Montag, 30. September 2019

30.09.19 - Herbstgeflüster


😍👍👦💢😋💏🙈😂😀😎

Was das heißt? Ich habe keine Ahnung!
Und das ist es, was mich nervt. Diese Emojis sind wie eine eigene Sprache, die ich nicht beherrsche. 
Manchmal, wenn mir mein lieber alter Freund wieder mal eine WhatsApp-Nachricht gespickt mit kleinen Bildtelen schickt, dann komm ich mir schon vor wie so eine greise, klapprige Jungfrau aus der Vorzeit, über die man im besten Fall milde lächelt, wenn sie wieder mal gar nix versteht, und die man im schlimmsten Fall ins Altersheim bringt und die dort Anwesenden auf Knien anfleht: Bitte, bitte, nehmts sie auf und lassts sie nimma raus. Sie nervt!
Meistens behelfe ich mir mit einem: 😊. Das ist freundlich und passt fast immer. Und versteckt hoffentlich gut, dass ich keine Ahnung habe, wie man diese Comicbilder anwendet. Ich verstehe ihre Aussage nicht. Also, präzise, meine ich. 
Wer weiß schon den Unterschied zwischen 😃 und 😄? Also, in Worten?
Oder was will uns dieses Emoji sagen: 👀? 
Achtung, Geister? 
Ich habe Angst? 
Wow, das wundert mich?
Wie überrascht ich bin?
Schau, was ich kann?
Ich kann nicht schlafen? 
Ich schaue? 
Meine Augen sind's?
Was schaust so blöd?
Ich schaue immer so?
Ich habe keine Ahnung. 
Oder das hier: 😂.
Ich lache Tränen? Echt? Wann hast du das letzte Mal so gelacht, dass du weinen hast müssen? Und mit wem? Wenn du dich daran erinnern kannst, dann geh zu diesem Menschen, umarme ihn und bedanke dich bei ihm! Heute ist es doch vielmehr so, dass die Emotionen, die mit diesen Emojis gezeigt werden sollen, im wirklichen Leben kaum mehr auftauchen oder man sie zu Gesicht bekommt. Erschreckend viele starren in jeder freien Minute mit regungsloser Mine - von wegen: 😂 oder 😭 - auf ihr Handy. Völlig frei von Emotionen. Völlig eingesunken ins Kastl. Und antworten doch mit: 💖. Welch Farce!
Da war ich einmal aufm Berg. Schönes Wetter, geniale Welt. Beim Runtergehen bin ich unter diesem urigen Einsersessellift hindurchgegangen, so einen, der heute Altertumswert hat, weils ihn kaum mehr wo gibt.
In jedem dieser Sessel saß ein Mensch.
Und jeder dieser Menschen starrte - Robotern gleich - in sein Telefon.
Då stellts ma echt de Ganslhaut auf!
Und ich muss zugeben, ich versteh's nicht.
Aber vermutlich ist das ein Zeichen des Älterwerdens.
Ists den Alten nicht immer schon so gegangen mit den Jungen?
Und beruhige ich mich gerade selber?
Hilfts?

In 3 Tagen ist Wahl. Wieder amal.
Und dank Facebook bin ich zwei Menschen begegnet, einen davon kenne ich auch im richtigen Leben relativ gut, die miteinander befreundet sind und sich mögen und politisch aber auf völlig gegensätzlichen Polen unterwegs sind. Und ich schnappe nach Luft vor Respekt. Die schaffen das! Also, in echt. Die treffen sich, fahren gemeinsam auf Konzerte, sind sich auch sonst sehr nahe, und dann ist der eine Grün und der andere Türkis/Schwarz/Blau. Wie geht das zusammen?
Hier ist eines meiner Lernfelder. Ein riesiges, das beackert werden will, bearbeitet und frisch bepflanzt. Ich habe nämlich null Toleranz gegenüber politisch Andersdenkenden, oder besser gesagt, politisch rechts Denkenden. Also, es darf sie schon geben, aber es ist mir leider nicht möglich, ihnen mit Wertschätzung und Respekt zu begegnen. Vielmehr stelle ich ihre politische Intelligenz in Frage und bin sauer, dass sie - egal ob wissentlich oder unwissentlich - unsere Welt und unser Leben zerstören.
Nur, so kommt man halt nie zusammen.
Und der Graben zwischen mir und jenen wird immer größer.
Und des is nix Gscheits.
Ich bin dran.

Ich fühl mich wie ein Eichhörnchen. Wir (oder um ehrlich zu sein: Kalle) haben so viel Holz gesägt und gehackt und eingelagert wie noch nie zuvor, auf dass wir nicht zu kalt kriegen in der vor der Tür scharrenden, alles verschluckenden Dunkelheit. Wir pflücken Preiselbeeren und Schwammerl, damit wir gut durch den Winter kommen. Wir frieren Petersilie und Schnittlauch ein. Und manchmal finden wir etwas nicht wieder. Und die Box mit Beeren ist in den Tiefen der Kühltruhe verschwunden. Genauso wie die Eichhörnchen, die graben und graben und sich fragen: "Wo war gleich noch mal meine Nuss?"
Und wir sind nicht die einzigen, die ihre Tagesgestaltung rund um die Vorbereitungen für den Winter  bauen.
Eine Bekannte spazierte vor ein paar Tagen hier vorbei.
Ich: "Hej, wie gehts dir denn?
Bla, bla, bla,...
Kommts amal vorbei auf an Kaffee?"
Sie: "Momentan ists schwierig. Wir müssen noch so viel tun, bevor der Winter kommt. Umgraben, Kamin reparieren, Ofen richten, Holz machen,... Aber dann, dann kommen wir!"
Der Winter dominiert schon jetzt unser aller Leben. Obwohl erst September ist.





Hier in Finnland hat sich ein junger Mann aus Afghanistan umgebracht, nachdem er den zweiten und damit endgültigen Bescheid erhalten hatte, in dem stand, dass er keine Aufenthaltsberechtigung bekommen würde. Tags darauf haben sich um die 500 Leute versammelt, um für den Wert des Menschseins auf- und einzustehen.
Nachdem ich aus einem Land komme, in dem der Selbstmord eines um Asyl Suchenden vermutlich in der Auflagen stärksten Zeitung nicht mehr wert wäre als eine kleine Schlagzeile irgendwo auf S. 25, hat mich die Reaktion der Menschen hier sehr beeindruckt und meinen Optimismus ein bisschen genährt.

Zum Abschied sei hier ein kleines Stück wiedergegeben, welches durchaus in der Improtheaterszene ihren Ursprung haben könnte.

Vorgabe: Es treffen sich zwei Männer. Der eine kann aufgrund eines Unfalls nicht mehr reden, der andere kann nur mehr schlecht sehen. Der, der nicht reden kann, unterhält sich mit Mimik und Gebärden. Der, der kaum sehen kann, unterhält sich - wie übrigens die meisten anderen Menschen auch - verbal und verlässt sich in erster Linie auf sein Gehör.

Stück: An einem schönen Herbsttag treffen die beiden zusammen. Der Sprachlose packt seine Sachen zusammen und macht sich für sein Winterdomizil und seinen Platz für den Winter bereit, der Sichtlose holt seine Zeitung vom Zeitungsstand.

Ein normales Gespräch. 
Der Sichtlose: Guten Morgen! Und, packts du langsam deine Sachen zusammen?
Der Sprachlose brummt und nickt.
Der Sichtlose: Wann gehts denn los?
Der Sprachlose hebt seine Hand und zeigt 3 Finger.
Der Sichtlose: Morgen?
Der Sprachlose gibt Laute von sich und kommt näher, hebt seine 3 Finger höher.
Der Sichtlose: Ah, in 2 Tagen?
Der Sprachlose ist schon etwas verzweifelt, gibt wieder Laute von sich und versucht, deutlicher zu zeigen.
Der Sichtlose: Ah, in 3 Tagen?
Der Sprachlose brummt zufrieden.

So geschehen heute mit Kalle und einem unserer Nachbarn.
Manchmal ist es zum Brüllen schade, dass ich keine Fliege sein und mit Kamera sein kann!


Habts es gut.
Und egal, wie die Wahl ausgeht: Lebt und genießt euer Leben und lasst euch auf keinen Fall unterkriegen!

Alles Liebe, Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit





Sonntag, 1. September 2019

31.08.19 - Tiroler Urlaubsimpressionen


Zurücklehnen.

Schauen.

Spüren.














































































































Und auf einmal wird alles anders.
Ein kleiner Mensch, unser kleiner Mensch fängt an zu fiebern und alle Pläne und Wünsche und Termine verlieren mit einem Schlag an Wichtigkeit.

Ja, ich weiß schon. Es ist nur Fieber. Jeder von uns kennt das und jeder von uns war schon ich weiß nicht wie oft davon betroffen. Kein Grund zur Panik. Kein Grund zur Beunruhigung.
Aber sorry, so fühlt sichs nicht an.

Ich schau ihn an, meinen kleinen Buam. Wie er da im Bett liegt. Die Augen geschlossen. Das Gesicht mal bleich, dann wieder knaatschrot. Der Brustkorb, der sich in rasendem Tempo hebt und senkt.
Ich höre ihn. Seinen stockenden Atem. 
Ich spüre ihn. Seine Hitze, die aus all seinen Poren dringt. 

Er weint.

Ich trage ihn raus.

Wir atmen frische Luft.
Bergluft.

Wir ringen uns dazu durch, ihm Medizin zu verabreichen.

Er schläft. 

Und ich wünschte, diese Stunden wären vorüber.



Und dann die Welle der Dankbarkeit über die wunderbaren Menschen, die ich kenne. Welche besonderen, speziellen, spannenden, unterschiedlichen Wesen, die mich durch mein Leben begleiten und bereichern. Ich fühle mich privilegiert und reich beschenkt. Und glücklich wie man nur sein kann.

Habts es gut!

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit