Donnerstag, 25. April 2019

30.04.19 - Der entrissene Boden und sonstige Launen des Lebens


Nach dem Tod eines Menschen muss man sein Leben neu sortieren.
Sodass man mit beiden Beinen wieder irgendwie auf den Boden kommt.
Man muss eine neue, den veränderten Umständen entsprechende, Balance sich erarbeiten.
Auch wenns dich aushebelt.
Auch wenn du in deinem tiefsten Inneren völlig durcheinandergebeutelt wirst.

Der Traum. Ein Raum, um sich ein letztes Mal zu treffen. Pfiati zu sagen.
Mein Klumpen im Bauch wandelt sich.
Und die Illusionen dürfen bröckeln und einen Blick auf das Dahinter freigeben.


Seit diesem letzten Eintrag sind zwei weitere Menschen gestorben, die auf ihre jeweils ganz eigene Weise in meinem Leben waren.
Und jedes Mal wieder hauts mich aus den Gleisen.
Und jedes Mal wieder finde ich mich wie gelähmt in einem Schockzustand wieder.
Und Max lacht. Und Max springt.
Und nach am Zeitl muss ich mich wieder Neu-Sortieren.

Ich muss einen Menschen nicht persönlich kennen, um von seinem Tod zutiefst überwältigt und in die Knie gezwungen zu werden.
Jeder Mensch, der mir begegnet und dem ich mich öffne, sei es über seine Schriften, seine Lieder, sein Tun oder über persönliche Begegnung, hinterlässt etwas in mir. Gestaltet mit bei dem, was sich innen drin tut. Und wird somit zu einem Teil meines Seins.
Wenn dieser Mensch stirbt, dann fängt dieser Teil - seinem Urheber plötzlich entrissen - an zu wackeln, und stellt die Frage nach seiner Existenzberechtigung, nach der Bedeutung dieses Menschen und der eigenen Anteile, die er berührt und hervorgekitzelt hat.
Antworten werden erzwungen.
Endlose Müdigkeit schwappt daher und lässt nicht los, bis endlich Tränen die Spannung auflösen.

Und das Leben tut weiter so, als sei nichts gewesen.
Die Sonne scheint. Der Frühling meldet sich immer kräftiger zu Wort. Wir treffen Menschen und erzählen uns unsere Geschichten, einkaufen gemma und staubsaugen tamma.
Und die Wogen werden kleiner.
Ich bewege mich wieder.
Und ich akzeptiere.
Und irgendwann wird es tatsächlich möglich, bei einem Pfiati-Schnapsl den/die Menschen gehen zu lassen. 

Wahlen in Finnland.
Ich frage mich, was die Leute denn noch brauchen, damit sie endlich ihren Blick heben anstatt mit Scheuklappen ausgestattet ausschließlich ihre eigenen Vorteile (welche ja nichts anderes als als solche verkleidete Nachteile sind) suchen und wider jeder Vernunft verteidigen. Auch hier die Rechten so weit vorne, dass man sie schon in ihren Löchern knurren und ihre Säbeln wetzen hört. Die Sozialdemokraten haushoch verloren, auch wenn ums Verrecken grad noch gewonnen. Die Grünen Zugewinne, jedoch viel zu wenige, um wirklich etwas tun zu können. Es ist eine Katastrophe. Und es fällt mir schwer, nicht zornig zu werden und mit Respekt den lieben Mitbürgern zu begegnen, die uns das einbrocken. Tut mir leid. Aber es geht da um unser Leben auf diesem Planeten. Und um nix weniger. Und ich soll dann tolerant sein mit denen, die ohne nachzudenken blind und egoistisch unser aller Lebensgrundlage zerstören und sich gegenseitig das Leben schwer machen?
Gefühle sind groß. Und ich frage mich, was ich inmitten dieser Welt, die dem Wahnsinn entgegen steuert, täte ohne diesen Mann an meiner Seite, der gleich denkt und fühlt wie ich.

