Montag, 30. Dezember 2019

31.12.19 - Ein Winter in Finnland


Es ist 5 Uhr am Nachmittag.
Die Straßenlaternen leuchten uns den Weg, während die Welt außerhalb des Lichterscheins im tiefen Schwarz versunken scheint. Max ist mit dem Sparkstötting unterwegs, also diesem Ding hier:

Bild vom Dezember 2017

und Kalle und ich gehen nebenher.
Das einzige, das wir hören, sind unsere Schritte im Schnee und das Zawischen des Sparkstöttings.
Wir sehen die letzte Straßenlaterne einige Meter vor uns. Und wir sehen die schwarze Wand hinter der Straßenlaterne.
Max sagt, ui, das wird spannend.
Kalle sagt, wie hell die Sterne leuchten.
Wir kommen von einem Besuch und sind auf dem Weg nach Hause. Es ist kalt. Ich hab die Gespräche im Kopf, das schöne Haus.
Und schon gehen wir direkt rein in die schwarze Wand.
Max sagt, ui, wie dunkel.
Ich schaue zu, wie unsere Schatten sich in die Länge strecken bis sie verschluckt werden von der Dunkelheit.
Und dann sehe ich es auch. Ich sehe, dass die Sterne tatsächlich leuchten. Obwohl sie so klein sind, für uns nicht größer als Punkte, leuchtet der Schnee weiß, er funkelt, und die Welt ist nicht schwarz sondern vielmehr glitzernd, geheimnisvoll, schattenhaft, elegant, stolz.
Max sagt, die Sterne schauen aus wie Augen.
Und die großen Bäume wie Monster.
Ich lache.
Ich atme das Sternenlicht und die Winterluft in mich ein.
Ich möchte meinen Kalle küssen. Genau in diesem einen Moment. Inmitten dieser Winternachtsmagie, in der es nur uns zu geben scheint.
Ich küsse ihn. Spüre ihn.
Max' Freudeschrei reißt uns zurück und verhindert damit erfolgreich ein Ab- und ein Eintauchen, ein Untertauchen...
Kim, Max, tamma juchizen.
Und das tun wir.
Laut. Inbrünstig. Dem Sternenhimmel entgegen und der kalten Winterluft zum Dank.

Manchmal, da mag ich Finnland sehr.

- o -

Das, was ich auch besonders schätze, ist die Kreativität der Finnen. Sie versuchen nicht nur mit Straßenlaternen, die Kilometer lange Lichtbänder durch die Landschaft ziehen, Doppelscheinwerfern an ihren Autos, enormen Parkplatzscheinwerfern, Reflexwesten, Stirnlampen sowie strahlenden Weihnachts- und überhaupt Winterbeleuchtungen der Dunkelheit Herr zu werden, nein, sie setzen auch kleinen Mädchen einen Kranz mit Lampenkerzen auf den Kopf und schicken sie los, um "das Licht zu bringen".
In echt.
Das schaut so aus:

Bildresultat för luciatåg"
Bild entnommen von svenskakyrkan.se

Luciatåget nennt man das. Ein sehr alter Brauch.
Entzückend irgendwie.
Gut dabei ist, dass mittlerweile Elektrizität Einzug gehalten hat. Früher hat man das mit echten Kerzen gemacht.
Mit dieser für dieses Land so wichtigen Tradition wird der Heiligen Lucia gedacht.
Wohlgemerkt:
               -  einem Mädchen, das Italienerin war - sie lebte im 3. Jhdt. in Sizilien - und in keinerlei 
                  Beziehung zu Finnland oder Skandinavien gestanden ist, und
                - in Finnland, das zum allergrößten Teil evangelisch ist und somit gar keine Heiligen
                  kennt.
Aber das alles scheint niemanden zu irritieren. Sie hat ein redliches, braves, christlich reines Leben geführt hat, wollte nicht heiraten und ist irgendwann auf die Idee gekommen ist, dass sie die Hände frei hat, wenn sie sich Kerzen auf den Kopf steckt, um Brotkörbe zu den Armen tragen zu können. Das reicht als Basis für einen landesweiten Ausnahmezustand - auch noch im
21. Jhdt.
Und somit zieht Lucia mit langem, weißem Gewand und Kerzen auf dem Kopf jedes Jahr am
13. Dezember mit allerlei Gestalten wie Wichteln und Sternenträgern durch die Straßen der Dörfer und Städte.
Beinahe jede Stadt, jedes Dorf hat seine eigene Lucia. Und die Wahl steht einer echten Misswahl in nichts nach. Nur dass hier die Missen vielleicht etwas jünger sind und singen können sollen.
Eine Facebookfreundin hat ein Foto von einer Lucia in der Kirche gepostet, aufgenommen von der Empore hinunter ins Kirchenschiff, vermutlich mit dem Standplatz neben der Orgel, und man sieht ein kleines Mädchen von hinten, das runter schaut zum Luciazug.
Dieses Foto wurde kommentiert mit den Worten: Sie, die davon träumt, Lucia zu sein, wenn sie groß ist.
Ich muss zugeben, es fällt mir relativ schwer, an diesem Brauch Gefallen zu finden.
Ich mag nicht, dass schon kleine Mädchen zu Missen herangezogen werden, auch wenn's mit dem Namen Lucia getarnt wird.
Ich mag nicht, dass die Träume eines kleinen Mädchens kaum weiter gehen, nicht weiter gehen können oder sollen als bis zur Lucia. Wo bleibt das Große, der Traum, dessen Wesen ja das Großartige, das Fantastische ist?
Hier kann man und muss man dagegenhalten, dass das Eine das Andere ja nicht ausschließt. Hoffentlich.
Und was ist mit den Jungs? Welcher Traum wird denen vorgegeben? Gibt es einen? Und wenn ja, dreht sich der auch immer nur ums Aussehen?
Es tut mir leid, aber es nervt.

- o -

Ich möchte gern noch etwas zeigen, das für den Winter in Finnland typisch ist.
Nämlich das hier:



Auf diesem Bild sieht man mein Auto. Es parkt auf einem öffentlichen Parkplatz mitten in Vaasa und wartet, bis ich von meiner Arbeit zurückkomme.
Das, was da so schimmert und die Lichter spiegeln lässt, ist Eis.
Zentimeterdickes, glattes, rutschiges Eis.
Und: Nein, da kommt keiner, der Kies oder Salz streut. Der nächste Frühling kommt nämlich bestimmt und dann hat sich das Problem von ganz allein erledigt.
Ich mag Finnland.

- o -

In unserem Ofen hat sich ein Krokodil versteckt. 

Auf seiner langen Reise rund um die Welt hat es sich plötzlich in Finnland wiedergefunden. Und zwar genau in unserem Garten. Komisch, gell?
Wir waren nicht zu Hause, und das Krokodil selbst war ziemlich verdutzt, als es seine Augen aufmachte und nichts als schemenhafte Umrisse im Dunkeln wahrnahm. Große, kantige Dinge, die es nicht zuordnen konnte, Bäume, die sich schwarz dem Himmel entgegenstreckten, wow... Dieser Himmel! Diese Sterne! Tausende und abertausende Sterne funkelten um die Wette und zwinkerten ihm zu.
Ein komisches Geräusch zwang seinen Blick zurück auf den Boden. Was war das? Was klapperte da so? Und wieso taten ihm seine Zähne auf einmal so weh? Waren es tatsächlich seine Zähne, die da aufeinander schlugen? Tatsächlich.
Und wie sein ganzer Körper zu zittern begann. Und seine Füße und der Bauch, die - es musste weg. Sofort! Irgendetwas stimmte nicht. Was war da los? 
Wären wir zu Hause gewesen, dann hätten wir gesehen, wie das Krokodil sich in einer Geschwindigkeit, die man ihm nicht zugetraut hätte, ins Haus stürzte. Mit Sicherheit wusste es nicht, was es tat. Es war ja nur ein Krokodil in Panik. Und das Haus war zufällig gerade im Weg, als es losstürmte. 
Und hier drinnen, ja, hier drinnen erstarrte es zuerst, alle Muskeln angespannt und zum Angriff bereit sollte es denn notwendig sein, bis es beruhigt feststellte, dass kein Tier, kein Mensch und auch sonst kein Leben in seiner unmittelbaren Nähe waren. Es war dunkler als dort, wo das Klapperding ihn überfallen hatte, aber es war wärmer. Viel wärmer. Woher kam die Wärme? Da? War es dieses runde, glatte Ding, das so wohlig warm strahlte? Kann man sich da anlehnen? Oh, ein Loch. Oh, wie fein. Oh, wie ließ sichs hier wunderbar kuscheln. Rasten. Augen zumachen. Genießen. Schlafen.

Wir kamen nach Hause. Unser Besuch war ein gelungener, der Kuss in dieser wunderbaren Winternacht sehr romantisch und der Juchizer ein Lebensschrei, der raus musste, weil innen drin der Platz zu klein war für so große Gefühle.
Es ist schön, nach Hause zu kommen, wenns draußen kalt ist.
Und so war auch dieses Mal so wie jedes Mal, wir machten uns erst mal ein wärmendes, feines Feuer.
Schon Holz im Ofen? Komisch.
Egal.

Mmmmm, herrlich...!

.


- o -

Ich wünsche ein wunderbares, neues Jahr, ihr meine lieben Leserinnen und Leser!
Schauts gut auf euch, auf dass wir auch in Zukunft zuversichtlich und hoch erhobenen Hauptes dem Jetzt und dem Kommenden ins Antlitz zu schauen vermögen.

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit



Sonntag, 1. Dezember 2019

01.12.19 - Pfiati, Omi!


