Mittwoch, 30. Januar 2019

31.01.19 - Jännergedanken


Was mach ich bloß? Es kann doch nicht sein, dass ich hier im Winter-Finnland der Couch gnadenlos ausgeliefert bin!! Spaziergänge in öder, abwechslungsloser Baumlandschaft turnen mich nicht an und Langlaufen ist eine Alternative, aber keine Freude. Skaten auf dem Eis ist super. Nur leider abhängig von Wetter, Eis- und Schneebeschaffenheit, Temperaturen, Sonnenstand und meinem Mann, den ich angesichts des Meeres unter mir brauche und dementsprechend selten durchführbar. Schneeschaufeln mag ich auch. Aber als geile Freizeitbeschäftigung? Wohl eher nicht. Pfff...

Da kommt mir unser Lapplandausflug vom Jahre 2015 in den Sinn. Ich, die ich gerade frisch nach Finnland gezogen bin mit einem Schitrauma im Gepäck, hab mich damals zum ersten Mal seit Jahren wenn nicht Jahrzehnten wieder auf Schier gestellt. Auf Carvingschier. Wow! Was für ein Erlebnis!
Es ist genau dieses Gefühl des Lebendigseins, der winterlichen Begeisterung, der Kälte im Gesicht, des Juchizens im Mund und des Kribbelns im Herzen, das sofort in mich schießt, wenn ich daran denke.
Und das, was mir in Österreich nie in den Sinn gekommen wäre, erscheint mir plötzlich als der Weisheit letzter Schluss.
Ok. Auf ins Gschäft. Das Glück ist mit mir und ich entdecke ein wirklich gutes Ausverkaufsangebot, das mich sofort zuschlagen lässt. Wunderbar! Also dann, nichts wie auffi aufn Berg.
Ja. Ich geb ja zu, "Berg" ist vielleicht ein bisschen zu hoch gegriffen. Das Wort "Hügel" beschreibt diese Erhöhung, den ein Schlepplift in zwei Abfahrten teilt, viel besser. 
So schauts da aus.


Es ist deshalb so dunkel, weil der Lift an Wochentagen nur am Abend in Betrieb ist. Also dann, wenns dunkel ist. 
Und es schneit.

Ja. So steh ich also da in meiner neuen Ausrüstung, warte, bis endlich aufgesperrt wird und komm mir dabei unglaublich lächerlich vor. Die Teenies scharen sich um mich, die meisten davon Jungs, und sie sind genauso cool wie zu meiner Zeit, auch wenn sich das Outfit verändert hat. Meine Augen suchen vergeblich Erwachsene, die nicht nur als Taxi fungieren, sondern auch Schifahren wollen.

Der Lift sperrt auf.
Ich will gerne die Letzte sein. Doch das wollen die anderen offensichtlich auch.
Ok. Dann fahr ich eben los. Eine Unterführung leitet mich zum Lift. Ich bleibe stehen, versuche das Gefühl der Angst zu verdrängen, das mich als junges Mädchen immer angesichts eines Schleppliftes überkommen hat und verstaue stattdessen mein Geld, den Autoschlüssel und die Liftkarte in meine Jackentaschen, als ich zwei Männer dort am Lifteingang stehen sehe. Aufgrund ihres Aussehens gehe ich davon aus, dass es sich um Liftangestellte handelt, freue mich über eventuell benötigte Hilfe und steuere vertrauensvoll auf die beiden zu, um mich dem Kontrollschranken widmen zu können. Als höflicher Mensch begrüße ich sie und sie freuen sich sehr, stellen sich als Journalisten der hiesigen Tageszeitung vor und fragen mich, ob sie mich interviewen dürfen.
Was? Mich? Na!
Na ge. Bitte!
Mei, aber wieso denn grad ich?
Ja, weil das grad so gut passt.
Hm. Ok. Na dann.
Will ja keine Spielverderberin sein.

Und so kommt die fast ganzseitige Reportage über die Eröffnung des Liftes und der Österreicherin, die hier keine Berge findet, zustande.



Dass ich dann mehrere Fahrten gebraucht habe, bis ich endlich entdeckt habe, wie das Liftkartensystem funktioniert ohne jedes Mal die Handschuhe ausziehen zu müssen, um mit bloßer Hand in der Jackentasche nach der Karte zu kramen, während die Meute von Jungs hinter mir schon ungeduldig im Schnee scharrt, und dass die ersten 3 Fahrten ziemlich steif und unsportlich und ganz und gar nicht vorzeigemäßig verliefen, das hat das Vasabladet verschwiegen.
Danke, Daniel und Jonny!

So kommt es also, dass ich meine Wurzeln wieder aktiviere und im ausgerechnet flachsten Land Europas (Holland sei hier ausgenommen) dem Ruf meines bis dato ziemlich schweigsamen Schifahrerherzens folge, voller Vertrauen, dass meine Suche nach dem Gefühl des Lebendigseins, der winterlichen Begeisterung, der Kälte im Gesicht, des Juchizens im Mund und des Kribbelns im Herzen mit eben jenem belohnt wird.
Schau ma mal, dann seh ma ja, wie meine frühere Arbeitskollegenrunde zu sagen pflegte.


"Wenn unser Haus zum Brennen anfangen täte, dann täte mein Feuerwehrauto kommen und es löschen."
Danke, Max. Das ist beruhigend zu wissen.


Ich glaube ja, wir alle sind dazu aufgefordert, in positiver Weise mitzugestalten in dieser Welt. Leben nicht nur für sich, sondern immer auch das große Ganze im Auge habend.
Max hat das schon sehr gut heraußen.
Und wir sind auch dran.

Ich für meinen Teil bleibe zum Beispiel dran, die Menschen hier zu begrüßen, wenn ich ihnen begegne und dabei zu lächeln, wenns grad passt. Das mag für Mitteleuropäer etwas seltsam klingen, aber nicht für uns hier im Norden. Man respektiert des anderen Privatsphäre in so ausgeprägter Weise, dass es durchaus irritierend sein kann, wenn ein wildfremder Mensch durch ein "Hallo!" Aufmerksamkeit einfordert, ohne sonst etwas zu wollen. Wenn man sich nicht kennt, dann ignoriert man sich. Dann stört man sich auch nicht. Und ist so gesehen eh freundlich. Also gut. Ich sehe das anders, weil ich glaube, dass auch sehr kleine Dinge und Gesten die eigene kleine Welt schöner machen können. Und ich bin der Meinung, es fühlt sich besser an, gesehen anstatt ignoriert zu werden.
Dass dieses Vorhaben relativ befremdliche Situationen zur Folge haben kann, zeigt dieses Beispiel hier:
Wir kommen von unserer Österreichreise zurück und begeben uns auf dem Weg nach Hause in ein Geschäft, um das Nötigste fürs Frühstück und das erste Mittagessen einzukaufen. Wir suchen also unsere Sachen zusammen und kommen zur Kasse. Dort warten wir, weil einer vor uns ist, und dann sind wir an der Reihe. Ich sage klar und deutlich: "Hej!", also "Hallo!". Er schaut auf und sagt völlig verwirrt: "Häh?", also "Häh?". Ich sage noch einmal Hej, und er fängt an zu erklären, was er denn jetzt geglaubt hat und dass das doch meine Sachen sind usw und usf. Meine Begrüßung war offenbar sehr irritierend für ihn. Und für mich seine Reaktion.
Aber deshalb einfach nicht mehr grüßen? Nein. Das fühlt sich noch blöder an.

Während ich hier meinen Blog schreibe, scheint die Sonne vom klaren, blauen Himmel. Sie ist trotz des längeren Tages noch sehr schwach und die -25 Grad von der Nacht steigen nur marginal.

Der Übergang von dort nach da, also von Österreich nach Finnland, gestaltet sich immer noch schwierig. Trotz all der Jahre, trotz aller Routine. Ich mag Finnland. Ich mag unser Häusl und ich mag die Möglichkeiten, die ich hier habe und von denen ich in Österreich nicht einmal zu träumen gewagt habe. Und trotzdem: Es ist schwer. Mein Tiroler-Ich schaut sich um in Finnland und denkt sich lei: "Holadirieiho, wo sein meine Berg?"
Nun sind wieder ein paar Tage vergangen und ich hab mich wieder gut im Griff. Es hat ein paar neue Perspektiven gebraucht und ein paar aktive Schritte in das Umsetzen von Wünschen und Ideen. Und das Leben geht weiter.

In meinen Gedanken bin ich sehr viel bei der spanischen Familie, die ihr Kind verloren hat in einem illegal gebohrten Wasserloch in Spanien.
Ich bin viel beim Klimawandel und Kalle und ich haben diesen in unserem Bewusstsein, wenn wir über unsere gemeinsame Zukunft spekulieren, träumen.
Ich bin viel bei der Digitalen Revolution und schaue angewidert und erschreckt auf jene, die unter dem vermeintlichen Profit "das ist ja so praktisch" gern und freiwillig ihre Souveränität und Lebensfähigkeit an Google und Co. abgeben.
Ich bin auch viel bei der österreichischen Politik. Immer noch.
Und ich bin viel bei den Menschen in Tirol, bei jenen, die's grad nicht leicht haben und die trotzdem ihr Leben zu leben haben, ohne dass ich auch nur das Geringste dazu beitragen könnte.
Ich bin aber auch viel beim Urmenschlichen, bei Liebe und Verlust, bei der Sehnsucht nach Großem oder auch einfach nur nach Sinn, bei Leben und Tod. Musik, Literatur und Film sind die kreativen Kanäle, die Bilder und Gefühle provozieren und mich mit dem Wesentlichen konfrontieren.

Musik...

Ich hab eine Idee. Ich muss los 😊!

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit