Samstag, 30. April 2016

30.04.16 - Mein Blog und Du


Liebe Leserinnen und Leser!

Ein Brief an euch. Ganz persönlich. Ihr, die ihr eine undefinierbare Masse im weltweiten Netz seid. Ihr, die ihr aber auch meine Familie und meine Freunde seid. Und ihr, die ich nicht kenne und die ich noch nie in meinem Leben gesehen oder gesprochen habe und das wahrscheinlich auch nie tun werde. Ihr seid meine Adressaten. Immer wieder. Ihr seid die, die mich Woche für Woche aufs neue vor den Computer treiben. Und ihr seid es, denen ich nicht vorenthalten möchte, wie es ist, einen Blog und manchmal nur diesen als Verbindungsglied zu haben.
 
Das Erzählen und das Schreiben meines Blogs ist so, wie wenn ich in der Dunkelheit eine Tür aufmache und versuche zu schauen, wer oder was dahinter ist. Ich sehe nichts. Rein gar nichts. Egal, wie sehr ich meine Augen zusammenkneife, die Luft anhalte, mich anstrenge - ich werde nichts entdecken.
So fühlt sich das Schreiben an. Ich halte meine Monologe, erzähle mal dies und mal das, suche Objekte, die es wert sind, fotografiert zu werden, oder bereits vorhandene Fotos, die das Thema unterstreichen bzw. gut ergänzen, krame beinahe täglich in meinen Gedanken und schaue, was als Blog verwendet werden will, ich versuche, mich an so etwas ähnliches wie einen Zeitplan zu halten, und das alles geschieht  - in völliger Dunkelheit. Ich sehe nicht eure Gesichtszüge, wenn ihr meine Einträge lest. Ich höre nicht, was ihr sagt. Und ich habe keine Ahnung, welche Gedanken und Emotionen in euch aufblitzen, wenn ihr mit meinen Worten und Bildern in Kontakt kommt.

Schreiben im luftleeren Raum.

Ich habe von einem psychologischen Versuch gelesen, indem man versucht hat, herauszufinden, wie Stress auf Menschen wirkt. In diesem wird man als Versuchsperson (VP) in einen Raum gebeten, welcher mit Ausnahme von 2 Menschen (2M), die hinter einem Tisch sitzen, total leer ist. Weiss und kahl. Die VP soll sich nun vorstellen, sie bewerbe sich für eine Arbeitsstelle und ihre Aufgabe ist, zwei Minuten lang ihre Vorzüge darzustellen.
Es muss festgehalten werden, dass die VP weiss, dass es ein Experiment ist, sie weiss, dass dieses Gespräch fiktiv ist, sie weiss, dass es hier gar nicht um eine Stelle geht, ja, sie weiss sogar, dass sie zwei Minuten lang ihre positiven Seiten auflisten soll, was bedeutet, dass sie sich im vorhinein perfekt darauf vorbereiten kann.
Was geschieht?
Die VP geht in den Raum, und findet hinter dem Tisch 2M mit völlig ausdruckslosen Gesichtern vor. Die VP fängt guten Mutes an zu erzählen. Die 2M machen sich ab und an Notizen, zeigen aber ansonsten keine Regung im Gesicht. Nichts. Sie schauen nur. Ohne eine Mine zu verziehen. Nach 15 Sekunden fängt die VP an, sich unsicher zu fühlen. Die 2M schauen.  Sie stottert. Die 2M schauen. Sie fängt an zu schwitzen. Die 2M tun weiter nichts als schauen. Und Notizen machen. Bald folgt ein Blackout von seiten der VP und nach knapp einer Minute, falls ich mich recht erinnere, wird das Experiment abgebrochen.

