Sonntag, 10. April 2016

10.04.16 - Mein Schwedisch, ich und das grosse Schweigen


Hej!
Ha? Wos moansch?
Äh.... Vad säger du?
Aha.
Jo jo.
Nej.
Aaaah.
Mhmmmm.
Tack.
Hej då!
 
Ungefähr so waren sie, meine ersten tiefsinnigen, Nähe stiftenden, beidseitig ungemein bereichernden Gespräche auf Schwedisch, die mich durch das erste Jahr begleitet haben.
 
In diesem meinem neu eroberten Lande, im Finnenlande, da, wo der/die naive Mittel- bzw. SüdeuropäerIn meinen könnte, man spräche und unterhalte sich auf Finnisch, hier also spricht man Schwedisch. Zumindest in der Gegend, in der wir leben. Finnisch ist und bleibt die grosse Ausnahme.
Warum das so ist? Es gibt historische, wohl fundierte Begründungen, die, falls Interesse dafür vorhanden, gerne jederzeit von Kalle geliefert werden können. Anfragen also bitte an ihn. Mein Ansinnen ist heute ein anderes.
 
Es geht mir darum, zu schildern, was es für mich bedeutet hat, in einen Wortschwall fremdartiger Laute einzutauchen, mich darin zu bewegen, zu orientieren und zu organisieren, zu handeln und zu leben.
 
Die Sprache zwischen Kalle und mir war anfangs und ist immer noch Englisch. Auch, wenn wir bei weitem nicht perfekt darin sind, so war und ist es uns doch möglich, uns in dieser Sprache zu zeigen und zu erkennen.
 
Und dann hat das Telefon geläutet. Und damit hat sichs dann gehabt. Schwedisch? Finnisch? Pffff.... Nicht die geringste Ahnung. Und das, obwohl ich - noch in Österreich lebend - einen Schwedischkurs absolviert habe. Doch wenn ein Freund anruft, dann fragt man einfach nicht mehr, wie er heisst oder wo er wohnt.
Also. Wortschwall. Das war alles, was ich verstanden habe.
 
Der logische nächste Schritt war also, zunächst einmal zwei völlig unterschiedliche Sprachen, nämlich Schwedisch und Finnisch, auseinanderhalten zu lernen.
Schwedisch klingt immer ein bisschen süss und verspielt und auch heute noch, wo es mir bereits weit vertrauter ist, frage ich mich, wie man in dieser Sprache ernsthafte Auseinandersetzungen führen kann ohne zu lachen. Passend wie die Faust aufs Auge, dass Astrid Lindgren ihre Bücher auf Schwedisch verfasst hat.
Finnisch ist wie das Bild, das in mir auftaucht, wenn ich an Lappland denke und an den einsamen Samen, der in der Nacht vor seinem Feuer sitzt, allein, an seinem Kaffee nippend, mit seinen Rentieren als einzige Gesellschaft. So klingt es. Rauh. Kehlig. Singsängerisch. Karg.
 
Als ich das endlich geschafft hab, gings darum, mich für eine der beiden Sprachen zu entscheiden. Da mir Schwedisch leichter vorkam, war der Entschluss ein leichter. Habs mit CD und Buch probiert. Damit war ich bald durch und ich hätte wohl in einem Hotel fragen können, wieviel eine Übernachtung kostet. Doch wehe, wenn sie geantwortet hätten...! Mein Erlerntes war also nicht anzuwenden, und ich bin aufs Internet umgestiegen. Habe mich fleissig Tag für Tag davor gesetzt, und ich war sehr zufrieden mit mir, wenn ich die Lückentexte fehlerfrei ausfüllen konnte. Doch immer dann, wenn schwedischsprachiger Besuch kam, wurde mir die Realität um meine Sprachenkenntnisse wie eine Watsche ins Gesicht geknallt. Wenn dieser Besuch nicht Englisch sprach, war ich trotz aller Lernerei nach wie vor dazu verurteilt, stillschweigend daneben zu sitzen und lieb zu grinsen.
Zudem waren die schwedischsprachigen Gespräche mit Kalle bzw. die Versuche derselben das reinste Desaster, zumal ich spätestens nach 2 min total grantig geworden bin ob meiner Unfähigkeit und meines geringen Wortschatzes. Und mit Grant lässt sich nur sehr schwer üben.
 
Und dann kam Max.
Und mit ihm meine wohlverdiente Schwedischpause.
Wenn ich was wollte oder brauchte, dann war das immer auch auf Englisch möglich. Also, wozu sollte ich mich diesem massiven Stress aussetzen, wo es doch so viel wichtigeres gab auf dieser Welt und in meinem Leben?
 
Und dann ging mir plötzlich der Knopf auf.
Plötzlich habe ich Kalle verstanden, wenn er am Telefon geredet hat.
Das Vasabladet, die hiesige Zeitung, war nicht mehr wie Chinesisch, sondern schon eher wie, ja, wie Fachdeutsch vielleicht. Ich verstehe auch auf meiner Muttersprache bei weitem nicht alles, wenn zB Finanzmenschen miteinander reden. Aber ich verstehe sehr wohl, worum es geht.
Die Neugierde ist erwacht. Und die Lust.
 
Irgendwann kam dann mein erster Versuch, mich zu unterhalten. Im Geschäft in Oravais, mit einem Mann, den ich vom Chor kenne. Zum Flüchten wars zu spät, weil er mich schon gesehen hat und auf mich zugekommen ist. Wir haben mindestens 10 min miteinander geredet. Und er hat nicht gelacht. Und er hat sich auf Augenhöhe mit mir unterhalten.
 
Und heute?
Unsere Friseurin war bei meinem letzten Besuch total froh, dass sie sich endlich unterhalten kann mit mir (sie spricht kaum Englisch) und hat das ganz, ganz oft wiederholt.
Ich lese Karl Ove Knausgård auf Schwedisch (bzw versuche ich...).
Ich nehme wöchentlich bei einem Mutter-Kind-Treffen teil und unterhalte mich dort ausschliesslich auf Schwedisch.
Ich habe keine Angst mehr vor dem Einkaufengehen oder vor zufälligen Begegnungen auf der Strasse.
Die Sprache zwischen Kalle und mir wird eine zunehmend lustig-leichte Mischung aus Englisch, Schwedisch und Deutsch.
Das Vasabladet, Karl Ove und meine Gesprächspartner zeigen auf, dass es schon noch gscheit viel zu tun gibt.
Jedoch, und das ist das unglaublich Befreiende und Lebenslusterweckende daran: Ich gehe Situationen, in denen mein Schwedisch gefragt und gefordert ist, nicht mehr aus dem Weg.
 
Ich habe mir im vorhinein nicht vorstellen können, wie es sich anfühlen wird, wenn ich nicht mehr einfach drauflos reden kann.
Wenn ich keine Möglichkeit mehr haben werde, zu sagen, was mir gerade in den Sinn kommt.
Wenn ich bei jedem Satz überlegen muss, wie ich den am besten sage, zusammenstelle, welche Wörter ich verwende, usw.
Und wenn ich verdammt bin zum Schweigen und zum Danebensitzen, weil mir die Worte und/oder die Grammatik und/oder die Zeit zum Formulieren fehlen.
Und wie der Selbstwert sich davonschleicht, wenn es Kalle dazu braucht, um all die Alltäglichkeiten wie Arzttermine ausmachen, Bankbesuche und was auch immer verrichten zu können.
Und wie unglaublich klein der Aktionsradius und die Möglichkeiten werden.
Und wie alles, was ich mir vorher aufgebaut habe an Unabhängigkeit und Freiheit in sich zusammenfallen, als seien sie nie gewesen.
 
Schwedisch sollte für mich relativ leicht sein, zumal es sehr eng verwandt ist mit dem Deutschen. Und ich bin auch nicht träge im Kopf. Lerne also grundsätzlich schnell und leicht. Doch um dieses Stadium zu erreichen, wo ich mich jetzt gerade befinde, dazu habe ich geschlagene eineinhalb Jahre gebraucht.
 
Und ich hatte noch Glück. Denn ich hatte Kalle. Und ich bin aus Österreich, einem reichen Land. Ich bin weiss. Ich bin freiwillig nach Woandershin. Meine Lebensanschauung oder das, was man davon mitbekommt ist im Grossen und Ganzen von der Mehrheit akzeptiert. Meine Kultur ist eine ähnliche wie die hiesige. Und im Grunde genommen ist es nur die Sprache, die mich von den Menschen und einem normalen Leben hier trennt.
Und das war und ist hart genug.
 
Mit Schaudern versuche ich mir vorzustellen, was andere, weniger privilegierte Menschen,  durchleben müssen. Innen wie aussen. Ich kann es nicht. Und mir wird ganz schwindlig bei so manchen Aussagen und Ansichten von gerade solchen Menschen, die sich nie auch nur einen Zentimeter aus ihrer Comfortzone herausgewagt haben.
 
 
Zum Abschluss ein Foto von unserem ersten Frühlingsfeuer.
 

Es gibt glücklicherweise immer noch Momente und Situationen, wo es überhaupt keine Worte und somit keine Sprache braucht.
 
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit



 

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