Sonntag, 25. Oktober 2015

25.10.15 - Sauuuuuna



Der Finne und seine Sauna. Das gehört zusammen wie der Russe und sein Wodka. Oder der Japaner und seine Kamera. Oder der Tiroler und seine Lederhose.
 
Grundsätzlich geh ich mit Klischees sehr vorsichtig um. Es ist schnell amal etwas dahingesagt oder besser gesagt nachgesagt, was dann oft jeglicher Grundlage entbehrt. Doch hier, liebe Leute, das kann ich euch sagen, alles, was man sich in seiner kühnsten Phantasie bezüglich finnischer Sauna ausmalen kann und mag, es stimmt!
 
In der Sauna werden Geschäfte abgeschlossen und politische Entscheidungen getroffen.
Hier gibt es Wettbewerbe unter dem unausgesprochenen Motto "Wer hälts länger aus?", und der eine oder der andere (ich bleibe bewusst bei "der") hat dabei auch schon mal sein Leben gelassen.
In früheren Tagen hat man hier seine Kinder zur Welt gebracht und Kranke geheilt, aus dem einfachen Grund, weil das der einzig saubere, keimfreie Raum weit und breit war.
Und auch heute noch gehört die Sauna zur Grundausstattung einer jeden Wohnstatt sowie Klo, Bett und Dusche.  Jedes Haus hat seine eigene Sauna. Sogar in den Hochhäusern mit zig-Wohnungen drin (ja, auch die gibts hier!) findet sich in jeder neueren Wohnung eine Sauna. Und falls nicht, dann auf jeden Fall eine Gemeinschaftssauna irgendwo im Keller für alle. Und weil man ja nicht immer im eigenen Haus hockt, gibt es auch in Krankenhäusern (sogar auf der Geburtenstation!), Booten, in den Sommerhäusern und gar im Parlament Saunen.
 
Darf ich euch nun unsere Sauna vorstellen? Voilá, hier ist sie.
 
Von aussen (aufgenommen im Frühling):
 
 


Und von innen:


 

Der Grund, warum ich euch heute so viel von der finnischen Sauna erzähle, ist, weil wir endlich wieder mit unserem Saunaritual gestartet haben nach längerer After-giving-birth-Pause.
 
Wir sind mittendrin im Herbst. Dunkel wirds. Die Blätter sind abgefallen, die kräftigen gelben und roten Farben wandeln sich zu braun. Es ist kalt und man fängt an, sich sein Nestl herzurichten, sodass einem der Winter nix anhaben kann.
Und grad jetzt, mitten in dieser Zeit, wos langsam grausig wird, gibts nix feineres als in der Sauna zu sitzen.
Schon allein das Einigehn ist so genial. Man muss sich das so vorstellen, dass wir ja mit nix oder sehr, sehr wenig von unserm Haus in die Sauna ummigehen, also aussi, Tür zu, 4 Stufen runter, 5 - 8 m ummi, 2 Stufen auffi, Schuhe ausziehen und eini. Wenns kalt ist, kann sich dieser Weg ganz schön in die Länge ziehen. Aber eben, dann das Einigehen. Mmmmm.... Die Hitze kommt von vorn, eh klar, und dann, nachdem die Tür zu ist, langsam, ganz langsam tastet sie sich vor, bis hin zum Buggl. Es ist wie eine Umarmung. Schliesse die Augen und spüre, wie die Hitze meinen kalten, frierenden Körper aufnimmt, einhüllt. Das ist der schönste Moment des ganzen Saunagangs für mich.
Zur Zeit sitz ich allein in der Sauna. Kalle ist bei Max. Süsses Nixtun. Ab und zu Wasser auf den Ofen schmeissen, wenns zu trocken oder zu "kalt" wird. Und dann nur dasitzen und schwitzen, die Hitze einatmen, den Kerzenflammen zuschauen, wie sie durch die Glasscheibe verzerrt flackern (warum flackern sie, wenn die Luft sich nicht bewegt?), Gedanken kreisen lassen, durch die beschlagenen Fensterscheiben zum Haupthaus ummischauen und wissen, dort sind meine 2 lieben Menschen und habens fein miteinand, wieder zurückkommen mit der Aufmerksamkeit, die heisse Wand am Rücken spüren, den Schweiss, wie er vom Gesicht runterrinnt, mich anschauen, meinen Körper, Augen schliessen, spüren, atmen, Wasser aufn Ofen schmeissen, atmen, schwitzen - und irgendwann das Gefühl: Puh, aussi!!! Ja. Und dann geh ich raus. Spür und atme die kalte Luft, trink was, geh herum, schau auf die Sterne, versuche die wenigen Sternenbilder, die ich kenne, zu finden, geh vielleicht aufs Klo grad irgendwo, und dann fang ich bald an zu frieren. Und geh einfach wieder rein. Nach 3 Gängen ists dann meistens genug und ich stell mich unter die Dusche.
Nach unserm After-Sauna-Meeting mit Tee, Obst und ratschen schläft sichs ganz besonders gut. Es ist soviel fein! A wöchentliche Reinigung. Innen und aussen. Körperlich und geistig. Und ganz überhaupt.
 
Kalles Sauna war der Grund, dass wir uns überhaupt begegnet sind.
Seine Sauna war der Grund, dass ich länger als nur auf einen Kaffee geblieben bin.
Und seine Sauna ist mit ein Grund, dass ich immer noch da bin :-).
 
Alles Gute, alles Liebe, liebe Leute!
 
Pfiatenk und Hej då -
d'Birgit
 
 
 

Mittwoch, 14. Oktober 2015

14.10.15 - Die Mama und das Sein = Mamasein


 
Max liegt auf der Couch und schläft. Wie schön.

Es ist wirklich unglaublich, und ich kann es mir selbst nicht erklären, doch Fakt ist, es bleibt keine Zeit für nix mehr. Wenn Kalle unterwegs ist, dann bedeutet das für mich: 24 Stunden Bereitschaft. Erklär einem kleinen, neuen Weltenbürger, dass du aufgrund von Schlafmangel grad selber furchtbar müde bist und eigentlich gern 15 min rasten würdest. Oder dass du nur schnell duschen gehst, also dann eh gleich wieder da bist. Das wird genau nicht funktionieren.
 
Ich jammere nicht. Ganz im Gegenteil. Manchmal, wenn ich ihn anschaue, dann durchströmt mich die Liebe, das Hingezogensein zu ihm so tief und so erbarmungslos, dass ich weinen könnt.
 
Es ist aber ganz klar so, dass sich mein Blick auf die Dinge, konkret: aufs Mamasein, verändert hat, seit ich selber Mama bin. Das Mamasein ist ein Fulltime-Job. Ein einsamer Fulltime-Job. Der Tag ist voll mit Baby und Haushalt. Da ist nix mehr mit mal in aller Ruhe einen Kaffee trinken. Oder nur mal schnell einkaufen fahren. Telefonieren? Puh... Ja, eh. Ich ruf dich an.
Jeder Spaziergang wird zum durchorganisierten Event. Wann hat er das letzte Mal gegessen? Muss ich vorher noch füttern? Hab ich die Windeln gewechselt? Wie lange hält ers aus ohne essen? Wohin könnt ich gehen und wie lange brauch ich dazu? Brauch ich dazu den Wagen oder den Tragsack? Und - wie kalt ist es? Wieviel Gwand braucht er, dass ers fein hat? Da kanns dann schon passieren, dass von dem Moment der Entscheidung "Wir gehen spazieren" bis hin zur tatsächlichen Ausführung gleich amal eineinhalb Stunden vergehen.
 
Und dann ruft mich Kalle an von einer seiner Geschäftsreisen und fragt: Und? Was habt ihr heute gemacht?
...
 
Flüchtlingsströme ziehen durch Europa.
Auf den meisten Bäumen sind schon fast keine Blätter mehr.
VW hat Schmäh geführt mit seinen Abgaswerten.
Jeder dritte Mensch in Wien hat blau gewählt, also, möchte gern die FPÖ ganz weit oben wissen.
 
Diese und alle anderen Dinge "da draussen" berühren mich nur mehr am Rande. Schäme mich fast dafür, und doch ist es so.
Meine Welt ist sehr klein geworden. Dreht sich in erster Linie um Max, und dann um uns, bevor dann amal a Zeit lang nix kommt und danach erst "die Welt". Ich hab mir das Muttersein in vielen verschiedenen Facetten ausgemalt, doch diese Farbe war so nicht in meinem Repertoire vorgesehen.
 
Mittlerweile ists dunkel geworden. Max gibt seine Aufwachtöne von sich. Und weiter gehts :-).
 
Habts es fein, liebe Leute!
Und schauts gut auf euch.
 
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit
 
 
 
 

Sonntag, 4. Oktober 2015

04.10.15 - Ungleichbehandlung oder Das fortschrittliche Finnland



Finnland. Als Teil Skandinaviens wird es in Österreich immer als Paradebeispiel für so vieles herangezogen, dass man glatt meinen könnte, hier herrsche das Paradies vor. Das Schul- und das Sozialsystem suche ihresgleichen, die Frage der Gleichbehandlung von Mann und Frau stelle sich nicht und ganz überhaupt ist "dort oben" sowieso immer alles besser.
Ich frage mich, wie es dazu kommt und wer solche Dinge aufgrund von welcher Grundlage in die Welt setzt.
 
Ich möchte meinem Erstaunen über das finnische System hier durch eine kürzlich erlebte Geschichte Ausdruck verleihen.
 
Ein Brief kommt ins Haus geflattert. Adressiert an Muller Birgit. Aufgrund des fehlenden Üs auf der finnischen Tastatur heisse ich in beinahe jeder offiziellen Stelle Muller anstatt Müller. Hier haben sie die Punktln mit dem Kugelschreiber nachgezeichnet, was ich schon wieder fast süss finde. Das Sozialamt also schreibt mir, dass sie vom Magistrat die Information erhalten haben, dass ich ein Kind geboren habe ohne verheiratet zu sein und dass ich aufgrund dessen mit dem Vater des Kindes im Amt zu erscheinen habe, um die Vaterschaft zu klären. Häh? Hierzu muss erklärt werden, dass nur unverheiratete Paare diesen Weg ins Amt machen müssen. Denn, bei denen weiss man ja nie, wer mit wem und wie oft und überhaupt...
 
Ein befreundetes Paar, ebenfalles unverheiratet (ts, ts, ts), hatte diese Prozedur bereits hinter sich. Auf die Frage, was uns da erwartet, haben sie gemeint, dass es eigentlich ganz harmlos ist. Es sei nur eine Frage zum Sexualverhalten der Frau um die Zeit der Empfängnis gekommen, sonst sei aber alles ganz ok gewesen. Was?!?!!! Ich war empört! Aber gleichzeitig wurde ich auch sehr neugierig auf das, was uns das erwartete.
 
Wir sind also nach Oravais. Zum Sozialamt.
 
 


Mit Max im Schlepptau. Der musste nämlich auch dabei sein (zwecks Gesichtsvergleich?).
Zu zweit haben sie uns in der Wartehalle abgeholt und uns durch das undurchsichtige Amtslabyrinth in ihr Büro geleitet. Das hat sich erst noch a bissi unheimlich angefühlt, grad so, als wollten sie uns getrennt voneinander befragen. Bis sich dann herausstellte, dass die 2. Frau eingeschult wurde und wir nach der Erstinformation nur ganz, ganz viele Formulare unterschreiben mussten. Das wars dann auch schon wieder.
 
Also, nicht weiter tragisch, oder?
Ja. Eh. Nur - diese klare Ungleichbehandlung von verheirateten und unverheirateten Paaren mutet mir völlig absurd an. Nur, weil ich nicht verheiratet bin, muss ich sagen: Ja, Kalle ist wirklich der Vater. Und, ja, ich teile mir die Aufsichts- und Sorgepflicht für Max mit ihm zu gleichen Teilen. Ja. Ganz echt. Hier habts sogar meine Unterschrift. Und er muss das seinerseits natürlich auch tun. Verheirateten Paaren bleibt dies zur Gänze erspart. Weil, bei denen ist die Sache ja klar, nit? (Wenn das Leben nur immer so einfach wäre!)
 
Andererseits - ich hab keine Ahnung, wie es in Österreich ist. Vielleicht noch absurder? Oder vielleicht ist das ja gar nicht absurd? Vielleicht ist das normal, dass man nur als verheiratetes Paar Kinder in die Welt setzen soll? Oder vielleicht ist es normal, dass unverheiratete Paare sich ruhig rechtfertigen und erklären sollen, wenn sie schon nicht gewillt sind, den "guten" Weg zu gehen?
Was weiss ich. Vielleicht bin ich auch nur sehr sensibel.
 
Verbleibe recht freundlich und mit einem verwunderten
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit
 
PS: Sie wollten nicht einmal wissen, wie er heisst. Er ist also offiziell immer noch "Pojke" (Junge). Irgendwie traurig.