Dienstag, 22. September 2015

22.09.15 - Er ist da.


"Mir haben Tage danach noch die Knie gezittert."
"Echt zach. Aber jetzt ist alles vorbei."
"Man vergisst mit der Zeit."
"So eine Geburt ist wie ein geistiger und körperlicher Tsunami."
"Als hätt ich einen Hormoncocktail getrunken."
"Der schönste und zugleich der schrecklichste Tag meines Lebens."
"Ich hab keinen Ton von mir gegeben."
"Es ist ein Wunder."
"Wir Frauen lassen ungeahnte Kräfte wirken."
"Nit so schlimm. Man hat ja immer wieder Pausen."
 
So einige Aussagen von mir bekannten Frauen zu ihrem Geburtserlebnis.
 
 
Mein kläglicher Versuch, in Worte zu fassen, was nicht in Worte zu fassen ist:

Für mich wars, als wäre ich in eine eigene Blase getrieben worden. Eine in sich geschlossene Blase ohne jeglichen Bezug zum Bisherigen oder zum Kommenden, voll von Schmerz, unkontrollierbarem Verlauf, ohne Vorstellung vom Weg und vom Ausgang. Dauer von Stunden, von Tagen. Immer wieder die Welle. Immer wieder geht sie vorbei. Immer wieder. Immer wieder. Irgendwann das Gefühl: Bringt nix. Sie kommt trotzdem. Unablässig. Lässt mich nicht in Ruhe. Gibt mir keine Ruhe. Keine Pause.
Irgendwann dann der Moment. Getrieben von unbändigen Kräften, alle Masken, alles Gelernte, jegliche Etikett fallen ab, sind nie gewesen, alles, was man ist, ist Körper, alles, was man nicht braucht in diesem Moment, existiert nicht mehr.  Worte erreichen einen nicht mehr. Es gibt nur noch dieses Eine. Das ist der Inhalt und der Grund allen Seins. Verblassendes bisheriges Leben. Nie gewesen. Neues Leben. Noch nicht da. Aber spürbar. Innen. Schon a bissl aussen. Die Grenzen sind erreicht. Wie geht man drüber? Indem man geht. Alternativlos.
Diese Blase schliesst sich mit der ersten Umarmung, dem ersten Hallo. Und langsam wird man wieder hinausgetrieben aus der Blase, dieses mal gemeinsam, zurück in die Realität.
 
Ein Ausschnitt unserer Geburt:
Wir sitzen in unserem Beobachtungsraum. Versuche, in den Wehenpausen zu essen. Wenigstens den Salat irgendwie runterzuwürgen. Weiss, ich brauche Kraft. Der Kreissaal ist am anderen Ende des Ganges. Während ich mir Chinakohl reinstopfe, höre ich jemanden schreien. Laut. Sie schreit sich die Seele aus dem Leib. Meine nächste Wehe kommt. Geht vorbei. Jetzt ist alles ruhig.
Ich lasse den Salat stehen.
 
Wenn ich jetzt zurückschaue, es ist nun beinahe 10 Tage her, fühlt sich diese unsere Geburt schon a bissl an wie ein Traum. Noch gut abrufbar, aber hauptsächlich mit dem Geist. Der Körper spürts nicht mehr, steigt nicht mehr ein. Den Verlust der Intensität der körperlichen Erfahrung in der Erinnerung versucht der Geist möglichst anschaulich und mit vielfältigen Bildern und Eindrücken wettzumachen.
Diese Blase ist wie ein Traum. Alles Träumende ist im Moment des Träumens derart intensiv und spürbar und wahr, dass man es sich nicht vorstellen kann, dieses Erlebnis jemals zu vergessen.
Ich vergesse nicht. Aber diese Erfahrung taucht a bissl ab innen drein, nehm ich an. Das einzig wirklich noch intensiv Spürbare ist die Erleichterung. Die Erleichterung, dass es vorbei ist. Immer dann, wenn ich eine schwangere Frau oder Mutter sehe.  Die Erleichterung, nicht mehr schwanger sein zu müssen. Immer dann, wenn ich wo bin, wo ich auch war, als ich schwanger war.
Es ist die Erleichterung des Gewesenen und Vollbrachten.
 
Max Jacob ist da. Und tut, als sei es das Natürlichste und Normalste der Welt. Er weiss nichts von all den Überlegungen im Vorfeld, von unseren Vorbereitungen mentaler und gegenständlicher Art. Wahrscheinlich weiss er auch nichts - zumindest nicht auf bewusster Ebene - von meinen Gefühlen und Empfindungen, die mich während der Schwangerschaft begleitet haben.
Er liegt einfach nur da. Und schaut. Manchmal grinst er. Oder schreit.
Alles, was er tut, macht er mit Hingabe.
Alles, was er zeigt, ist zu 100 % er.
Und ich schau ihn an. Und mit jedem Mal, wo ich ihn seh, verliebe ich mich aufs Neue. Kanns gar nicht fassen. Und fasse es dann doch. Werde durchströmt von Wellen der Freude und Dankbarkeit.

Er war ganz allein bei der Geburt. Keiner hat ihm die Hand gehalten. Keiner hat ihm erklärt, was mit ihm geschieht. Allein ist er hier angekommen, rausgetrieben und gepresst in eine kalte Welt voll von Dingen, die er nicht kennt und versteht.
Diese Gedanken schmerzen.

Und dann: all die ersten Male.
Erste Nacht zu Hause. Wir 3.
Erstes gemeinsames Frühstück.
Erstes Mal spazieren in Lövsund mit dem Kinderwagen.
Erstes Mal einkaufen mit Max.
...




Mein Leben ist nun voller Gelassenheit und Stärke. Wozu noch Unsicherheiten haben im Umgang mit Menschen oder mit der Sprache? Wozu sich klein fühlen oder an sich zweifeln? Wozu ...
Ich habe eine Geburt hinter mir. Ich habe Max in diese Welt verholfen. Und ich bin diesen Weg gemeinsam mit Kalle gegangen, mit dem ich mich nun mehr denn je verbunden fühle. Wir verbringen die Tage in Liebe, Freude, Müdigkeit und Offenheit. Und gehen nur von einem Tag zum nächsten. Mehr geht grad nicht. Und brauchts auch nicht.

Ich schliesse heute mit einem Zitat von Max: Öha. Öha. Öhaaaaaaa.

Alles Liebe, liebe Leute.
Bis in Bälde.

Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit





 

2 Kommentare:

  1. okay......ich seh schon, finnisch kann der Max bereits, tirolerisch, englisch und schwedisch wird dann auch kein Problem werden:):):)!

    Lieben Gruß euch Dreien!

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  2. Das, liebes magic kapperl, ist aschauerisch und wird verwendet als Ausdruck des Staunens :-). Am Finnischen muss er noch bissi feilen. Aber wird schon... :-).
    Alles Liebe!

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