Mmmmm...
Kaffee und Eis mit Schokoladesauce auf der Terrasse.
Ärmellose Laiberl.
Erdbeeren.
Sonne auf der Haut.
Stechende Mücken.
Schwimmen im Baltischen Meer.
Wassermelone.
Kurze Hose.
Schwalben beim Nestlbauen und Kinderkriegen.
Rasenmähen.
Taghelle Nächte.
Konzerte auf dem Marktplatz in Vaasa.
Mmmmm...
Juni in Finnland.
Ein lauter Knall. Irgendetwas hämmert gegen das Fenster.
Ich schrecke auf. Muss mich erst mal orientieren.
Ah ja. Bin in Finnland.
Okay.
Kalle? Weg. Weg? Ah ja. In den Bergen.
Okay.
Was also ist da los?
Ein Gewitter der übelsten Sorte befindet sich direkt über meinem Kopf. Blitz und Donner geschehen beinahe zeitgleich. Der Regen haut sich auf unser Dach und gegen das Fenster, dass es in meinen Ohren dröhnt.
Na gut. Dann ist es jetzt so weit. Mein Worst-case-Szenario ist eingetreten. Ich habe seit ich denken kann Gewitterangst. Als Kind noch schlimmer, später dann mit Hilfe meines Verstandes etwas verringert, zu Höchstspitzen getrieben durch zwei Gewitter auf dem Berg im Zelt, einmal in Peru und einmal in Lappland, und seitdem im Abklang befindlich. Geschieht es am Tag, gehe ich relativ souverän damit um. Ist Kalle da, kann es mir nicht einmal in der Nacht etwas anhaben.
Aber die Kombination Finnland, Nacht und ohne Kalle ist - ja, wie soll ich sagen?
Ich stehe auf, schlüpfe Schweiß gebadet und Herz rasend in meinen weißen, kuscheligen Bademantel und gehe runter zu Max. Er schläft tief und seelenruhig, mit einem leichten Lächeln im Gesicht, völlig dem Schlaf hingegeben. Gut.
Ich gehe in die Küche. Meine Phantasie spielt verrückt. In solchen Momenten mag ich nicht in einem Holzhaus wohnen. Schlägt ein Blitz ein, steht das Haus binnen Minuten in Vollbrand. Ich packe meine Handtasche mit den notwendigsten Dingen. Was sind die notwendigsten Dinge? Max' und mein Reisepass, Geldtasche, Telefon, Ladegerät, Ehering. Während ich das tue, fühlt es sich lächerlich und zwingend zugleich an.
Der Blitz hat nicht eingeschlagen.
Nachdem Max dann doch aufgewacht ist - nach dem Gewitter anstatt währenddessen - bleibe ich auf. Ich mache mir einen Kaffee und schmecke das Glück der gerade noch einmal Davongekommenen.
Midsommar. Kalendarischer Sommerbeginn. In der Zeitung steht geschrieben, dass dieses Fest auf der Wichtigkeitsskala für die Finnen mit Weihnachten gleichauf liegt. Die Geschäfte und Cafes schließen am Freitag so um die Mittagszeit und machen oft das ganze Wochenende nicht mehr auf, die Menschen packen ihre Autos und fahren zu ihren Sommerhäusern, viele Mädels und Frauen posten Bilder auf Facebook von sich mit Blumenkranz im Haar, Alkohol fließt in Strömen, und erst am Montag Morgen ist der ganze Spuk wieder vorbei. Und man schleppt sich schwerfällig zurück ins alte Leben.
Ich persönlich stehe diesem Midsommar eher zwiegespalten gegenüber. Max und ich feiern nicht besonders. Also, schon. Wir gehen ins Meer und essen Erdbeeren. Am kürzlich geöffneten Cafe trinke ich Kaffee und wir essen einen Muffin. Mit gutem Willen kann kann man das schon feiern nennen. Nur ist unser Feiern vielleicht ein bisschen anders. Ich mag den Sommerbeginn. Sehr. Und ich mag ihn mir auch bewusst herholen und mich einstimmen. Aber ich mag nicht, dass die Tage schon wieder kürzer werden, sprich, dass in Bälde die Nächte wieder dunkel sind, obwohl mir immer noch der Winter in den Knochen sitzt.
Mutter-Sohn-Dialog:
Max: Mama! Du bist a Fisch und i bin a Nilpferd!
