Samstag, 28. Oktober 2017

29.10.17 - Ein Kaffeeplausch



 
Die Qualität des Bildes lässt einiges an Wünschen offen. Zu meiner Verteidigung sei gesagt: Das Foto ist durch die Fensterscheibe gemacht. Der Inhalt aber, der überstrahlt alles, wie ich finde.

Hier seht ihr einen der vielen Gründe, warum ich Kalle so liebe. Max darf immer und überall dabei sein. Er bekommt alle Möglichkeiten, um seine eigene Erfahrungen machen. Und er wird nie dem Gefühl ausgesetzt, lästig zu sein.
 
Gestern hatten Max und ich Besuch von einer Mutter mit 2 Kindern. Und während Max einen eventuellen neuen Freund auf seine Tauglichkeit als Spielgefährte hin abgecheckt hat, hatte ich vermutlich mein erstes Mutter-Austauschgespräch überhaupt. Ich kann nur sagen: Es war erstaunlich. Auf beiden Seiten hamma uns nur gewundert.
 
Ich: Was? Ihr seid seit 17 Jahren zusammen???
Sie: Was? Max schaut nicht fern?
Ich: Was? Du telefonierst jeden Tag mit deiner Mama?
Sie: Was? Max ist alleine draussen und beschäftigt sich selber?
Ich: Was? Du backst einen Frozen-Eisprinzessinnen-Kuchen zum Geburtstag???
Sie: Was? Kalle hat den ganzen Sommer frei?
 
Hui, was es nicht alles gibt!
 
Manchmal hab ich das Bedürfnis, unseren Begleitstil, den wir für Max entwickelt haben, einer Art Prüfung zu unterziehen. Das geht nie mit einer Freundin. Das geht immer nur mit meinem Mann.
Sind wir noch auf dem richtigen Weg?
Haben wir was übersehen?
Wo geht Max grad um?
Wie gehts uns als Eltern?
All die wichtigen Fragen eben, die eine gute, glückliche, geborgene Kindheit wenn schon nicht garantieren, so doch zumindest unterstützen.
Und ich muss immer wieder feststellen, wenn ich mir diesen wunderbaren, schon so grossen und selbstständigen, mutigen, intensiv empfindenden, achtsamen und strahlenden kleinen Buben so anschaue: Wir sind gut unterwegs.
Die grossen Kämpfe sind bisher ausgeblieben.
Das gegenseitige Vertrauen ist gross und stabil.
Die Freude mit- und aneinander unübertrefflich.

Aber eine Geschlechtsgenossin dazuhaben, eine Kaffeetrinkerin, eine Nicht-Familienangehörige, eine Nicht-mit-Kalle-Verbundene, eine Ähnlichaltrige, und noch dazu eine mit Kind, sodass auch Max auf seine Kosten kommt, das ist wirklich eine aussergewöhnliche Erfahrung.
Was früher ganz selbstverständlich war, nämlich der Austausch mit anderen Menschen, hat sich hier in diesem meinem finnischen Leben zur absoluten Rarität entwickelt.
Und ich muss sagen: Ich mag es!

Das Schaukelpferd wiehert in Max' Zimmer.
Das Feuer knistert im Ofen.
Kalle singt.
Und das Leben geht weiter.
Und es bleibt spannend.

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit

 

Sonntag, 22. Oktober 2017

22.10.17 - Wunderbare Neuigkeiten

 
Da fesche Bua macht also jetzt Politik, die Fans applaudieren, und ich halte mich an Arik Brauer, der da sagt: Auf die 5 Jahre kommts jetzt auch nicht mehr an.

Damit belass ich's auch und freue mich, euch Folgendes berichten zu dürfen:
Der finnische Präsident wird Vater! Er und seine Frau erwarten Anfang nächsten Jahres ihr Kind.