Manchmal gehts mir mit diesem Blog genauso. Nämlich dann, wenn ich mir selber unsicher bin über das Ergebnis des bereits geposteten Resultats. Dann warte ich auf irgendein Zeichen von euch, wie zB ein Feedback in Form einer Nachricht oder in Form von vielen Aufrufen oder in Form eines Plus, das man als LeserIn vergeben kann. Und wenn die ersten paar Minuten oder sagen wir Stunden, nachdem ich meinen Eintrag veröffentlicht habe, nichts passiert, also wirklich nichts, dann werd ich ganz zieselig. Meine Unsicherheit wächst und ich fühle mich zunehmend bestätigt in meinen eh schon nagenden Zweifeln. Und die Verzweiflung käme über mich, würde ich in diesem Moment nicht alles ruhend stellen und meine Aufmerksamkeit anderen Dingen zuwenden.
Ganz anders hingegen fühlt es sich an, wenn ich meinen Eintrag mag. Wenn ich in aller Konsequenz hinter jedem gewählten und verwendeten Wort stehen kann und wenn ich stolz darauf bin, dass herausgekommen ist, was herausgekommen ist. Nur sehr wenige Leser? Völlig wurscht! Wenn sie es nicht jetzt lesen, dann eben später. Oder gar nicht. Das macht nichts. Und tut meinem Selbstwert keinen Abbruch.
 
Ich werde nie wissen, wovon es abhängt, ob ein Eintrag oft aufgerufen wird oder nicht. Es ist absolut kein Muster hinter der Anzahl der Aufrufe zu erkennen. 40? 120? Beides möglich. Und eben nicht beeinflussbar. Hat a Zeitl gedauert, bis ich das als gegeben akzeptieren konnte.

Und nun, jetzt, in diesem Moment, lieber Leser, liebe Leserin, bist du da. Verbunden mit mir über meine Worte. Wie schön. Hallo :-)!
 
Als Dank für deine Treue oder Neugierde oder Interesse oder deinem Versehen - was genau ist eigentlich deine Motivation, dir mehr oder weniger regelmässig meine Monologe zu Gemüte zu führen? - gibts hier ein Bild von einem Freund unseres lieben Max'. Er ist genauso uneinschätzbar wie ihr. Meistens sitzt er aufm Fensterbankl, vergessen von allen. Doch manchmal, ungefähr einmal in der Woche, da tritt er mit einem umwerfenden Schwung auf, laut und durchgeknallt, und bekannt als Hasenhund setzt er sich gekonnt in Szene und macht die Welt um ihn herum buntlautlachendundquietschvergnügt.
 



Hjulen på bussen går runt, runt, runt...
Das ist alles, was mir jetzt noch in den Sinn kommt (Kalle singt mit Inbrunst GuteNacht-Lieder für Max).
Deshalb lass ich es sein für heute.

Habts es gut. Habts es fein. Auf a guate virtuelle Verbindung weiterhin :-)!

Pfiatenk und Hej då -
d'Birgit


Samstag, 23. April 2016

23.04.16 - Rechts? Links? Hoffnungsvolles Frühlingskribbeln!


Was meinen Geburtstag angeht, bin ich bis letztes Jahr nie wirklich über das Stadium der Kindheit hinausgewachsen. Ich kenne Menschen, die sagen, dass er ihnen völlig wurscht ist und dass dieser Tag wie jeder andere auch einfach an ihnen vorüber zieht. Bei mir war das immer anders. Ich hab mich gefreut. Unbändig. Immer schon. Bereits am Tag davor. Und als ich dann in der Früh aufgewacht bin, geschah das stets mit einem Kribbeln im Bauch und dem erwartungsvollen Hoffen, dass ganz viele Menschen mich ganz lieb beglückwünschen.
 
Man sagt, der Mensch fühlt sich in jener Jahreszeit am wohlsten, in der er geboren worden ist.
Jeder, der mich kennt, weiss, dass ich Pauschalisierungen sehr kritisch gegenüber stehe. Doch hier, ob nun Zufall oder nicht, muss ich zugeben: Es stimmt. Total. Ich liebe den Frühling. Keine andere Jahreszeit tut mir so wohl und lässt mich so gerne leben. Keine andere lässt es kribbeln in mir. Und keine andere lässt mich so tief einatmen und so oft dankbar in das Licht des Himmels schauen. Wäre ich nicht so steif und patschert, würde ich am liebsten Purzelbäume schlagen.
 
Sie beide sind wieder da. Der Frühling und mein Geburtstag.
Der Frühling wird mit jedem Jahr besser. Intensiver. Kribbeliger. Freudiger.
Der Geburtstag - nein, ich würde nicht sagen, dass er mir wurscht geworden ist. Nur, er ist kleiner geworden. Und das aufgescheuchte Herumwuseln ist einer ruhigen Freude gewichen. Ich muss wieder einmal feststellen, dass das Leben mit zunehmendem Alter zunehmend entspannt wird. Mmmm, das tut gut!
 
Dafür gibts ganz andere Dinge, die mich aufscheuchen, beunruhigen, ängstigen, mich hilflos fühlen lassen und gleichzeitig wütend machen.
 
Was zB tun mit Menschen, die völlig unreflektiert rechtes Gedankengut verbreiten und damit die Welt um sich herum verpesten? Ich habe wirklich ein Problem damit. Ein riesiges Problem.
 
Facebook. Jemand verbreitet aggressiven, rechten Humbug. Jemand, den ich kenne.
Schweigen? Nein. Geht nicht mehr. Also: Fragen stellen. Wie kommst du dazu? Weisst du um die jetzige Gesetzeslage Bescheid? Was genau hättest du gern anders? Und was versprichst du dir davon? Solche Dinge. Und dann ist ein Shitstorm über mich hereingebrochen. Und ich muss jetzt sagen, Shitstorm ist masslos übertrieben. Es hat sich aber so angefühlt. Jemand hat seine Meinung auf aggressivste Art kundgetan, sich gesuhlt in Pauschalisierungen, Behauptungen, die jeglicher Grundlage entbehren, und mit denselben Statements um sich geworfen, die jede/r Rechte aus dem Effeff beherrscht. Und da bin nicht einmal ich als Fragestellerin angegriffen worden. Nur "die Flüchtlinge".
 
Poah. Ich reagiere auf solche Dinge hochemotional. Ich bin immer wieder sprachlos über die Aggressivität der Aussagen, die Argumente, die keine sind, die aber beabsichtigen, die ganze komplexe, bunte, filigrane Welt und ihr facettenreiches Leben darin in ausschliesslich Schwarz und Weiss darzustellen und über die vermeintlich simplen Lösungen.
Aussi. Weck. Gottan zua. Fertig.
Wie bitte???
 
Liebe Leute, ich muss ganz ehrlich gestehen, ich habe Angst.
Ich habe Angst vor den Donald Trumps und Mikl-Leitners dieser Welt, und davor, was aus der Welt wird, wenn diese Menschen an Positionen kommen, an denen ihr Wort Gewicht bekommt.
Und ich habe Angst vor all den normalen Franzln und Gretln, die gedankenlos mit Parolen um sich werfen und sich nicht im Klaren darüber sind, was sie anrichten.
 
Ich brauch a Strategie. Eine Strategie, derer ich mich bedienen kann, wenns darum geht, dem etwas entgegenzusetzen. Ich finde das so schwierig. Und da gibts noch so viel zu tun für mich.
 
Morgen ist Wahl in Österreich. Der Bundespräsident/die Bundespräsidentin wird gewählt. Ich habe meine Wahlkarte schon weggeschickt. Es ist gut, etwas Konkretes tun zu können in so einer Komplexheit an Wahnsinn und innerem sowie äusserem Durcheinander.
 
 


Es gibt Hoffnung. Immer.
Dieses Blattl wächst aus unserem Palmkatzlzweig, den wir weder giessen noch sonst irgendwie pflegen.

Die Lust am Leben braucht nur sich selbst.

In diesem Sinne - friedvolles, lustvolles und achtsames Dasein euch allen!

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit
 

Samstag, 16. April 2016

16.04.16 - Immer nie Kaffee - von wegen!


Das ist Kalles neuer Leitspruch. Zumindest dann, wenn er daheim ist.

Und ich? Mein täglicher selbstgemachter Cappuccino ist mir gewiss und einmal in der Woche, meist am Wochenende, suche ich für ein paar Stunden Vaasa heim, wenn möglich ohne Max und ohne Kalle, und setze mich - in ein Cafehaus. Mit meiner Zeitung, meinem Büchl zum Einischreiben und gaaanz viel Zeit.
 
Im Phantasieren über meine Arbeitszukunft hier im Finnenlande kommen mir die absurdesten, banalsten, naheliegendsten und am weitesten hergeholten Ideen.
Eine davon gefällig? Ich werde Cafehauskritikerin!
Eine Cafehauskritikerin verbringt die meiste ihrer Arbeitszeit im Cafehaus und die andere Zeit schreibt sie. Gibts was besseres? Na! Natürlich nit :-)!!!
 
Um in etwas richtig gut zu werden, brauchts Übung. Bis es also so weit ist und ich meine Millionen mit diesem Job verdiene, übe ich mich in Gelassenheit und im Kaffeetrinken. Und im Schreiben natürlich. Und, liebe Leute, was soll ich sagen? Ihr habt Glück! Ihr habt mit dem Lesen dieses meines Blogs die Chance, ganz exklusiv und in erster Reihe an meinem Erstlingswerk teilzuhaben.
 
Here we go:
 
Othello.
Die Türe öffnet sich, man tritt ein und wenn sich die Türe wieder hinter einem schliesst, legt sich die Stille wie ein dicker Mantel über einen. Man hört Gemurmel von Gästen, Löffel, die in Tassen umrühren und vielleicht die Kaffeemaschine. Aber sonst - nichts.
Man steht mitten in einem hellen Raum. An den grossen, auslagenartigen Fenstern befinden sich Tische. Braune, schlichte Holztische mit dazupassenden Stühlen, nett drapiert mit Tischdecken und frischen Blumen. Gleich nebenan befindet sich der Thresen. Es gilt Selbstbedienung hier, wie überall in Finnland, was ich ein bisschen schade finde und ganz grundsätzlich als Minuspunkt einrechne, aber da das überall so gehandhabt wird, fällt dieses Minus nicht ins Gewicht. Das Sortiment ist - für finnische Verhältnisse - gut aufgestellt, zumal Dinge für den kleinen Hunger ebenso wie für die süsse Lust zu finden sind. Finnischen Menschen werden hier alle Wünsche erfüllt. Österreichische Menschen hingegen haben vielleicht das eine oder andere Problem damit. Die Brote mit Wurst oder Käse oder Fisch oder mit allem zusammen sind in Plastikfolie verpackt. Und die süssen Dinge sind so süss, dass jeglicher Geschmack vom Zucker kaltblütig niedergeschlagen wird. Doch auch das ist durchaus üblich und ein Minuspunkt hierüber tut nichts zur Sache. Neben dem typisch finnischen Filterkaffee finden sich auch Espresso, Cappuccino und Latte Macchiato im Angebot. Wasser gibt es in der Vitrine und man kann sich so oft und so viel nehmen, wie man möchte. Das Teeangebot hält sich leider sehr in Grenzen und beschränkt sich auf Schwarz und Grün.
Es befinden sich weitere Tische im hinteren Teil des Raumes. Dort gibt es zwar kein Fenster, aber das stört nicht. Vielmehr wird dadurch der Lust nach Rückzug und Pause entgegengekommen.
Die Toilette ist extra zu erwähnen. Als nicht-finnischer Mensch gewinnt man nach genauer und wohlmeinender Begutachtung den Eindruck, dass das Klo nicht abzusperren ist und wundert sich dann doch ein bisschen über die vermeintliche Offenheit und Entspanntheit, mit der man hier Intimstem gegenüberzutreten pflegt. Bin eingeführt worden in das Geheimnis des Türabsperrens. Ein altes finnisches Abschliesssystem, das in dieser Form kaum mehr zu finden ist und den Auswärtigen als solchen dumm dastehen und sich im Klo verrenken lässt (ein Fuss immer am Türende, falls wer reinzukommen gedenkt).
Eine Möglichkeit zum Windelnwechseln oder Platz genug, dass ein Mensch mit Rollstuhl oder Rollator sich erleichtern kann, gibt es leider nicht.
Am Wochenende ab Samstag 15.00 Uhr und am Abend ist das Othello geschlossen. Wie auch fast alle anderen Cafes in Vaasa.
 
