Freitag, 26. Mai 2017

27.05.17 - Und wirds dann langsam wieder grün...



 
... dann ist der Winter nicht mehr weit.
(alte finnische Bauernregel)
 
Dieses Bild hab ich gestern aufgenommen. Sehr zögerlich, aber trotzdem klar und deutlich, kommt der Frühling. Endlich!

Dieses Mal bleib ich euch einen längeren Eintrag schuldig. Der sehr umfangreiche Lernstoff beansprucht meine freie Zeit zur Gänze.

Ab Montag Abend wird alles wieder besser...

Habts a feine Woche!

Alles Liebe, Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit

Freitag, 19. Mai 2017

20.05.17 - Mandarinen auf Rädern


Ich möchte euch heute eines der innovativsten, der Menschen freundlichsten, der lustigsten und der genialsten Systeme überhaupt vorstellen, das ich so in dieser Form nur in Finnland kennengelernt habe.
 
Es handelt sich um den Lebensmittelbus.
 
Wie mittlerweile bekannt sein dürfte, wohnen wir nicht gerade zentral. Vielmehr wohnen wir im Wald, fernab jeglicher Zivilisation. Nein. So schlimm ist es natürlich nicht. Es führt ja eine Strasse an unserem Haus vorbei. Und es gibt ein paar Nachbarn, zwar weit weg, aber immerhin. 5 km weiter, in Särkimo, liegen die nächste Schule und der nächste Kindergarten. Und 10 km in die andere Richtung befindet sich Maxmo, "unser" Dorfes, indem es eine Bibliothek, ein Geschäft, ein Altersheim, eine Kirche, eine stets unbesuchte Pizzeria und diese kongenialen Post-Bank-Apotheken-Fusion gibt, alles geführt im selben Raum von ein und derselben Person.
 
Nun hat Anfang des Monats das Lebensmittelgeschäft in Särkimo zugesperrt. Es sind zu wenig Menschen dort einkaufen gegangen, und von der mutigen Bewegung "Wir brauchen ein eigenes Geschäft im Dorf", die die Bewohner selber auf die Haxn gestellt haben, ist nur ein Haus mit vergilbten Klebestreifen und blinden Fenstern geblieben.
 
Traurig.
Aber super.
Denn seitdem dieses Geschäft zugesperrt hat, fährt hier 2 Mal in der Woche ein Lebensmittelbus vorbei und hält einen halben Kilometer weit entfernt für 15 min.

So schaut er aus:



Wenn also jemand kein Auto hat, um 10 km zu fahren, dann wird er trotzdem überleben, Dank dieses Busses.
 
Gestern waren wir dort. Max und ich. Es war DAS Abenteuer des Tages. Wir sind mit dem Radl hingefahren, was ja für sich allein genommen schon total spannend ist. Nicht, dass wir so selten radeln. Es ist nur so, dass für Max grundsätzlich alles spannend ist. Immer. Und ich frage mich, sind alle Kinder so?
 
Wie auch immer. Wir sind also hin, runter vom Radl, und - nein, nicht eini in den Bus. Denn vorher hamma noch die Reifen anschauen müssen. Und die blaue Farbe. Und die Tür. Und die Reifen. Und dass sich die Reifen nicht gedreht haben. Und die Tür, die offen war, aber nicht zugegangen ist, obwohl Max doch "auf und zua" gesagt und dabei in die Hände geklatscht hat, um der Tür zu zeigen, wie es geht.
 
Und - dann sind zum Glück unser thailändischen Nachbarn gekommen. Er ein Finne, sie eine Thailänderin, verbringen sie - welch kluge Menschen! - nur den Sommer in Finnland und die restliche Zeit in Thailand. Vor 2 Tagen sind sie angereist.
Sie waren mindestens ebenso begeistert wie wir von diesem Bus.
 
Es gibt dort alles was man braucht für ein lebenswertes Leben. Milch, Obst, Schokolade, Kaffee, Brot. Wahrscheinlich auch Nudeln und Geschirrspülmittel, aber so genau hab ich dann nicht geschaut, weil zum einen war da Max, den seine Faszination a bissl überfordert hat, und zum anderen waren da diese 2 strahlenden und netten Menschen, mit denen zu reden und zu lachen ein genussreiche Abwechslung war.
 
Der krönende Abschluss unseres Abenteuers?
Max und ich sitzen auf der Terrasse, das erste Mal in diesem Jahr ohne Jacke, ohne Doppelschicht Kleider, in sommerlicher Leichtigkeit, und schnabulieren mit klebrigem Mund und pickigen Fingern die Mandarine, die sich Max ausgesucht hat.
 
Das Leben ist genial!


Hej då, lieber Bus!
Bis Dienstag!

Und Pfiat enk und Hej då, liebe LeserInnen.
Bis nächstes Wochenende!
d'Birgit



Samstag, 13. Mai 2017

13.05.17 - Kaufrausch mit Bremspedal


Wir brauchen ein Rollo für Max' Zimmer. Ja. Die Sonne ist tatsächlich schon so was von da - wenn sie denn mal scheint - dass sie dem Abendschlaf nicht zuträglich ist.
 
Also, ab nach Vaasa.
 
Dort angekommen, kurven wir in dieser für mich immer noch ziemlich undurchschaubaren Stadt herum, und bleiben schliesslich vor etwas stehen, das mit dem roten Stoffvordach für mich ausschaut wie eine Pizzeria. Ich freu mich schon über diese nette Überraschung, als Kalle sagt: "So. Da ist es."
Ok. Doch keine Pizza.
Wir gehen die Stufen hinunter in den Keller und betreten einen - ja, mit gutem Willen kann man es schon einen Verkaufsraum nennen. Es gibt nur sehr kleine Fenster darin, das macht es sehr dunkel. Die Neonröhren werfen ein sehr schwaches Licht. Eine grosse Arbeitsfläche nimmt den Grossteil dieses Raumes ein, und neben der Tür steht ein Gestell mit vielleicht 8 Rollen von Stoffen in verschiedenen Pastellweiss -und Pastellbeigetönen. Ausserdem stehen 2 Jalousien zur Auswahl. Da Kalle mich vorbereitet hat, dass das ein Geschäft ist, indem es "alles" gibt, lass ich mich nicht weiter davon beeindrucken und bin gespannt, was uns dieser nette, ältere, staubige Herr zu bieten hat.
Was hat er uns zu bieten?
Ganz genau und ausschliesslich das, was wir sehen.
"Ähm, haben Sie vielleicht etwas mit kräftigen Farben, zB ein kräftiges Grün oder so?"
"Nein. So etwas haben wir nicht. Wir, die Menschen in Österbotten, nehmen nur Weiss- und Beigetöne. Wenn wir etwas mit Farben möchten, dann nehmen wir die Vorhänge farbig."
"Oh. Aha. Dann vielleicht etwas mit einem netten Muster drauf, so etwas wie Blumen oder Tiere oder so, für ein Kinderzimmer?"
"Nein. Das haben wir nicht. Kinder wachsen so schnell. Sie brauchen das nicht."
 
Aha. Danke für diese Information.
Wir haben das Geschäft mit einer dezenten weissgelben Mischung verlassen. Und ...
Häh?!?! Was war denn das, bitteschön???
 
Und dann hab ich mich wieder erinnert an unseren Zubau. Wie fassungslos ich war über die Tatsache, dass man in jedem einzelnen Geschäft aus denselben sage und schreibe 2 unterschiedlichen Arten von Innenwänden wählen kann. Was? Du willst ein bestimmtes Brettl? Gar eine andere Farbe? Nein. Tut mir leid. Das geht nicht.
 
Oh, wie bin ich wieder grantig geworden. Und genervt, als wir da so nach Hause getuggelt sind, über dieses Finnland, dass einem käufliche Individualität nur bei Autos (wenn man Geld hat) und bei gummiartigem Weissbrot in Plastiksackln zugesteht.
 
Hab mich dann doch schnell wieder beruhigt.
Und als ich dann am Abend einen Artikel in der Zeit gelesen habe, der die Geschäftsmache mit Babies und Kindern genauer unter die Lupe nimmt, war ich wieder sehr zufrieden mit diesem Finnland, das einem die Fülle an Dingen, die man brauchen könnte oder sollte, ganz einfach erspart.
 
Zurück zur Zweckmässigkeit.
Hat doch auch sein Gutes, oder?
 
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit

heite brauch mas woll nit...



 

Freitag, 5. Mai 2017

06.05.17 - Das Gemälde


Wäre ich eine malende Künstlerin, dann würde ich heute ein Gemälde zeichnen für euch.
Ein Gemälde, das die hier vorherrschende Idylle einfängt.
 
Ich würde mit einer Mischung aus RotBraunWeiss anfangen. Sie stünde für den Fuchs, der einfach so am Abend, kurz vor dem Schlafengehen, an Max' Zimmer vorbeispaziert, ganz ohne Hektik und ohne ein Ziel zu verfolgen, ein paar Schritte hierhin, um ein bissl zu schaugen, a bissl zu riechen, ein paar Schritte dorthin, um a bissl in die Sonne zu blinzeln, bis er irgendwann hinter den Bäumen im Wald verschwindet.
 
SchwarzWeissBraun würde ich anrühren. Es solle den Marderhund zeigen, der in Seelenruhe über unsere Wiese schlendert, während ich das Geschirr abwasche. Auch er scheint nicht getrieben zu sein, vielmehr begibt er sich auf die Terrasse, geniesst die Aussicht, und trottet dann irgendwann zu unserem Biomüll, um sich mit Hingabe den Freuden des Essens zu widmen. 
 
Und Grün. Ganz viel Grün bräuchte dieses Bild. Es zeigte den Wald, der gerade mal 2 Schritte hinterm Haus beginnt und der Max seine ersten Abenteuer erleben lässt. Es könnte euch vom Moos erzählen und von den Blättern der Preiselbeere, vom Flechten bewachsenen Stein, der wie ein Felsen mitten auf dem Weg drohnt und der wie eine Sirene mit unwiderstehlichem Charme "Bekraxle mich!" Max zu sich lockt, und vom Weg, der eigentlich nur dazu da ist, um darauf hinzuweisen, wo man unter keinen Umständen seinen Fuss drauf setzen soll.
 
Und Gelb wäre wichtig. Gelb für die Sonne, die endlich nicht nur scheint, sondern auch wärmt.
 
Und Braun. Braun für die Erde, die die Samen aufnimmt und uns in naher Zukunft mit Kostbarem für Auge und Mund versorgt.
 
Oja. Und ein knalliges Rot bräuchte ich. Eines, das vermag, die Augenbraue des Haselhuhns darzustellen, das sich als Paar unseren Platz als Revier ausgesucht hat und nun mit uns hier wohnt, Kinder aufzieht und den Alltag lebt für die kommenden Monate.
 
Und natürlich Blau. Viel Blau. Es würde die Weite und Tiefe des finnischen Himmels und des Meeres veranschaulichen.
 
Wäre das nicht ein schönes Bild? Vielleicht würde ich es gar als Gemälde deklarieren. Der Stil wäre ein abstrakter, aber der/die, der/die mich und meinen Blogg kennt, würde sich sehr schnell darauf zurechtfinden.
 
Nur, liebe/r LeserIn, ich muss dich enttäuschen. Es existiert leider nicht. Weder aussen noch innen. Zumindest nicht in dieser Form.
Um es als etwas Ganzes, als etwas Fertiges durchgehen zu lassen, fehlt etwas ganz Entscheidendes. Etwas, das die Idylle zerschneidet, zerberstet oder zumindest gehörig ins Wackeln bringt.
 
Es braucht einen roten Blitzregen, der sich übers ganze Gemälde verteilt. Ein Blitz ist das stimmigste Symbol für meine Emotionen, die da aufkommen, wenn ich mit dem Lernen für die Aufnahmeprüfung für die Massageausbildung beschäftigt bin. Was erstens dauernd ist und zweitens ein Wahnsinn, wenn man bedenkt, dass ich dabei nicht nur eine schwedischsprachige medizinisch-biologische Fachliteratur vor mir habe, sondern auch noch ein Deutsch-Schwedisch-Wörterbuch, ein deutsches Fremdwörterbuch, ein schwedisches Fremdwörterbuch und weil das oft noch nicht reicht, den Computer mit seinem Internet. Dabei trage ich ständig mit mir rum, dass es mit dem Verstehen alleine noch lang nicht getan ist. Die wollen von mir erklärt bekommen, wie es ist. Mit all diesen schwedisch-lateinischen Fachausdrücken. Óioioi...
 
Und es braucht unbedingt etwas Dunkelviolettes. Etwas, das sich im Hintergrund hält, aber doch sehr präsent ist und sich ausbreitet, sobald man es genauer anschaut.
Es sind die "guten" Ratschläge, die man als Mutter immer wieder völlig ungefragt erteilt bekommt. Man solle "strenger" sein, "härter", wolle man nicht, dass einem die Kinder auf den Kopf scheissen. Man solle dies tun und jenes, immer mit dem Ziel vor Augen, dass das Kind "brav" zu sein hat und "folgen" muss.
Diesen Menschen möchte ich raten: Kauft euch einen Hund. Aber lasst bitte die Finger von den Kindern!
Und es sind die Geschichten, die jede/r mit sich herumträgt und über seine Gespräche und Lebensweisen quer über die ganze Welt verteilt und diese damit gehörig beeinflusst. Diese Geschichten machen mich oft traurig, ängstlich, unsicher, zweifelnd, wütend, aber manchmal auch zuversichtlich, staunend, glücklich und kribblig.
Ich mag Violett. Es ist eine tiefe Farbe. Vielleicht die Farbe, die am besten von allen das Komplexe der Gefühlswelt darzustellen vermag.
 
Hm. Was sagts? Ich glaub, ich mags...
 
Nein. Es fehlt noch etwas.
Es fehlt ein Lichtstrahl. Etwas Hellgelbes. Etwas Weisses? Etwas, das sich über alles drüberlegt. Etwas, das die Farben strahlender werden und zugleich in den Hintergrund treten lässt. Etwas, das sie ineinanderfliessen lässt, sodass sie am Ende wie eíne Gesamtkomposition dem Lichtstrahl als Verstärker dienen.
 
Ihr wisst es bereits, gell?
Der Lichtstrahl ist Max. Max, der so glücklich und vergnügt ist, dass ich gar nicht anders kann, als auch glücklich zu sein.
 
So. Jetzt ist es fertig. Schen isches ☺!
 
Damit aber das Abstrakte weniger abstrakt wird, zeige ich euch hier unser ganz konkretes Haselhuhn.
 

Ich habs aufgenommen von unserem Badefenster aus. Es steht auf dem Dach unseres Holzschupfens und ruft nach seiner Frau.
Und sie kommt nicht.

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit