Sonntag, 1. Oktober 2017

01.10.17 - Herbst in Finnland


Stell dir vor, du erfährst, dass du morgen sterben wirst. Ein nichts ahnender Freund lädt dich kurz darauf zu einem Fest heute Abend ein. Was tust du?
 
Wir haben Hochherbst (das ist die Äquivalenz zum Hochsommer). Jene Blätter, die noch nicht abgefallen sind, haben sich verfärbt und haben Braun- bzw. Gelbtöne angenommen, die Vogelbeeren hängen in fetten Trauben tiefrot von den Bäumen und ziehen die Äste nach unten, die Tage sind spürbar kürzer und die Temperaturen verzichten auf jede Form von Anstrengung, indem sie's grad mal a kleines bissl wärmer als saukalt machen. Das nur mal so vorab.
 
Es gibt einen Baum hier ganz in unserer Nähe. Jedes Mal, wenn ich über die Brücke aufs Festland fahre, komme ich an ihm vorbei.
Wenn die Sonne scheint, geschieht etwas ganz Erstaunliches mit ihm. Er ist nicht einfach nur gelb-braun, wie seine Kollegen und Kolleginnen. Er steht auch nicht einfach nur da und schaut zu, wie der Herbst ihm seinen Stempel aufdrückt, ihn verfärbt und ihn schlussendlich immer nackter und nackter werden lässt. Er fügt sich nicht mit einem Kann-man-nix-machen-Achselzucken. Das, was er tut, ist etwas ganz anderes. Er nimmt das Gelb des Herbstes, weil es nun mal das einzige ist, was ihm zur Verfügung steht, und legt dann zusätzlich - und jetzt kommts - in jedes einzelne Blatt sein ganzes Aufgebot an Leben, an Freude und an Leuchtkraft. Was dabei herauskommt, ist eine Diva, die nicht kommt, sondern erscheint, eine Diva, die es gewohnt ist, bewundert zu werden, eine, die ihre Schokoladenseite kennt und präsentiert und einsetzt, eine, die sich am Aufsehen labt und dieses braucht wie die Lunge den Sauerstoff, kurzum eine Diva, die bewusst geniesst, auskostet und sich dem Moment hingibt.
 
Der Baum und die Eingangsfrage sind untrennbar miteinander verbunden.
Es ist ihm egal, ob morgen der Winter kommt und seine Lebenstätigkeit auf ganz nieder bis kaum mehr wahrnehmbar hinunterschraubt oder nicht. Er hält auch nichts von depressiven Verstimmungen oder Traurigkeiten. Stattdessen ist er einfach nur. Aber das total und absolut. Ohne Zurückhaltung. Ohne Scham. Ohne Selbstmitleid. Ohne Verzweiflung. Völlig unabhängig von dem, was war und dem, was sein wird.
 
Hier sieht man ihn übrigens, den Guten:
 

Schwer für mich, ihm fotografisch gerecht zu werden. Aber für eine Ahnung reichts vielleicht.

Der Herbst ist wie halb 5 am Nachmittag.
Oder wie 75 Lebensjahre.
Oder eben wie Herbst.

Es gibt da ein wunderbares Gedicht vom Rainer Maria Rilke:

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren lass die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein; gib ihnen noch zwei südlichere Tage, dränge sie zur Vollendung hin, und jage die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Wunderschön und traurig gleichzeitig.
Genau so wie der Herbst.
Wunderschöne Traurigkeit.
Traurige Schönheit.
Ist das vielleicht die Definition von Melancholie?
 
Würde ich in der in der Eingangsfrage geschilderten Situation stehen, ich wünschte mir so sehr, ich könnte es halten wie der Baum. Tanzen, leuchten, den Moment feiern und im Sein mich selber geniessen.
Und, wenn ich ehrlich zu mir bin, ich stehe ja genau dort, in dieser Situation. Der einzige Unterschied ist, dass der Zeitpunkt meines Abschiedes von dieser Erde nicht so klar definiert ist.

Lasst uns eine geniessende, leuchtende Diva sein, liebe LeserInnen, so lange wir noch die Möglichkeit dazu haben.
Es ist so schön zu leben.

In diesem Sinne:
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit

rechts, das ist die Brücke, die unsere Insel mit dem Festland verbindet

einsames Klo an unserem Schwimmplatz

"unser" verwaister Schwimmsteg

noch ein paar Boote, die darauf warten, an Land gebracht zu werden

Was machen eigentlich Marienkäfer im Winter?


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