Samstag, 13. Januar 2018

14.01.18 - Als Frank Sinatra mich rettete


Wieder da.

Der Schnee begräbt alles Leben unter sich. Ausnahms- und erbarmungslos.
Sobald wir aus dem Auto steigen, erstarren wir auf der Stelle.
Erst Max, dann Kalle, und obwohl ich gerade noch aus den Augenwinkeln sehe, was passiert, kann ich nichts mehr dagegen tun. 
Ich bin eingefroren. 
Tausende funkelnde, im Polarlicht schimmernde Eiskristalle bedecken unser Gesicht, den Mantel, die Handschuhe. 
Die Atemwolken verwandeln sich, sobald sie unseren Mund verlassen, in unzählige gefrorene Tröpfchen und rieseln klirrend zu Boden.
Wir sind zu Eissäulen erstarrt.
Und das wird in alle Ewigkeit so bleiben. 
Falls nicht irgendwann irgendwer daherkommt und mit einem grossen Knüppel auf uns einprügelt.

Ich bin bei vollem Bewusstsein.
Spüre nichts.
Möchte mich bewegen.
Wenigstens den angewinkelten Fuss auf den Boden setzen.
Es geht nicht.
Wie lange stehen wir schon so da?
Wie gehts Max? Kalle? 
Sind sie noch am Leben?
Ok.
Keine Panik.
Was funktioniert noch?
Der Atem. Ganz deutlich spüre ich, wie die eiskalte Luft die Luftröhre hinunterrinnt und wieder hinausdrängt.
Ok. Rinnt Luft? Und wenn ja, bis zu welcher Temperatur?
Ich höre - etwas.
Ist das der Wind, der mir um die Ohren pfeift?
Vermutlich.
Das ist gut.
Ich sehe - nichts.
Das ist schlecht.
Weil es Nacht ist?
Nein. Kann nicht sein. Sobald Schnee auf dem Boden liegt, sieht man etwas. Egal, wie dunkel es um einen herum ist.
Dann waren also die Augen zu, als es passierte.
Ok.
Es gibt blinde Menschen, die können sehr gut leben.
Weiter.
Ich spüre - nichts.
Moment mal.
Doch. 
Da ist doch was!
Ja. Das ist mein Magen. Es muss Stunden her sein, seit ich das letzte Mal etwas gegessen habe. Natürlich. Ich spüre meinen Magen!
Und - was ist dieses dumpfe Pochen da in mir drin? Ganz langsam. Ganz leise. 
Ist das das Herz? 
Dum.

Dum.

Dum.


Ich komme wieder zu mir.
Muss eingenickt sein.
Mein Fuss hängt immer noch in der Luft.
Ich kontrolliere sofort meine Körperfunktionen.
Ich höre nichts mehr.
Der Wind muss aufgehört haben.
Es ist immer noch dunkel.
Ich habe keine Ahnung, wie lange ich geschlafen habe. 
Die Panik kriecht wie eine hungrige Schlange in meine Eingeweide.
Ich kann nicht tief Luft holen, wie ich es sonst zu tun pflege, wenn ich mich unter Kontrolle bringen will. 
Aber ich stelle nach einer Weile erleichtert fest, es atmet mich. Immer noch. 
Die Beobachtung dieses Vorganges hilft mir, mich zu fokussieren.

Na ge! Was mach ich denn jetzt bloss?
HIIIIIIIIILFE!!!
Ok.
Jetzt weiss ich also auch, was mit Stummer Schrei gemeint ist.
Danke.

Ich versuche mit aller Kraft, meinen Arm zu bewegen.
Aaaaaaaa.....
Nicht mal ein einziger Gesichtsmuskel verzieht sich.
Geschweige denn der Trizeps.
Pffffff....

Na ge.

Warten.

Worauf?

Es müsste doch aber möglich sein, die Augen zu öffnen.
Wenn ich mich nur ganz fest darauf konzentriere.
Das Innere meines Augapfels besteht zum Grossteil aus Wasser.
Wenn ich all meine Aufmerksamkeit dorthin lenke, lange, geduldig, stetig, dann muss es doch auch warm werden. So wie beim Autogenen Training. Und wenns von innen her warm wird, dann taut erst das Wasser innen drin, falls es nicht eh noch flüssig ist, und anschliessend das Augenlid. Oder?

Ok.
Konzentration.

Wie war das gleich noch mal?
Meine Augen werden warm.
Meine Augen werden warm.
Meine Augen werden...
Meine Au...

Hups.
Muss wohl wieder eingeschlafen sein.

Jetzt aber.
Meine Augen werden warm.
Mein Augapfel wird warm.
Das Wasser in meinem Augapfel wird warm.
Ich spüre, wie die inneren Eiskristalle sich verflüssigen.
Ich spüre, wie die Linse sich zu bewegen beginnt.
Das Augenlid beginnt zu zucken.
Es tut weh.
Mich verlässt die Geduld.
Ich will es mit Gewalt aufreissen.
Es geht nicht.

Beobachte meinen Atem, der mich sehr, sehr langsam atmet, ohne mein Zutun.

Fange wieder von vorne an.

Das Lid zuckt.
Ich konzentriere mich weiterhin auf die Flüssigkeit in meinem Augapfel.
Meines Erachtens müsste sie längst brodeln und kochen, aber alles, was ich spüre, ist mein zuckendes Augenlid.
Wow!
Ein Spalt!
Ein Spalt weit offen.
Ich kann nichts erkennen.
Übe mich in Gelassenheit und lasse weiterhin nur meine Augapfelflüssigkeit kochen.

Brodl, brodl, brodl, brrrrrrr......

Ich halts nicht mehr aus.
Reisse mein Auge auf.

Und was seh ich?
Vor mir steht Frank Sinatra und singt:
"And now, the end is near, and so I face the final curtain."

Na. Sicha nit!

Mein brodelndes Augapfelwasser kocht über vor Hitze und vor Wut und rinnt in Form von Tränen über meine vom Eis überzogenen Wangen. Es hinterlässt tiefe Gräben und gibt auf dem Grund des Tränenbachbettes beleidigt-rote Haut frei. Bald ist soviel Gesicht freigeweint, dass sich die letzten Eisreste allein durch Grimassen sprengen lassen. Jetzt gibt es kein Halten mehr.

Ich bewege den Kopf.
Mache meinen Hals frei.
Das Eis zerberstet und fällt krachend zu Boden.
Die Schultern.
Die Arme.
Mehr und mehr befreie ich mich.
Es ist wie ein Rausch.

Frank Sinatra eilt mir zu Hilfe. Er bläst Zigarettenrauch auf die Ferse meines immer noch frei in der Luft schwebenden Fusses und setzt anschliessend seinen Hut darauf. Diese Szene erinnert mich an das Bild eines Schamanen, das ich mal irgendwo gesehen habe. So schnell es aufgetaucht ist, so schnell ist es wieder weg, und ich stöhne vor Erleichterung, als ich endlich meinen Fuss auf den Boden sinken und beinahe gleichzeitig meinen ganzen Körper zu Boden gleiten lassen kann. Noch nie hat sich Hinlegen so himmlisch angefühlt.

Und als ich wieder aufwache, ist Frank bereits weitergezogen. Kalle liegt schnarchend neben mir in unserem Bett, und Max ruht friedlich schlummernd in seinem Bett, grad so, als sei nix passiert.

Ist ja auch nicht.

Oder?

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit







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