Der Herbst legt sich mit seinem goldenen Licht und seinen frischen Winden übers Land.
Viele der Birken sind bereits kahlgefegt und lassen den Blick in die Weite zu. Und plötzlich sind sie wieder allgegenwärtig. Die Elche.
| In Ermangelung eines Fotos eines echten Elches hier Spielplatzelche. |
Diese mächtigen Wesen, uralt und Ehrfurcht gebietend, streifen anmutig durch die Wälder, nehmen sich da eine Blaubeerstaude und dort ein Büschel Gras, solange es noch wächst, und stossen ihre mal heiseren, mal singenden Brunftschreie aus. So weit, so wunderbar und grossartig.
Bis ein lauter Krach den Zauber jäh zerreisst. Ein Schuss peitscht durch die Luft. Und wieder wird so ein erhabenes Tier zur armen Sau, weil es diesen Menschen, der da in sicherer Entfernung irgendwo auf dem Hochsitz sitzt und sich ins Fäustchen lacht, nicht bemerkt hat.
Herbstzeit ist Elchschiesszeit. Sie ist bereits die zweite Woche im Gang.
Um Menschen zu schützen, also Jogger oder Kinderwagenschiebende oder Radlfahrer, werden Schilder am Strassenrand aufgestellt. Das sieht so aus...
... und bedeutet: "He, Leute, nehmts euch in Acht, die Wahnsinnigen sind wieder am Weg. Jene, die auf alles schiessen, was sich bewegt." Es wird allen Ernstes geraten, zur eigenen Sicherheit eine orange Weste anzuziehen (keine Rote, wegen der Rot-Grün-Farbblindheit, die nur Männer betrifft und die schon so manchem Finnen das Leben gekostet hat)!
Und mit Sicherheit bleibt einem auch dieser Anblick nicht erspart:
Eine Blutspur, die sich über die Strasse zieht.
Und:
Die Innereien, die achtlos neben die Strasse geschmissen werden. Die Vögel freuen sich. Mir stellts die Grausbirn auf und ich werde einfach nur wütend über diese Respektlosigkeit der Menschen.
Mit den Elchen kommt die Elchfliege. Sobald sich die Stechmücken aus dem Staub gemacht haben bzw. diese aufgrund von Frostnächten in den ewigen Stechmückenhimmel eingegangen sind, hat ihre Stunde geschlagen. Dieses Vieh gehören zu den grausigsten, die ich kenne. Ihr Lebensraum ist der Wald. Wovon es ja genug gibt hier bei uns. Sobald sie einen Elch findet, stürzt sie sich auf ihn, wirft intelligenter Weise gleich ihre Flügel ab, sodass sie nicht mehr von ihrem Opfertier wegkommt, und saugt Blut. Sie lebt dort wie im Schlaraffenland bis an ihr Lebensende. Wenn man aber Mensch ist und Pech hat, dann verwechselt einen dieses Viech mit einem Elch, stürzt sich auf einen, wirft seine Flügel ab und macht sichs gemütlich. Sie kann von dem Blut der Menschen nicht lange leben. Aber sie krabbelt in den Haaren herum, man kann sie fast nicht greifen, weil sie sich verkriecht und versteckt, und sie beisst natürlich. Bäh, es ist widerlich. Und hält mich fern von jedem Wald.
Damit nicht genug. Hat schon mal jemand von der Fensterfliege gehört? Sie treibt vor allem im Frühling und im Herbst ihr Unwesen. Und am liebsten hier in Finnland. Denn, so ist es üblich und so will es ein ungeschriebenes finnisches Gesetz, hier verwendet man doppeltes Fensterglas. Da wird nicht lang gefragt und nicht lang herumgefackelt, es wird einfach eingebaut. Fertig. Damit das aber nicht zum feuchten Desaster wird zwischen den Scheiben, wird im Aussenfenster ein kleines Loch gemacht. Diese seltsame Gepflogenheit rettet ihr Überleben und die Fensterfliege hat ein leichtes Spiel. Sie krabbelt durch das Loch in den Zwischenraum und legt dort ihre Eier ab. Da hilft auch alles Putzen nichts. Die Eier sind so winzig, dass sie in Spalten abgelegt werden, die ich nicht einmal sehen kann. Und dann, wenn die Sonne scheint und ihre Wärme verbreitet, schlüpft der Nachwuchs. Mich hat fast der Schlag getroffen, als ich nach meiner Fensterputzsession am Vormittag im neuen Zubau noch einmal rauf bin, um etwas zu holen, und dort mindestens 50 Fliegen oder noch mehr zwischen den Fenstern herumfliegen gesehen habe.
Sie sieht so aus:
Sie tut so, als sei sie eine ganz normale Stubenfliege. Man hat keine Chance, sich von ihr zu befreien. Vertreibt man eine von ihnen, kommen 20 andere nach. Das einzige, was mir/uns eingefallen ist: Gift. Werde ich wirklich zu jemandem, der Gift anwendet gegen Tiere? Ich???
Der Herbst hat aber auch noch andere tierische Gesichter.
Die Kraniche. Diese riesigen Vögel mit einer Flügelspannweite von mehr als 2 Metern. Im Herbst machen sie sich auf den Weg in wärmere und hellere Gefilde. Also in Richtung Süden. Vorher aber treffen sie sich noch unzählige Male in grossen Gruppen, um zu - ja, warum eigentlich? Ich hab ehrlich gesagt keine Ahnung. Aber es schaut wunderschön aus und mich durchflutet bei ihren herbstlichen Meetings jedesmal ein Gefühlsmix aus Wehmut, Neid und Freude.
Schwäne.
Sie hängen oft einfach nur so rum in irgendwelchen Lacken oder gar auf den Feldern. Manchmal eine Familie mit 2, 3 Kindern, manchmal ein ganzer Clan mit 50 Tieren oder so. Vermutlich bereiten auch sie sich schon vor für ihre Reise in den Süden.
Der Ruf der Schwäne und der der Kraniche ist ein sehr ähnlicher und ich habe ziemlich lange gebraucht, um ihn unterscheiden zu können. Und bis heute bin ich mir nicht ganz sicher.
Der Herbst hat seinen eigenen Klang, seinen Geruch, seine Emotionen, seine Farben, seine Früchte und - seine Tiere.
Manche von ihnen hab ich erst hier in meinem neuen Daheim-Land kennengelernt.
Jedes von ihnen berührt mich auf irgendeine Weise emotional.
Die Dunkelheit deckt mich zu.
Die Welt wird still.
Und ich harre dem, was da kommen will.
Pfiat enk. Hej då.
- d'Birgit
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