Es war einmal
ein kleiner Ton. Dieser Ton war so klein, dass kaum jemand auf der Welt Notiz
von ihm nahm. Darunter litt der kleine Ton sehr. Anfangs noch hat er alles, was
ihm möglich war an Lautstärke und Größe von sich gegeben, doch die anderen Töne
und die meisten anderen Wesen hatten bestenfalls nur ein mitleidiges Lächeln
für ihn übrig. Andere lachten ihn gar aus und fragten: „Was willst denn du
kleiner Ton hier? Wir sind alle viel größer, viel besser und viel wichtiger als
du. Sei besser leise!“ Und das tat der kleine Ton dann auch. Er wurde leiser
und leiser, bis er gar nichts mehr von sich gab. Und je leiser er wurde, umso
trauriger wurde er. So glich er mehr einem Schatten, der verstohlen von einem Ort zum anderen schlich,
als einem Ton, der seiner Natur entsprechend sang, lebte, tanzte und flog.
Mittlerweile war
unser Ton schon etwas in die Jahre gekommen. Bei den Tönen wirkt sich das
Älterwerden ganz anders aus als bei uns Menschen. Wir Menschen werden, je älter
wir werden, gebrechlicher, leiser, langsamer, faltriger, kleiner, zittriger und
lästiger für die Mitmenschen. Die Töne aber werden meist lauter, voller,
größer, und auch, wenn sie schon längst gestorben ist, will das nicht so
richtig auffallen, denn sie klingen immer noch nach, wecken immer noch
Emotionen und berühren.
Es gibt aber
etwas, das Menschen und Töne gemeinsam haben. Keiner von beiden ist wirklich
glücklich und kann zu seiner Vollendung kommen, wenn er alleine ist.
Wir Menschen
brauchen andere Menschen, um miteinander lachen und weinen zu können, um selber
immer weiter gehen zu können. Denn nur in der Begegnung mit anderen kommen wir
immer wieder in Berührung mit uns selber. Und das wiederum ist unumglänglich,
will man nicht auf demselben Fleck stehen bleiben, den man irgendwann einmal
zugewiesen bekommen hat.
Die Töne sollen
ebenfalls nicht allein ihr Leben fristen. Denn allein klingen sie mit der Zeit
etwas langweilig. Auch wenn sie noch so inbrünstig ihr Ureigenes von sich
geben, so ist es doch im Grunde genommen immer dasselbe, das sie geben können.
Eben ihren Ton. Wenn sie sich aber mit anderen Tönen zusammenschließen, dann
erleben sie etwas ganz Wunderbares. Sie erfahren eine großartige Wandlung, in
der sie von einem Ton, der sie zuvor waren, wichtiger und unersetzlicher Bestandteil
eines großen Ganzen werden, nämlich eines Liedes. Und wie wir alles wissen,
gibt es ja nicht nur ein Lied auf dieser Welt, es gibt so viele Lieder, dass
niemand instande ist, sie alle zu zählen.
So also saß
unser kleiner, etwas in die Jahre gekommener Ton, eines Tages auf einem
einsamen Berggipfel und träumte stumm vor sich hin. Er wagte sich schon seit
längerer Zeit nicht mehr ins Tal hinunter. Dort waren so viele Wesen, Menschen
und andere Töne, und es gab dort auch so viele Lieder, und er hatte Angst vor
ihnen. Vor ihnen allen. Hier oben auf den Bergen fühlte er sich wohl, denn hier
wollte keiner etwas von ihm und er brauchte nicht das Gefühl zu haben, dass
irgendetwas nicht mit ihm stimmte. Er saß also auf diesem Berggipfel, auf dem
sich selten jemand oder etwas verirrte, starrte in die Welt, hörte all die
Fragen, die sich ihm immer wieder stellten und spürte ein seltsames Gefühl von
tiefer Sehnsucht. Der Ton war so vertieft in sich selber, dass er gar nicht
bemerkte, wie ein kleiner Schmetterling herangeflogen kam und sich hinter ihm
setzte. Erst sein Schluchzen riss den Ton aus seiner Welt und er gewahr dieses
kleine Wesen hinter sich, dessen Flügel zusammengeklappt waren und trotzdem so
stark zitterten, als würde ein starker Sturm daran reißen, obwohl es windstill
war. Man konnte die Farben nicht mehr sehen. Der Kopf hing traurig nach unten
und wurde zugedeckt von den Flügeln, die Fühler hingen ebenfalls nach unten.
Und dieses herzerschütternde Schluchzen, wodurch der Ton aus seinen Träumen gerissen
wurde, war es schließlich auch, was ihn allen Mut zusammennehmen ließ, um den
Schmetterling mit seinem tröstlichsten Ton zu ummanteln. Töne können nicht
sprechen, können nicht von sich aus Worte bilden. Also versuchte er auf seine
Art – summend und tönend - ungefähr folgendes
dem zitternden Wesen zu geben:
„Du lieber,
kleiner Schmetterling. Ich sehe dich. Ich spüre dich. Es ist schon gut. Ich bin
da. Höre. Spüre. Weine. Das ist gut. Ich umarme dich. Ich bin da. Alles ist in
Ordnung.“
Der Schmetterling
hob den Kopf. Er sah aber nichts. Er vernahm nur diesen unglaublich warmen und
herzlichen obwohl sehr stillen Ton.