Ich unterstreiche, dass nur finnische Cafehäuser miteinander verglichen und zur Beurteilung herangezogen werden. Das Niveau ist also ein anderes als in Österreich und man muss woanders ansetzen.
Es gibt Tische zum Sitzen, man bemüht sich, es freundlich zu gestalten, die Tische werden immer wieder mal abgewischt, die Menschen hinter dem Thresen lächeln und sind nett, wenn sie im Kontakt mit den Kunden sind, der Kaffee ist relativ gut, es läuft kein Fernseher und keine laute Hintergrundmusik, und es ist völlig ok, dort auch alleine zu sitzen. Die Gäste sind bunt gemischt und es ist gross genug zur Anonymität und klein genug, um die Tische gut im Überblick zu haben.
 
Fazit: Ich habe das Othello zu meinem Cafehaus für alleinige Stunden auserkoren. Es bekommt 3 Sterne von insgesamt 5! Und wenn Kalle von seinem Trip wieder herunten ist, nehm ich ihn vielleicht mal mit.
 
 
Na? Wie mach ich mich ;-)?
 
Einen schönes Wochenende euch allen!
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit
 



Sonntag, 10. April 2016

10.04.16 - Mein Schwedisch, ich und das grosse Schweigen


Hej!
Ha? Wos moansch?
Äh.... Vad säger du?
Aha.
Jo jo.
Nej.
Aaaah.
Mhmmmm.
Tack.
Hej då!
 
Ungefähr so waren sie, meine ersten tiefsinnigen, Nähe stiftenden, beidseitig ungemein bereichernden Gespräche auf Schwedisch, die mich durch das erste Jahr begleitet haben.
 
In diesem meinem neu eroberten Lande, im Finnenlande, da, wo der/die naive Mittel- bzw. SüdeuropäerIn meinen könnte, man spräche und unterhalte sich auf Finnisch, hier also spricht man Schwedisch. Zumindest in der Gegend, in der wir leben. Finnisch ist und bleibt die grosse Ausnahme.
Warum das so ist? Es gibt historische, wohl fundierte Begründungen, die, falls Interesse dafür vorhanden, gerne jederzeit von Kalle geliefert werden können. Anfragen also bitte an ihn. Mein Ansinnen ist heute ein anderes.
 
Es geht mir darum, zu schildern, was es für mich bedeutet hat, in einen Wortschwall fremdartiger Laute einzutauchen, mich darin zu bewegen, zu orientieren und zu organisieren, zu handeln und zu leben.
 
Die Sprache zwischen Kalle und mir war anfangs und ist immer noch Englisch. Auch, wenn wir bei weitem nicht perfekt darin sind, so war und ist es uns doch möglich, uns in dieser Sprache zu zeigen und zu erkennen.
 
Und dann hat das Telefon geläutet. Und damit hat sichs dann gehabt. Schwedisch? Finnisch? Pffff.... Nicht die geringste Ahnung. Und das, obwohl ich - noch in Österreich lebend - einen Schwedischkurs absolviert habe. Doch wenn ein Freund anruft, dann fragt man einfach nicht mehr, wie er heisst oder wo er wohnt.
Also. Wortschwall. Das war alles, was ich verstanden habe.
 
Der logische nächste Schritt war also, zunächst einmal zwei völlig unterschiedliche Sprachen, nämlich Schwedisch und Finnisch, auseinanderhalten zu lernen.
Schwedisch klingt immer ein bisschen süss und verspielt und auch heute noch, wo es mir bereits weit vertrauter ist, frage ich mich, wie man in dieser Sprache ernsthafte Auseinandersetzungen führen kann ohne zu lachen. Passend wie die Faust aufs Auge, dass Astrid Lindgren ihre Bücher auf Schwedisch verfasst hat.
Finnisch ist wie das Bild, das in mir auftaucht, wenn ich an Lappland denke und an den einsamen Samen, der in der Nacht vor seinem Feuer sitzt, allein, an seinem Kaffee nippend, mit seinen Rentieren als einzige Gesellschaft. So klingt es. Rauh. Kehlig. Singsängerisch. Karg.
 
Als ich das endlich geschafft hab, gings darum, mich für eine der beiden Sprachen zu entscheiden. Da mir Schwedisch leichter vorkam, war der Entschluss ein leichter. Habs mit CD und Buch probiert. Damit war ich bald durch und ich hätte wohl in einem Hotel fragen können, wieviel eine Übernachtung kostet. Doch wehe, wenn sie geantwortet hätten...! Mein Erlerntes war also nicht anzuwenden, und ich bin aufs Internet umgestiegen. Habe mich fleissig Tag für Tag davor gesetzt, und ich war sehr zufrieden mit mir, wenn ich die Lückentexte fehlerfrei ausfüllen konnte. Doch immer dann, wenn schwedischsprachiger Besuch kam, wurde mir die Realität um meine Sprachenkenntnisse wie eine Watsche ins Gesicht geknallt. Wenn dieser Besuch nicht Englisch sprach, war ich trotz aller Lernerei nach wie vor dazu verurteilt, stillschweigend daneben zu sitzen und lieb zu grinsen.
Zudem waren die schwedischsprachigen Gespräche mit Kalle bzw. die Versuche derselben das reinste Desaster, zumal ich spätestens nach 2 min total grantig geworden bin ob meiner Unfähigkeit und meines geringen Wortschatzes. Und mit Grant lässt sich nur sehr schwer üben.
 
Und dann kam Max.
Und mit ihm meine wohlverdiente Schwedischpause.
Wenn ich was wollte oder brauchte, dann war das immer auch auf Englisch möglich. Also, wozu sollte ich mich diesem massiven Stress aussetzen, wo es doch so viel wichtigeres gab auf dieser Welt und in meinem Leben?
 
Und dann ging mir plötzlich der Knopf auf.
Plötzlich habe ich Kalle verstanden, wenn er am Telefon geredet hat.
Das Vasabladet, die hiesige Zeitung, war nicht mehr wie Chinesisch, sondern schon eher wie, ja, wie Fachdeutsch vielleicht. Ich verstehe auch auf meiner Muttersprache bei weitem nicht alles, wenn zB Finanzmenschen miteinander reden. Aber ich verstehe sehr wohl, worum es geht.
Die Neugierde ist erwacht. Und die Lust.
 
Irgendwann kam dann mein erster Versuch, mich zu unterhalten. Im Geschäft in Oravais, mit einem Mann, den ich vom Chor kenne. Zum Flüchten wars zu spät, weil er mich schon gesehen hat und auf mich zugekommen ist. Wir haben mindestens 10 min miteinander geredet. Und er hat nicht gelacht. Und er hat sich auf Augenhöhe mit mir unterhalten.
 
Und heute?
Unsere Friseurin war bei meinem letzten Besuch total froh, dass sie sich endlich unterhalten kann mit mir (sie spricht kaum Englisch) und hat das ganz, ganz oft wiederholt.
Ich lese Karl Ove Knausgård auf Schwedisch (bzw versuche ich...).
Ich nehme wöchentlich bei einem Mutter-Kind-Treffen teil und unterhalte mich dort ausschliesslich auf Schwedisch.
Ich habe keine Angst mehr vor dem Einkaufengehen oder vor zufälligen Begegnungen auf der Strasse.
Die Sprache zwischen Kalle und mir wird eine zunehmend lustig-leichte Mischung aus Englisch, Schwedisch und Deutsch.
Das Vasabladet, Karl Ove und meine Gesprächspartner zeigen auf, dass es schon noch gscheit viel zu tun gibt.
Jedoch, und das ist das unglaublich Befreiende und Lebenslusterweckende daran: Ich gehe Situationen, in denen mein Schwedisch gefragt und gefordert ist, nicht mehr aus dem Weg.
 
Ich habe mir im vorhinein nicht vorstellen können, wie es sich anfühlen wird, wenn ich nicht mehr einfach drauflos reden kann.
Wenn ich keine Möglichkeit mehr haben werde, zu sagen, was mir gerade in den Sinn kommt.
Wenn ich bei jedem Satz überlegen muss, wie ich den am besten sage, zusammenstelle, welche Wörter ich verwende, usw.
Und wenn ich verdammt bin zum Schweigen und zum Danebensitzen, weil mir die Worte und/oder die Grammatik und/oder die Zeit zum Formulieren fehlen.
Und wie der Selbstwert sich davonschleicht, wenn es Kalle dazu braucht, um all die Alltäglichkeiten wie Arzttermine ausmachen, Bankbesuche und was auch immer verrichten zu können.
Und wie unglaublich klein der Aktionsradius und die Möglichkeiten werden.
Und wie alles, was ich mir vorher aufgebaut habe an Unabhängigkeit und Freiheit in sich zusammenfallen, als seien sie nie gewesen.
 
Schwedisch sollte für mich relativ leicht sein, zumal es sehr eng verwandt ist mit dem Deutschen. Und ich bin auch nicht träge im Kopf. Lerne also grundsätzlich schnell und leicht. Doch um dieses Stadium zu erreichen, wo ich mich jetzt gerade befinde, dazu habe ich geschlagene eineinhalb Jahre gebraucht.
 
Und ich hatte noch Glück. Denn ich hatte Kalle. Und ich bin aus Österreich, einem reichen Land. Ich bin weiss. Ich bin freiwillig nach Woandershin. Meine Lebensanschauung oder das, was man davon mitbekommt ist im Grossen und Ganzen von der Mehrheit akzeptiert. Meine Kultur ist eine ähnliche wie die hiesige. Und im Grunde genommen ist es nur die Sprache, die mich von den Menschen und einem normalen Leben hier trennt.
Und das war und ist hart genug.
 
Mit Schaudern versuche ich mir vorzustellen, was andere, weniger privilegierte Menschen,  durchleben müssen. Innen wie aussen. Ich kann es nicht. Und mir wird ganz schwindlig bei so manchen Aussagen und Ansichten von gerade solchen Menschen, die sich nie auch nur einen Zentimeter aus ihrer Comfortzone herausgewagt haben.
 
 
Zum Abschluss ein Foto von unserem ersten Frühlingsfeuer.
 

Es gibt glücklicherweise immer noch Momente und Situationen, wo es überhaupt keine Worte und somit keine Sprache braucht.
 
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit



 

Sonntag, 3. April 2016

03.04.16 - Für immer


Auf diesem unserem Dachboden, der so unglaublich gemütlich und kuschelig ist,
 
                                              

 findet sich folgende Inschrift auf dem Boden:
 

 
Lövsund 350
Maxmo
 
Leena und Pekka
haben 2004 ein gemeinsames Projekt gestartet.
Möge dies die Hochburg für Zärtlichkeit und gegenseitiges Verständnis 
für uns und alle unsere Lieben sein. 
Für immer.
 
2.12.2006
Pekka & Leena 
 
 
Im Dorf erzählt man sich die Fortsetzung dieser Romanze folgender Massen:
 
Pekka arbeitete wie wild an diesem Haus, ohne dass je eine Ende abzusehen gewesen wäre und seine Zeit für Leena war dementsprechend knapp bemessen.
Leena hingegen, jung und mitten im Leben stehend, war zunehmend unglücklich mit einem Mann, der keine Zeit für sie hatte und mit dem sie nichts anderes tun konnte, als auf ihn zu warten, und man munkelt hinter vorgehaltener Hand, dass es da wohl den ein oder anderen Mann gegeben hätte, der sehr gerne seine Zeit mit ihr anstatt mit einer Baustelle verbracht hat.
Wenn die beiden zusammen waren, gab es zunehmend Streit und bald schon wurde das gemeinsame Projekt für beendet erklärt, die Hochburg für Zärtlichkeit und gegenseitiges Verständnis geschlossen und zum Verkauf angeboten.
Und hier kommt Kalle ins Spiel.
 
Schon traurig, wie kurz ein "Für immer" andauern kann, oder?
Aber andererseits auch wieder nicht.
 
Pekka hat eine neue Baustelle gefunden, mit der er sich verwirklich kann und eine Frau, die sich mit Warten auf ihn zufrieden gibt.
Leena hat nun endlich Zeit und Energie für ihr Business.
Und das Haus, die Hochburg für Zärtlichkeit und gegenseitiges Verstehen? Es gibt sie immer noch. Sie hat nur andere Menschen zu beherbergen, doch ansonsten hat sich nichts verändert.
Für immer.
 
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit