Samstag, 29. Oktober 2016

29.10.16 - Ein Tag im Leben der Birgit M.


Es ist halb 10. Kalle steht neben mir. "How long would you like do stay in bed still?"
Ich strecke mich. Oh - wie herrlich!
Ich schaue aus dem Fenster. Das erste Mal, seit wir in unserem neuen Schlafzimmer sind, ist klarer Himmel. Hmmmm.
Ich suche die Sonne. Sie ist noch nicht aufgegangen.
Ich mach noch mal die Augen zu. Sehe die Reste meines Traumes nur mehr verschwommen. Der Verstand hat sich eingeschaltet, will sie festhalten. Sie verschwinden.
Noch mal tief durchschnaufen.
Ok. Aufstehen? Aufstehen!
Ich komme in die Küche. Max isst gerade sein Mellanmål, was so was ähnliches ist wie "Neinan" in Aschau, "Marendn" in Südtirol, grosse Pause in der Schule und Vormittagspause in der Arbeit.
Und das Frühstück steht bereits am Tisch. So fein.
Während Max in der Stube Musik für uns spielt, indem er den Knopf seines Musikbuches drückt, essen Kalle und ich unseren Haferbrei. Wir haben uns vorgenommen, Deutsch zu sprechen. Demenstrechend leise und wortkarg hammas miteinand. Ich höre meine Kiefer, wie es das Essen zermahlt, und stelle fest, dass Schlucken ziemlich laut ist, wenn die Umgebung leise ist. Ich blättere ein wenig in der Zeitung und stosse auf die Kontaktanzeigen. Und unser Schweigen weicht einer angeregten Diskussion. Wir finden eine 77-jährige Frau für Kalle, aber leider keinen Mann für mich. Die sind alle mindestens 20 Jahre älter. Ok. Da diese besagte Frau in Hamburg wohnt und Kalle Hamburg nicht viel abgewinnen kann, bleiben wir am besten doch einfach zusammen.
Max wird langweilig. Und er ist müde. Oder? Ich tanze mit ihm. Vielleicht schläft er ja ein. Ja. Eh. Irgendwie. Oder? Nein. Doch nicht. Die Sonnenstrahlen sind ja so lustig. Aber irgendwie - die Müdigkeit legt sich einfach über ihn. Ich bringe ihn ins Bett. Neeeeiiiiin!!!!! Niiiicht schlafen!!!! Pfffff. Ok. Tanzen. Singen. Schaukeln. Irgendwann doch noch - schlafen.
Es ist das Englische, das uns die Worte gibt, die uns in anderen Sprachen noch fehlen. Ohne es zu merken wechseln wir immer wieder in das uns Vertraute und Verbindende. Und so reden wir. Endlich. Über dies. Über jenes. Und dann noch das.
Und dann fällt mir ein, dass ich ja den Ikea-Kasten fertigbauen wollte. Dieses Projekt zieht sich nun schon über mehrere Tage und langsam reichts.
Während ich baue und Kalle kocht, ist Max in seinem Zimmer und spielt dort. Nach einer Weile höre ich ihn kommen. Er krabbelt zum Gatterl, das verhindern soll, dass er die Treppen raufkommt. Ich beobachte ihn. Er kommt zum besagten Gatterl, und ohne sich einzuhalten steht er einfach auf. Und nimmt erst danach die Stäbe in seine Hände. Wow. Schon wieder etwas Neues. Schon wieder etwas, das er zum ersten Mal macht. Jeden Tag passiert nun irgendetwas zum ersten Mal.
Irgendwann ist der Kasten fertig.
Irgendwann fällt Max hin und er empört sich darüber lautstark und tränenreich.
Irgendwann ist Zeit zum Windelnwechseln.
Irgendwann ist die Pizza fertig und Kalle schiebt sie in den Ofen.
Irgendwann hängen bereits Hemden im neuen Kasten.
 
Die Sonne scheint immer noch.
Die Temperatur hat endlich die Null-Grad-Marke überwunden und man kann sie mit viel gutem Willem als Plusgrade bezeichnen.
 
Wir haben heute unseren Ausraste- und Ruhetag. Es war ganz schön viel die letzten Wochen. Kalle ist nur mehr sehr selten zu Hause, zumal ihn seine Arbeit in alle möglichen Winkel und Ecken Finnlands treibt. Max war die letzten Tage wieder einmal krank, was bei ihm Hand in Hand geht mit unendlich viel Nähebedürfnis und unendlich wenig nächtlichen Schlaf. Ich bin gern für ihn da. Und es wird zur Herausforderung, ein Zeitfenster zu finden, in dem ich auch nur seinen Brei pürieren kann. Und ich bin immer wieder erstaunt darüber, was man alles einhändig machen kann.
 