Menschen
benehmen sich oftmals etwas seltsam, wenn sie etwas hören, aber nicht sehen
können. Manche glauben sogar, sie werden verrückt und begeben sich zu einem
Arzt, der sie heilen soll. Sie klammern
sich an ihren Verstand, der ihnen sagt: „Wenn du etwas hörst, musst du es auch
sehen. Wenn du etwas hörst und nichts siehst, ist mit dir etwas nicht in
Ordnung.“. Der menschliche Verstand ist ein gar wundersames Wesen. Es hilft dem
Menschen, sich in dieser Welt und in seinem Leben zurechtzufinden, Dinge
auszuprobieren und daran zu wachsen in ihrem Wesen. Trotzdem ist große Vorsicht
geboten. Denn er strebt danach, immer größer, immer mächtiger zu werden. Das
macht er, indem er Dinge wie Intuition, Spontanität und Leichtigkeit im Tun
einfach unterdrückt und wegsperrt. Nur so kann er größer werden. Das, was
wirklich gefährlich daran ist, ist, dass er die meisten Menschen etwas ganz
wichtiges vergessen lässt. Die Menschen haben vergessen, dass alles auf dieser
Welt, jeder Mensch, jedes Wesen, jede Blume und jeder Stein, also wirklich
alles, was gesehen und auch nicht gesehen werden kann (das menschliche Auge ist
nicht dafür gemacht, dass es alles, was es gibt, sehen kann), seinen ureigenen
Ton in sich trägt. Auch der Planet, auf dem wir leben, hat seinen eigenen Ton,
doch wir haben verlernt, diesen zu hören.
Da sind die
Tiere und alle anderen Wesen, die nicht vom menschlichen Verstand gesteuert sind,
besser dran. Denn sie sind im Moment, sie spüren den Augenblick, sie spüren
sich selbst in jedem Augenblick, völlig losgelöst von allen Gedanken und
Überlegungen. Wie auch unser Schmetterling. Er hörte den Ton, spürte ihn in
sich, fühle sich getröstet, gehalten, und mit jedem Moment wuchs seine
Zuversicht. Die Verzweiflung war immer noch sehr stark, doch auch der Mut
tauchte plötzlich wieder in ihm auf. Erst sehr zaghaft, doch schnell wuchs er,
wie eine Pflanze, der man zu trinken gibt. Er hörte auf zu zittern, breitete
seine Flügel auf und spürte die Sonne, die ihn wärmte, und hörte ein leisen
Summen, das ihm Zuversicht schenkte.
Der Ton sah den
Schmetterling, er sah seine wunderbaren bunten Flügel, Staunen machte sich in
ihm breit und Freude über dieses schöne Wesen. Auch seine Zuversicht wuchs, und
er vergaß ganz darauf, dass er ja eigentlich Angst hatte vor allem, das lebte.
Sein zuvor zurückhaltendes, vorsichtiges Summen wurde immer lauter, immer
freudiger, bis es die ganze Bergspitze einnahm und zu einem mutigen und
sicheren Ton anschwoll. Welch Freude das war! Auf einmal hörte er sich selber
wieder, er wusste, wie er sich anhörte, wer er war, wie er war. Und er hörte,
wie wundervoll er klang. Er sang, er spielte mit sich, er fühlte sich plötzlich
so lebendig und so frei.
Das wiederum
schien den Schmetterling anzustecken, und er hatte plötzlich große Lust zu
fliegen, wohin der Wind ihn trägt. Und das tat er dann auch. Aber er flog nicht
allein. Er nahm den Ton mit, denn er konnte nicht anders als singen, fliegen,
tanzen, sich freuen. Zusammen tanzten sie den Tanz des Lebens, sie schlugen
Purzelbäume, spielten fangen, waren in einem Moment wie Kaiser und Kaiserin und
im nächsten schon wieder wie ein Haufen balgender Kinder. Sie lachten, weinten,
waren stark und zugleich so schwach, so weich.
Und da war er
wieder, dieser wunderbare Klang. Es war der Erdenklang. Selbst unser Ton hatte
ihn schon fast vergessen. Der Erdenklang, musst du wissen, ist ein Klang
bestehend aus allen Tönen dieser Erde. Alle Wesen sind Teil dieses Klangs. Alle
Lieder, die je gesungen wurden, sind darin enthalten. Ebenso wie jedes Gefühl,
jedes Schweigen und jegliche Gestalt, die das Leben annimmt. Das alles zusammen
ergibt den Erdenklang. Du möchtest wissen, wie er klingt? Schließe deine Augen
und höre, was ist. Und wenn du ganz leise im Kopf und geduldig im Herzen bist,
wirst auch du ihn hören. Und du wirst erfahren, dass du selber ein Teil dieses
Klanges bist, und dass du nur deinen Ton, dein Wesen entfalten musst, um ganz zu
werden und um zur Vollendung zu gelangen. Du wirst dich verlieren und zugleich
finden. Das ist das Ziel. Das ist der Grund deines Daseins. Das ist das, worum
sich alles dreht.
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