Sonntag, 28. Januar 2018

28.01.18 - Autofahren im finnischen Winter


Vor kurzem wurde ein Video auf Facebook verbreitet. Dort sah man einen Mann in Eislaufschuhen über die finnischen Strassen laufen, während ihm jemand mit Kamera über mehrere Kilometer gefolgt ist. Das war schon erstaunlich. Aber man hat gesehen, das Eis auf der Strasse war so glatt, dass sich der Himmel darin gespiegelt hat. Es war ein richtig schöner Anblick, wie er frei und ohne Sorgen über eventuelle Hindernisse wie Asphalt oder Schnee oder kleine Erhebungen dahingegleitet ist, dem Sonnenuntergang entgegen, wie Lucky Luke, der lonesome Cowboy. 
Als ich das Video gesehen habe, hab ich mich an eine Begebenheit im letzten Jahr erinnert, wo ich genau dasselbe erlebt habe, mit dem einzigen Unterschied, dass ich in meinem Auto gesessen bin und versucht habe, ebendieses auf der Strasse zu halten.

Ich war nicht weiter beunruhigt. Die Firma, die letztes Jahr für die Wegerhaltung beauftragt wurde, ist zwar immer noch beauftragt, aber sie hat Strafe zahlen müssen für die Nichteinhaltung ihrer Pflichten. Also, so hab ich mir gedacht, wird heuer alles gut.
Und bis jetzt - ja, es gab schon so einige, die sich beschwert haben. Sogar ein Zeitungsartikel wurde darüber verfasst. Aber für mein Gefühl war es eigentlich noch ziemlich ok. Ich mag kleine Abenteuer, und es war nie so, dass ich es nicht gewagt hätte zu fahren. 

Bis zum Donnerstag Abend.
Aufgrund eines zusätzlichen Deutschkurses fahre ich jetzt jede Woche einmal nach Smedsby. Das sind ungefähr 40 km von hier.
Es hat viel geschneit gehabt und es war kalt. Bis dann am Mittwoch Nacht aus der eisigen Kälte plötzlich Plusgrade wurden. Man muss wissen, dass diese Temperaturveränderung auf sich selber überlassenen Strassen zu Eisbildung führt. Das weiss man als ÖsterreicherIn vielleicht nicht, weil man aufgrund des Strassendienstes dort kaum einmal mit diesem Phänomen konfrontiert wird. Dieses Eis aber auf den hiesigen Strassen gehört zum finnischen Winter wie die Dunkelheit und der Glögg.
Auf der Hinfahrt fühlte ich mich einigermassen ruhig und sicher. Es brauchte eine grosse Portion Konzentration, aber das kann man ja ruhig aufbringen, wenn man mit dem Auto fährt.
Meine Deutschstunde war um - "Man hört Gerüchte, du seist aus Österreich. Stimmt das?", so einer meiner Schüler zur Begrüssung - und ich freute mich, diese grosse helle Stadt verlassen und wieder heim zu meinen 2 Männern fahren zu können.
Alles ging gut, bis ich von der grossen Strasse, die fast bis zum Nordkap führt, abbog und die letzten 12 km in Angriff nahm. An der Kreuzung noch empfing mich dieser schmale Weg mit einer Eisesglätte, dass ich echt überrascht war. Aber es war gut machbar. Es gab viele aufgerauhte Stellen (hier in Finnland gibt es Eisaufrauhmaschinen, welche anstatt von Salzstreumaschinen eingesetzt werden...) und mancherorts lag gar ein bisschen Schnee herum. Ich hantelte mich mit meinem Auto also von einer griffigen Stelle zur nächsten und kam gut voran.
Ich erreichte die Brücke die unsere Insel mit dem Festland verbindet. Sie ist gesäumt von orange leuchtenden Strassenlaternen. Und was ich da sah, war Respekt einflössend. Die Strasse war wie auf dem Video, von dem ich am Anfang berichtet habe. Spiegelglatt. Keine Rille. Keine Erhebung. Keine Aufrauhung. Nichts. Nur ein einziger glatter, rutschiger, eisiger Spiegel. Das Licht der Lampen wurde wunderbar reflektiert und wäre ich nicht im Auto gesessen, ich hätte gern ein Foto gemacht. 
So aber - ok. Noch weiter runter vom Gas. Kurzer Kontrollblick: zum Glück kein anderes Auto, weder vorne noch hinten. Hab gerade die leichte Kurve hin zur Brücke, welche zuerst leicht ansteigt, bevor man den Gipfel erreicht und dann schwach abfällt und lange und langsam in einer Kurve ausgleitet, bis man das andere Ende erreicht hat, hinter mich gebracht, als mein Auto auch schon Lust auf Eislaufen bekam. Ich war sofort auf der anderen Strassenseite. Die Schutzplanken auf beiden Seiten haben mich nur bedingt beruhigt. Vorsichtiges Gegenlenken. Ok. Zumindest hat die Schnauze des Autos wieder nach vorne gezeigt und ich versuchte mit viel Bedacht und äusserster Konzentration das Auto in der Mitte der Strasse zu halten. Bald, auf dem Gipfel der Brücke, war für ein paar Meter das Eis weg und ich hatte wieder Asphalt unter den Rädern. Ich schaute runter. Sah nur zugeschneites Eis. Und wusste, dass es darunter Wasser gibt. Viel Wasser.
Ok. Weiter.
Wieder dasselbe Spiel. Anstatt Routine überkam mich nun leise Panik. Ich musste mir eingestehen, das Auto war völlig ausserhalb meiner Kontrolle. Es fuhr, wie es wollte. Schlitterte mal in diese, mal in jene Richtung. Und meine linkischen Versuche, dem entgegenzuwirken, wurde kaum bis gar nicht beachtet. 
Ich hatte Glück. Ich schaffte es irgendwie, die letzte Kurve zu kriegen und erreichte unbeschadet und Herz klopfend die andere Seite . 