Ich: Ma, Max, i will jetzt lieber Zeitung lesen. Passt des für di?
Max: Ja.
Er geht.
Und sagt zu sich selber: A komischer Fisch, der Zeitung liest.
Es ist Juni. Und der Blick richtet sich wieder gespannt nach unten.
Mit Juni kommen nämlich die Touristen. Und mit den Touristen ausländische Autokennzeichen. Ja, das ist wirklich etwas Besonderes in dieser ansonsten so finnischen Homogenität. Plötzlich sieht man - zwar nur vereinzelt, aber doch - Autos mit schwedischen, estnischen, weißrussischen, ja, sogar mit deutschen Nummerntafeln. Ich freu mich immer wie ein kleines Kind, wenn ich so jemanden sehe, und verspüre größte Lust, mit den Menschen hinter den Lenkrädern ein Gespräch anzufangen. Was natürlich etwas kompliziert ist als Autofahrer.
Das ist eines der Dinge, die sich mit meinem Umzug nach Finnland gänzlich verändert haben. Habe ich mich früher in Tirol in bestimmten Tälern oder Gegend einfach nur geärgert über die Touristenströme, die gefühlt gesehen alles vereinnahmt und kaum Platz für "uns" übrig gelassen haben, so freue ich mich jetzt sehr, wenn sich doch einmal jemand von woanders her zu uns verirrt und in seinen kostbaren Urlaubswochen den Norden kennenlernen und erfahren will.
Apropos Touristenströme: Ich habe die Piefke-Saga auf DVD bestellt. Zum einen um der guten alten Zeiten Willen und zum anderen, um Kalle das Verständnis des Tirolseins vielleicht etwas zu erleichtern.
Im Zuge dessen habe ich ein Interview mit Felix Mitterer gesehen. Er hat erzählt, dass er anfangs, als er nach Irland gezogen ist, sich sehr schwer getan hat mit der Sprache. Mit Schulenglisch springt man schließlich nicht sehr weit in einem englischsprachigen Land. Und dann hat er gesagt - und das war äußerst interessant für mich - dass ihm mit der Zeit deutsche Wörter nicht mehr eingefallen sind. Was für ihn als deutschsprachigen Autor natürlich eine Katastrophe war. Das hat dann dazu geführt, dass er tatsächlich wieder nach Österreich ziehen hat müssen. Heute lebt er in Niederösterreich und alles ist gut.
Mich hat dieses Interview sehr nachdenklich gestimmt. Mir gehts nämlich ähnlich. Auch ich vergesse sukzessive Wörter auf Deutsch oder ich muss sehr lange nachdenken, bis ich dieses eine Wort finde, das ich jetzt eigentlich bräuchte. Und es ist leider überhaupt nicht so, dass sich im Gegenzug dazu mein schwedischer, englischer oder finnischer Wortschatz erweitern würde.
Das macht mir ein bisschen Angst. Obwohl ich keine Autorin bin. Ich bin die Birgit. Und ich habe Angst, dass sich mein Ich mit der sukzessive verschwindenden Sprache sukzessive auflöst. Was auch eine ziemliche Katastrophe wäre.
Ping. Pong. Ping. Pong.
Das ist das mir bekannte und für mich übliche Szenario beim Sich-gegenseitig-Kennenlernen.
Ping: Treff ma uns amal?Pong: Ja. Gern. Wie wärs mit ... ?
Ping: Super.
-
Pong: Schön wars das letzte Mal. Soll ma uns wieder mal treffen?
Ping: Oh, ja. Total gern.
Finnisches Kennenlernen:
Ping. Ping. Ping. Ping. Pong. Ping. Ping.
Ping: Treff ma uns amal?
Pong: Ja.
-
Ping: Und? Was meinst? Jetzt treff ma uns dann amal, ha?
Pong: Ja. Sicher.
Ping: Und wann?
Pong: I meld mi.
-
Ping: Du, kommst amal vorbei auf an Kaffee?
Manchmal werd ich ganz nervös.
Manchmal finde ich dieses Spiel sehr lustig.
Manchmal werde ich übermütig und spiele gleich zwei Mal hintereinander Ping, ohne dem anderen die Möglichkeit für ein Pong einzuräumen. Und schaue, was passiert.
Manchmal fehlt mir jedes Verständnis für dieses Gebärden.
Und manchmal, da kommt Pong als natürliche Reaktion auf Ping einfach so daher, und ich bin überwältigt.
![]() |
| der typische Junge-Leute-Samstag-Abend in Finnland |
Kochen hat für mich im Gegensatz zu vielen anderen Menschen nie zu meinen Leidenschaften gehört.
Als ich noch allein gelebt habe, habe ich nur äußerst selten gekocht. Es gab keine Notwendigkeit dafür. Vereinzelt ist es natürlich trotzdem vorgekommen, dass ich meinen Topf gezückt habe, aber es war immer nur ich, die von mir bekocht wurde. Mein Anspruch war ein geringer und zudem wurde ich der Restln Herr. Eine gute Kombination, wie ich finde. Ich kann vermutlich an einer Hand abzählen, wie oft ich damals in meinem alten Leben für jemand anderen gekocht habe. Es ist anstrengend und aufwendig und teuer und wenn mich jemand fragt, was am nervigsten ist am Mamasein, dann sage ich, dass es genau dieses regelmäßige Zubereiten und Essen von Essen ist. Aber, man gewöhnt sich ja an vieles.
Sagt man.
Woran ich mich aber nur sehr schlecht gewöhnen kann, ist diese Gewohnheit in Finnland, sich selber zum Essen einzuladen. Da kanns schon passieren, dass jemand anruft, a bissl derzählt und erwähnt, dass er in der Gegend ist, und dann fällt ihm ein, dass er morgen ja vorbeikommen könnte "so umma 12, ha?". Das ist etwas, was mich echt nervt.
Es hat etwas mit Gastfreundschaft zu tun. Ich weiß, dass das nicht zu meinen Stärken zählt. Und es tut mir ja auch echt Leid.
Aber es ist ja viel mehr als das.
Plötzlich muss eingekauft werden (und das Geschäft ist bei uns ja nicht mal grad so um die Ecke), weil, nein, wir haben nicht zufällig noch ein paar Restln für eine zusätzliche mehrköpfige Familie im Topf.
Die speziellen Diäten wie Laktoseintoleranz und Fleischvorlieben wollen berücksichtigt werden.
Es soll ja auch nach was schmecken und im besten Fall ansprechend ausschauen und duften.
Aber worums mir eigentlich geht: Ich selber würde so etwas nie tun. Ich finde, das hat was mir Unverfrorenheit und Sich-Aufdrängen zu tun.
Und mein Problem dabei ist: Ich bin weder spontan noch offen für Überraschungen sozialer Art und schon gar nicht eine flexible, kreative und glückliche Köchin.
Puh.
Nett ists trotzdem immer wieder, wenn Besuch daherkommt.
Kalle kümmert sich dann freundlicher Weise immer um das Kochen.
Und ich muss an dieser Stelle jetzt echt mal festhalten, dass Integrationsarbeit etwas verdammt Schwieriges ist. Es gibt Kulturunterschiede auch dort, wo man es nicht für möglich hält, weil sie in so alltäglichen und kleinen Allerweltskontexten auftreten, dass man nicht einmal darüber nachdenkt, geschweige denn damit rechnet. Und gerade das ist das Herausforderndste an der Integration, finde ich.
Und dann, dann gemma Kaffeetrinken zum Strand, ganz draußen am Ende unserer Inselgruppe.
Und ich rede mit der Frau, die das Cafe übernommen hat. Sie kommt aus Äthiopien und lacht und erzählt und wir Ausländerinnen finden sofort Gemeinsames.
Und wir treffen in eben diesem Cafe, dort am Ende der Welt, einen jungen Mann, der mit seinem Segelboot von Åland bis hierher gesegelt ist.
Und wir gehen in den Tante-Emma-Laden draußen am Ende der Welt, und dort gibt es Casali Rumkugeln!
Und wir kaufen Marmelade beim hiesigen Marmeladeproduzenten, und wir reden mit der Frau und sie mit uns, als wärs nie anders gewesen.
Und wir kommen heim, und schon kommen unsere ersten Radreisenden für heuer zu uns hereingeschwenkt.
Und zum krönenden Abschluss treffen Max und ich eine Mama, die ebenso wie ich die Idee hat, dass das wichtigste am Kindsein das Kindsein ist.
Solche Tage sind ein Wunder! Und ein Glück! Und eine Freude!
Alles Liebe und alles Wunderbare für euch!
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit
![]() |
| Max auf dem Krokodil unterwegs in seine Welt |


