Es ist 5 Uhr am Nachmittag.
Die Straßenlaternen leuchten uns den Weg, während die Welt außerhalb des Lichterscheins im tiefen Schwarz versunken scheint. Max ist mit dem Sparkstötting unterwegs, also diesem Ding hier:
| Bild vom Dezember 2017 |
und Kalle und ich gehen nebenher.
Das einzige, das wir hören, sind unsere Schritte im Schnee und das Zawischen des Sparkstöttings.
Wir sehen die letzte Straßenlaterne einige Meter vor uns. Und wir sehen die schwarze Wand hinter der Straßenlaterne.
Max sagt, ui, das wird spannend.
Kalle sagt, wie hell die Sterne leuchten.
Wir kommen von einem Besuch und sind auf dem Weg nach Hause. Es ist kalt. Ich hab die Gespräche im Kopf, das schöne Haus.
Und schon gehen wir direkt rein in die schwarze Wand.
Max sagt, ui, wie dunkel.
Ich schaue zu, wie unsere Schatten sich in die Länge strecken bis sie verschluckt werden von der Dunkelheit.
Und dann sehe ich es auch. Ich sehe, dass die Sterne tatsächlich leuchten. Obwohl sie so klein sind, für uns nicht größer als Punkte, leuchtet der Schnee weiß, er funkelt, und die Welt ist nicht schwarz sondern vielmehr glitzernd, geheimnisvoll, schattenhaft, elegant, stolz.
Max sagt, die Sterne schauen aus wie Augen.
Und die großen Bäume wie Monster.
Ich lache.
Ich atme das Sternenlicht und die Winterluft in mich ein.
Ich möchte meinen Kalle küssen. Genau in diesem einen Moment. Inmitten dieser Winternachtsmagie, in der es nur uns zu geben scheint.
Ich küsse ihn. Spüre ihn.
Max' Freudeschrei reißt uns zurück und verhindert damit erfolgreich ein Ab- und ein Eintauchen, ein Untertauchen...
Kim, Max, tamma juchizen.
Und das tun wir.
Laut. Inbrünstig. Dem Sternenhimmel entgegen und der kalten Winterluft zum Dank.
Manchmal, da mag ich Finnland sehr.
- o -
Das, was ich auch besonders schätze, ist die Kreativität der Finnen. Sie versuchen nicht nur mit Straßenlaternen, die Kilometer lange Lichtbänder durch die Landschaft ziehen, Doppelscheinwerfern an ihren Autos, enormen Parkplatzscheinwerfern, Reflexwesten, Stirnlampen sowie strahlenden Weihnachts- und überhaupt Winterbeleuchtungen der Dunkelheit Herr zu werden, nein, sie setzen auch kleinen Mädchen einen Kranz mit Lampenkerzen auf den Kopf und schicken sie los, um "das Licht zu bringen".
In echt.
Das schaut so aus:
![]() |
| Bild entnommen von svenskakyrkan.se |
Luciatåget nennt man das. Ein sehr alter Brauch.
Entzückend irgendwie.
Gut dabei ist, dass mittlerweile Elektrizität Einzug gehalten hat. Früher hat man das mit echten Kerzen gemacht.
Mit dieser für dieses Land so wichtigen Tradition wird der Heiligen Lucia gedacht.
Wohlgemerkt:
- einem Mädchen, das Italienerin war - sie lebte im 3. Jhdt. in Sizilien - und in keinerlei
Beziehung zu Finnland oder Skandinavien gestanden ist, und
- in Finnland, das zum allergrößten Teil evangelisch ist und somit gar keine Heiligen
kennt.
Aber das alles scheint niemanden zu irritieren. Sie hat ein redliches, braves, christlich reines Leben geführt hat, wollte nicht heiraten und ist irgendwann auf die Idee gekommen ist, dass sie die Hände frei hat, wenn sie sich Kerzen auf den Kopf steckt, um Brotkörbe zu den Armen tragen zu können. Das reicht als Basis für einen landesweiten Ausnahmezustand - auch noch im
21. Jhdt.
21. Jhdt.
Und somit zieht Lucia mit langem, weißem Gewand und Kerzen auf dem Kopf jedes Jahr am
13. Dezember mit allerlei Gestalten wie Wichteln und Sternenträgern durch die Straßen der Dörfer und Städte.
13. Dezember mit allerlei Gestalten wie Wichteln und Sternenträgern durch die Straßen der Dörfer und Städte.
Beinahe jede Stadt, jedes Dorf hat seine eigene Lucia. Und die Wahl steht einer echten Misswahl in nichts nach. Nur dass hier die Missen vielleicht etwas jünger sind und singen können sollen.
Eine Facebookfreundin hat ein Foto von einer Lucia in der Kirche gepostet, aufgenommen von der Empore hinunter ins Kirchenschiff, vermutlich mit dem Standplatz neben der Orgel, und man sieht ein kleines Mädchen von hinten, das runter schaut zum Luciazug.
Dieses Foto wurde kommentiert mit den Worten: Sie, die davon träumt, Lucia zu sein, wenn sie groß ist.
Ich muss zugeben, es fällt mir relativ schwer, an diesem Brauch Gefallen zu finden.
Ich mag nicht, dass schon kleine Mädchen zu Missen herangezogen werden, auch wenn's mit dem Namen Lucia getarnt wird.
Ich mag nicht, dass die Träume eines kleinen Mädchens kaum weiter gehen, nicht weiter gehen können oder sollen als bis zur Lucia. Wo bleibt das Große, der Traum, dessen Wesen ja das Großartige, das Fantastische ist?
Hier kann man und muss man dagegenhalten, dass das Eine das Andere ja nicht ausschließt. Hoffentlich.
Hier kann man und muss man dagegenhalten, dass das Eine das Andere ja nicht ausschließt. Hoffentlich.
Und was ist mit den Jungs? Welcher Traum wird denen vorgegeben? Gibt es einen? Und wenn ja, dreht sich der auch immer nur ums Aussehen?
Es tut mir leid, aber es nervt.
- o -
Ich möchte gern noch etwas zeigen, das für den Winter in Finnland typisch ist.
Nämlich das hier:
Auf diesem Bild sieht man mein Auto. Es parkt auf einem öffentlichen Parkplatz mitten in Vaasa und wartet, bis ich von meiner Arbeit zurückkomme.
Das, was da so schimmert und die Lichter spiegeln lässt, ist Eis.
Zentimeterdickes, glattes, rutschiges Eis.
Und: Nein, da kommt keiner, der Kies oder Salz streut. Der nächste Frühling kommt nämlich bestimmt und dann hat sich das Problem von ganz allein erledigt.
Ich mag Finnland.
- o -
In unserem Ofen hat sich ein Krokodil versteckt.
Auf seiner langen Reise rund um die Welt hat es sich plötzlich in Finnland wiedergefunden. Und zwar genau in unserem Garten. Komisch, gell?
Wir waren nicht zu Hause, und das Krokodil selbst war ziemlich verdutzt, als es seine Augen aufmachte und nichts als schemenhafte Umrisse im Dunkeln wahrnahm. Große, kantige Dinge, die es nicht zuordnen konnte, Bäume, die sich schwarz dem Himmel entgegenstreckten, wow... Dieser Himmel! Diese Sterne! Tausende und abertausende Sterne funkelten um die Wette und zwinkerten ihm zu.
Ein komisches Geräusch zwang seinen Blick zurück auf den Boden. Was war das? Was klapperte da so? Und wieso taten ihm seine Zähne auf einmal so weh? Waren es tatsächlich seine Zähne, die da aufeinander schlugen? Tatsächlich.
Und wie sein ganzer Körper zu zittern begann. Und seine Füße und der Bauch, die - es musste weg. Sofort! Irgendetwas stimmte nicht. Was war da los?
Wären wir zu Hause gewesen, dann hätten wir gesehen, wie das Krokodil sich in einer Geschwindigkeit, die man ihm nicht zugetraut hätte, ins Haus stürzte. Mit Sicherheit wusste es nicht, was es tat. Es war ja nur ein Krokodil in Panik. Und das Haus war zufällig gerade im Weg, als es losstürmte.
Und hier drinnen, ja, hier drinnen erstarrte es zuerst, alle Muskeln angespannt und zum Angriff bereit sollte es denn notwendig sein, bis es beruhigt feststellte, dass kein Tier, kein Mensch und auch sonst kein Leben in seiner unmittelbaren Nähe waren. Es war dunkler als dort, wo das Klapperding ihn überfallen hatte, aber es war wärmer. Viel wärmer. Woher kam die Wärme? Da? War es dieses runde, glatte Ding, das so wohlig warm strahlte? Kann man sich da anlehnen? Oh, ein Loch. Oh, wie fein. Oh, wie ließ sichs hier wunderbar kuscheln. Rasten. Augen zumachen. Genießen. Schlafen.
Wir kamen nach Hause. Unser Besuch war ein gelungener, der Kuss in dieser wunderbaren Winternacht sehr romantisch und der Juchizer ein Lebensschrei, der raus musste, weil innen drin der Platz zu klein war für so große Gefühle.
Es ist schön, nach Hause zu kommen, wenns draußen kalt ist.
Und so war auch dieses Mal so wie jedes Mal, wir machten uns erst mal ein wärmendes, feines Feuer.
Schon Holz im Ofen? Komisch.Egal.
Mmmmm, herrlich...!
.
- o -
Ich wünsche ein wunderbares, neues Jahr, ihr meine lieben Leserinnen und Leser!
Schauts gut auf euch, auf dass wir auch in Zukunft zuversichtlich und hoch erhobenen Hauptes dem Jetzt und dem Kommenden ins Antlitz zu schauen vermögen.
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit
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