Montag, 30. Dezember 2019

31.12.19 - Ein Winter in Finnland


Es ist 5 Uhr am Nachmittag.
Die Straßenlaternen leuchten uns den Weg, während die Welt außerhalb des Lichterscheins im tiefen Schwarz versunken scheint. Max ist mit dem Sparkstötting unterwegs, also diesem Ding hier:

Bild vom Dezember 2017

und Kalle und ich gehen nebenher.
Das einzige, das wir hören, sind unsere Schritte im Schnee und das Zawischen des Sparkstöttings.
Wir sehen die letzte Straßenlaterne einige Meter vor uns. Und wir sehen die schwarze Wand hinter der Straßenlaterne.
Max sagt, ui, das wird spannend.
Kalle sagt, wie hell die Sterne leuchten.
Wir kommen von einem Besuch und sind auf dem Weg nach Hause. Es ist kalt. Ich hab die Gespräche im Kopf, das schöne Haus.
Und schon gehen wir direkt rein in die schwarze Wand.
Max sagt, ui, wie dunkel.
Ich schaue zu, wie unsere Schatten sich in die Länge strecken bis sie verschluckt werden von der Dunkelheit.
Und dann sehe ich es auch. Ich sehe, dass die Sterne tatsächlich leuchten. Obwohl sie so klein sind, für uns nicht größer als Punkte, leuchtet der Schnee weiß, er funkelt, und die Welt ist nicht schwarz sondern vielmehr glitzernd, geheimnisvoll, schattenhaft, elegant, stolz.
Max sagt, die Sterne schauen aus wie Augen.
Und die großen Bäume wie Monster.
Ich lache.
Ich atme das Sternenlicht und die Winterluft in mich ein.
Ich möchte meinen Kalle küssen. Genau in diesem einen Moment. Inmitten dieser Winternachtsmagie, in der es nur uns zu geben scheint.
Ich küsse ihn. Spüre ihn.
Max' Freudeschrei reißt uns zurück und verhindert damit erfolgreich ein Ab- und ein Eintauchen, ein Untertauchen...
Kim, Max, tamma juchizen.
Und das tun wir.
Laut. Inbrünstig. Dem Sternenhimmel entgegen und der kalten Winterluft zum Dank.

Manchmal, da mag ich Finnland sehr.

- o -

Das, was ich auch besonders schätze, ist die Kreativität der Finnen. Sie versuchen nicht nur mit Straßenlaternen, die Kilometer lange Lichtbänder durch die Landschaft ziehen, Doppelscheinwerfern an ihren Autos, enormen Parkplatzscheinwerfern, Reflexwesten, Stirnlampen sowie strahlenden Weihnachts- und überhaupt Winterbeleuchtungen der Dunkelheit Herr zu werden, nein, sie setzen auch kleinen Mädchen einen Kranz mit Lampenkerzen auf den Kopf und schicken sie los, um "das Licht zu bringen".
In echt.
Das schaut so aus:

Bildresultat för luciatåg"
Bild entnommen von svenskakyrkan.se

Luciatåget nennt man das. Ein sehr alter Brauch.
Entzückend irgendwie.
Gut dabei ist, dass mittlerweile Elektrizität Einzug gehalten hat. Früher hat man das mit echten Kerzen gemacht.
Mit dieser für dieses Land so wichtigen Tradition wird der Heiligen Lucia gedacht.
Wohlgemerkt:
               -  einem Mädchen, das Italienerin war - sie lebte im 3. Jhdt. in Sizilien - und in keinerlei 
                  Beziehung zu Finnland oder Skandinavien gestanden ist, und
                - in Finnland, das zum allergrößten Teil evangelisch ist und somit gar keine Heiligen
                  kennt.
Aber das alles scheint niemanden zu irritieren. Sie hat ein redliches, braves, christlich reines Leben geführt hat, wollte nicht heiraten und ist irgendwann auf die Idee gekommen ist, dass sie die Hände frei hat, wenn sie sich Kerzen auf den Kopf steckt, um Brotkörbe zu den Armen tragen zu können. Das reicht als Basis für einen landesweiten Ausnahmezustand - auch noch im
21. Jhdt.
Und somit zieht Lucia mit langem, weißem Gewand und Kerzen auf dem Kopf jedes Jahr am
13. Dezember mit allerlei Gestalten wie Wichteln und Sternenträgern durch die Straßen der Dörfer und Städte.
Beinahe jede Stadt, jedes Dorf hat seine eigene Lucia. Und die Wahl steht einer echten Misswahl in nichts nach. Nur dass hier die Missen vielleicht etwas jünger sind und singen können sollen.
Eine Facebookfreundin hat ein Foto von einer Lucia in der Kirche gepostet, aufgenommen von der Empore hinunter ins Kirchenschiff, vermutlich mit dem Standplatz neben der Orgel, und man sieht ein kleines Mädchen von hinten, das runter schaut zum Luciazug.
Dieses Foto wurde kommentiert mit den Worten: Sie, die davon träumt, Lucia zu sein, wenn sie groß ist.
Ich muss zugeben, es fällt mir relativ schwer, an diesem Brauch Gefallen zu finden.
Ich mag nicht, dass schon kleine Mädchen zu Missen herangezogen werden, auch wenn's mit dem Namen Lucia getarnt wird.
Ich mag nicht, dass die Träume eines kleinen Mädchens kaum weiter gehen, nicht weiter gehen können oder sollen als bis zur Lucia. Wo bleibt das Große, der Traum, dessen Wesen ja das Großartige, das Fantastische ist?
Hier kann man und muss man dagegenhalten, dass das Eine das Andere ja nicht ausschließt. Hoffentlich.
Und was ist mit den Jungs? Welcher Traum wird denen vorgegeben? Gibt es einen? Und wenn ja, dreht sich der auch immer nur ums Aussehen?
Es tut mir leid, aber es nervt.

- o -

Ich möchte gern noch etwas zeigen, das für den Winter in Finnland typisch ist.
Nämlich das hier:



Auf diesem Bild sieht man mein Auto. Es parkt auf einem öffentlichen Parkplatz mitten in Vaasa und wartet, bis ich von meiner Arbeit zurückkomme.
Das, was da so schimmert und die Lichter spiegeln lässt, ist Eis.
Zentimeterdickes, glattes, rutschiges Eis.
Und: Nein, da kommt keiner, der Kies oder Salz streut. Der nächste Frühling kommt nämlich bestimmt und dann hat sich das Problem von ganz allein erledigt.
Ich mag Finnland.

- o -

In unserem Ofen hat sich ein Krokodil versteckt. 

Auf seiner langen Reise rund um die Welt hat es sich plötzlich in Finnland wiedergefunden. Und zwar genau in unserem Garten. Komisch, gell?
Wir waren nicht zu Hause, und das Krokodil selbst war ziemlich verdutzt, als es seine Augen aufmachte und nichts als schemenhafte Umrisse im Dunkeln wahrnahm. Große, kantige Dinge, die es nicht zuordnen konnte, Bäume, die sich schwarz dem Himmel entgegenstreckten, wow... Dieser Himmel! Diese Sterne! Tausende und abertausende Sterne funkelten um die Wette und zwinkerten ihm zu.
Ein komisches Geräusch zwang seinen Blick zurück auf den Boden. Was war das? Was klapperte da so? Und wieso taten ihm seine Zähne auf einmal so weh? Waren es tatsächlich seine Zähne, die da aufeinander schlugen? Tatsächlich.
Und wie sein ganzer Körper zu zittern begann. Und seine Füße und der Bauch, die - es musste weg. Sofort! Irgendetwas stimmte nicht. Was war da los? 
Wären wir zu Hause gewesen, dann hätten wir gesehen, wie das Krokodil sich in einer Geschwindigkeit, die man ihm nicht zugetraut hätte, ins Haus stürzte. Mit Sicherheit wusste es nicht, was es tat. Es war ja nur ein Krokodil in Panik. Und das Haus war zufällig gerade im Weg, als es losstürmte. 
Und hier drinnen, ja, hier drinnen erstarrte es zuerst, alle Muskeln angespannt und zum Angriff bereit sollte es denn notwendig sein, bis es beruhigt feststellte, dass kein Tier, kein Mensch und auch sonst kein Leben in seiner unmittelbaren Nähe waren. Es war dunkler als dort, wo das Klapperding ihn überfallen hatte, aber es war wärmer. Viel wärmer. Woher kam die Wärme? Da? War es dieses runde, glatte Ding, das so wohlig warm strahlte? Kann man sich da anlehnen? Oh, ein Loch. Oh, wie fein. Oh, wie ließ sichs hier wunderbar kuscheln. Rasten. Augen zumachen. Genießen. Schlafen.

