Samstag, 22. Oktober 2016

22.10.16 - Der Tag, an dem ich von zu Hause ausgezogen bin


Ich öffne die Tür. Und mir entkommt ein: "Ma, geil!"
Mein Hotelzimmer ist so aufgeteilt, dass man den Eindruck bekommt, als wären es zwei Räume. Der, in dessen Mitte ich nun steh, hat eine Couch mit einem ziemlich grauslichen Überwurf, einen Tisch, und einen Schreibtisch, hinter dem eine grosse Holzwand aufgebaut ist. Im zweiten Raum, also hinter der Schreibtischtrennwand, befindet sich das Bett. Ein Doppelbett. Das Holz der Möbel ist dunkel. Der Boden ist dunkel. Von den Decken hängen Kristallluster (ja, echt!) und überall sind Spiegel in goldenen Rahmen angebracht. Ich öffne die Badezimmertür. Und stelle erst mal fest, dass der Lichtschalter nicht funktioniert. Und derweil möchte ich so gerne die Badewanne sehen! Ah ja, die Karte, also den Schlüssel, muss man ja irgendwo reinstecken, damit man Strom hat. Die Suche nach dem Schlitz gestaltet sich schwieriger, als man annehmen könnte, aber schlussendlich ist diese doch von Erfolg gekrönt. Und da erstrahlt alles vor mir in hellem Lusterschein. Und die Badewanne! Herrlich! Riesig. Es ist in Wirklichkeit ein Whirlpool für Zwei. Die Fliesen sind schwarz mit kunstvollen Ornamenten verziert, die Wasserhähne sowie der Duschschlauch goldfarben, und die Sauna ist genau so, wie man sich eine finnische Sauna vorstellt.
 
Da bin ich also. Ich stelle erst mal meinen Rucksack und die Laptop-Tasche ab. Und geh aufs Klo.
 
So. Und jetzt?
 
Wie bin ich hier gelandet? Es hat sich schon seit geraumer Zeit abgezeichnet, aber nun haben wir den Punkt definitv erreicht. Der Punkt, an dem einem klar wird, dass es vorbei ist. Vorbei sein muss. Es geht einfach nicht mehr. Was heisst, es geht nicht mehr? Natürlich ginge es noch. Wir könnten ewig so weitermachen. Es gibt Menschen, die mehrere Jahre daran festhalten. Aber wir haben uns entschieden. Und die Konsequenz ist schmerzlich, aber zu tragen. Ich habe meinen Rucksack gepackt, die wichtigsten Dinge wie Geldtasche und Führerschein in meine Handtasche gegeben, den Laptop mitgenommen - der Blog will ja schliesslich trotzdem geschrieben werden - und dann hab ich mich verabschiedet. Von beiden. Mit schwerem Herzen und mit Tränen in den Augen. Max hat gestrampelt und gequietscht. Ihm war die Tragweite natürlich nicht bewusst. Und Kalle, ja, Kalle hat mir einen Abschiedskuss gegeben. Und dann bin ich in mein Auto gestiegen. Mein Auto, das mich einst von Tirol hierher gebracht hat.
 
Und hier sitze ich nun. Das Zimmer ist toll. Und trotzdem fühle ich mich verloren. Mit leerem Blick starre ich in die Ferne und sehe die inneren Bilder wie einen Film vor mir ablaufen. Wie schön doch alles angefangen hat mit uns! Es war so - natürlich und unglaublich unkompliziert. Und für mich hat es sich sehr bald so angefühlt, als wäre es immer schon so gewesen. Natürlich hat es manchmal auch etwas genervt. Und doch war es für mich immer etwas Besonderes. Weisst du noch? Es war etwas, das nur uns beiden gehört hat. Etwas, das sich auch nicht erzählen oder teilen lässt. Und wenn ich zurückschaue in mein früheres Tiroler Leben, ich hab mir nie vorstellen können, dass mir einmal etwas so Wunderbares widerfahren wird. Und doch ist es passiert. Und ich bin so unendlich dankbar. Für jeden Moment. Und ich weine. Ich weine, weil es vorbei ist. Ich weine, weil ich mich leer fühle. Ich weine, weil ich nicht weiss, wie es nun in Zukunft sein wird. Was wird aus uns und unseren gemeinsamen Nächten?
 
Ich mache den soeben erstandenen Rotwein auf. Ein Merlot aus Italien. Ich schenke mir ein Glas ein und stosse an auf das, was war, und auf das, was sein wird. Mein Blick gleitet über das Bett. Und bleibt an der Tür zum Badezimmer hängen. Ok. Ich bin traurig. Aber, darf ich nicht trotzdem dieses Zimmer mit all seinen luxuriösen Vorzügen geniessen? Natürlich darf ich! Ich lasse das Whirlpool volllaufen, während ich mich meiner Kleider entledige. Vorsichtig fühle ich mit der Spitze meines grossen Zehs (wer hatte eigentlich die bescheuerte Idee, das vordere Teil eines Zehs als Spitze zu bezeichnen???) die Wassertemperatur und alsbald lasse ich mich in die Tiefe sinken. Das Wasser nimmt mich in sich auf. Und ich tauche dankbar ab. Und bald wieder auf. Der Schaum verdeckt meinen gesamten Körper und ich spiele mit ihm, beobachte fasziniert die Lichter, die sich in den einzelnen Schaumflocken spiegeln, spüre die Wärme, die mich ganz weich macht, und ich fange an zu singen. Und dann bin ich bereit. Ich schalte das Whirlpool ein. Erst passiert mal ganz lang gar nichts, sodass ich schon den Knopf ein zweites Mal drücken möchte, als plötzlich ein unglaubliches Getöse und Gebrumme loslegt, sodass mir der Schreck in alle Glieder fährt. Und dann fängts an zu blubbern und zu rauschen. Oioioi. Eine der Düsen zielt direkt auf meinen Rücken, während eine andere sich mein linkes Bein vorgenommen hat. Aua! Hilfe! Wo war gleich noch mal der Ausschalteknopf? Puh. Die Stille legt sich über mich. Und so soll es bleiben. Ich bin wohl doch eher der langweilige Badewannentyp.
 
Diese Geschichte hat sich gestern abgespielt. Ich habe noch einige Gläser Rotwein getrunken, habe mir mein Buch vorgeknöpft, und bin dann mitten in der Nacht um 1 oder so ins Bett gefallen. Das Frühstück war genial und ausgiebig und ich konnte endlich wieder mal die Zeitung lesen während ich meinen Kaffee geschlürft habe. Das war nun seit mehr als 13 Monaten nicht mehr der Fall. Hab mich dann abermals meinem Buch gewidmet. Und dann hab ichs nicht mehr ausgehalten.
 
Ich bin heim. Hab den quietschenden und freudig-zappelnden Max in meine Arme genommen und nicht mehr losgelassen, und hab zum Kalle weder Hallo noch sonst irgendwas Nettes gesagt, sondern einfach nur: "Und?" Ich war ja so neugierig.
Wir haben mit gestern das nächtliche Stillen beendet. Und Max hat es super gemacht. Er ist schon aufgewacht, natürlich, aber er ist dann auch wieder eingeschlafen. Manchmal hat er ein bisschen an dem angebotenen Wasser genippt, aber manchmal nicht einmal das. Und am Morgen hat er so getan, als sei alles ganz normal. Er ist ja so genial! Und ich bin so stolz auf ihn!
 
Es ist wieder ein Schritt getan. Wie schnell er wächst! Und wie schnell sich alles verändert! Jeden Tag ist wieder irgendetwas Neues, das er kann oder tut. Es wird nicht mehr lange dauern, und er wird uns seine neue Freundin oder seinen neuen Freund vorstellen. Und dann wirds nicht mehr lange dauern und er zieht aus. Oioioi...
 
Auf das Leben :-)!
 
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit




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