Ich fahre mit dem Rad. Ich fahre schnell. Ich schnaufe. Ich schwitze. Hügel rauf. Hügel runter. Kein Mensch. Kein Auto. Es dunkelt bereits. Der Regen ergiesst sich auf meinem Haupt. Und ich dampfe. Angestaute Emotionen ver-dampfen. Und ich fühle mich zunehmend leichter. Mein eingezogener Kopf und die hochgezogenen Schultern entspannen sich. Die Atmung wird leichter. Der Kampf reduziert sich. Und ich fliege durch die nordische Landschaft, dass es nur so eine Freude ist. Ich strecke mein Gesicht dem Wetter entgegen und denke mir, wie gut es ist, dass ich lebe. Und wenn ich dann mal sterbe, dann erinnere ich mich vielleicht genau an diesen einen Augenblick, an dem ich über diese finnische Landschaft mit ihren berauschenden Herbstfarben gesaust bin, den Regen im Gesicht und die endlich wiedergefundene Leichtigkeit im Herzen.
Ich strample also so dahin, und plötzlich seh ich da vor mir am Wegesrand etwas stehen. Ein Tier. Ja. Das steht fest. Nur, was ist das? Ein Elch? Nein. Viel zu klein. Aber sehr zottig. Sehr rund. Ein Bär? Ist es tatsächlich ein Bär??? Wow.... Ich verlangsame das Tempo. Ehrfurcht, die mich immer dann überkommt, wenn ich plötzlich so grossen, mächtigen, weisen Tieren gegenüberstehe. Aber, nein, kein Bär. A schottisches Hochlandrind! Mei, wie nett! Diese Viecher drücken allein durch ihr Sein einen Knopf in mir, der meinem Herzen einen Freudenshupfer verschafft und mich grinsen lässt von einem Ohr zum anderen. Ich begrüsse es, wünsche ihm noch einen schönen Abend und fahre weiter. Und da fällt mir eine Diskussion ein, die ich kürzlich auf Facebook mitverfolgt habe. Da sind 4 solcher Hochlandrinder irgendwo hier bei uns in der Nähe ausgebüxt. Wie auch jenes, dem ich gerade begegnet bin. Ein heftiger Shitstorm hat sich entladen über diese Abenteurer. Aussagen wie "Her mit der Polizei!" und "Ich geh nicht mehr raus!" gehörten zu den harmlosen. Ich hab damals leicht verwundert und belustigt den Kopf geschüttelt und bin zur Tagesordnung übergegangen.
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| herrseitz.de |
Aber wie sich herausgestellt hat, war das kein einmaliger Ausrutscher oder eine lustige Anekdote des finnischen Alltags, wie man sie vielleicht in Faschingszeitungen wiederfindet. Ganz im Gegenteil. Hier findet eine echte Hetzkampagne statt gegen alles Tierische, Lebendige, Wilde, Andere.
Als Beispiel möchte ich hier die Kormorane nennen. Das sind grosse, schwarze Vögel, die in grossen Schwärmen unterwegs sind und sich hauptsächlich von Fischen ernähren. Dieser Vogel ist geschützt, weil sein Bestand massivst gefährdet ist. Und die Fischer, die mögen das nicht, weil ihnen dieser Vogel die Fische wegfrisst. Ausserdem ist ihr Kot sehr scharf, sodass die Inseln, auf denen sie sich niederlassen, bald kein Grün mehr haben. Also liest man nahezu täglich einen Artikel in der sehr einseitig berichtenden Tageszeitung, dass dieser Vogel endlich zum Abschuss freigegeben werden soll, weils eine Schweinerei ist, weil die Fischer ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten können und weil sie die Inseln kaputtmachen. Es wird verschwiegen, dass die Inseln, auf denen sie sich niederlassen, nicht Menschen genutzt sind und weit draussen liegen und die Bäume, ja, mein Gott, wie viele Bäume hamma denn in Finnland?!, und dass laut unabhängingen Studien der Anteil der Fische, den sie fressen, nur marginal ist angesichts des gesamten Fischbestandes. Also, heisse Diskussionen gehen hin und her und die jeweiligen Argumente befeuern sich gegenseitig. Ich bin der Meinung, Diskussionen sind gesund und halten die Gesellschaft am Leben. Aber, bitte schaut euch das an:
Ein getöteter Kormoran, aufgehängt an einem Strassenschild, mit einem Karton um den Hals, auf dem steht: Wir fassen dich!
Das ist jetzt schon das dritte Mal passiert. Und hier wird definitv eine Grenze überschritten. Eine Grenze, die sich über die Achtung und Respekt vor Lebewesen hinwegsetzt und die zumindest in unseren Breitengraden seit langem eine ist zwischen damals und heute, zwischen grauen, unzivilisierten Vorzeiten und der Moderne. Das Recht der Diskussion wird hier ausgehebelt, stattdessen wird gemordet und ausgestellt. Blinder Hass und überschiessende Emotionen greifen zu solch grässlich abstossenden Mitteln. Beim Betrachten dieses Bildes sind mir sofort andere Bilder in den Kopf geschossen. Nämlich jene der abgeschnittenen Menschenköpfe auf Zaunpfählen. Das gabs auch einmal bei uns.
Was haben die sich wirklich gedacht dabei, falls sie gedacht haben? Glauben die, die Kormorane lesen das Schild ihres toten Kameraden und denken sich: Ups, da müss ma weg! Was soll das?! Mir graut vor solchen Menschen. Wer zu so etwas fähig ist, ist zu weit mehr fähig. Weil er die natürliche Hemmschwelle, die uns vor Bestialität bewahren soll und die wir alle mitbekommen haben ins Leben, mit dieser Tat schon lange überschritten hat.
Anderes Beispiel: Eine Wildkamera hat unweit von hier in der Nacht Wölfe aufgenommen. Ausserdem wurden Wolfsspuren entdeckt. Und nun: helle Aufregung. Eltern beklagen, dass sie ihre Kinder mit dem Auto in die Schule bringen müssen und sie diese nicht mehr im Garten spielen lassen können. Andere trauen sich nicht mehr, Schwammerl zu suchen und Beeren zu pflücken. Und wieder andere schreien auf und fordern: Erschiessen!!!
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| wildkameravergleich.de |
Hier wird masslos überzogen. Auch Füchse spazieren vorbei in der Nacht. Und Luchse. Und Marderhunde. Und Elche. Und und und... Wölfe greifen von sich aus so gut wie nie einen Menschen an. Es sei denn sie sind extrem hungrig oder sie fühlen sich bedroht. Sonst laufen sie einfach weg. Das ist Fakt.
Noch ein anderes Beispiel: Elche. Zur Elchjagdzeit im Herbst gibt es auffällig oft Unfälle zwischen Elchen und Autos. Dann fühlen sich die Jagdbefürworter bestätigt und sagen: "Schiesst die Elche ab. Und erhöht die Abschussquote! Sie gefährden unser Strassen, die Familienväter, die täglich zur Arbeit fahren und unsere Kinder, die zur Schule müssen. Elche sind gefährlich!" Hat schon irgendwann einmal jemand daran gedacht, dass Elche deshalb auf die Strasse gehen, weil sie aufgrund der Jagd wochenlang zur Flucht genötigt werden und deshalb gezwungen sind, weitere Gegenden aufzusuchen, was eben auch Strassenüberquerungen zur Folge hat?
Der Mensch hat vergessen, dass er nicht alleine auf der Welt ist.
Nein. Da macht man es ihm zu leicht.
Er hat es nicht vergessen, er bestreitet bei vollem Bewusstsein die Tatsache, dass auch andere Lebewesen neben ihm ein Recht auf ein würdiges Leben haben. Andere Kreaturen sind so lange akzeptabel für ihn, so lange sie ihm zu Nutzen sind. Kühe und Schweine als Lebensmittel, Hunde und Katzen als käufliche Freunde, kleine Vögel, weil sie so schön singen, und? Ja, vielleicht noch die eine oder andere Biene. Das wars im Grossen und Ganzen.
Neben dem Menschen gibt es unzählige verschiedene Lebewesen auf diesem Planeten. Die einen fliegen, die anderen gehen, die einen schwimmen, die anderen kriechen. Viele von ihnen haben wir noch nie zu Gesicht bekommen. Aber sie alle gibt es, sie bedingen einander. Und das ist Fakt. Und es ist nicht so, dass der Mensch ausgenommen wäre und wie ein gottgleiches Wesen auf dieses unglaublich filigrane Geflecht an Gegenseitigkeiten von oben herab schauen könnte. Er ist Teil davon. Und genauso abhängig davon wie ein Kormoran. Wie viele Schweine töten wir jedes Jahr? Oder wie viele Haselhühner erschiessen wir, einfach so, um des Spasses Willen? Wehe aber, ein Mensch wird angegriffen von einer Kuh zum Beispiel, dann gibts sofort grosse Schlagzeilen und empörte Stimmen, die nach dem Verantwortlichen suchen. Das steht in keiner Relation.
Das Tier will leben.
Der Mensch will leben.
Punkt. Aus. So einfach ist das.
Und die abartige Idee, dass wir Menschen das Recht hätten zu bestimmen, wer leben darf mit allem was dazu gehört (Essen, Vermehrung, Verteidigung,...) und wer nicht, das ist eine Farce, grenzt an Wahnsinn und ist eine Anmassung sondersgleichen!!!
Es gibt da ein Lied vom Funny van Dannen: Fleischfresserantilopen.
Das fällt mir grad dazu ein.
Dieses Getue vom Menschen ist schwer auszuhalten. Und frei von Intelligenz. Einer schreit: "Wölfe sind gefährlich!" und alle schreien nach "Wölfe sind gefährlich!!!", noch lauter als der erste. Wo bleibt das kritische Selbstdenken? Wo bleibt das Sich-Informieren? Wo bleibt das Sich-Berufen-auf-Fakten?
Die Gesellschaft agiert zunehmend hysterisch und blind.
Ich lehne mich zurück. Ich lese diesen Text. Und mir wird klar, dass mein Gefühl angesichts dieser Tierhysterie dasselbe ist wie jenes, das mich überkommt bei der blindwütigen Ablehnung und Ausgrenzung von Menschen aus anderen Ländern, sobald sie es wagen, "unsere" Landesgrenze zu überschreiten.
Der Schritt von da nach dort ist nur ein kleiner.
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit