Der Elefant hört einen Schrei. Es ist der Zirkusdirektor, der ihm nachruft. Er ist nämlich gar nicht einverstanden mit der Reiselust des Elefanten. Dieser setzt sich in ein Flugzeug nach Afrika. Er möchte seine Verwandten kennen lernen. Dort aber warten Wilderer auf ihn und wollen sein Elfenbein. Er rennt weg, sodass die Erde bebt, die Kugeln fliegen ihm um die Ohren, aber er kann ihnen entwischen. Völlig außer Atem legt er sich auf eine Terrasse am Ufer in Südafrika und schläft ein. Als er aufwacht, stellt er fest, dass die Bretter keine Terrasse waren, sondern ein Boot. Er befindet sich mitten auf dem Meer. Zum Glück liegen die Ruder im Boot. Nachdem er den Sonnenstand und die ungefähre Uhrzeit berechnet, weiß er, wo Norden ist und rudert los. Bald steigt er in London an Land und trifft dort seine neue Freundin.
Und so weiter. Und so weiter.
Wunderbare Geschichten entstehen mit meinen Schülern geradezu aus dem Nichts heraus.
Und diese Geschichten sind es dann auch, die uns verbinden.
Ich mag meine Arbeit. So groß mein Grausen war vor meinem ersten Deutschunterricht hier in Finnland (siehe auch meinen Blogeintrag vom 09.09.16 - "Deutschkurs für schwedischsprachige Finnen"), so sehr überwiegt jetzt meine Freude und meine Lust an dem, was ich tue.
Ich finde es wunderbar, mit dieser Arbeit meine Freude an der Kreativität ausleben zu können. Man kann auf so unterschiedliche Weise Sprache vermitteln und meine Auswahl an Methoden orientiert sich immer an der Frage: Macht es Spaß? Denn ich glaube, dass nur dann etwas nachhaltig hängen bleibt, wenn man mit Freude beim Lernen dabei ist, wenn man lacht und wenn das Gehirn das Gelernte mit etwas Positivem in Verbindung bringt. Dann mag man auch wieder kommen. Und darum geht es mir ja schon auch. Ich hätte natürlich gern, dass meine Schüler und Schülerinnen noch a Zeitl meine Dienste in Anspruch nehmen.
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Ich habe heute in den Todesanzeigen geblättert. Eine Frau ist gestorben. Sie hat in dem Ort meiner Kindheit gelebt.
Ich habe sie noch nie gesehen.
Eine alte Schulkollegin - wobei ich nicht weiß, ob wir in derselben Klasse waren oder nur in derselben Schule - hat im Kondolenzbuch eine Nachricht hinterlassen.
Ich war seltsam berührt.
Dabei wusste ich nicht, woher das kam, bis es mir klar wurde.
Meine alte Schulkollegin hat ihr Leben lang in diesem einen Ort verbracht. Sie ist dort auf die Welt gekommen, ist dort aufgewachsen, ist dort in den Kindergarten und in die Schule gegangen, vielleicht hat sie sogar dort gearbeitet. Außerdem hat sie - so glaube ich - eine Familie gegründet und ist jetzt, ungefähr in meinem Alter, immer noch dort und in ihrem jetzigen Leben angekommen. Und sie hat es trotzdem - und ich sage bewusst trotzdem - geschafft, jemanden kennen- und mögen zu lernen, der weit außerhalb ihres eigenen Alters und vermutlich auch außerhalb ihres Rollenverständnisses als Kind und als junge Erwachsene gestanden war.
Mir war das nie möglich.
Jeder Entwicklungsschritt, der geschehen ist, und der ja oft ganz automatisch geschieht, wenn man jung ist, war bei mir sehr oft verbunden mit zwei Notwendigkeiten. Ohne, dass mir das bewusst gewesen wäre, und ohne dass ich das aktiv so gemacht hätte.
Die eine war, das Neue zu wagen und sich ins Unbekannte vorzutasten (verschiedene Arbeiten, verschiedene Wohnorte, Aufbrüche in diverse Abenteuer), und die andere war, das Alte (Wohnorte, Arbeiten, und leider oft auch Menschen) hinter mir zu lassen und damit abzuschließen.
Ich nehme ein Beispiel. Als ich so zwischen 15 und 18 Jahre alt war, war ich für ein oder zwei Jahre beim Kirchenchor. Mir wurde nahegelegt, ich solle dazugehen, damit ich nicht so am Rand stehen würde. Dort einmal dabei, habe ich sehr darunter gelitten. Ich habe mich klein gemacht, am liebsten unsichtbar. Ich war still, ängstlich und schüchtern. Wenn ich mich heute zurückversetze in diese Zeit, spüre ich immer noch meinen roten Kopf der Scham über mich selbst.
Wie auch immer, ich bin dann weggezogen. Das war mein Befreiungsschlag. Ich habe diese rotköpfige, ängstliche Birgit, die ja auch sonst kaum geschlafen hat, nur sehr schlecht ausgehalten und wollte vermutlich auch deshalb weg (von ihr). Hätte ich mich weiter in diesem Dorf und vielleicht sogar weiter in diesem Chor engagiert, wäre ich immer dieses scheue, ängstliche Wesen geblieben, ohne den Hauch einer Chance, das Selbst zu entdecken. Ich hätte mir selber nie die Möglichkeit geben können, frei zu werden, herumzuprobieren und zu spielen. Ganz abgesehen davon ist es natürlich auch schwierig, neue Ichs zur Entfaltung zu bringen, wenn die ganze Umwelt auf das alte Ich getrimmt ist.
Für mich zumindest.
Ich hatte nie eine andere Chance.
Das Neue beinhaltet immer viele Fragen, die je nach Situation variieren.
Wie kocht man Nudeln?
Wie funktioniert das Leben?
Welche Währung haben sie in Peru?
Wie bin ich glücklich?
Was mache ich, wenn ich einen Patschen im Radlreifen habe?
Wie werde ich meiner Verantwortung, die ich auf dieser Welt und als Mensch habe, gerecht?
Was fressen Flamingos?
Wie sagt man "Danke! Das ist aber nett!" auf Finnisch?
Ist es gerechtfertigt, eine Ausbildung in einem anderen Land zu machen und dabei die Familie für mehrere Wochen alleine zu lassen?
Und all diese Fragen münden schlussendlich in der letzten, der einen großen Frage:
Wie geht sterben?
- o -
Momentan treibt mich aber eine ganz andere Frage herum. Was macht man mit Menschen, die in ihrem Ausdruck und in ihrer Mimik und in ihren Worten völlig bewegungslos sind, wenn man mit ihnen redet?
Das ist im finnischsprachigen Finnland durchaus üblich.
Ich betone deshalb dieses "finnischsprachig", weil mir das mit schwedischsprachigen Finnen noch nie passiert ist.
Vielleicht bringe ich wieder ein Beispiel zur Veranschaulichung.
Eine Veranstaltung am Abend. Ich gehe hin.
Es handelt sich um einen Vortrag, dessen Thema mich sehr interessiert. Während dieses Vortrages gibt es immer wieder die Möglichkeit, mit dem Nachbarn bzw. der Nachbarin zu diskutieren.
Eine unserer Diskussion sieht folgendermaßen aus:
Ich: erkläre wortreich meinen Standpunkt; bin fertig;
Die andere Person: regt keine Miene; schaut;
Ich: denke, sie wartet auf noch etwas; sage mehr;
Die andere Person: verzieht keine Miene; schaut;
Ich: glaube, sie hat mich nicht verstanden; werde ein bisschen nervös; erkläre mehr;
Die andere Person: verzieht keine Miene; schaut;
Ich: habe nichts mehr zu sagen; schaue auch;
Die andere Person: nickt ein bisschen, verzieht immer noch keine Miene;
Ich: warte;
Die Vortragende geht weiter in ihrer Vorlesung.
Ich: bin ihr sehr dankbar und wende mich ihr zu.
Dann erst, und erst dann, flüstert die andere Person mir zu, wie sie es sieht und wie sie das eben Besprochene in ihrem Leben erlebt hat.
Häh???
Keine Spiegelung. Keine Resonanz. Kein Anzeichen, ob das Gesagte angekommen ist oder nicht. Keine Regung der Gesichtsmuskulatur.
Ich empfinde das als höchst befremdlich. Vielleicht auch als unhöflich oder arrogant.
Gleichzeitig weiß ich aber auch, dass das nicht unhöflich gemeint ist. Es ist so, wie man das hier halt sehr oft macht. Man lässt sich Zeit, man mutet dem anderen keinen Überschwang an Gefühlen zu, man zeigt sich - gut dosiert, oder eben nicht, und man bewahrt auf jeden Fall die Distanz. Das ist wichtig.
Und das ist finnisch.
Ich habe bereits so manche "finnische" Schüler in meiner Karriere als Deutschlehrerin kennengelernt. Die haben dann gelacht, wenn etwas gerade sehr lustig war, und erst danach, also nach dem Lachen, haben sie gemerkt, dass sie gelacht haben. Und mit einem WUUUUSCH hat die Regungslosigkeit die Herrschaft über das Gesicht zurückerobert gehabt.
Damit hab ich gscheit zu tun.
In erster Linie ist es nämlich dieses Gefühl in mir, das in solchen Situationen daherkommt und das ich nicht mag.
Wie ein aufgescheuchtes Hendl flattere ich dann in mir drin herum, renne vor und zurück, überlege verzweifelt, was ich noch sagen könnte, sage Sachen, die ich überhaupt nicht sagen möchte, nur um dieses schweigende Sich-Anstarren zu verhindern, kurz: Ich befinde mich in einem absoluten Stresszustand.
Mein lieber Ehemann hat hierzu einen super Tipp für mich: In den Nachrichten, wenn der Nachrichtensprecher mit einem Auslandskorrespondenten kommuniziert, dann brauchen die Worte ja oft ein Zeitl, bis sie den Angesprochenen erreichen. Dh der Auslandskorrespondent hört auch dann noch zu, wenn der Sprecher schon längst fertig ist mit dem Reden. Und dieser hält ihm das tatsächlich nicht vor. Das muss man sich mal vorstellen! Der Nachrichtensprecher sitzt einfach da und wartet und schaut und vertraut darauf, dass wohl bald eine Antwort kommen wird.
Fantastisch!
Das möchte ich können!
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Das auffallend Andere an diesem Februar sind die Regengüsse.
Mit der Wucht eines Gewitterregens.
Mit den Temperaturen des Novembers.
So kommt er daher, bleibt, und geht, und nichts, rein gar nichts lässt erahnen, dass wir uns gerade in der Hochzeit des Winters befinden.
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Ein gut durchdachtes, klares Nein platziert an der richtigen Stelle macht groß.
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Wir haben Semesterferien. Die Sonne scheint. Es wird ein bisschen kälter. Manchmal klettert das Thermometer sogar auf die Minusseite.
Und wir gehen Familien-Eislaufen. Ja. Es gibt Eis auf dem Meer. Ich bin ja immer ein bisschen ängstlich was die Dicke anbelangt. Aber wenn Kalle dabei ist, dann passt das schon. Er kennt sich aus. Und Max ist so cool. Er ist dabei. Mit einer Selbstverständlichkeit und Reiselust (Do, bis zum großn Stoan will i aussi!!!) haut er sich mit seinem Sparkstötting und den Eislaufschuhen ins Abenteuer, dass es nur so eine Freude ist.
Ich selber stehe noch ein bisschen wackelig auf meinen Kufen, aber wenn ich nicht gerade mit unebenem Eis oder inneren starken Gefühlswallungen beschäftigt bin, dann habe ich richtig Lust. Und wenn ich Kalle zuschaue, wie er über das Eis fliiiiiegt, dann möchte ich nichts lieber, als genau das zu können.
Morgen haben wir unsere erste gemeinsame Eislauftour. Also nur wir zwei Großen. Wir nehmen uns einen guten Kaffee mit, vielleicht eine Schokolade, und dann laufen wir rundummadum, hin und her, und wenn wir Glück haben, finden wir vielleicht sogar eine Insel. Dann setzen wir uns in die Sonne, trinken Kaffee, schließen die Augen... Hm...
Ferien sind wunderbar!
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Mittlerweile ist es kalt geworden. Heute in der Früh zeigt unser Thermometer -13 Grad.
Die Sonne scheint.
Das Feuer brennt im Ofen.
Und ich freue mich auf meinen dampfenden Kaffee.
Liebe Leute, schaut gut auf euch!
Bis in Bälde!
Pfiat enk und Hej då -
d' Birgit