Samstag, 8. Oktober 2016

08.10.16 - Mein Tick


Hallo. Ich bin die Birgit. Und - ich habe einen Tick.
 
Jedes Mal, wenn ich den Computer hochfahre, schaue ich mir dieselben Seiten in immer derselben Reihenfolge im Internet an, bevor ich zu arbeiten beginne. Outlook-Posteingang, Facebook, Nachrichten, Wetterbericht von da und dort, Traueranzeigen.
Ja. Traueranzeigen. Wenn ich viel Zeit habe, schaue ich mir die verstorbenen Menschen genau an. Ihre Gesichter, die auf ein Foto gebannt sind, von dem niemand geahnt hat, dass es einmal das Sterbebild sein wird. Mit diesem Ausdruck im Gesicht, der alles mögliche zeigen kann, nur nie die Idee vom nahen Tod. Ich lese die Namen. Wenn ein mir unbekannter Mensch einen mir bekannten Nachnamen trägt, lese ich zudem die Namen der Trauernden. Manchmal lese ich die Texte in der Rubrik "Kondolenzbuch". Manchmal zünde ich eine virtuelle Gedenkkerze an, wenn ich jemanden gekannt habe, dem aber nicht nahe gestanden bin. Wie wird es sich anfühlen, wenn ich das erste Mal die Todesanzeige eines Menschen sehe, der eine Bedeutung und eine Rolle in meinem Leben spielt?
 
"Keiner kommt hier lebend raus." Wer war das gleich noch einmal? Keine Ahnung. Aber, die Kraft und der Trost, die von diesem Satz ausgehen, sind aussergewöhnlich.
 
Ich für meinen Teil spüre den Tod ständig im Genick. Manchmal macht mir seine Unberechenbarkeit enorme Angst. Es gibt Menschen, die ich liebe und deren Tod ich mir weder vorstellen kann noch vorstellen will. Aber manchmal, da ist der Gedanke an diesen dunklen Genossen ungemein förderlich und unterstützend. Er wird kommen. Da führt nichts daran vorbei. Das Wissen um das sichere Ende verwandelt das alltägliche Leben in ein Wunder, in ein Geschenk, das ich einfach so aufmachen und geniessen darf. Tagtäglich. Stündlich. Minütlich.
Beides ist. Und beides nimmt Raum. Und ist unterlegt mit einem Repertoire an Gefühlen, dass einem bei näherer Inspektion ganz schwindlig wird.
 
In Momenten grösster Freude und dem mir grösstmöglichem Einklang mit mir selbst, kommt der Gedanke: Jetzt wärs ok.
 
Seit ich in Finnland bin.
Seit ich in Finnland bin, ist alles ein bisschen anders.
Die Besorgnis um das Wohlergehen und um das Leben von Menschen, die mir innerlich nahe, aber räumlich fern sind, ist grösser.
Das manchmal auftauchende Sich-Ausgesetztfühlen auf diesem Planeten empfinde ich intensiver.
Das Im-Moment-Sein fällt mir zunehmend leichter, woran Max und Kalle einen beträchtlichen Anteil haben.
Die Freude über die beiden Adler, die wir heute von unserem neuen Schlafzimmer aus im Bett liegend gesehen haben, war tief.
Und mein Kämpfen und Strampeln und Rudern im Leben wird geringer und weicht einem sich sanften Wiegen im Sein.
Das alles sind nichts anderes als unterschiedliche Gesichter von ein und demselben Gesellen. Nämlich vom Tod.
Und er, ja, wie soll ich sagen? Er verliert irgendwie an Monstrosität. Und er wird zunehmend ein Teil vom Leben. Von meinem Leben. Das glaube ich zumindest. Oder hoffe es.
 
Ich bin die Birgit, und ich habe einen Tick.
Einen Tick? Ich habe unendlich viele Ticks. Wie schön!
 
Pfiat enk! Hej då!
d'Birgit
 
 
 
 

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