Wir kamen nach Hause. Unser Besuch war ein gelungener, der Kuss in dieser wunderbaren Winternacht sehr romantisch und der Juchizer ein Lebensschrei, der raus musste, weil innen drin der Platz zu klein war für so große Gefühle.
Es ist schön, nach Hause zu kommen, wenns draußen kalt ist.
Und so war auch dieses Mal so wie jedes Mal, wir machten uns erst mal ein wärmendes, feines Feuer.
Schon Holz im Ofen? Komisch.
Egal.

Mmmmm, herrlich...!

.


- o -

Ich wünsche ein wunderbares, neues Jahr, ihr meine lieben Leserinnen und Leser!
Schauts gut auf euch, auf dass wir auch in Zukunft zuversichtlich und hoch erhobenen Hauptes dem Jetzt und dem Kommenden ins Antlitz zu schauen vermögen.

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit



Sonntag, 1. Dezember 2019

01.12.19 - Pfiati, Omi!


Komm, großer schwarzer Vogel, komm jetzt
Schau, das Fenster ist weit offen
Schau, ich hab dir Zucker aufs Fensterbrett gestreut
Komm, großer schwarzer Vogel, komm zu mir
Spann' deine weiten, sanften Flügel aus
Und leg sie auf meine müden Augen!
Bitte, hol' mich weg von da!

Und dann fliegen wir rauf, mitten in den Himmel rein
In eine neue Zeit, in eine neue Welt
Und ich werde singen, ich werde lachen
Ich werde "Das gibt's nicht!" schreien
Weil ich werde auf einmal kapieren
Worum sich alles dreht

Komm, großer schwarzer Vogel, hilf mir doch
Press' deinen feuchten, kalten Schnabel auf
Meine Wunde, auf meine heiße Stirn
Komm, großer schwarzer Vogel, jetzt wär's grad günstig
Die anderen schlafen grad
Und wenn wir ganz leise sind
Hören sie uns vielleicht nicht
Bitte, hol mich weg von da

Und dann fliegen wir rauf, mitten in den Himmel rein
In eine neue Zeit, in eine neue Welt
Und ich werde singen, ich werde lachen
Ich werde "Das gibt's nicht!" schreien
Weil ich werde auf einmal kapieren
Worum sich alles dreht

Ja, großer schwarzer Vogel, endlich
Ich habe dich gar nicht reinkommen gehört
Wie lautlos du fliegst
Mein Gott, wie schön du bist
Auf geht's, großer schwarzer Vogel, auf geht's
Pfiat enk, ihr meine Berge
Ihr meine Lieben daheim
Bitte, vergesst mich nicht

Auf geht's, mitten in den Himmel rein
Nicht traurig sein, nein, nein, nein, 
Es ist kein Grund zum Traurigsein
Weil ich werde singen, ich werde lachen 
Ich werde "Das gibt's nicht!" schreien
Ich werde endlich kapieren
Ich werde glücklich sein

(Ludwig Hirsch, leicht abgeändert)



Ich wünschte, ich könnte die Zeit anhalten, das Leben.

Ich möchte nicht darüber reden, wie sich das für den Lachs anfühlt, der gerade gestrandet ist und von der blutrünstigen Spinne, die am Strand auf ihn wartet, angegriffen wird (Max' soeben entdecktes und für eine Diskussion wert befundenes Kopfabenteuer).
Ich möchte nicht darüber nachdenken, was wir zu essen kaufen müssen.
Ich möchte nicht mit anderen Eltern über ein total verschrobenes und abstruses Kindergartensystem diskutieren.
Ich möchte nicht eine Frage zu meinen Halsschmerzen gestellt bekommen.
Ich möchte nicht meinen Koffer auspacken.
Ich möchte nicht schlafen gehen.
Ich möchte nicht wieder aufstehen.
Ich möchte nicht arbeiten.
Ich möchte nichts müssen, nur dürfen.
A bissl lei.
Bitte.

Meine Omi ist tot.
Und alles, was ich möchte und was ich brauche, ist eine Höhle, in die ich mich zurückziehen kann und in der ich so lange verweilen kann, bis es wieder gut ist. Bis ich fertig geweint habe. Bis alle Bilder so oft und so lange an mir vorbeigezogen sind, dass ich sie nicht mehr festhalten will. Bis alle Gedanken ihre Ruhe finden.
Eine Höhle, in der ich nichts anderes tun muss als schlafen, weinen und manchmal was essen. Das wäre schön.

Ich habe Angst, liebe Omi, dass ich deinen Geruch vergesse. Deinen wunderbaren Geruch, der mich seit klein auf eingehüllt hat in eine Wolke aus Geborgenheit und Daheimsein.
Gerüche kann man nicht fotografieren, einfrieren, verwahren. Sie verflüchtigen sich mit ihrem Träger. Und die Welt ist um eine Duftnuance ärmer.

Ich habe auch Angst, dass ich deine Stimme vergesse, dein echtes Lachen. Wie eine Ertrinkende etwas sucht, an das sie sich klammern kann, versuche ich, mir immer wieder etwas von dir Gesagtes in Erinnerung zu holen. Nicht, dass mein Gehirn den Klang deiner Stimme jetzt schon nicht mehr reproduzieren könnte. Aber prophylaktisch, für dann, wenns dann so weit ist. So wie das Vorschlafen vor einem anstrengenden Wochenende oder das Anessen einer Reserve für kommende karge Zeiten.

Verzweifelte Versuche, festzuhalten.
Kaltes Wissen, dass genau das nicht geht.

Liebe Omi, Pfiati Gott!
Soll ich's echt sagen?
Gut.
Ich sags.
Lebe wohl im schönen Tirol!
Unser alter Abschiedsgruß. Stets im Spaß gemeint, immer begleitet von unserem lauten Lachen.
Er passt nicht mehr, und doch passt er besser als je zuvor. Ich weiß auch nicht warum.

Deine Birgit


PS: Seit du tot bist, fühlt sich das Sterben nicht mehr so bedrohlich an.

Mittwoch, 30. Oktober 2019

31.10.19 - Der Schleier




Fliegenpilz anschauen.
Kaffee kochen.
Kaffee trinken.
Reden.
Zähne putzen.
Zeitung lesen.
E-Mails beantworten.
Termine ausmachen.
Einkaufen.
Zum Kindergarten fahren.
Piseln.
Schlafen.
Atmen.
Fragen: "Wie geht's dir eigentlich?"
Scheiben kratzen.
Uhr zurückstellen.
Kochen.
Die Nachbarin vorbei gehen sehen.
Laufen.
Flug buchen.
Wäsche aufhängen.
Die Haare um den Finger wickeln.
Den Besuch willkommen heißen.
Kopfpolster aufschütteln.
Schuhe binden.
Figuren in den ersten Schnee auf der Terrasse zeichnen.
Umarmen.
Telefonieren.
Lachen.
Sich schneuzen.
Das Meer sehen.
Eichelhäher hören.
E-Mails beantworten.
Neue Aufträge erhalten.
Sich in einen Vampir verwandeln.
Löcher in die Luft starren.
Um 5 aufstehen.
Die Dunkelheit verteufeln.
Eine Karte schreiben.
Kochen.
Essen.

Es ist alles so wie immer.
Es ist nichts mehr, wie es einmal war.

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit




Montag, 30. September 2019

30.09.19 - Herbstgeflüster


😍👍👦💢😋💏🙈😂😀😎

Was das heißt? Ich habe keine Ahnung!
Und das ist es, was mich nervt. Diese Emojis sind wie eine eigene Sprache, die ich nicht beherrsche. 
Manchmal, wenn mir mein lieber alter Freund wieder mal eine WhatsApp-Nachricht gespickt mit kleinen Bildtelen schickt, dann komm ich mir schon vor wie so eine greise, klapprige Jungfrau aus der Vorzeit, über die man im besten Fall milde lächelt, wenn sie wieder mal gar nix versteht, und die man im schlimmsten Fall ins Altersheim bringt und die dort Anwesenden auf Knien anfleht: Bitte, bitte, nehmts sie auf und lassts sie nimma raus. Sie nervt!
Meistens behelfe ich mir mit einem: 😊. Das ist freundlich und passt fast immer. Und versteckt hoffentlich gut, dass ich keine Ahnung habe, wie man diese Comicbilder anwendet. Ich verstehe ihre Aussage nicht. Also, präzise, meine ich. 
Wer weiß schon den Unterschied zwischen 😃 und 😄? Also, in Worten?
Oder was will uns dieses Emoji sagen: 👀? 
Achtung, Geister? 
Ich habe Angst? 
Wow, das wundert mich?
Wie überrascht ich bin?
Schau, was ich kann?
Ich kann nicht schlafen? 
Ich schaue? 
Meine Augen sind's?
Was schaust so blöd?
Ich schaue immer so?
Ich habe keine Ahnung. 
Oder das hier: 😂.
Ich lache Tränen? Echt? Wann hast du das letzte Mal so gelacht, dass du weinen hast müssen? Und mit wem? Wenn du dich daran erinnern kannst, dann geh zu diesem Menschen, umarme ihn und bedanke dich bei ihm! Heute ist es doch vielmehr so, dass die Emotionen, die mit diesen Emojis gezeigt werden sollen, im wirklichen Leben kaum mehr auftauchen oder man sie zu Gesicht bekommt. Erschreckend viele starren in jeder freien Minute mit regungsloser Mine - von wegen: 😂 oder 😭 - auf ihr Handy. Völlig frei von Emotionen. Völlig eingesunken ins Kastl. Und antworten doch mit: 💖. Welch Farce!
Da war ich einmal aufm Berg. Schönes Wetter, geniale Welt. Beim Runtergehen bin ich unter diesem urigen Einsersessellift hindurchgegangen, so einen, der heute Altertumswert hat, weils ihn kaum mehr wo gibt.
In jedem dieser Sessel saß ein Mensch.
Und jeder dieser Menschen starrte - Robotern gleich - in sein Telefon.
Då stellts ma echt de Ganslhaut auf!
Und ich muss zugeben, ich versteh's nicht.
Aber vermutlich ist das ein Zeichen des Älterwerdens.
Ists den Alten nicht immer schon so gegangen mit den Jungen?
Und beruhige ich mich gerade selber?
Hilfts?

In 3 Tagen ist Wahl. Wieder amal.
Und dank Facebook bin ich zwei Menschen begegnet, einen davon kenne ich auch im richtigen Leben relativ gut, die miteinander befreundet sind und sich mögen und politisch aber auf völlig gegensätzlichen Polen unterwegs sind. Und ich schnappe nach Luft vor Respekt. Die schaffen das! Also, in echt. Die treffen sich, fahren gemeinsam auf Konzerte, sind sich auch sonst sehr nahe, und dann ist der eine Grün und der andere Türkis/Schwarz/Blau. Wie geht das zusammen?
Hier ist eines meiner Lernfelder. Ein riesiges, das beackert werden will, bearbeitet und frisch bepflanzt. Ich habe nämlich null Toleranz gegenüber politisch Andersdenkenden, oder besser gesagt, politisch rechts Denkenden. Also, es darf sie schon geben, aber es ist mir leider nicht möglich, ihnen mit Wertschätzung und Respekt zu begegnen. Vielmehr stelle ich ihre politische Intelligenz in Frage und bin sauer, dass sie - egal ob wissentlich oder unwissentlich - unsere Welt und unser Leben zerstören.
Nur, so kommt man halt nie zusammen.
Und der Graben zwischen mir und jenen wird immer größer.
Und des is nix Gscheits.
Ich bin dran.

Ich fühl mich wie ein Eichhörnchen. Wir (oder um ehrlich zu sein: Kalle) haben so viel Holz gesägt und gehackt und eingelagert wie noch nie zuvor, auf dass wir nicht zu kalt kriegen in der vor der Tür scharrenden, alles verschluckenden Dunkelheit. Wir pflücken Preiselbeeren und Schwammerl, damit wir gut durch den Winter kommen. Wir frieren Petersilie und Schnittlauch ein. Und manchmal finden wir etwas nicht wieder. Und die Box mit Beeren ist in den Tiefen der Kühltruhe verschwunden. Genauso wie die Eichhörnchen, die graben und graben und sich fragen: "Wo war gleich noch mal meine Nuss?"
Und wir sind nicht die einzigen, die ihre Tagesgestaltung rund um die Vorbereitungen für den Winter  bauen.
Eine Bekannte spazierte vor ein paar Tagen hier vorbei.
Ich: "Hej, wie gehts dir denn?
Bla, bla, bla,...
Kommts amal vorbei auf an Kaffee?"
Sie: "Momentan ists schwierig. Wir müssen noch so viel tun, bevor der Winter kommt. Umgraben, Kamin reparieren, Ofen richten, Holz machen,... Aber dann, dann kommen wir!"
Der Winter dominiert schon jetzt unser aller Leben. Obwohl erst September ist.





Hier in Finnland hat sich ein junger Mann aus Afghanistan umgebracht, nachdem er den zweiten und damit endgültigen Bescheid erhalten hatte, in dem stand, dass er keine Aufenthaltsberechtigung bekommen würde. Tags darauf haben sich um die 500 Leute versammelt, um für den Wert des Menschseins auf- und einzustehen.
Nachdem ich aus einem Land komme, in dem der Selbstmord eines um Asyl Suchenden vermutlich in der Auflagen stärksten Zeitung nicht mehr wert wäre als eine kleine Schlagzeile irgendwo auf S. 25, hat mich die Reaktion der Menschen hier sehr beeindruckt und meinen Optimismus ein bisschen genährt.

Zum Abschied sei hier ein kleines Stück wiedergegeben, welches durchaus in der Improtheaterszene ihren Ursprung haben könnte.

Vorgabe: Es treffen sich zwei Männer. Der eine kann aufgrund eines Unfalls nicht mehr reden, der andere kann nur mehr schlecht sehen. Der, der nicht reden kann, unterhält sich mit Mimik und Gebärden. Der, der kaum sehen kann, unterhält sich - wie übrigens die meisten anderen Menschen auch - verbal und verlässt sich in erster Linie auf sein Gehör.

Stück: An einem schönen Herbsttag treffen die beiden zusammen. Der Sprachlose packt seine Sachen zusammen und macht sich für sein Winterdomizil und seinen Platz für den Winter bereit, der Sichtlose holt seine Zeitung vom Zeitungsstand.

Ein normales Gespräch. 
Der Sichtlose: Guten Morgen! Und, packts du langsam deine Sachen zusammen?
Der Sprachlose brummt und nickt.
Der Sichtlose: Wann gehts denn los?
Der Sprachlose hebt seine Hand und zeigt 3 Finger.
Der Sichtlose: Morgen?
Der Sprachlose gibt Laute von sich und kommt näher, hebt seine 3 Finger höher.
Der Sichtlose: Ah, in 2 Tagen?
Der Sprachlose ist schon etwas verzweifelt, gibt wieder Laute von sich und versucht, deutlicher zu zeigen.
Der Sichtlose: Ah, in 3 Tagen?
Der Sprachlose brummt zufrieden.

So geschehen heute mit Kalle und einem unserer Nachbarn.
Manchmal ist es zum Brüllen schade, dass ich keine Fliege sein und mit Kamera sein kann!


Habts es gut.
Und egal, wie die Wahl ausgeht: Lebt und genießt euer Leben und lasst euch auf keinen Fall unterkriegen!

Alles Liebe, Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit





Sonntag, 1. September 2019

31.08.19 - Tiroler Urlaubsimpressionen


Zurücklehnen.

Schauen.

Spüren.














































































































Und auf einmal wird alles anders.
Ein kleiner Mensch, unser kleiner Mensch fängt an zu fiebern und alle Pläne und Wünsche und Termine verlieren mit einem Schlag an Wichtigkeit.

Ja, ich weiß schon. Es ist nur Fieber. Jeder von uns kennt das und jeder von uns war schon ich weiß nicht wie oft davon betroffen. Kein Grund zur Panik. Kein Grund zur Beunruhigung.
Aber sorry, so fühlt sichs nicht an.

Ich schau ihn an, meinen kleinen Buam. Wie er da im Bett liegt. Die Augen geschlossen. Das Gesicht mal bleich, dann wieder knaatschrot. Der Brustkorb, der sich in rasendem Tempo hebt und senkt.
Ich höre ihn. Seinen stockenden Atem. 
Ich spüre ihn. Seine Hitze, die aus all seinen Poren dringt. 

Er weint.

Ich trage ihn raus.

Wir atmen frische Luft.
Bergluft.

Wir ringen uns dazu durch, ihm Medizin zu verabreichen.

Er schläft. 

Und ich wünschte, diese Stunden wären vorüber.



Und dann die Welle der Dankbarkeit über die wunderbaren Menschen, die ich kenne. Welche besonderen, speziellen, spannenden, unterschiedlichen Wesen, die mich durch mein Leben begleiten und bereichern. Ich fühle mich privilegiert und reich beschenkt. Und glücklich wie man nur sein kann.

Habts es gut!

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit






Dienstag, 30. Juli 2019

31.07.19 - Julifreud'


Mit Ho und Hau, so rasen wir
Pfitschipfeilschnell und ungestüm - zu dir
du lieber, kleiner Fratz
Mit einem Satz
Sind wir auf der Brück'
Und wie du schon ahnst - es gibt kein Zurück
Das Fenster kurbel ich hinunter
Ich lehn mich raus, gar frisch und munter
Der Wind haut mir ins Gesicht
Dieser Wicht
Und ich schließ' sofort die Augen,
Und die Lungen, sie saugen
Ganz automatisch, so wie auch in Kindheitstagen,
Als ich das Autofenster öffnete und schrecksgeladen
Mir die Mutter zurief: Tu es zu!
Viel Luft in sich hinein, juhuuuu!
Ein Juchizer will so gern aus mir hinaus
Ich stoß ihn raus
Den Wilden
Weit übers Meer und weitere Gefilden
Dass es nur so dröhnt und bebt
Im Finnenlande - und es schwebt
Die Möwe über meinem Kopf - sie kreischt
Ich ruf ihr zu: Då hosch di åwa teischt
I her nit auf!
Då setz' i decht glei no oan drauf!
Ich juchize noch mal
Laut und stark und beinah animal
Kommt er aus meiner Kehle raus
Und aus der Seele, mit Applaus
Dem inneren, verbeug ich mich
Da hat es sich
Ich hol mein ganzes Gstell nun wieder rein
Den Kopf, den Hals, die Hand, das Bein
Und hör ihn lachen, meinen Mann
Ich lache mit, und dann -
Erst seh ich sie am Ufer stehen
Sie ist beim Fischen - heit ischs schen
Sie klammert sich ängstlich an der Angel fest
Und starrt zu uns, völlig gestresst
Da wird mir klar,
Oh naaaa
's ist wegen mir, die ich so brüll'
Das ist ja wirklich viel zu viel
In Finnland schreit man nämlich nicht
Davon bekommt man - sagt man - Gicht
Oder so
Muss wer aufs Klo?
Dann geh nur bitte, geh geschwind
Sonst fängt zu weinen an das Kind
Wie dem auch sei, die Frau
Ich weiß es nicht genau
Doch ich vermute, sie steht immer noch erstarrt und festgefror'n am selben Platz
Mit ihrem Schatz
Der Angel
Der Fisch, der angebissen hat
Schwimmt hin und her, vergisst doch glatt
Todesangst zu haben
Die Raben
Bauen schon ihr Nest in ihrem Haar
Und jetzt ist endlich alles klar
Froh sein ist gut
Doch fehlt dir den Mut
zum lauten Schrei'n
Dann lass es sein.
Ansonsten:
JUUUUUUUHUHUHUI!!!!!!!!!!


Eines schönen, sonnigen Tages, als wir wieder einmal die Gegend erkundeten, begegneten wir diesem jungen Mann hier:


In höchstem Grade freundlich und mit allen Regeln des menschlichen Miteinanders vertraut präsentierte er sich als Peter. Und bat uns sogleich, ihn aus der zweifellos misslichen Lage, in der er sich befand, zu befreien.

Erst da bemerkten wir



und

.

Ihre Schnüre waren heillos miteinander verknotet, während sie selber übereinander liegend in einer zerschlissenen Schachtel auf ein Ende ihrer würdelosen Situation warteten. 
Die junge Frau, die sich alsbald Anna nennen würde, hatte vor Scham die Augen geschlossen. Peters Kopf lag auf ihrer Brust, während andere Teile seines Körper schwer auf ihrem lagen. Sie wagte nicht zu schauen, welche wo.
Die alte Frau, Edeltraud, hingegen, sie hatte die Situation zwar keineswegs im Griff - sie hatte die unkomfortablste Position, zumal sie unter den anderen lag, und sie war froh, keinen Atem zum Leben zu brauchen - aber sie hatte Lebenserfahrung. Und sie wusste, dass das gefühlte Absolute dieses Zustandes nur gefühlt war. Irgendwann würde wieder jemand kommen, der sie sah. Und erkannte. Und sie mitnehmen würde.
Das war immer so gewesen.
Und es würde immer so sein.
Denn die Menschen, die spürten, lachten, weinten, tanzten, träumten, das waren jene, die sich von ihnen, den Marionetten, ansprechen ließen. Diese Menschen hatte es immer gegeben. In jeder Epoche, in jeder Kultur. Und es würde sie immer geben. Denn es braucht sie. Die Welt braucht sie. Immer. 

Edeltraud sollte Recht behalten. Heute hängt sie mit ihren beiden Marionettenkollegen, jede/r für sich, frei und in ihrer Würde wieder hergestellt, neben dem Eingang zu meiner Praxis. Irgendwann werden sie eine Rolle zu spielen haben. Welche, das wird sich weisen.


Ich möchte euch gerne etwas zeigen.

Schaut her. Das hinter den Bäumen ist unsere Schule:


Und das der Ausblick, wenn man direkt davor steht:




Sitzt man also an seinem Pult im Klassenzimmer, dann wird der Blick und die Kinderseele von diesem Panorama genährt.

Ist man dort, fühlt es sich an, als sei es das Paradies. Ich glaube, es gibt keine schönere Schule in dieser Welt.

Diese Schule will man schließen.
Man sagt, das Gebäude sei zu alt und die Kinder seien zu wenige.
Man sagt, man brauche Moderneres.
Man sagt, man würde ein Bildungszentrum bauen. Weit weg. Zwar ohne Meer oder Dorfzentrum, dafür aber mit guter Anbindung, will heißen Durchzugsschnellstraße.
Man sagt, es sei wichtig für Kinder, dass es so viele wie nur möglich andere Kinder in derselben Altersgruppe gäbe.
Man sagt, es sei kein Problem für kleine Kinder, täglich zwei Stunden im Bus zu sitzen.
Man sagt, es sei gut für das Unterrichten, also für die Lehrer, wenn es eher mehr als weniger Kinder gäbe.
Man sagt, man solle versuchen, Familien mit schulpflichtigen Kindern hier anzusiedeln. Dann würde man es sich vielleicht noch mal überlegen.
Man sagt, Finnland hätte eines der besten Schulsysteme weltweit.
Ich frage mich: Stimmt das?


Derweil:
Ich schaue in leuchtende, sommerbraune Gesichter.
Ich höre berührende, optimistische Geschichten.
Ich schmecke, koste süße Früchte, von der Sonne erwärmt und bemalt.
Ich rieche Gras, Meer, Blumen.
Ich spüre - dich.

Schönen Sommer, liebe Leute! Er dauert noch. Richtig lang.
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit




Sonntag, 30. Juni 2019

30.06.19 - Junisommer


Mmmmm...
Kaffee und Eis mit Schokoladesauce auf der Terrasse.
Ärmellose Laiberl.
Erdbeeren.
Sonne auf der Haut.
Stechende Mücken. 
Schwimmen im Baltischen Meer. 
Wassermelone.
Kurze Hose.
Schwalben beim Nestlbauen und Kinderkriegen.
Rasenmähen.
Taghelle Nächte.
Konzerte auf dem Marktplatz in Vaasa.
Mmmmm...
Juni in Finnland.

Ein lauter Knall. Irgendetwas hämmert gegen das Fenster.
Ich schrecke auf. Muss mich erst mal orientieren.
Ah ja. Bin in Finnland.
Okay.
Kalle? Weg. Weg? Ah ja. In den Bergen.
Okay.
Was also ist da los?
Ein Gewitter der übelsten Sorte befindet sich direkt über meinem Kopf. Blitz und Donner geschehen beinahe zeitgleich. Der Regen haut sich auf unser Dach und gegen das Fenster, dass es in meinen Ohren dröhnt.
Na gut. Dann ist es jetzt so weit. Mein Worst-case-Szenario ist eingetreten. Ich habe seit ich denken kann Gewitterangst. Als Kind noch schlimmer, später dann mit Hilfe meines Verstandes etwas verringert, zu Höchstspitzen getrieben durch zwei Gewitter auf dem Berg im Zelt, einmal in Peru und einmal in Lappland, und seitdem im Abklang befindlich. Geschieht es am Tag, gehe ich relativ souverän damit um. Ist Kalle da, kann es mir nicht einmal in der Nacht etwas anhaben.
Aber die Kombination Finnland, Nacht und ohne Kalle ist - ja, wie soll ich sagen?
Ich stehe auf, schlüpfe Schweiß gebadet und Herz rasend in meinen weißen, kuscheligen Bademantel und gehe runter zu Max. Er schläft tief und seelenruhig, mit einem leichten Lächeln im Gesicht, völlig dem Schlaf hingegeben. Gut.
Ich gehe in die Küche. Meine Phantasie spielt verrückt. In solchen Momenten mag ich nicht in einem Holzhaus wohnen. Schlägt ein Blitz ein, steht das Haus binnen Minuten in Vollbrand. Ich packe meine Handtasche mit den notwendigsten Dingen. Was sind die notwendigsten Dinge? Max' und mein Reisepass, Geldtasche, Telefon, Ladegerät, Ehering. Während ich das tue, fühlt es sich lächerlich und zwingend zugleich an.
Der Blitz hat nicht eingeschlagen.
Nachdem Max dann doch aufgewacht ist - nach dem Gewitter anstatt währenddessen - bleibe ich auf. Ich mache mir einen Kaffee und schmecke das Glück der gerade noch einmal Davongekommenen.


Midsommar. Kalendarischer Sommerbeginn. In der Zeitung steht geschrieben, dass dieses Fest auf der Wichtigkeitsskala für die Finnen mit Weihnachten gleichauf liegt. Die Geschäfte und Cafes schließen am Freitag so um die Mittagszeit und machen oft das ganze Wochenende nicht mehr auf, die Menschen packen ihre Autos und fahren zu ihren Sommerhäusern, viele Mädels und Frauen posten Bilder auf Facebook von sich mit Blumenkranz im Haar, Alkohol fließt in Strömen, und erst am Montag Morgen ist der ganze Spuk wieder vorbei. Und man schleppt sich schwerfällig zurück ins alte Leben.
Ich persönlich stehe diesem Midsommar eher zwiegespalten gegenüber. Max und ich feiern nicht besonders. Also, schon. Wir gehen ins Meer und essen Erdbeeren. Am kürzlich geöffneten Cafe trinke ich Kaffee und wir essen einen Muffin. Mit gutem Willen kann kann man das schon feiern nennen. Nur ist unser Feiern vielleicht ein bisschen anders. Ich mag den Sommerbeginn. Sehr. Und ich mag ihn mir auch bewusst herholen und mich einstimmen. Aber ich mag nicht, dass die Tage schon wieder kürzer werden, sprich, dass in Bälde die Nächte wieder dunkel sind, obwohl mir immer noch der Winter in den Knochen sitzt.

Mutter-Sohn-Dialog:
Max: Mama! Du bist a Fisch und i bin a Nilpferd!
Ich: Ma, Max, i will jetzt lieber Zeitung lesen. Passt des für di?
Max: Ja.
Er geht.
Und sagt zu sich selber: A komischer Fisch, der Zeitung liest.

Es ist Juni. Und der Blick richtet sich wieder gespannt nach unten.
Mit Juni kommen nämlich die Touristen. Und mit den Touristen ausländische Autokennzeichen. Ja, das ist wirklich etwas Besonderes in dieser ansonsten so finnischen Homogenität. Plötzlich sieht man - zwar nur vereinzelt, aber doch - Autos mit schwedischen, estnischen, weißrussischen, ja, sogar mit deutschen Nummerntafeln. Ich freu mich immer wie ein kleines Kind, wenn ich so jemanden sehe, und verspüre größte Lust, mit den Menschen hinter den Lenkrädern ein Gespräch anzufangen. Was natürlich etwas kompliziert ist als Autofahrer.
Das ist eines der Dinge, die sich mit meinem Umzug nach Finnland gänzlich verändert haben. Habe ich mich früher in Tirol in bestimmten Tälern oder Gegend einfach nur geärgert über die Touristenströme, die gefühlt gesehen alles vereinnahmt und kaum Platz für "uns" übrig gelassen haben, so freue ich mich jetzt sehr, wenn sich doch einmal jemand von woanders her zu uns verirrt und in seinen kostbaren Urlaubswochen den Norden kennenlernen und erfahren will.

Apropos Touristenströme: Ich habe die Piefke-Saga auf DVD bestellt. Zum einen um der guten alten Zeiten Willen und zum anderen, um Kalle das Verständnis des Tirolseins vielleicht etwas zu erleichtern.
Im Zuge dessen habe ich ein Interview mit Felix Mitterer gesehen. Er hat erzählt, dass er anfangs, als er nach Irland gezogen ist, sich sehr schwer getan hat mit der Sprache. Mit Schulenglisch springt man schließlich nicht sehr weit in einem englischsprachigen Land. Und dann hat er gesagt - und das war äußerst interessant für mich - dass ihm mit der Zeit deutsche Wörter nicht mehr eingefallen sind. Was für ihn als deutschsprachigen Autor natürlich eine Katastrophe war. Das hat dann dazu geführt, dass er tatsächlich wieder nach Österreich ziehen hat müssen. Heute lebt er in Niederösterreich und alles ist gut.
Mich hat dieses Interview sehr nachdenklich gestimmt. Mir gehts nämlich ähnlich. Auch ich vergesse sukzessive Wörter auf Deutsch oder ich muss sehr lange nachdenken, bis ich dieses eine Wort finde, das ich jetzt eigentlich bräuchte. Und es ist leider überhaupt nicht so, dass sich im Gegenzug dazu mein schwedischer, englischer oder finnischer Wortschatz erweitern würde.
Das macht mir ein bisschen Angst. Obwohl ich keine Autorin bin. Ich bin die Birgit. Und ich habe Angst, dass sich mein Ich mit der sukzessive verschwindenden Sprache sukzessive auflöst. Was auch eine ziemliche Katastrophe wäre.


Ping. Pong. Ping. Pong.
Das ist das mir bekannte und für mich übliche Szenario beim Sich-gegenseitig-Kennenlernen.
Ping: Treff ma uns amal?
Pong: Ja. Gern. Wie wärs mit ... ?
Ping: Super.
-
Pong: Schön wars das letzte Mal. Soll ma uns wieder mal treffen?
Ping: Oh, ja. Total gern.

Finnisches Kennenlernen:
Ping. Ping. Ping. Ping. Pong. Ping. Ping.
Ping: Treff ma uns amal?
Pong: Ja.
-
Ping: Und? Was meinst? Jetzt treff ma uns dann amal, ha?
Pong: Ja. Sicher.
Ping: Und wann?
Pong: I meld mi.
-
Ping: Du, kommst amal vorbei auf an Kaffee?

Manchmal werd ich ganz nervös.
Manchmal finde ich dieses Spiel sehr lustig.
Manchmal werde ich übermütig und spiele gleich zwei Mal hintereinander Ping, ohne dem anderen die Möglichkeit für ein Pong einzuräumen. Und schaue, was passiert.
Manchmal fehlt mir jedes Verständnis für dieses Gebärden.
Und manchmal, da kommt Pong als natürliche Reaktion auf Ping einfach so daher, und ich bin überwältigt.

der typische Junge-Leute-Samstag-Abend in Finnland

Kochen hat für mich im Gegensatz zu vielen anderen Menschen nie zu meinen Leidenschaften gehört.
Als ich noch allein gelebt habe, habe ich nur äußerst selten gekocht. Es gab keine Notwendigkeit dafür. Vereinzelt ist es natürlich trotzdem vorgekommen, dass ich meinen Topf gezückt habe, aber es war immer nur ich, die von mir bekocht wurde. Mein Anspruch war ein geringer und zudem wurde ich der Restln Herr. Eine gute Kombination, wie ich finde. Ich kann vermutlich an einer Hand abzählen, wie oft ich damals in meinem alten Leben für jemand anderen gekocht habe. Es ist anstrengend und aufwendig und teuer und wenn mich jemand fragt, was am nervigsten ist am Mamasein, dann sage ich, dass es genau dieses regelmäßige Zubereiten und Essen von Essen ist. Aber, man gewöhnt sich ja an vieles.
Sagt man.
Woran ich mich aber nur sehr schlecht gewöhnen kann, ist diese Gewohnheit in Finnland, sich selber zum Essen einzuladen. Da kanns schon passieren, dass jemand anruft, a bissl derzählt und erwähnt, dass er in der Gegend ist, und dann fällt ihm ein, dass er morgen ja vorbeikommen könnte "so umma 12, ha?". Das ist etwas, was mich echt nervt.
Es hat etwas mit Gastfreundschaft zu tun. Ich weiß, dass das nicht zu meinen Stärken zählt. Und es tut mir ja auch echt Leid.
Aber es ist ja viel mehr als das.
Plötzlich muss eingekauft werden (und das Geschäft ist bei uns ja nicht mal grad so um die Ecke), weil, nein, wir haben nicht zufällig noch ein paar Restln für eine zusätzliche mehrköpfige Familie im Topf.
Die speziellen Diäten wie Laktoseintoleranz und Fleischvorlieben wollen berücksichtigt werden.
Es soll ja auch nach was schmecken und im besten Fall ansprechend ausschauen und duften.
Aber worums mir eigentlich geht: Ich selber würde so etwas nie tun. Ich finde, das hat was mir Unverfrorenheit und Sich-Aufdrängen zu tun.
Und mein Problem dabei ist: Ich bin weder spontan noch offen für Überraschungen sozialer Art und schon gar nicht eine flexible, kreative und glückliche Köchin.
Puh.
Nett ists trotzdem immer wieder, wenn Besuch daherkommt.
Kalle kümmert sich dann freundlicher Weise immer um das Kochen.
Und ich muss an dieser Stelle jetzt echt mal festhalten, dass Integrationsarbeit etwas verdammt Schwieriges ist. Es gibt Kulturunterschiede auch dort, wo man es nicht für möglich hält, weil sie in so alltäglichen und kleinen Allerweltskontexten auftreten, dass man nicht einmal darüber nachdenkt, geschweige denn damit rechnet. Und gerade das ist das Herausforderndste an der Integration, finde ich.

Und dann, dann gemma Kaffeetrinken zum Strand, ganz draußen am Ende unserer Inselgruppe.
Und ich rede mit der Frau, die das Cafe übernommen hat. Sie kommt aus Äthiopien und lacht und erzählt und wir Ausländerinnen finden sofort Gemeinsames.
Und wir treffen in eben diesem Cafe, dort am Ende der Welt, einen jungen Mann, der mit seinem Segelboot von Åland bis hierher gesegelt ist.
Und wir gehen in den Tante-Emma-Laden draußen am Ende der Welt, und dort gibt es Casali Rumkugeln!
Und wir kaufen Marmelade beim hiesigen Marmeladeproduzenten, und wir reden mit der Frau und sie mit uns, als wärs nie anders gewesen.
Und wir kommen heim, und schon kommen unsere ersten Radreisenden für heuer zu uns hereingeschwenkt.
Und zum krönenden Abschluss treffen Max und ich eine Mama, die ebenso wie ich die Idee hat, dass das wichtigste am Kindsein das Kindsein ist.
Solche Tage sind ein Wunder! Und ein Glück! Und eine Freude!

Liebe Leute, genießts den Sommer!
Alles Liebe und alles Wunderbare für euch!

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit

Max auf dem Krokodil unterwegs in seine Welt



Freitag, 31. Mai 2019

31.05.19 - Mai, Mai, du schöner Mai


Ich habe Hunger.
Ich habe Hunger nach Farben. 
Nach Violett und Grasgrün ist es nun der Mangel an Senfgelb, der mir keine Ruhe mehr lässt. 
Wenn der Hunger übermächtig wird und ich an nichts anderes mehr denken kann und ich nur mehr allerorts das Nicht-Senfgelb wahrnehme, dann brauche ich ein Kleidungsstück in der besagten Farbe. Dann ist alles wieder gut.
Manchmal habe ich Hunger nach Menschen. Konkret: Menschen mit Behinderung.
Sie sind hier in Finnland kaum zu anzutreffen. Sind sie in Österreich fast omnipräsent (oder ist mein Blick beruflich bedingt getrübt?), so gleicht es hier einer Sensation, wenn man jemanden auf offener Straße sieht. In trüben Stunden verdächtige ich diesen Staat, besagte Menschen irgendwo gefangen zu halten oder gar Schlimmeres mit ihnen anzustellen...
Und dann war da plötzlich dieser Mann im Rollstuhl! Es war mit seinem Assistenten im Caféhaus. Und zu 100 % auf dessen Hilfe angewiesen. Mein Herz machte einen Freudenluftsprung. 
Ich kenne auch den kulturellen Hunger. Den Hunger nach einem bestimmten Lied zum Beispiel oder einer/s bestimmten InterpretIn. In so einem Fall bin ich sehr froh und dankbar, dass ich in der Jetzt-Zeit lebe und es YouTube gibt. Dieser Hunger ist also der fast am leichtesten zu stillende.
Ich kenne natürlich auch den ganz konkreten Hunger. Hunger nach einer bestimmten Frucht zum Beispiel oder einem guten Cappuccino. Wobei Hunger in diesem Zusammenhang wahrscheinlich das falsche Wort ist. Hunger ist Mangel an Nahrung. Ich habe das Glück, in einem westeuropäischen Staat zu leben, in dem es uns nicht nur an nichts mangelt, sondern in dem es vielmehr von allem viel zu viel gibt. Das Wort Hunger sollte besser mit dem Wort Lust ausgetauscht werden. Und so muss es dann heißen: Lust auf einen guten Cappuccino oder eine bestimmten Frucht (frisch gepflückte, noch von der Sonne warme Marillen zum Beispiel - mmmmmmmmh).
Aber dann - und davon wusste ich nichts - gibt es in mir auch den Hunger nach Menschen aus dem Ausland. 
Wir waren am Strand. Dieselbe überschaubare Besuchergarde wie immer. Mütter, ein paar Kinder, vielleicht das ein oder andere junge Paar, und wir. Und dann war da dieser junge Mann, dessen Gesichtszüge und dessen Hautfarbe mich an jemanden aus dem Balkan erinnerten. Ich spürte ein aufgeregtes Kribbeln und gleichzeitig ein Gefühl des wohlig Vertrautem.
Und ich habe gemerkt: Das fehlt mir. Mir fehlt die Vielfalt. Das Bunte. Eine homogene Bevölkerung ist äußerst befremdlich und unnatürlich.

