Liebe Birgit!
Ich bin ein bisschen aufgeregt. Dieses Wochenende haben wir die Willkommensfeier für Max. Zu diesem Zweck kommt auch mein lieber Tiroler Freund angeflogen hierher ins finnische Land. Und Kalles engste Familie wird dabei sein. Und dann heissen wir bei Schnee und Sturm, am Meer, mit Feuer und mit einem Joik und anschliessender Sauna unseren lieben Max willkommen. Wie du weisst, machen mich gemeinschaftliche Dinge wie Feiern immer ein bisschen nervös. Da sind Menschen. Und dieser Umstand bringt für mich stets eine gewissen Grundanspannung mit sich. Sag, entspannt sich das ein bisschen mit dem Alter?
Ich würde dich gern kennenlernen, liebe Birgit. Ich würde mich gern treffen mit dir, vielleicht auf einen Kaffee oder ein Glasl Rotwein, am liebsten bei einer kleinen Hütte irgendwo im Nirgendwo. Und dann würd ich dir einfach nur gegenüber sitzen und dich anschauen wollen. Wie schaut dein Gesicht aus? Seh ich Lach- oder Missmutsfalten in deinem Gesicht? Und was ist aus deinen Augen geworden? Sehen sie noch klar - auch dahinter? Wie ist deine Stimme, wenn du redest? Zittrig? Kräftig? Laut? Leise? Und dein Lachen - kann es noch schallen? Ich wäre neugierig auf deine Erzählungen. Was ist die letzten 42 Jahre passiert? Warst du glücklich? Und bist du's jetzt? Wie fühlt es sich an, wenn die Vergangenheit mehr Raum einnimmt als die Zukunft? Mit welchen Augen schaust du auf mich? Hey, und wie gehts Max? Und Kalle? Und - wo bist du jetzt???
Zu gern wüsste ich, wie das alles hier ausgeht.
Und - nein, ich würd mich mit Händ' und Füssen wehren, würd es mir jemand verraten wollen bzw. können.
Mein kleines Leben kreist momentan um kleine Dinge wie die Mit-Organisation der Willkommensfeier, den nächsten Flug nach Tirol, das Bestellen von Windelhosen oder den Grosseinkauf für Besucher. Das alles ist jetzt in dieser Zeitspanne ziemlich wichtig, doch in Anbetracht der Grösse dieses Lebens ziemlich unbedeutend.
Unklar ist mir derzeit (oder eh immer, nehm ich an) das, was dahinter steht, der grössere Sinn des Ganzen, die eigentliche Richtung. Was nicht immer ganz so leicht zum Aushalten ist. Aber ist es nicht immer so, dass erst im Rückblick bestimmte Dinge Gestalt annehmen und Fragezeichen sich zu Punkten wandeln oder zu Rufezeichen?
Ich bin deine Vergangenheit, oder vielmehr ein Abschnitt daraus.
Und du bist meine Zukunft.
Mögest du eine strahlende, alte Frau sein, die JA zu dem sagen kann, was war und was ist!
Möge ich eine strahlende (nicht mehr ganz so junge) Frau sein, die sich mutig von Liebe, Wahrhaftigkeit und Freude leiten lässt.
Pfiat di und Hej då -
d'Birgit
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