Komm, großer schwarzer Vogel, komm jetzt
Schau, das Fenster ist weit offen
Schau, ich hab dir Zucker aufs Fensterbrett gestreut
Komm, großer schwarzer Vogel, komm zu mir
Spann' deine weiten, sanften Flügel aus
Und leg sie auf meine müden Augen!
Bitte, hol' mich weg von da!

Und dann fliegen wir rauf, mitten in den Himmel rein
In eine neue Zeit, in eine neue Welt
Und ich werde singen, ich werde lachen
Ich werde "Das gibt's nicht!" schreien
Weil ich werde auf einmal kapieren
Worum sich alles dreht

Komm, großer schwarzer Vogel, hilf mir doch
Press' deinen feuchten, kalten Schnabel auf
Meine Wunde, auf meine heiße Stirn
Komm, großer schwarzer Vogel, jetzt wär's grad günstig
Die anderen schlafen grad
Und wenn wir ganz leise sind
Hören sie uns vielleicht nicht
Bitte, hol mich weg von da

Und dann fliegen wir rauf, mitten in den Himmel rein
In eine neue Zeit, in eine neue Welt
Und ich werde singen, ich werde lachen
Ich werde "Das gibt's nicht!" schreien
Weil ich werde auf einmal kapieren
Worum sich alles dreht

Ja, großer schwarzer Vogel, endlich
Ich habe dich gar nicht reinkommen gehört
Wie lautlos du fliegst
Mein Gott, wie schön du bist
Auf geht's, großer schwarzer Vogel, auf geht's
Pfiat enk, ihr meine Berge
Ihr meine Lieben daheim
Bitte, vergesst mich nicht

Auf geht's, mitten in den Himmel rein
Nicht traurig sein, nein, nein, nein, 
Es ist kein Grund zum Traurigsein
Weil ich werde singen, ich werde lachen 
Ich werde "Das gibt's nicht!" schreien
Ich werde endlich kapieren
Ich werde glücklich sein

(Ludwig Hirsch, leicht abgeändert)



Ich wünschte, ich könnte die Zeit anhalten, das Leben.

Ich möchte nicht darüber reden, wie sich das für den Lachs anfühlt, der gerade gestrandet ist und von der blutrünstigen Spinne, die am Strand auf ihn wartet, angegriffen wird (Max' soeben entdecktes und für eine Diskussion wert befundenes Kopfabenteuer).
Ich möchte nicht darüber nachdenken, was wir zu essen kaufen müssen.
Ich möchte nicht mit anderen Eltern über ein total verschrobenes und abstruses Kindergartensystem diskutieren.
Ich möchte nicht eine Frage zu meinen Halsschmerzen gestellt bekommen.
Ich möchte nicht meinen Koffer auspacken.
Ich möchte nicht schlafen gehen.
Ich möchte nicht wieder aufstehen.
Ich möchte nicht arbeiten.
Ich möchte nichts müssen, nur dürfen.
A bissl lei.
Bitte.

Meine Omi ist tot.
Und alles, was ich möchte und was ich brauche, ist eine Höhle, in die ich mich zurückziehen kann und in der ich so lange verweilen kann, bis es wieder gut ist. Bis ich fertig geweint habe. Bis alle Bilder so oft und so lange an mir vorbeigezogen sind, dass ich sie nicht mehr festhalten will. Bis alle Gedanken ihre Ruhe finden.
Eine Höhle, in der ich nichts anderes tun muss als schlafen, weinen und manchmal was essen. Das wäre schön.

Ich habe Angst, liebe Omi, dass ich deinen Geruch vergesse. Deinen wunderbaren Geruch, der mich seit klein auf eingehüllt hat in eine Wolke aus Geborgenheit und Daheimsein.
Gerüche kann man nicht fotografieren, einfrieren, verwahren. Sie verflüchtigen sich mit ihrem Träger. Und die Welt ist um eine Duftnuance ärmer.

Ich habe auch Angst, dass ich deine Stimme vergesse, dein echtes Lachen. Wie eine Ertrinkende etwas sucht, an das sie sich klammern kann, versuche ich, mir immer wieder etwas von dir Gesagtes in Erinnerung zu holen. Nicht, dass mein Gehirn den Klang deiner Stimme jetzt schon nicht mehr reproduzieren könnte. Aber prophylaktisch, für dann, wenns dann so weit ist. So wie das Vorschlafen vor einem anstrengenden Wochenende oder das Anessen einer Reserve für kommende karge Zeiten.

Verzweifelte Versuche, festzuhalten.
Kaltes Wissen, dass genau das nicht geht.

Liebe Omi, Pfiati Gott!
Soll ich's echt sagen?
Gut.
Ich sags.
Lebe wohl im schönen Tirol!
Unser alter Abschiedsgruß. Stets im Spaß gemeint, immer begleitet von unserem lauten Lachen.
Er passt nicht mehr, und doch passt er besser als je zuvor. Ich weiß auch nicht warum.

Deine Birgit


PS: Seit du tot bist, fühlt sich das Sterben nicht mehr so bedrohlich an.