Es ist halb 10. Kalle steht neben mir. "How long would you like do stay in bed still?"
Ich strecke mich. Oh - wie herrlich!
Ich schaue aus dem Fenster. Das erste Mal, seit wir in unserem neuen Schlafzimmer sind, ist klarer Himmel. Hmmmm.
Ich suche die Sonne. Sie ist noch nicht aufgegangen.
Ich mach noch mal die Augen zu. Sehe die Reste meines Traumes nur mehr verschwommen. Der Verstand hat sich eingeschaltet, will sie festhalten. Sie verschwinden.
Noch mal tief durchschnaufen.
Ok. Aufstehen? Aufstehen!
Ich komme in die Küche. Max isst gerade sein Mellanmål, was so was ähnliches ist wie "Neinan" in Aschau, "Marendn" in Südtirol, grosse Pause in der Schule und Vormittagspause in der Arbeit.
Und das Frühstück steht bereits am Tisch. So fein.
Während Max in der Stube Musik für uns spielt, indem er den Knopf seines Musikbuches drückt, essen Kalle und ich unseren Haferbrei. Wir haben uns vorgenommen, Deutsch zu sprechen. Demenstrechend leise und wortkarg hammas miteinand. Ich höre meine Kiefer, wie es das Essen zermahlt, und stelle fest, dass Schlucken ziemlich laut ist, wenn die Umgebung leise ist. Ich blättere ein wenig in der Zeitung und stosse auf die Kontaktanzeigen. Und unser Schweigen weicht einer angeregten Diskussion. Wir finden eine 77-jährige Frau für Kalle, aber leider keinen Mann für mich. Die sind alle mindestens 20 Jahre älter. Ok. Da diese besagte Frau in Hamburg wohnt und Kalle Hamburg nicht viel abgewinnen kann, bleiben wir am besten doch einfach zusammen.
Max wird langweilig. Und er ist müde. Oder? Ich tanze mit ihm. Vielleicht schläft er ja ein. Ja. Eh. Irgendwie. Oder? Nein. Doch nicht. Die Sonnenstrahlen sind ja so lustig. Aber irgendwie - die Müdigkeit legt sich einfach über ihn. Ich bringe ihn ins Bett. Neeeeiiiiin!!!!! Niiiicht schlafen!!!! Pfffff. Ok. Tanzen. Singen. Schaukeln. Irgendwann doch noch - schlafen.
Es ist das Englische, das uns die Worte gibt, die uns in anderen Sprachen noch fehlen. Ohne es zu merken wechseln wir immer wieder in das uns Vertraute und Verbindende. Und so reden wir. Endlich. Über dies. Über jenes. Und dann noch das.
Und dann fällt mir ein, dass ich ja den Ikea-Kasten fertigbauen wollte. Dieses Projekt zieht sich nun schon über mehrere Tage und langsam reichts.
Während ich baue und Kalle kocht, ist Max in seinem Zimmer und spielt dort. Nach einer Weile höre ich ihn kommen. Er krabbelt zum Gatterl, das verhindern soll, dass er die Treppen raufkommt. Ich beobachte ihn. Er kommt zum besagten Gatterl, und ohne sich einzuhalten steht er einfach auf. Und nimmt erst danach die Stäbe in seine Hände. Wow. Schon wieder etwas Neues. Schon wieder etwas, das er zum ersten Mal macht. Jeden Tag passiert nun irgendetwas zum ersten Mal.
Irgendwann ist der Kasten fertig.
Irgendwann fällt Max hin und er empört sich darüber lautstark und tränenreich.
Irgendwann ist Zeit zum Windelnwechseln.
Irgendwann ist die Pizza fertig und Kalle schiebt sie in den Ofen.
Irgendwann hängen bereits Hemden im neuen Kasten.
Die Sonne scheint immer noch.
Die Temperatur hat endlich die Null-Grad-Marke überwunden und man kann sie mit viel gutem Willem als Plusgrade bezeichnen.
Wir haben heute unseren Ausraste- und Ruhetag. Es war ganz schön viel die letzten Wochen. Kalle ist nur mehr sehr selten zu Hause, zumal ihn seine Arbeit in alle möglichen Winkel und Ecken Finnlands treibt. Max war die letzten Tage wieder einmal krank, was bei ihm Hand in Hand geht mit unendlich viel Nähebedürfnis und unendlich wenig nächtlichen Schlaf. Ich bin gern für ihn da. Und es wird zur Herausforderung, ein Zeitfenster zu finden, in dem ich auch nur seinen Brei pürieren kann. Und ich bin immer wieder erstaunt darüber, was man alles einhändig machen kann.
Und dann kommen Tage wie diese.
Hab ich es gut? Und wie!
Werde ich verwöhnt? Ja!
Und ich schaue aus dem Fenster. Während Kalle und Max sich dem Garten widmen, ziehen Wolken gemächlich durch mein Blickfeld, bereitet die Sonne ihren Abschied vor und die letzten Schwankolonien brechen auf in den Süden. Ich nippe an meinem Kaffee und schliesse die Augen. Ich atme. Sehe putzige Szenen mit Max vorbeiziehen, Kalles Worte kommen mir in den Sinn, ja, sogar meine Schüler tauchen auf in meiner Dankbarkeits- und Glücksgefühlswolke.
Meine Schüler? Ach Gott, meine Schüler! Ich muss ja noch vorbereiten!
Oh. Und gerade jetzt kommt Max herein. Er braucht was zu essen.
Und sein Bett muss ich ja noch frisch überziehen.
Und...
Ok. Das wars.
Pfiati, Gemütlichkeit.
Pfiati, Auszeit.
Pfiat enk, liebe Menschen.
Pfiat enk und hej då -
d'Birgit
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