Ausserdem:
  • Ein finnischer Mann, der früher eine Frau war und mitten in der Geschlechtsumwandlung steht, hat aufgrund eines Kinderwunsches eine OP-Pause eingelegt, und ist tatsächlich schwanger geworden!
  • Die erst 10-jährige Ekaterina Bee aus Italien gewinnt die Auszeichnung "Wildlife Photographer of the year 2017" mit diesem grandiosen Möwenfoto.
Bildergebnis für ekaterina bee foto

  • Herr Murat Kurnaz, für 5 Jahre eingesperrt in Guatanamo, ist heute Sozialarbeiter in Deutschland und arbeitet mit Migrantenkindern.
  • Frauen und Männer der norwegischen Fussballnationalmannschaft verdienen ab 2018 gleich viel.
  • Meine Omi wurde vor kurzem 94 Jahre alt.
  • Der Schneeleopard ist nicht mehr vom Aussterben bedroht.
  • Mein Bonsai, schon dem Tode geweiht, hat sich fürs Leben entschieden und seine grünen, frischen Frühlingstriebe zeigen dem Herbst die lange Nase. 
  • Tirol hat sich gegen eine Olympiabewerbung für den Winter 2026 entschieden.
  • Die Frau an der Kasse schaut mir in die Augen und lächelt, als sie mir das Wechselgeld herausgibt.
  • Mein kleiner Bua sitzt mit mir auf dem Teppich. Wir spielen und kuscheln und habens fein, und plötzlich hält er inne, schaut er mich an und singt: "Ich hab dich lieb. Soooo lieb."
  • Eine Elchkuh hat eine gefinkelte Taktik entwickelt, um der Elchjagd lebend zu entkommen. Sie hat sich mit Dorfbewohnern angefreundet. Sie kommt in deren Garten, isst den einen oder anderen Apfel vom Baum, bekommt auch schon mal den Rest eines Mittagessens zugesteckt, und jetzt, zur Jagdzeid, denken sich die Leute: Wer will schon einen Elch essen, der zum Haustier geworden ist?
  • Der Papst legt Müttern nahe, ihre Kinder auch während der Messe zu stillen.

Ich hab mir seit letztem Wahlsonntag, welcher so sehr erfüllt war von Traurigkeit  und Wut, etwas längst Vergessenes in Erinnerung gerufen.

Es handelt sich um Folgendes: Ich bin davon überzeugt, wenn man das Schiache in dieser Welt und in diesem Leben immer kommentiert und bejammert und im Fokus hat, dann wird es grösser. Es gewinnt an Macht und an Kraft. Und das will ich nicht.
Ich gebe hiermit hochoffiziell bekannt, dass ich mich von jetzt an bemühe, meinen Fokus auf das Gute im Leben zu richten.
Oberflächlich? Mitnichten. Es handelt sich vielmehr um die bewusste Entscheidung, ein gutes Leben zu führen. Ich will mich freuen. Ich will glücklich sein. Das inkludiert für mich eine klare Haltung, was die Scheusslichkeiten dieser Welt betrifft, aber es bedeutet auch, dass ich es nicht weiter zulassen werde, dass sie mich in meiner inneren Lebensqualität beeinträchtigen.
Dinge, mit denen ich nicht einverstanden bin, kann ich wahrnehmen, ich kann akzeptieren, dass es sie gibt, und ich kann als konkrete Handlung meinen eigenen Standpunkt vertreten. Nach aussen und nach innen. Das ist zum einen viel effizienter und befriedigender als im stillen Kämmerlein zu leiden und traurig zu sein und zum anderen - ja, ich bin schliesslich erwachsen, nicht? Kann mich also ruhig auch dementsprechend verhalten.
Und ansonsten versuche ich, das Schöne, Achtsame und Bewusste in mein Leben zu lassen, mich daran zu erfreuen und es zu verbreiten.
Ganz nach dem Motto: Wende dein Gesicht der Sonne zu, dann fallen die Schatten hinter dich.
Ein Versuch ist es allemal wert.

Möge meine Good-News-Liste auch euch erfreuen!

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit



Samstag, 14. Oktober 2017

15.10.17 - Wie es ist, Ausländerin zu sein


Ausländer und Ausländerinnen sind Menschen zweiter Klasse. Wenn sie Glück haben.

Nein. Ich schwadroniere jetzt nicht über den österreichischen Wahlkampf, der an Peinlichkeit fast nicht mehr zu übertreffen ist.
Ich versuche auch nicht, Menschen mit rechtsdrehenden Gehirnen irgendwie zu erreichen.

Stattdessen möchte ich gern eine Geschichte erzählen. Meine Geschichte.

