Konzert :-)!!!

Ringo, du alter Beatle, der mir nie besonders viel gegeben hat, ICH KOMME!!!
Diese Chance nämlich, doch noch mal einen der Beatles live zu erleben, packe ich - meinem lieben Mann und seinen Inspirationen seis gedankt! - beim Schopf.

Habe die Konsequenzen aus dem Erlebten gezogen :-).

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit

Der klägliche Versuch eines Handyfotos von der 2. Brücke. Da, wo das Eis bereits schwimmt.






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