Und auf einmal ist einer da, der sagt: Nein. Ich will das nicht.
Irritierende Blicke.
Erstaunen.
Unsicherheit.
Luftanhalten.
Verstohlen neugierige Blicke zur Lehrerin.
Was macht sie jetzt wohl?
Und? Sie freut sich wie ein neuer Schilling, wenn ich das noch so sagen darf (man sieht schon, ich komme aus einem anderen Zeitalter). Endlich! Endlich einer, der sagt, was er sich denkt. Einer, der nicht "brav" ist und der nicht gegen sich selber arbeitet. Wunderbar!!!
Es geht ein merklicher Schnaufer durch die Gruppe, als ich als Lehrerin einfach lache und ihn frage, was denn dann wohl sein Gegenvorschlag wäre.
Wir lachen alle. Und die Sache hat sich.
Übrigens, meine russischen Freunde, ihr, die ihr so zahlreich meinen Blog lest, wie ist es so, in Russland zu leben? Ich muss gestehen, ich kenne mich mit Russland nur sehr schlecht aus. Bekomme hauptsächlich ein von den Medien konstruiertes Bild in meinen Geist gesetzt. Wir sind uns ja recht nah, gell? Zumindest geographisch. Einmal wär ich fast nach St. Petersburg gefahren. Das war, als ich meine Radreise zum Nordkap unternommen habe. Dann hat mir aber das Geld gefehlt und ich habe mich zu wenig zu eurem Land hingezogen gefühlt, als dass ich den Aufwand, ein Visum zu bekommen, auf mich genommen hätte. Eine Frau aus St. Petersburg habe ich trotzdem kennengelernt. Das war in Helsinki. Sie war sehr schwarz gekleidet und sehr geschminkt. Sie hat mir geraten, statt herumzuradeln zu modeln. Ja. Damit hat unser Gespräch eine abrupte Richtungsänderung eingeschlagen und das Ende war schneller da als vorher noch angenommen.
Es ist schon komisch irgendwie. Höre oder lese ich den Namen eines Landes, schiessen sofort Bilder wie Gummibälle in meinen Kopf. Ich muss dazu nie je einen Fuss in dieses Land gesetzt haben. Kennt ihr das? Bei Russland wirds mir innen drin kalt und ich sehne mich sofort nach unserem Ofen. Ich sehe Schneeflocken, die Landschaft ist karg, Menschen tragen dicke Wintermäntel, sind eher ruppig und dem Alkohol nicht abgeneigt, ausserdem tauchen Russkaja, meine ehemalige Geigenlehrerin und Mr. Putin vor meinem geistigen Auge auf. Ein recht eigenartiger Fleckerlteppich, der sich da vor mir ausbreitet. Weit mehr Löcher als Nichtlöcher. Und trotzdem zeigt sich schon irgendwie irgendwas. Und ich reagiere mit Gefühlen. Die wiederum Bilder auslösen. Usw.
Das, was ich da mache, ist völlig normal. Es ist Teil des Menschseins. Man nennt das Widerkäuen von Klischees. Aus Klischees, und das ist jetzt wichtig, können sehr leicht Vorurteile werden. Nämlich dann, wenn diese Konstrukte, die das Gehirn aufbaut, um eine aufgrund mangelnder Erfahrung und mangelnden Wissens vorhandene Lücke zu füllen, als Realität gesehen werden. Vorurteile verurteilen ohne zu wissen.
Ich verabscheue den erhobenen Zeigefinder. Deshalb lass ich es dabei.
Ich bereite meinen nächsten Deutschkursabend vor. Meine Ideen springen herum, wühlen im pädagogischen Werkzeugkasten und fragen sich, wie sie am gscheitesten und sinnvollsten eine blutige Deutschanfängerin und mehrere Eh-schon-relativ-gut-Deutsch-Redende zusammenbringen können. Und dann schweifen sie einfach ab nach Russland. So was aber auch!
Ein Hipp-Hipp-Hurra auf meinen Geist, der da hüpft und springt und unbrav abschweift und bitte niemals nie seine Neugierde auf die Welt verliert!
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit
| Nichts geht über eine gute Tasse Kaffee! Eignet sich ganz hervorragend zum Pause-Machen, zum Konzentrieren und zum Abschweifen. |
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