Laufen hilft. Es ändert zwar nichts im Außen, aber sehr viel im Innen. Der Wind, der mir ins Gesicht bläst, macht meinen Kopf frei. Frische Luft durchspült meine Lungen und den Geist. Der Körper findet schnell in seinen Rhythmus und ich kann mich in mich selber zurückziehen, während er läuft, und atmet, und läuft, und atmet.
Nur mehr sehr vereinzelt findet man Eis auf dem Meer. Bis Ende des Monats ist es vermutlich ganz verschwunden.
Ein paar mutige Grashalme und Kräuter durchbohren bereits die Erdoberfläche.
Ein Rotkehlchen singt uns bei geöffnetem Fenster in den Schlaf.
Um 22.00 Uhr ists immer noch hell.
Die Wintersachen sind im Schupfen verstaut.
Max lernt Radlfahren ohne Stützradeln.
Die Wäsche trocknet in der Sonne und im Wind.


Und die Welt wird größer.
Das Leben heller. Einfacher. Freudiger. 


Und eines Tages wirds wieder Abend. Spät Abend. Ich komme von meiner Arbeit nach Hause und Kalle empfängt mich unter der Tür. Mit sorgenvollem Blick sagt er: "Ich muss dir was sagen."
Das innere Horrorkino nimmt seinen Anfang.
Max ist von den Stiegen runtergefallen und hat sich das Bein gebrochen.
Max ist beim Laufen im Wald über eine Wurzel gestolpert und hat sich einen Ast ins Auge gerammt.
Max ist in den Wald gerannt und nicht mehr auffindbar.
Max ist vom Berg hinterm Haus runtergefallen und so unglücklich gelandet, dass er gestorben ist.
Ich richte mich auf, atme ein und stoße aus: "Was?"'
Und Kalle, mein lieber, bedachter Kalle erzählt. In langsamen, sorgsam gewählten Worten entsteht vor meinen ungeduldigen Ohren diese Geschichte:
Max geht - wie immer nach dem Abendessen - noch a Runde spielen in sein Zimmer. Kalle isst noch a bissl und räumt dann das Geschirr weg, bis er merkt, dass es dort hinten verdächtig ruhig geworden ist.
"Und dann???"
Kalle geht nach einer Weile nachschauen. Auf dem Weg dorthin hat er immer noch nichts gehört.
"Ok. Und?!?!?!!!"
Dann schaut er ins Zimmer und sieht Max auf seinem Teppich sitzen. Ganz ruhig. Mit dem Rücken zu ihm.
"UND???!!!!" schreie ich ihn fast an.
Max hat eine Schere in der Hand.
"Ja?!!!"
Ich muss zugeben, ich werd fast wahnsinnig.
Kurz und gut: Max hat seine Schere am Kopf. Und macht genau das, was Marie, unsere nette Friseurin, vor ein paar Tagen auch gemacht hat. Nämlich Haare schneiden.
Ok. Ich muss zugeben, das klingt jetzt nicht soooo dramatisch.
Mein Puls beruhigt sich etwas.
"Hat er sich in den Finger geschnitten? Am Kopf geblutet? Sonst irgendwas?"
"Nein. Alles ok. Wieso?"
Pfffff.
Mein lieber Kalle.
Du verstehst es, mein Adrenalin dermaßen in die Höhe schnellen zu lassen, dass mir heiß und kalt zugleich wird. Völlig unabsichtlich. Dafür besonnen und den inneren Gedanken Zeit und Raum gebend.

So viel wars:



Und Max ist hübsch wie eh und je.


Wir machen uns auf zu unserem jährlichen Straßen-Frühlingsputz.
Ausgestattet mit zwei großen Müllsäcken gehen wir 1-2 km in beide Richtungen und klauben auf, was andere im Laufe des Jahres wegwerfen.


Wenn ich so hinter den beiden gehe und ihnen zuschaue, wie der eine mit größter Abenteuerlust und Freude von einem Müll zum anderen springt und der andere ihm dabei hilft, dann fängt mein Herz schneller zu schlagen an. Ich bin mal wieder völlig überwältigt von dem Kleinen und verliebe mich - wieder mal - aufs Neue in den Großen.

Schönen Frühling, liebe Leute!
Möge die Sonne euch entspannen, befreien, Gutes antun.

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit


PS:  Der Kindergarten hat seine Vorteile. Wie zum Beispiel diesen hier:


Die Kajaks sind aus dem Winterschlaf erwacht.
Ich kann mir keinen besseren After-Birthday vorstellen 😃!

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