Und dann kommen Tage wie diese.
Hab ich es gut? Und wie!
Werde ich verwöhnt? Ja!
 
Und ich schaue aus dem Fenster. Während Kalle und Max sich dem Garten widmen, ziehen Wolken gemächlich durch mein Blickfeld, bereitet die Sonne ihren Abschied vor und die letzten Schwankolonien brechen auf in den Süden. Ich nippe an meinem Kaffee und schliesse die Augen. Ich atme. Sehe putzige Szenen mit Max vorbeiziehen, Kalles Worte kommen mir in den Sinn, ja, sogar meine Schüler tauchen auf in meiner Dankbarkeits- und Glücksgefühlswolke.
Meine Schüler? Ach Gott, meine Schüler! Ich muss ja noch vorbereiten!
Oh. Und gerade jetzt kommt Max herein. Er braucht was zu essen.
Und sein Bett muss ich ja noch frisch überziehen.
Und...

Ok. Das wars.
Pfiati, Gemütlichkeit.
Pfiati, Auszeit.

Pfiat enk, liebe Menschen.
Pfiat enk und hej då -
d'Birgit







Samstag, 22. Oktober 2016

22.10.16 - Der Tag, an dem ich von zu Hause ausgezogen bin


Ich öffne die Tür. Und mir entkommt ein: "Ma, geil!"
Mein Hotelzimmer ist so aufgeteilt, dass man den Eindruck bekommt, als wären es zwei Räume. Der, in dessen Mitte ich nun steh, hat eine Couch mit einem ziemlich grauslichen Überwurf, einen Tisch, und einen Schreibtisch, hinter dem eine grosse Holzwand aufgebaut ist. Im zweiten Raum, also hinter der Schreibtischtrennwand, befindet sich das Bett. Ein Doppelbett. Das Holz der Möbel ist dunkel. Der Boden ist dunkel. Von den Decken hängen Kristallluster (ja, echt!) und überall sind Spiegel in goldenen Rahmen angebracht. Ich öffne die Badezimmertür. Und stelle erst mal fest, dass der Lichtschalter nicht funktioniert. Und derweil möchte ich so gerne die Badewanne sehen! Ah ja, die Karte, also den Schlüssel, muss man ja irgendwo reinstecken, damit man Strom hat. Die Suche nach dem Schlitz gestaltet sich schwieriger, als man annehmen könnte, aber schlussendlich ist diese doch von Erfolg gekrönt. Und da erstrahlt alles vor mir in hellem Lusterschein. Und die Badewanne! Herrlich! Riesig. Es ist in Wirklichkeit ein Whirlpool für Zwei. Die Fliesen sind schwarz mit kunstvollen Ornamenten verziert, die Wasserhähne sowie der Duschschlauch goldfarben, und die Sauna ist genau so, wie man sich eine finnische Sauna vorstellt.
 
Da bin ich also. Ich stelle erst mal meinen Rucksack und die Laptop-Tasche ab. Und geh aufs Klo.
 
So. Und jetzt?
 
Wie bin ich hier gelandet? Es hat sich schon seit geraumer Zeit abgezeichnet, aber nun haben wir den Punkt definitv erreicht. Der Punkt, an dem einem klar wird, dass es vorbei ist. Vorbei sein muss. Es geht einfach nicht mehr. Was heisst, es geht nicht mehr? Natürlich ginge es noch. Wir könnten ewig so weitermachen. Es gibt Menschen, die mehrere Jahre daran festhalten. Aber wir haben uns entschieden. Und die Konsequenz ist schmerzlich, aber zu tragen. Ich habe meinen Rucksack gepackt, die wichtigsten Dinge wie Geldtasche und Führerschein in meine Handtasche gegeben, den Laptop mitgenommen - der Blog will ja schliesslich trotzdem geschrieben werden - und dann hab ich mich verabschiedet. Von beiden. Mit schwerem Herzen und mit Tränen in den Augen. Max hat gestrampelt und gequietscht. Ihm war die Tragweite natürlich nicht bewusst. Und Kalle, ja, Kalle hat mir einen Abschiedskuss gegeben. Und dann bin ich in mein Auto gestiegen. Mein Auto, das mich einst von Tirol hierher gebracht hat.
 
Und hier sitze ich nun. Das Zimmer ist toll. Und trotzdem fühle ich mich verloren. Mit leerem Blick starre ich in die Ferne und sehe die inneren Bilder wie einen Film vor mir ablaufen. Wie schön doch alles angefangen hat mit uns! Es war so - natürlich und unglaublich unkompliziert. Und für mich hat es sich sehr bald so angefühlt, als wäre es immer schon so gewesen. Natürlich hat es manchmal auch etwas genervt. Und doch war es für mich immer etwas Besonderes. Weisst du noch? Es war etwas, das nur uns beiden gehört hat. Etwas, das sich auch nicht erzählen oder teilen lässt. Und wenn ich zurückschaue in mein früheres Tiroler Leben, ich hab mir nie vorstellen können, dass mir einmal etwas so Wunderbares widerfahren wird. Und doch ist es passiert. Und ich bin so unendlich dankbar. Für jeden Moment. Und ich weine. Ich weine, weil es vorbei ist. Ich weine, weil ich mich leer fühle. Ich weine, weil ich nicht weiss, wie es nun in Zukunft sein wird. Was wird aus uns und unseren gemeinsamen Nächten?
 
Ich mache den soeben erstandenen Rotwein auf. Ein Merlot aus Italien. Ich schenke mir ein Glas ein und stosse an auf das, was war, und auf das, was sein wird. Mein Blick gleitet über das Bett. Und bleibt an der Tür zum Badezimmer hängen. Ok. Ich bin traurig. Aber, darf ich nicht trotzdem dieses Zimmer mit all seinen luxuriösen Vorzügen geniessen? Natürlich darf ich! Ich lasse das Whirlpool volllaufen, während ich mich meiner Kleider entledige. Vorsichtig fühle ich mit der Spitze meines grossen Zehs (wer hatte eigentlich die bescheuerte Idee, das vordere Teil eines Zehs als Spitze zu bezeichnen???) die Wassertemperatur und alsbald lasse ich mich in die Tiefe sinken. Das Wasser nimmt mich in sich auf. Und ich tauche dankbar ab. Und bald wieder auf. Der Schaum verdeckt meinen gesamten Körper und ich spiele mit ihm, beobachte fasziniert die Lichter, die sich in den einzelnen Schaumflocken spiegeln, spüre die Wärme, die mich ganz weich macht, und ich fange an zu singen. Und dann bin ich bereit. Ich schalte das Whirlpool ein. Erst passiert mal ganz lang gar nichts, sodass ich schon den Knopf ein zweites Mal drücken möchte, als plötzlich ein unglaubliches Getöse und Gebrumme loslegt, sodass mir der Schreck in alle Glieder fährt. Und dann fängts an zu blubbern und zu rauschen. Oioioi. Eine der Düsen zielt direkt auf meinen Rücken, während eine andere sich mein linkes Bein vorgenommen hat. Aua! Hilfe! Wo war gleich noch mal der Ausschalteknopf? Puh. Die Stille legt sich über mich. Und so soll es bleiben. Ich bin wohl doch eher der langweilige Badewannentyp.
 
Diese Geschichte hat sich gestern abgespielt. Ich habe noch einige Gläser Rotwein getrunken, habe mir mein Buch vorgeknöpft, und bin dann mitten in der Nacht um 1 oder so ins Bett gefallen. Das Frühstück war genial und ausgiebig und ich konnte endlich wieder mal die Zeitung lesen während ich meinen Kaffee geschlürft habe. Das war nun seit mehr als 13 Monaten nicht mehr der Fall. Hab mich dann abermals meinem Buch gewidmet. Und dann hab ichs nicht mehr ausgehalten.
 
Ich bin heim. Hab den quietschenden und freudig-zappelnden Max in meine Arme genommen und nicht mehr losgelassen, und hab zum Kalle weder Hallo noch sonst irgendwas Nettes gesagt, sondern einfach nur: "Und?" Ich war ja so neugierig.
Wir haben mit gestern das nächtliche Stillen beendet. Und Max hat es super gemacht. Er ist schon aufgewacht, natürlich, aber er ist dann auch wieder eingeschlafen. Manchmal hat er ein bisschen an dem angebotenen Wasser genippt, aber manchmal nicht einmal das. Und am Morgen hat er so getan, als sei alles ganz normal. Er ist ja so genial! Und ich bin so stolz auf ihn!
 
Es ist wieder ein Schritt getan. Wie schnell er wächst! Und wie schnell sich alles verändert! Jeden Tag ist wieder irgendetwas Neues, das er kann oder tut. Es wird nicht mehr lange dauern, und er wird uns seine neue Freundin oder seinen neuen Freund vorstellen. Und dann wirds nicht mehr lange dauern und er zieht aus. Oioioi...
 
Auf das Leben :-)!
 
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit




Samstag, 15. Oktober 2016

14.10.16 - Kribbeln im Bauch


Ich schaue aus dem Fenster.
Eine Stechmücke hat sich verirrt und dabei vergessen, dass sie eigentlich schon längst vom Kältetod hätte niedergestreckt werden müssen.
Die wenigen noch verbliebenen Blätter auf den Bäumen haben ihren Kampf bereits aufgegeben. Sie sind braun und dempremiert, völlig antriebslos hängen sie herum und sie warten nur noch auf einen Windstoss, der sie endlich zu Boden sinken lässt.
Feucht ists. Und grausig. Mich zieht nichts mehr raus in diese wenig einladende Welt.
Stattdessen verschanze ich mich bei einem Zeitloch vor meinen Computer. Ich schreibe e-Mails, lese meine Texte und schaue, was sich ausserhalb meiner kleinen Welt so tut.
Und das ist oft sehr ungesund.
 
Ich sehe zB ein Video, in dem eine Gruppe von Männern aus der südlichen Gegend Österreichs zu der Frage interviewt wird, was sie davon hält, dass Frauen Männern gegenüber immer noch nicht gleichgestellt sind. Einer von ihnen ist offenbar der Wortführer. So wie das halt immer ist in jeder Gruppe. Und dieser Wortführer meint, dass das ja kein Problem ist für Frauen, zumal das ja schon mehr als 2000 Jahre lang so war und sich das ja durchaus bewährt hat. Die anderen Gruppenmitglieder lachen nur ihr dreckiges Lachen. Und dann fügt er noch hinzu, dass er kein Problem damit hätte, dürften die Frauen nicht wählen.
Dieses Interview wurde in Österreich, in diesem zentralen, europäischen Land, im Jahre 2016 geführt.

Ich schaue aus dem Fenster.
Und mir sausen Bild- und Wortfetzen dieses Interviews durchs Gehirn.
Und in meinem Magen wirds ganz eng.
Und ich sehe vor meinem geistigen Auge Menschen beiderlei Geschlechts, die ich kenne, die diese Aussagen benicken würden.
Und ich bin wütend über meine eigene Unfähigkeit, auf solchen Schwachsinn angemessen, d.h. sachlich, kühl, klug und mit starken Worten, zu reagieren.
Und mir kommt die Schlagzeile "Die Macht der Beleidigten" in den Sinn und einige Passagen der Ausführungen des Artikels. Danke, Zeit!
Und Michelle Obama, die in so fantastischer und kluger Weise ihre Sicht der nicht nur amerikanischen Dinge zur Verfügung stellt, spaziert durch meine Gehirnwindungen und winkt mir zu.
 
Meine Gedanken drehen sich weiter, während meine Augen immer noch die Stechmücke bei ihrem Versuch, Fensterscheiben verschwinden zu lassen, verfolgen.
 
Wie ist das in Finnland? In diesem Land, wo scheinbar alles besser ist?
Schlagartig wird mir klar, wie wenig ich in Wirklichkeit weiss über dieses Land, das mir seit mehr als zwei Jahren eine Heimat bietet.
Und dann wieder denk ich mir, dass das eh nichts mit einem Staat zu tun hat, sondern immer nur mit dem Menschen selbst. Es gibt da wie dort Aufgeschlossenheit und Verbohrtheit. Es gibt da wie dort Klugheit und Dummheit. Es gibt da wie dort - alles. Sogar in jedem einzelnen Menschen gibt es - alles. Jegliche menschliche Regung zeigt sich, sobald es Menschen gibt. Immer und überall.
 
Ich schaue aus dem Fenster. Die Stechmücke ist verschwunden.
Und ich weiss, dass eine meiner grossen Aufgaben ist und sein wird, Max mit Respekt zu begegnen und ihn immer wieder zu bestätigen in seiner Besonderheit. Denn nur, wenn jemand Respekt erfährt, wird er auch Respekt vor anderen haben. Und nur, wenn jemand sich selber mag, wird er anderen Menschen in Augenhöhe begegnen und in echten Kontakt treten können.
 
Unbehaglich ists mir zumute.
Und mit Unbehagen im Gemüt lasse ich es gut sein für heute.
 
Habts es gut.
Seids gut und respektvoll zu- und miteinander. Bitte.
 
Pfiat enk und Hej då -
d' Birgit
 
 
Ein Bild aus Tagen, die sich angefühlt haben wie das Spiel eines Schmetterlings mit dem lauen Sommerlüfterl.
 

Samstag, 8. Oktober 2016

08.10.16 - Mein Tick


Hallo. Ich bin die Birgit. Und - ich habe einen Tick.
 
Jedes Mal, wenn ich den Computer hochfahre, schaue ich mir dieselben Seiten in immer derselben Reihenfolge im Internet an, bevor ich zu arbeiten beginne. Outlook-Posteingang, Facebook, Nachrichten, Wetterbericht von da und dort, Traueranzeigen.
Ja. Traueranzeigen. Wenn ich viel Zeit habe, schaue ich mir die verstorbenen Menschen genau an. Ihre Gesichter, die auf ein Foto gebannt sind, von dem niemand geahnt hat, dass es einmal das Sterbebild sein wird. Mit diesem Ausdruck im Gesicht, der alles mögliche zeigen kann, nur nie die Idee vom nahen Tod. Ich lese die Namen. Wenn ein mir unbekannter Mensch einen mir bekannten Nachnamen trägt, lese ich zudem die Namen der Trauernden. Manchmal lese ich die Texte in der Rubrik "Kondolenzbuch". Manchmal zünde ich eine virtuelle Gedenkkerze an, wenn ich jemanden gekannt habe, dem aber nicht nahe gestanden bin. Wie wird es sich anfühlen, wenn ich das erste Mal die Todesanzeige eines Menschen sehe, der eine Bedeutung und eine Rolle in meinem Leben spielt?
 
"Keiner kommt hier lebend raus." Wer war das gleich noch einmal? Keine Ahnung. Aber, die Kraft und der Trost, die von diesem Satz ausgehen, sind aussergewöhnlich.
 
Ich für meinen Teil spüre den Tod ständig im Genick. Manchmal macht mir seine Unberechenbarkeit enorme Angst. Es gibt Menschen, die ich liebe und deren Tod ich mir weder vorstellen kann noch vorstellen will. Aber manchmal, da ist der Gedanke an diesen dunklen Genossen ungemein förderlich und unterstützend. Er wird kommen. Da führt nichts daran vorbei. Das Wissen um das sichere Ende verwandelt das alltägliche Leben in ein Wunder, in ein Geschenk, das ich einfach so aufmachen und geniessen darf. Tagtäglich. Stündlich. Minütlich.
Beides ist. Und beides nimmt Raum. Und ist unterlegt mit einem Repertoire an Gefühlen, dass einem bei näherer Inspektion ganz schwindlig wird.
 
In Momenten grösster Freude und dem mir grösstmöglichem Einklang mit mir selbst, kommt der Gedanke: Jetzt wärs ok.
 
Seit ich in Finnland bin.
Seit ich in Finnland bin, ist alles ein bisschen anders.
Die Besorgnis um das Wohlergehen und um das Leben von Menschen, die mir innerlich nahe, aber räumlich fern sind, ist grösser.
Das manchmal auftauchende Sich-Ausgesetztfühlen auf diesem Planeten empfinde ich intensiver.
Das Im-Moment-Sein fällt mir zunehmend leichter, woran Max und Kalle einen beträchtlichen Anteil haben.
Die Freude über die beiden Adler, die wir heute von unserem neuen Schlafzimmer aus im Bett liegend gesehen haben, war tief.
Und mein Kämpfen und Strampeln und Rudern im Leben wird geringer und weicht einem sich sanften Wiegen im Sein.
Das alles sind nichts anderes als unterschiedliche Gesichter von ein und demselben Gesellen. Nämlich vom Tod.
Und er, ja, wie soll ich sagen? Er verliert irgendwie an Monstrosität. Und er wird zunehmend ein Teil vom Leben. Von meinem Leben. Das glaube ich zumindest. Oder hoffe es.
 
Ich bin die Birgit, und ich habe einen Tick.
Einen Tick? Ich habe unendlich viele Ticks. Wie schön!
 
Pfiat enk! Hej då!
d'Birgit