Montag, 7. September 2015

07.09.15 - 1 Jahr


Am 2. September vor einem Jahr hab ich mich mit meinen 5 Zwetschken und dem Fiat Panda auf den Weg nach Finnland gemacht. Auf den Weg in mein neues Leben.

Der Abschied von Tirol ist zum Teil ein Herz zerreissender gewesen. Gesprächsfetzen, einzelne Worte oder Blicke von nahen Menschen haben mich begleitet und immer wieder Tränen ausgelöst. Mit längeren oder auch kürzeren Unterbrechungen ist das bis an die Nordküste Deutschlands so gegangen. Bis ich auf der Fähre war. Dort hab ich beschlossen, damit aufzuhören. Weils nix bringt. Und weils mich daran gehindert hätte, die Schritte, die ich eh schon begonnen habe zu gehen, auch wirklich zu tun. Also hab ich ganz brutal jeden Gedanken, jedes Bild, das aufgetaucht ist, gestoppt. Das hat sich wirklich brutal und gemein den Menschen und mir selber gegenüber angefühlt, war jedoch meine einzige Chance, damit umzugehen.
 
Diese Zwischenzeit, diese "Nicht mehr daheim und noch nicht da"-Zeit, hat sich angefühlt wie eine eigene Raumkapsel, nein, wie eine Blase. Die Blase hat geheissen: Mittendrin. Oder auch Unterwegs. In einem leeren Raum. Ohne Orientierung. Ohne Halt. Aber mit meinem Auto. Mein kleines weisses Auto und alles, was darin Platz gefunden hat, war das einzige, das mir geblieben ist aus meinem alten Leben. Das war meine Heimat und mein ganzer Besitz.
Ich war total allein.
 
Am 4. September bin ich in Finnland angekommen. Nachdem mich gleich nach dem Runterfahren von der Fähre die Drogenpolizei gefilzt hat, hab ich meine ersten Kilometer hier in diesem Land gemacht, und ich hab mich so unendlich verloren gefühlt. Ich war müde. Und wenn ich müde bin, bin ich auch ganz schnell a bissl grantig. Ich war also müde und grantig und genervt von der Polizei, und so bin ich dahingegurkt. Hab meine Pläne, meine alten Wege abzufahren, wie ich sie damals mit dem Radl absolviert hab, gleich sein lassen und hab den kürzesten genommen. Den kürzesten, der trotzdem noch endlos lange gedauert. Keine Ende in Sicht. Und froh drum. Ich war nervös. Und aufgeregt. Und hab mich nicht mehr erinnert, warum ich das hier eigentlich mach.
 
Ja. Und dann bin ich doch irgendwann hier angekommen.
Schön wär Folgendes gewesen: Wir sehen uns. Gehen ganz langsam aufeinander zu. Lächeln uns an. Küssen uns. Umarmen uns. Sagen uns gegenseitig: Welcome!, bevor wir uns hinsetzen, vielleicht schweigend ein bisschen halten, bevor wir dann endlich anfangen, uns von unserem Inneren erzählen.
Die Realität war, dass wir beide total nervös waren. Dass ich beinah geheult hab, wie ich ausgestiegen bin. Nicht vor Freude, sondern vor Erschöpfung, Abschiedsschmerz und Ablehnung der momentanen Situation. Dass ich ins Haus bin und aufs Klo, auf dem ich ganz lange geblieben bin. Dass wir danach Kaffee getrunken haben und ein Gespräch nur sehr mühsam zustande gekommen ist. Und dass ich in Wirklichkeit so verloren war wie noch nie zuvor.
 
Seitdem ist nun mehr als 1 Jahr vergangen.
Die Nähe und das Gespräch haben wir gefunden. Der Umgang miteinander ist ein entspannter und vertrauter geworden. Wir haben hier einiges verändert und ich bin langsam, ganz langsam wirklich hier angekommen. Es gibt sie immer noch, die schwierigen Momente, und ich glaube fast, dass das so bleiben wird. Und ich glaube fast, dass das ganz gut so ist. Oder eben einfach nur normal. Ich habe Menschen kennengelernt hier in diesem Land, die ich sehr schätze. Meine anfängliche Hilflosigkeit ist der Normalität gewichen. Mein Schwedisch ist ganz passabel, wie ich finde. Mittlerweile sind auch schon Umbaupläne fixiert. Und wir erwarten jeden Moment unser Kind. Es hat sich einiges getan. Wir haben viele Schritte gemacht. Innen wie aussen. Und es bleibt weiterhin spannend :-).
 
Ein Hoch auf dich, liebe Birgit! Manchmal kommts mir selber noch ganz unwirklich vor, dass ich wirklich "ausgewandert" bin.
Ein Hoch auf uns, lieber Kalle! Es ist so schön, immer wieder Neues durch dich und mit dir zu entdecken. Und jemanden so nahe zu haben.
Und ein Hoch auf euch, liebe LeserInnen! Es ist ganz wunderbar, so viele Menschen aus aller Herren Länder zu wissen - bekannt oder unbekannt - die interessiert meinen Geschichten folgen. Ich danke euch dafür!
 
Mochts es guat und passts auf auf enk.
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit
 
 
 
 
 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen