Samstag, 9. September 2017

09.09.17 - Mein ganz persönlicher kleiner Luxus


Mein lieber Mann hat sich entschlossen, Auszeit zu nehmen und hat sich zu diesem Zweck in die Einsamkeit der schwedischen Lapplandberge zurückgezogen.
Der Rest der Familie hält die Stellung.
 
Max kann und will mittlerweile immer wieder mal alleine sein. So ist er draussen und strawanzt zwischen Sandkiste, Himbeeren, Garage und seinem Moped herum oder er ist in seinem Zimmer und vertieft sich dort in seine Duploklötze oder ein Puzzle. Und plötzlich - schon völlig vergessen und aus meinem Leben gestrichen - befinde ich mich mittendrin. Ein Loch! Ein Loch mit nichts, das stante pede getan werden muss. Echt? Ich schau mich um. Ja. Schon. Natürlich könnt ich mich um das Geschirr kümmern. Oder, ja, eh, das Gras ruft auch schon aus allen Löchern: Mähe mich! Aber, eigentlich, ist das nicht völlig wurscht? Ich hab ein Loch. Ein wunderbares Zeitloch!!!
 
Fantastisch!
Umgehendst finde ich mich vor unserem Bücherregal wieder. Ich fahre mit dem Finger über die Buchrücken, ziehe einen Kindererziehungsratgeber raus, entscheide mich dann doch für das Fotobuch von meiner Radreisebekanntschaft. Mein Blick bleibt hängen bei Lauster und Branden. Und Calvin & Hobbes, die sind mir ja eine echte Freude. Schlussendlich hab ich einen ganz beachtlichen Stapel Bücher auf dem winzigen Beistelltischchen stehen und ich, ich flacke in unserem Bibliothekssessel, lass die Füsse über die Handlehne baumeln und blättere hier, lese dort ein paar Absätze, nehme mir das nächste Buch, und finde mich in einem ungeheuerlich genussvollen Fluss von Worten, Gedanken und Bildern wieder.
 
Seit ich endlich meine Bücher von Tirol nach Finnland übersiedelt habe, fühle ich mich ganz. ICH bin endlich hier angekommen. So hat sich unsere Bibliothek schlagartig erweitert. Und ich fühle mich wie eine Königin. Eine Königin, die je nach emotionalem oder geistigem Momentzustand einfach wählen kann. Ja, wir haben echt schon so viel, dass wir wählen können! Es ist wunderbar. Das ist mein und unser Luxus, auf den ich nicht mehr verzichten möchte.
 
Spotlight. Die Stunde Mittagsschlaf ist um. Ich gehe in Max' Zimmer und wecke ihn auf. Er ist ziemlich schlaftrunken und braucht a bissi Zeit für sich. Also flacke ich - wieder mal - auf unserem Bibliothekssessel und beginne ein Kapitel von Precht. Ich höre im Ohrwinkel, wie Max singt und mit seinem Hammer Klötze einschlägt und sich selber wachtrommelt. Nach einer Weile hör ich, wie er mit Highspeed angerannt kommt. Er sieht mich lesen. Und er, dieser wunderbare kleine Mensch, geht zu seinem Teil des Regals - das ganze vorletzte Fach ist für seine Bücher reserviert - schnappt sich das Gedichtebuch, in dem er die Chinesen mit dem Kontrabass vermutet, und macht sichs damit auf der Couch bequem. So sitzen wir da, lesen, er laut, ich leise, und mich durchfährt ein Schauer der Freude.
 
"Miass ma Windln wechsln!"
Diese Worte sinds, die mich das Buch zuklappen und die nächsten Schritte in meinem Leben als Mutter und zurückgelassene Ehefrau tun lassen.
Oh, wunderbares Leben!
 
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit
 
 

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