Bevor der Ahornbaum austreibt und seine Blätter ihm wachsen, werden seine Äste von wundersamen, kleinen Blumen geschmückt. Abertausende von diesen Blüten überziehen die gesamte Baumkrone und tauchen diese in grün-gelbes Licht. Ein Festschmaus für alle Insekten. Und dann erst, dann, wenn sich alle dem Rausch des Frühlings hingeben haben können, presst der Ahorn die Blätter aus seinen Ästen, während die Blumen sich langsam dem Tode übergeben.


42 Jahre habe ich auf dieser Erde weilen müssen, um das zu erleben. 
Blind geh ich durchs Leben. 
Sterben werde ich wohl hoffentlich sehenden Auges.

Im Schwedischen gibt es den Ausdruck "spring i benen". 
Astrid Lindgren sagt dazu folgenden Satz in Ronja Räubertochter: "Sie (die Pferde, Anm.) laufen sich den Winter aus dem Leib."
So wars, als Max und ich im Auto heimgefahren sind und wir diesen jungen Elch gesehen haben. Wie der gehüpft ist und gesprungen ist! Direkt vom Wald heraus auf die Straße - und somit auf uns - zu. Dazu muss man wissen, dass Elche normaler Weise sehr behäbige Tiere zu sein scheinen. Was natürlich nicht stimmt, zumal sie richtig schnell sein können, wenn sie erschrecken und vor etwas davonlaufen. Aber zu ihrem natürlichen Wesen gehört diese Gemächlichkeit, diesen In-sich-Ruhen. Sie sind bei weitem nicht so nervös wie Rehe, und auch nicht so angespannt wie Gemsen. 
Ja. Da sprang also dieser junge Elch im Frühlingsrausch auf uns zu. Beide gleichzeitig hamma eine Vollbremsung hingelegt. Und so standen wir, nur ein paar Meter voneinander getrennt und haben uns angestarrt. Max im Rücksitz, ich vorne. Viel zu sagen war nicht. Und trotzdem haben wir uns in Worten und Freudenrufe überschlagen. Bis Max ihn angebrüllt hat: "Uaaaaaaaaaaaaaaahhhhhhhhhh!!!!" Der Ton war überzeugend, wie ich finde. Nur die fehlende optische Aufmachung meines Fiat Pandas hat wohl ihres zum Scheitern des Projektes "Ich bin ein Löwe und jage dem Elch Angst ein"  beigetragen. Auf jeden Fall war der Elch nicht sehr berührt von Max' Darbietung. Er hat weiter nichts gemacht als geschaut und womöglich überlegt, wie er sich aus dieser Situation herauswinden soll.
Bis ich leicht aufs Gas gedrückt habe. Hui, wie der fortgesprungen ist! Pfiati, lieber Elch!

Als Maigewürz in Erscheinung tretend: Großfamilienfest, Kurzreise in den Süden, Frühlingsfest im Kindergarten, erstes Eis, Meer, Sommervorgeschmack, Kälte, hellgrüne, frische Blätter auf den Bäumen, Schmetterlinge,...

Ich konserviere den Frühling und mache Honig aus Löwenzahnblumen. Wenn die Winter kalt und dunkel sind, dann tauche ich den Löffel in ein Glas voll von besagtem Löwenzahnhonig, schließe die Augen, und dann ist er wieder da: der Frühling. Die Wärme der Sonne, das leuchtende Gelb der Löwenzahnblüte, das hohe Gras in den Wiesen, das Vogelgezwitscher, die hellen Nächte. So hantle ich mich von Löffel zu Löffel durch diese schon etwas bedrückende Zeit, bis irgendwann, ganz plötzlich, sich die Welt hinter den geschlossenen Augenlidern der Welt vor den geschlossenen Augenlidern angleicht. Und ich endlich wieder mit offenen (und sehenden) Augen durch die Welt gehen kann 😊.

In meinem Bauch rumorte es schon länger. Immer, wenn eine Mitteilung über unsere WhatsApp-Gruppe daherkam, dachte ich mir: "Na, ge." Wenn etwas gemacht werden sollte, wurde mein "Na, ge" zu einem "Naaaa". Und als dann auf meine Anregung keine Antwort kam, war für mich klar, dass das nichts ist für mich.
Also bin ich nach ausführlichem Dialog mit mir selbst und mit Kalle hingeradelt zum Vorstand des Dorfrates und habe gesagt: "Lieber Vorstand, es tut mir leid, aber ich höre als Mitglied des Dorfrates auf."
Hast du schon jemals Fesseln abgeschnitten bekommen? Wurdest du schon jemals aus einem dunklen Kerker befreit? Ich auch nicht. Aber ich glaube, so in etwa muss es sich anfühlen.
Und dann, am selben Abend, kam dieses bereits in ganz Europa bekannt gewordene Ibiza-Video in die Öffentlichkeit.
Der Rest ist Geschichte.
Ich war nicht schadenfroh. Ich war - leicht. Dieser Strache und seine Mannen, deren Existenz und Machtposition war eine derartige Last im Gemüt... Das hat gedrückt. Auf das allgemeine Wohlbefinden. Auf meine Zuversicht. Auf meinen Blick in die Zukunft. Und bis zu diesem besagten Abend war mir der Ausmaß dieses Druckes nicht einmal bewusst.
Ich war jedoch zu keinem Zeitpunkt nach dem Öffentlichwerden dieses Skandals so naiv zu glauben, die Rechten würden sich jetzt besinnen und zu denken anfangen.
Die EU-Wahl gibt mir ja Recht.
Aber schön wars, sich für ein Wochenende im Traummeer von Frieden und klugen, besonnen, ehrlichen Menschen zu baden.
Dieses Gefühl "Jetzt wird endlich alles anders!" - es ist so schön! Nur, leider eben, ein Traum. (Nachtrag: Oder doch nicht? Ö. hat plötzlich eine gebildete, kompetente KanzlerIN!!!)

You may say, I'm a dreamer
But I'm not the only one
I hope some day you'll join us
And the world will be as one. (J.L.)

Ab Anfang Juni biete ich jetzt wöchentliches Sommeryoga auf unserem Strandsteg an.
Irgendetwas muss ich ja tun!

(Foto S.D.)
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit


Donnerstag, 25. April 2019

30.04.19 - Der entrissene Boden und sonstige Launen des Lebens


Nach dem Tod eines Menschen muss man sein Leben neu sortieren.
Sodass man mit beiden Beinen wieder irgendwie auf den Boden kommt.
Man muss eine neue, den veränderten Umständen entsprechende, Balance sich erarbeiten.
Auch wenns dich aushebelt.
Auch wenn du in deinem tiefsten Inneren völlig durcheinandergebeutelt wirst.

Der Traum. Ein Raum, um sich ein letztes Mal zu treffen. Pfiati zu sagen.
Mein Klumpen im Bauch wandelt sich.
Und die Illusionen dürfen bröckeln und einen Blick auf das Dahinter freigeben.


Seit diesem letzten Eintrag sind zwei weitere Menschen gestorben, die auf ihre jeweils ganz eigene Weise in meinem Leben waren.
Und jedes Mal wieder hauts mich aus den Gleisen.
Und jedes Mal wieder finde ich mich wie gelähmt in einem Schockzustand wieder.
Und Max lacht. Und Max springt.
Und nach am Zeitl muss ich mich wieder Neu-Sortieren.

Ich muss einen Menschen nicht persönlich kennen, um von seinem Tod zutiefst überwältigt und in die Knie gezwungen zu werden.
Jeder Mensch, der mir begegnet und dem ich mich öffne, sei es über seine Schriften, seine Lieder, sein Tun oder über persönliche Begegnung, hinterlässt etwas in mir. Gestaltet mit bei dem, was sich innen drin tut. Und wird somit zu einem Teil meines Seins.
Wenn dieser Mensch stirbt, dann fängt dieser Teil - seinem Urheber plötzlich entrissen - an zu wackeln, und stellt die Frage nach seiner Existenzberechtigung, nach der Bedeutung dieses Menschen und der eigenen Anteile, die er berührt und hervorgekitzelt hat.
Antworten werden erzwungen.
Endlose Müdigkeit schwappt daher und lässt nicht los, bis endlich Tränen die Spannung auflösen.

Und das Leben tut weiter so, als sei nichts gewesen.
Die Sonne scheint. Der Frühling meldet sich immer kräftiger zu Wort. Wir treffen Menschen und erzählen uns unsere Geschichten, einkaufen gemma und staubsaugen tamma.
Und die Wogen werden kleiner.
Ich bewege mich wieder.
Und ich akzeptiere.
Und irgendwann wird es tatsächlich möglich, bei einem Pfiati-Schnapsl den/die Menschen gehen zu lassen. 

Wahlen in Finnland.
Ich frage mich, was die Leute denn noch brauchen, damit sie endlich ihren Blick heben anstatt mit Scheuklappen ausgestattet ausschließlich ihre eigenen Vorteile (welche ja nichts anderes als als solche verkleidete Nachteile sind) suchen und wider jeder Vernunft verteidigen. Auch hier die Rechten so weit vorne, dass man sie schon in ihren Löchern knurren und ihre Säbeln wetzen hört. Die Sozialdemokraten haushoch verloren, auch wenn ums Verrecken grad noch gewonnen. Die Grünen Zugewinne, jedoch viel zu wenige, um wirklich etwas tun zu können. Es ist eine Katastrophe. Und es fällt mir schwer, nicht zornig zu werden und mit Respekt den lieben Mitbürgern zu begegnen, die uns das einbrocken. Tut mir leid. Aber es geht da um unser Leben auf diesem Planeten. Und um nix weniger. Und ich soll dann tolerant sein mit denen, die ohne nachzudenken blind und egoistisch unser aller Lebensgrundlage zerstören und sich gegenseitig das Leben schwer machen?
Gefühle sind groß. Und ich frage mich, was ich inmitten dieser Welt, die dem Wahnsinn entgegen steuert, täte ohne diesen Mann an meiner Seite, der gleich denkt und fühlt wie ich.

Laufen hilft. Es ändert zwar nichts im Außen, aber sehr viel im Innen. Der Wind, der mir ins Gesicht bläst, macht meinen Kopf frei. Frische Luft durchspült meine Lungen und den Geist. Der Körper findet schnell in seinen Rhythmus und ich kann mich in mich selber zurückziehen, während er läuft, und atmet, und läuft, und atmet.
Nur mehr sehr vereinzelt findet man Eis auf dem Meer. Bis Ende des Monats ist es vermutlich ganz verschwunden.
Ein paar mutige Grashalme und Kräuter durchbohren bereits die Erdoberfläche.
Ein Rotkehlchen singt uns bei geöffnetem Fenster in den Schlaf.
Um 22.00 Uhr ists immer noch hell.
Die Wintersachen sind im Schupfen verstaut.
Max lernt Radlfahren ohne Stützradeln.
Die Wäsche trocknet in der Sonne und im Wind.


Und die Welt wird größer.
Das Leben heller. Einfacher. Freudiger. 


Und eines Tages wirds wieder Abend. Spät Abend. Ich komme von meiner Arbeit nach Hause und Kalle empfängt mich unter der Tür. Mit sorgenvollem Blick sagt er: "Ich muss dir was sagen."
Das innere Horrorkino nimmt seinen Anfang.
Max ist von den Stiegen runtergefallen und hat sich das Bein gebrochen.
Max ist beim Laufen im Wald über eine Wurzel gestolpert und hat sich einen Ast ins Auge gerammt.
Max ist in den Wald gerannt und nicht mehr auffindbar.
Max ist vom Berg hinterm Haus runtergefallen und so unglücklich gelandet, dass er gestorben ist.
Ich richte mich auf, atme ein und stoße aus: "Was?"'
Und Kalle, mein lieber, bedachter Kalle erzählt. In langsamen, sorgsam gewählten Worten entsteht vor meinen ungeduldigen Ohren diese Geschichte:
Max geht - wie immer nach dem Abendessen - noch a Runde spielen in sein Zimmer. Kalle isst noch a bissl und räumt dann das Geschirr weg, bis er merkt, dass es dort hinten verdächtig ruhig geworden ist.
"Und dann???"
Kalle geht nach einer Weile nachschauen. Auf dem Weg dorthin hat er immer noch nichts gehört.
"Ok. Und?!?!?!!!"
Dann schaut er ins Zimmer und sieht Max auf seinem Teppich sitzen. Ganz ruhig. Mit dem Rücken zu ihm.
"UND???!!!!" schreie ich ihn fast an.
Max hat eine Schere in der Hand.
"Ja?!!!"
Ich muss zugeben, ich werd fast wahnsinnig.
Kurz und gut: Max hat seine Schere am Kopf. Und macht genau das, was Marie, unsere nette Friseurin, vor ein paar Tagen auch gemacht hat. Nämlich Haare schneiden.
Ok. Ich muss zugeben, das klingt jetzt nicht soooo dramatisch.
Mein Puls beruhigt sich etwas.
"Hat er sich in den Finger geschnitten? Am Kopf geblutet? Sonst irgendwas?"
"Nein. Alles ok. Wieso?"
Pfffff.
Mein lieber Kalle.
Du verstehst es, mein Adrenalin dermaßen in die Höhe schnellen zu lassen, dass mir heiß und kalt zugleich wird. Völlig unabsichtlich. Dafür besonnen und den inneren Gedanken Zeit und Raum gebend.

So viel wars:



Und Max ist hübsch wie eh und je.


Wir machen uns auf zu unserem jährlichen Straßen-Frühlingsputz.
Ausgestattet mit zwei großen Müllsäcken gehen wir 1-2 km in beide Richtungen und klauben auf, was andere im Laufe des Jahres wegwerfen.


Wenn ich so hinter den beiden gehe und ihnen zuschaue, wie der eine mit größter Abenteuerlust und Freude von einem Müll zum anderen springt und der andere ihm dabei hilft, dann fängt mein Herz schneller zu schlagen an. Ich bin mal wieder völlig überwältigt von dem Kleinen und verliebe mich - wieder mal - aufs Neue in den Großen.

Schönen Frühling, liebe Leute!
Möge die Sonne euch entspannen, befreien, Gutes antun.

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit


PS:  Der Kindergarten hat seine Vorteile. Wie zum Beispiel diesen hier:


Die Kajaks sind aus dem Winterschlaf erwacht.
Ich kann mir keinen besseren After-Birthday vorstellen 😃!