Ich, Österreicherin, Bürgerin der EU, seit 3 Jahren wohnhaft in Finnland, weisse Haut, blaue Augen, verheiratet mit einem waschechten Finnen, Mutter eines ebensolchen, im Vollbesitz meiner mentalen und physichen Kräfte, der hiesigen Sprache mächtig, finde mich bei der Polizei ein, um einen Identitäsausweis zu beantragen. Es ist nämlich so, dass die Bank für die Kontoführung, so wie ich sie gern hätte, einen Identitäsnachweis braucht und ihr aber mein österreichischer Pass nicht reicht. Wer weiss schliesslich, wem die Österreicher allen einen Pass geben! Da könnte ja jeder daherkommen...!!! Ok. Ich brauche also etwas Finnisches. So komisch das auch sein möge, hier in Finnland ist es die Polizei, die Pässe u.Ä. ausstellt. Also, ich rede mit dieser Polizistin, erkläre, was ich gerne hätte, und wir reden ein bisschen hier und dort und sie fragt mich Verschiedenes, das eh schon überall aufscheint, aber bitte, ich gebe ihr meinen Pass und Geld und alles mögliche, und dann sagt sie, gut, das wars dann.
Und ich frage: Fein. Darf ich meinen Pass wieder haben?
Sie: Ja.
Ich: Danke. Und wo und wann krieg ich nun meinen Identitäsnachweis?
Sie: Den kann ich in dieses Lebensmittelgeschäft nach Oravais schicken (das ich auch so eine Seltsamkeit in diesem Lande, dass man Pässe und andere Dinge zu Lebensmittelgeschäften geschickt bekommt).
Ich: Das freut mich.
Sie: Haben Sie jemanden, der Ihnen helfen kann?
Ich: Wobei?
Sie: Beim Abholen.
Ich: Ich brauche keine Hilfe.
Sie: Doch. Sie brauchen jemanden, der mit Ihnen geht und einen finnischen Pass hat.
Ich: Wieso?
Sie: Weil Ihr Pass nicht reicht zum Abholen.
Ich: Wieso? Der Pass zeigt mein Foto und sagt meinen Namen und gilt in der ganzen Welt als Identitätsnachweis. Ausserdem ist Österreich Mitglied der EU. Und Finnland ist ebenso Mitglied der EU.
Sie: Da steht auch ein falscher Name drin.
Ich: Aha. Wie ist mein richtiger Name?
Sie dachte, mein Pass sei auf meinen ledigen Namen ausgestellt. Hab aber schon einen neuen. Sie entdeckt ihren Irrtum und sagt: Vergessen Sie es einfach. Sie brauchen trotzdem jemanden. 
Ich: Und meine Versicherungskarte? (Die verwendet man hier immer und überall für alles.)
Sie: Nein. Tut mir leid.
Ich: Das darf doch wohl nicht wahr sein! Ich soll meinem Mann sagen, dass er nicht arbeiten gehen kann, damit er mit mir Händchenhaltend diesen Brief abholen geht?!?!?! Das ist doch wohl nicht Ihr Ernst!!!
Also haben wir uns darauf geeinigt, dass ich zur Polizei komme und ihn dort abhole. Das darf ich dann auch alleine.
 
Ich halte noch mal fest: Ein EU-Staaten-Pass ist in Finnland kein Identitätsbeweis!
Ich frage mich, ob das rechtsgültig ist.
 
Es ärgert mich, dass ich als Inhaberin eines ausländischen Passes als Mensch zweiter Klasse behandelt werde. Weil mein Pass kein finnischer ist, kann ich mein Konto nicht auf vernünftige Art verwalten, ich darf erst nach 2 Jahren Aufenthalt in diesem Land ein eigenes Handy haben, ohne ein horrend-hohes Pfand zu hinterlegen und ich darf keine Briefe mit Dokumenten ausgehändigt bekommen, wenn mein Mann nicht dabei ist.
Was heisst das für mich? Das heisst, ich werde in diesem Land behandelt, als bedürfte ich eines Vormundes! Aus einem einzigen schlichten Grund: Ich bin Ausländerin.
 
Ich mag gar nicht daran denken, was wäre, wäre mein Pass ein nigerianischer.
 
Ich bin immer noch grantig.
Und ich ärgere mich grün und blau über solche Leute wie den Kurz.
Und ich möchte endlich aus dieser mir aufgezwängten demütigenden und entwürdigenden Bittstellung entlassen werden.
 
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit
 
 
Sooo fein kannt mas hobn...
 
 

Samstag, 7. Oktober 2017

08.10.17 - Das Kreuz mit Finnisch

 
"Pekka pomppasi lähimmästa kellarinaukosta sisään."

Das, liebe Leute, ist Finnisch.
Jahrelang hab ich mich gedrückt. Vieles hab ich getan, um mich ihm nicht stellen zu müssen. Ich hab Schwedisch gelernt, mein Englisch gefestigt, ein Buch geschrieben, meine längst vergrabene Lehrtätigkeit wieder aufgenommen, vom Paddeln mit dem Kajak über Skaten auf dem zugefrorenen Meer bis hin zum Holzsageln alles ausprobiert, "nebenbei" ein Kind geboren und aufgezogen, alles getan um mich zurechtzufinden in der finnischen (Lebens-)Welt, sogar geheiratet hab ich, und auf einmal steh ich da, schau mich um, und muss feststellen: Die Ausreden sind mir ausgegangen.
 
Ich finds ja schon sehr bezeichnend, dass gerade ich, die immer massive Schwierigkeiten gehabt hat, zu reden, in ein Land auswandere, in dem ich nicht nur eine, nein, sondern sogar zwei neue Sprachen lernen muss. Aber bitte. Da nützt alles Lamentieren nichts. Es ist, wie es ist.
 
Ich habe mich von Anfang an sehr gefürchtet vor dem Finnischen. Wenn ich nur versucht hab, laut finnische Überschriften zu lesen, so war es mir unmöglich, die Laute so zu formen und aus meinem Mund zu schicken, als dass es auch nur annähernd Finnisch geklungen hätte. Die Worte sind verblüffend lang und die ganze Sprache ist völlig anders aufgebaut als alles, was ich bisher an Sprachen kennengelernt habe. Es gibt kein Er, es gibt kein Sie, und will man etwas beschreiben, so hängt man irgendwelche Silben an ein bereits dastehendes Wort anstatt diesen Beschreibungen ein eigenes Wort zu geben. Es gibt statt 4 Fälle wie im Deutschen 12. Die Melodie ist eine andere. Der Rythmus ebenso. Und die Art und Weise, wie man sich ausdrückt und etwas sagt, ist insgesamt wohl viel blumiger und bildreicher und ungenauer als im Deutschen.
Kalle sagt immer, wenn man Finnisch lernt, dann muss man anders denken lernen.
 
Durch ein zufälliges Treffen mit einem Deutschen, der in Finnland wohnt, bin ich auf Vera F. Birkenbihl gestossen, die ein eigenes Sprachenlernkonzept entwickelt hat. Das hat gar nichts mehr zu tun mit der herkömmlichen Weise von Vokabelpauken und Konjugieren in den unterschiedlichsten Varianten. Es geht vielmehr darum, sich die Sprache - jetzt mal sehr vereinfacht ausgedrückt - über Dekodieren (Wort-für-Wort-Übersetzungen) und Hören anzueignen. Diesen Sommer hab ich ihr Konzept, dh. das Buch, das sie darüber geschrieben hat, gelesen. Und es hat mir total eingeleuchtet. Und die Neugierde hat der Angst einfach eins über den Kopf gezogen. Und mir war klar: "Wenn, dann nur so." Wie wir ja alle wissen, wenn man eins auf den Kopf kriegt, wird man im besten Fall ohnmächtig, aber aus jeder Ohnmacht wacht man auch wieder auf. So auch die Angst. Es hat nun doch noch einen ganzen Monat gebraucht, um den ersten Schritt zu tun. Aber - voilá - geschafft! Hab mir ein Kinderbuch vom Max geschnappt und werde mir jetzt langsam und Stück für Stück erarbeiten, wie es der Katze ohne Schwanz so geht in ihrem Leben.
 
Bis jetzt bin ich noch nicht frustriert.
Bis jetzt bin ich noch neugierig.
Und manchmal find ichs völlig absurd.
Und amüsant.
 
Also, wenn ich DAS tatsächlich schaffen sollte, dann hab ich wahrhaftig einen Grund zum Feiern!
Dann heb ich ein Glasl Rotwein, tanze um unser Lagerfeuer und juchize so laut, dass Tom, unser Nachbar, der einige 100 Meter weiter sein Haus hat, aus dem Schlaf hochschreckt.
 
Pfiat enk und näkemiin -
d'Birgit

Den Herbst entdecken mit Max. Wichtiger als alles andere.

Sonntag, 1. Oktober 2017

01.10.17 - Herbst in Finnland


Stell dir vor, du erfährst, dass du morgen sterben wirst. Ein nichts ahnender Freund lädt dich kurz darauf zu einem Fest heute Abend ein. Was tust du?
 
Wir haben Hochherbst (das ist die Äquivalenz zum Hochsommer). Jene Blätter, die noch nicht abgefallen sind, haben sich verfärbt und haben Braun- bzw. Gelbtöne angenommen, die Vogelbeeren hängen in fetten Trauben tiefrot von den Bäumen und ziehen die Äste nach unten, die Tage sind spürbar kürzer und die Temperaturen verzichten auf jede Form von Anstrengung, indem sie's grad mal a kleines bissl wärmer als saukalt machen. Das nur mal so vorab.
 
Es gibt einen Baum hier ganz in unserer Nähe. Jedes Mal, wenn ich über die Brücke aufs Festland fahre, komme ich an ihm vorbei.
Wenn die Sonne scheint, geschieht etwas ganz Erstaunliches mit ihm. Er ist nicht einfach nur gelb-braun, wie seine Kollegen und Kolleginnen. Er steht auch nicht einfach nur da und schaut zu, wie der Herbst ihm seinen Stempel aufdrückt, ihn verfärbt und ihn schlussendlich immer nackter und nackter werden lässt. Er fügt sich nicht mit einem Kann-man-nix-machen-Achselzucken. Das, was er tut, ist etwas ganz anderes. Er nimmt das Gelb des Herbstes, weil es nun mal das einzige ist, was ihm zur Verfügung steht, und legt dann zusätzlich - und jetzt kommts - in jedes einzelne Blatt sein ganzes Aufgebot an Leben, an Freude und an Leuchtkraft. Was dabei herauskommt, ist eine Diva, die nicht kommt, sondern erscheint, eine Diva, die es gewohnt ist, bewundert zu werden, eine, die ihre Schokoladenseite kennt und präsentiert und einsetzt, eine, die sich am Aufsehen labt und dieses braucht wie die Lunge den Sauerstoff, kurzum eine Diva, die bewusst geniesst, auskostet und sich dem Moment hingibt.
 
Der Baum und die Eingangsfrage sind untrennbar miteinander verbunden.
Es ist ihm egal, ob morgen der Winter kommt und seine Lebenstätigkeit auf ganz nieder bis kaum mehr wahrnehmbar hinunterschraubt oder nicht. Er hält auch nichts von depressiven Verstimmungen oder Traurigkeiten. Stattdessen ist er einfach nur. Aber das total und absolut. Ohne Zurückhaltung. Ohne Scham. Ohne Selbstmitleid. Ohne Verzweiflung. Völlig unabhängig von dem, was war und dem, was sein wird.
 
Hier sieht man ihn übrigens, den Guten:
 

Schwer für mich, ihm fotografisch gerecht zu werden. Aber für eine Ahnung reichts vielleicht.

Der Herbst ist wie halb 5 am Nachmittag.
Oder wie 75 Lebensjahre.
Oder eben wie Herbst.

Es gibt da ein wunderbares Gedicht vom Rainer Maria Rilke:

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren lass die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein; gib ihnen noch zwei südlichere Tage, dränge sie zur Vollendung hin, und jage die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Wunderschön und traurig gleichzeitig.
Genau so wie der Herbst.
Wunderschöne Traurigkeit.
Traurige Schönheit.
Ist das vielleicht die Definition von Melancholie?
 
Würde ich in der in der Eingangsfrage geschilderten Situation stehen, ich wünschte mir so sehr, ich könnte es halten wie der Baum. Tanzen, leuchten, den Moment feiern und im Sein mich selber geniessen.
Und, wenn ich ehrlich zu mir bin, ich stehe ja genau dort, in dieser Situation. Der einzige Unterschied ist, dass der Zeitpunkt meines Abschiedes von dieser Erde nicht so klar definiert ist.

Lasst uns eine geniessende, leuchtende Diva sein, liebe LeserInnen, so lange wir noch die Möglichkeit dazu haben.
Es ist so schön zu leben.

In diesem Sinne:
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit

rechts, das ist die Brücke, die unsere Insel mit dem Festland verbindet

einsames Klo an unserem Schwimmplatz

"unser" verwaister Schwimmsteg

noch ein paar Boote, die darauf warten, an Land gebracht zu werden

Was machen eigentlich Marienkäfer im Winter?