Ich atmete auf. Wie die Herde Gazelle, die nach einem Angriff eines Löwen, der das schwächste Tier sich nimmt, sich schüttelt und einfach weitermacht in seinem Leben, so habe ich geschnauft, die Musik lauter gedreht und bin heimgefahren. 
Alles war in Ordnung.
Und es wart Nacht.
Und es wart Tag.
Und das Leben will weiter gelebt werden.
Wunderbar!

Und so lustig das jetzt vielleicht auch klingen mag, man fragt sich, was mit diesem Land eigentlich los ist. Kleinere Schulen und Kindergärten werden zugesperrt und die Kinder gezwungen, 30 und mehr Kilometer, also 1 Stunden (eine Strecke!),  am Tag mit dem Bus zu fahren, eine Frau mit Behinderung bekommt laut einem Zeitungsartikel nur mehr 2 Windeln am Tag statt wie früher 6 bezahlt, die Strassen sind in einem inakzeptablen und lebensgefährlichen Zustand, eine alte Frau steht mit ihrem ausgestöpselten Festnetztelefon im Telefonshop und weint, weil sie es ihr einfach abgedreht haben - Modernisierungsmassnahmen - und ein Handy aber dort, wo sie wohnt, keinen Empfang hat, und, und, und. Alles wird stets mit Einsparungsmassnahmen begründet.
Finnland gilt als eines der reichsten, sichersten, sozialsten, innovativsten Länder überhaupt.
Wohin fliesst eigentlich das Geld???

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit

Bild vom Samstag - alles wieder gut.








Samstag, 20. Januar 2018

21.01.18 - Einer dieser Tage


"Na, ge. Er ist ja noch viel zu klein!"
Das war meine Standardantwort auf die immer wieder von allen möglichen Menschen hereintröpfelnde Frage: Wann kommt er dann in den Kindergarten? 

So hab ichs immer gehalten. Und diese Strategie war ausserordentlich wirksam. So wirksam, dass ich es selbst geglaubt habe und dieses leidige Thema immer in die Schublade mit der Aufschrift "Zukunft" zurückgestopft habe, sobald es sich über obg. Fragen oder aber auch über diverse Ideen für eventuelle Berufsmöglichkeiten gezeigt hat. 

Und gestern ist es passiert. Ich blättere die hiesige Tageszeitung durch, bin relativ unkonzentriert und lese kaum mehr als die Überschriften. Und da springt mir diese Schlagzeile ins Auge und gleich weiter auf geradem Weg ins Herz, das grad so anspringt, als hätt' ein Braunbär an die Terrassentür geklopft. 
"Kindergarteneinschreibung für kommenden Herbst noch im Jänner" heisst es da. 
WAS???? JETZT!??!!!! Noch im Jänner???!!!?
Wir wollten ja noch reden mit den Mitarbeitern aller Kindergärten hier in der Nähe über ihre Arbeitsweise, die pädagogische Konzepte, die Tagesabläufe,...!
Wir wollten ja noch nachdenken, was sich als gscheiter erweisen würde auf längere Sicht gesehen: ein finnischsprachiger oder ein schwedischsprachiger Kindergarten?
Aber nein, was war mit der Tagesmutteridee? War ja auch super, oder?
Und überhaupt - ist das echt notwendig? Ich könnt mir ja meine Arbeitszeiten irgendwie so einteilen, dass es sich irgendwie ausgeht. 
Und, und, und - NEIN!!! Ich will nicht!!!
ER IST JA NOCH SO KLEIN!!!

Schnitt. 

Ich langlaufe. Ich mag das. Ich bin fast immer allein auf dieser Loipe und kann neben der Tatsache, dass ich meinen Körper ein bisschen trainiere, diese Zeit gut nutzen für meine Gedanken und inneren Bilder, welche auch immer da so daherkommen wollen.
So auch dieses Mal. Mit dem kleinen Unterschied, dass ich dieses Mal meine Gedanken ein bisschen lenke.

Ich selbst war nie in einem Kindergarten. Und ich hab diese Freiheit, die ich hatte, dieses Draussensein mit meinem Radl und mit meiner Rodel, je nach Jahreszeit, total genossen. 
Freiheit ist ein unschätzbares Gut. Etwas so Grosses und so Wichtiges, das ich meinem kleinen Buam nicht wegnehmen will. Dieses Einordnen in Menschen gemachte Systeme und Strukturen kommt noch früh genug.
Aber ich spürs, das ist nicht der Punkt, der meine Abneigung begründet.
Ich komme drauf. Ich habe schlicht und einfach Angst. Ich habe Angst, dass dort unprofessionelle oder/und inkompetente Menschen arbeiten und Ideen in das Hirn und in das Herz meines kleinen Max setzen, die ihm schaden. Das geht so leicht. Das geht so schnell. Und es gibt so viel Unbedachtheit in dieser Welt und aber auch so viel komische und leider allzu oft auch destruktive Weltbilder, dass mir ganz schummrig wird, wenn ich darüber nachdenke.

Ui. Die Schneeflocken werden vom Wind derart in mein Gesicht geschleudert, dass sie stechen wie zig kleine Nadeln. 
Keine Zeit zum Nachdenken.
Ein grosser Bichl.
Schnaufen.
Schwitzen. 
Schneuzen.
Weiter.
Mein Rücken dreht sich endlich wieder dem Wind zu, sodass sich mein Gesicht und somit auch meine Gedanken wieder entspannen können.

Ich geniesse den Winter.

Und ich spüre endlich wieder so etwas wie Vertrauen.
Es gibt so viele wunderbare Menschen mit grossartigen Ideen und achtsamer Lebensweise. Auch im pädagogischen Arbeitsumfeld.
Und Max ist super unterwegs in seinem Leben. 
Er steht in ständigem Austausch mit sich selbst und seiner Umwelt, er stellt sich Herausforderungen und holt sich Hilfe, wenn er sie braucht. Sein Selbstvertrauen ist gross und die (Über-)Lebens-Strategien, die er sich bereits angeeignet hat, sind phänomenal. 

Jetzt meld ma ihn halt mal an.
Und dann reden wir in aller Ruhe mit den Menschen dort, schauen uns die Räumlichkeiten an, spüren eini in die Athmosphäre, schauen in die Gesichter der Kinder, die dort sind,...
Und dann schau ma, wie Max unterwegs ist. Wie sein Bedürfnis nach Freunden und Spielgefährten sich entwickelt.
Und so schau ma, und dann seh ma ja.
Abmelden können wir ihn immer noch.
Ummelden auch.

Und ich stelle wieder einmal fest: Mamasein ist echt nicht einfach!
Und damit meine ich nicht die Entscheidungen, die man für sein Kind treffen muss. Nach einer ehrlichen und lösungsorientierten Diskussion mit Kalle kommen wir immer auf etwas, das sich richtig anfühlt. 
Die wahren Herausforderungen für mich sind meine eigenen Gefühle, die da mit einer unglaublichen Wucht daherkommen und angeschaut und gespürt werden wollen. 
Und man kann nicht ausstellen...

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit





Samstag, 13. Januar 2018

14.01.18 - Als Frank Sinatra mich rettete


Wieder da.

Der Schnee begräbt alles Leben unter sich. Ausnahms- und erbarmungslos.
Sobald wir aus dem Auto steigen, erstarren wir auf der Stelle.
Erst Max, dann Kalle, und obwohl ich gerade noch aus den Augenwinkeln sehe, was passiert, kann ich nichts mehr dagegen tun. 
Ich bin eingefroren. 
Tausende funkelnde, im Polarlicht schimmernde Eiskristalle bedecken unser Gesicht, den Mantel, die Handschuhe. 
Die Atemwolken verwandeln sich, sobald sie unseren Mund verlassen, in unzählige gefrorene Tröpfchen und rieseln klirrend zu Boden.
Wir sind zu Eissäulen erstarrt.
Und das wird in alle Ewigkeit so bleiben. 
Falls nicht irgendwann irgendwer daherkommt und mit einem grossen Knüppel auf uns einprügelt.

Ich bin bei vollem Bewusstsein.
Spüre nichts.
Möchte mich bewegen.
Wenigstens den angewinkelten Fuss auf den Boden setzen.
Es geht nicht.
Wie lange stehen wir schon so da?
Wie gehts Max? Kalle? 
Sind sie noch am Leben?
Ok.
Keine Panik.
Was funktioniert noch?
Der Atem. Ganz deutlich spüre ich, wie die eiskalte Luft die Luftröhre hinunterrinnt und wieder hinausdrängt.
Ok. Rinnt Luft? Und wenn ja, bis zu welcher Temperatur?
Ich höre - etwas.
Ist das der Wind, der mir um die Ohren pfeift?
Vermutlich.
Das ist gut.
Ich sehe - nichts.
Das ist schlecht.
Weil es Nacht ist?
Nein. Kann nicht sein. Sobald Schnee auf dem Boden liegt, sieht man etwas. Egal, wie dunkel es um einen herum ist.
Dann waren also die Augen zu, als es passierte.
Ok.
Es gibt blinde Menschen, die können sehr gut leben.
Weiter.
Ich spüre - nichts.
Moment mal.
Doch. 
Da ist doch was!
Ja. Das ist mein Magen. Es muss Stunden her sein, seit ich das letzte Mal etwas gegessen habe. Natürlich. Ich spüre meinen Magen!
Und - was ist dieses dumpfe Pochen da in mir drin? Ganz langsam. Ganz leise. 
Ist das das Herz? 
Dum.

Dum.

Dum.


Ich komme wieder zu mir.
Muss eingenickt sein.
Mein Fuss hängt immer noch in der Luft.
Ich kontrolliere sofort meine Körperfunktionen.
Ich höre nichts mehr.
Der Wind muss aufgehört haben.
Es ist immer noch dunkel.
Ich habe keine Ahnung, wie lange ich geschlafen habe. 
Die Panik kriecht wie eine hungrige Schlange in meine Eingeweide.
Ich kann nicht tief Luft holen, wie ich es sonst zu tun pflege, wenn ich mich unter Kontrolle bringen will. 
Aber ich stelle nach einer Weile erleichtert fest, es atmet mich. Immer noch. 
Die Beobachtung dieses Vorganges hilft mir, mich zu fokussieren.

Na ge! Was mach ich denn jetzt bloss?
HIIIIIIIIILFE!!!
Ok.
Jetzt weiss ich also auch, was mit Stummer Schrei gemeint ist.
Danke.

Ich versuche mit aller Kraft, meinen Arm zu bewegen.
Aaaaaaaa.....
Nicht mal ein einziger Gesichtsmuskel verzieht sich.
Geschweige denn der Trizeps.
Pffffff....

Na ge.

Warten.

Worauf?

Es müsste doch aber möglich sein, die Augen zu öffnen.
Wenn ich mich nur ganz fest darauf konzentriere.
Das Innere meines Augapfels besteht zum Grossteil aus Wasser.
Wenn ich all meine Aufmerksamkeit dorthin lenke, lange, geduldig, stetig, dann muss es doch auch warm werden. So wie beim Autogenen Training. Und wenns von innen her warm wird, dann taut erst das Wasser innen drin, falls es nicht eh noch flüssig ist, und anschliessend das Augenlid. Oder?

Ok.
Konzentration.

Wie war das gleich noch mal?
Meine Augen werden warm.
Meine Augen werden warm.
Meine Augen werden...
Meine Au...

Hups.
Muss wohl wieder eingeschlafen sein.

Jetzt aber.
Meine Augen werden warm.
Mein Augapfel wird warm.
Das Wasser in meinem Augapfel wird warm.
Ich spüre, wie die inneren Eiskristalle sich verflüssigen.
Ich spüre, wie die Linse sich zu bewegen beginnt.
Das Augenlid beginnt zu zucken.
Es tut weh.
Mich verlässt die Geduld.
Ich will es mit Gewalt aufreissen.
Es geht nicht.

Beobachte meinen Atem, der mich sehr, sehr langsam atmet, ohne mein Zutun.

Fange wieder von vorne an.

Das Lid zuckt.
Ich konzentriere mich weiterhin auf die Flüssigkeit in meinem Augapfel.
Meines Erachtens müsste sie längst brodeln und kochen, aber alles, was ich spüre, ist mein zuckendes Augenlid.
Wow!
Ein Spalt!
Ein Spalt weit offen.
Ich kann nichts erkennen.
Übe mich in Gelassenheit und lasse weiterhin nur meine Augapfelflüssigkeit kochen.

Brodl, brodl, brodl, brrrrrrr......

Ich halts nicht mehr aus.
Reisse mein Auge auf.

Und was seh ich?
Vor mir steht Frank Sinatra und singt:
"And now, the end is near, and so I face the final curtain."

Na. Sicha nit!

Mein brodelndes Augapfelwasser kocht über vor Hitze und vor Wut und rinnt in Form von Tränen über meine vom Eis überzogenen Wangen. Es hinterlässt tiefe Gräben und gibt auf dem Grund des Tränenbachbettes beleidigt-rote Haut frei. Bald ist soviel Gesicht freigeweint, dass sich die letzten Eisreste allein durch Grimassen sprengen lassen. Jetzt gibt es kein Halten mehr.

Ich bewege den Kopf.
Mache meinen Hals frei.
Das Eis zerberstet und fällt krachend zu Boden.
Die Schultern.
Die Arme.
Mehr und mehr befreie ich mich.
Es ist wie ein Rausch.

Frank Sinatra eilt mir zu Hilfe. Er bläst Zigarettenrauch auf die Ferse meines immer noch frei in der Luft schwebenden Fusses und setzt anschliessend seinen Hut darauf. Diese Szene erinnert mich an das Bild eines Schamanen, das ich mal irgendwo gesehen habe. So schnell es aufgetaucht ist, so schnell ist es wieder weg, und ich stöhne vor Erleichterung, als ich endlich meinen Fuss auf den Boden sinken und beinahe gleichzeitig meinen ganzen Körper zu Boden gleiten lassen kann. Noch nie hat sich Hinlegen so himmlisch angefühlt.

Und als ich wieder aufwache, ist Frank bereits weitergezogen. Kalle liegt schnarchend neben mir in unserem Bett, und Max ruht friedlich schlummernd in seinem Bett, grad so, als sei nix passiert.

Ist ja auch nicht.

Oder?

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit