Freitag, 30. November 2018

30.11.18 - Novemberrückblick


Das war er also, der November.

Kontinuierlich, mit höchster Präzision und Beharrlichkeit, klettert die Summe der Lichtstunden die Leitersprossen hinab. Wenn jede Sprosse eine Minute darstellt, dann sind es mit jedem Tag 4 bzw. 5 Minuten, die sich kampflos und gefügig der Dunkelheit hingeben. Das macht in ca. 12 Tagen eine ganze Stunde weniger an Licht, oder man kann auch sagen: eine ganze Stunde mehr Dunkelheit. Momentan (heute haben wir den 26.11.) stehen wir bei Sonnenaufgang um 9:25 Uhr und bei Sonnenuntergang um 15:12 Uhr. Morgen: 9:28 vs. 15:10 Uhr. 25 Tage geht das noch so. Am Ende dieser Leiter, dann, wenn die Dunkelheit den Tag sich einverleibt hat, die Nacht am längsten ist, die Tiere reden können und magische Kräfte sich ungehindert des Landes und seiner Lebewesen bedienen, dann, wenn sich die Schwärze kaum mehr als 4 Stunden am Tag zurückzieht und der Dämmerung weicht, dann war das für frühere Menschen so bedrückend, so beängstigend, dass sie gar den Göttern Opfer (Schafe, Kühe, Pferde, Schweine, ja manchmal sogar Menschen - siehe auch sv.wikipedia.org/wiki/Midvinterblot) dargebracht haben, nur dass bitte, bitte das Licht zurückkehren möge. Heute macht man das ja nicht mehr, glaube ich zumindest, aber ein mulmiges Gefühl bleibt bestehen.

Trotzdem. Für mich gibt es keinen Grund zur Klage. Wir haben ein kuschelig-warmes Haus, selbst gemachten Honig aus Löwenzahnblüten, die wir im Frühling gepflückt haben (mmmm, wie gut der Frühling schmeckt!), arbeitsmäßig viel zu überlegen und zu tun, was den Geist beweglich bleiben lässt, frostige, klare Luft, die die Lungen bis ins letzte Eck ausfüllt und erfrischt, einen reinen Paarabend in naher Zukunft zum Draufhinfreuen, Herz und Geist erwärmende Musik im Auto, fantastische Mond- und Sternenhimmel und immer wieder kostbare Stunden der Freude an- und miteinander. Außerdem darf unser Blick fliegen ohne an Hausmauern anzustoßen (wenn er denn etwas sieht), unser Sekundenglück (Danke, H.G., für dieses Wort!) darf sich in laut ausgestoßenen Juchizern entladen ohne menschliche Irritation zu erzeugen und nichts, rein gar nichts mehr spricht gegen die Metamorphose Mensch - Couchpotato. 

Und ich lese.
Lese von Sophie Scholl.
Von Kiruna, einer Stadt in Schwedisch-Lappland, die komplett umgesiedelt wird. Dem Bergbau ists geschuldet.
Vom Einsatz der Stimme.
Von jemandem, dem ein Syndrom bescheinigt wird, dass zur Folge hat, dass die betroffene Person in naher Zukunft nicht mehr sehen und nicht mehr hören wird können.
Ich lese Södergran und de Beauvoir.
Und ich lese die hiesige Tageszeitung, die mich plötzlich auf den Namen einer längst vergessenen Pilgerweggefährtin hinweist. Sie wohnt grad ums Eck.
Ich lese über Kommunikation in der Geschäftswelt.
Und über die Anwendung des Modalpartikels "ruhig" in der deutschen Sprache.
Ich lese Die Zeit und die Nachrichten im Internet.
Und immer wieder komische, lustige, blöde, interessante, tratschige Dinge in Facebook.
Und leider wieder überhaupt nicht Finnisch. Pffff....
Aber dafür alles gleichzeitig. Nebeneinander. Zwischendurch. Übereinander. Konzentriert. Nebenbei. Immer nur a bissl. Im großen Stück.
Im Gehirn vermischt sich alles zu einer einzigen großen Masse.
Und ich tauche ein, versinke, ...

Wunderbare dunkle Zeit!

ABER: Da ist ja mein Max! Auf ihn ist Verlass. Er zieht mich raus. Raus aus meinem Gehirn. Raus in die Welt. Rein in den klirrenden Winter. Rein ins Da. Rein ins Jetzt.

Und wir schöpfen Schnee. Wir spielen Vogel. Wir spazieren. Wir wundern uns, wo denn der Sommer hinverschwunden ist. Wir spüren den Wind und sehen den Vögeln nach. Und freuen uns über den Schwarzspecht, der schon wieder einen Zapfen fallengelassen hat. Ei, ei, ei, ei, deasn Specht! Und wir spielen fangen und Zug. Und bevor ma einigehn in die Wärme, juchizma so, dass Finnland in seinen Grundfesten erschüttert wird.

JUUUHUHUHUII!!!!




Oft treibt mich gerade jetzt in diesem Herbst und Winter die Frage um, warum manche Menschen die Frage nach dem Warum kaum bzw. nur sehr schlecht aushalten. Es ist tatsächlich verwunderlich oder auch irritierend, wieviel Aggression bzw. Rechtfertigung dieses kleine Wort auslösen kann.
Nie, wirklich nie ist die Frage "Warum?" meinerseits gedacht als ein Angriff, zumindest setze ich diese nie bewusst als vermeintliche Waffe ein. Sie ist vielmehr Ausdruck meines Interesses. Ich möchte und muss manchmal verstehen, wieso etwas so ist wie es ist. Und ich brauche Informationen, um Entscheidungen treffen zu können.
Ich beobachte dieses Phänomen im privaten Bereich ebenso wie im öffentlichen. Erst vor kurzem hatte ich ein Gespräch mit jemandem, der aufgrund seiner Position für uns als Familie wichtig ist. Wir redeten, und ich fragte: "Warum ist das so?" Während die Person sich sichtlich um eine Antwort bemühte, wurde ihre Stimme laut, der Tonfall grantig, das Gesicht rot und die Augen groß. Nur Antwort habe ich leider keine erhalten.
Als sehr gutes Beispiel dient aber auch wurscht welches Interview mit wurscht welchem Vertreter der aktuellen österreichischen Bundesregierung an. Das Gift, das diese Menschen versprühen, nimmt beängstigende Ausmaß an.
Und derweil will man nicht mehr wissen als: Warum?

Aber, ich muss zugeben, ich kenne das ja eh auch. Als Kind und auch noch als junge Erwachsene nahm ich ein "Warum?" als ein In-Frage-Stellen meiner Person als Ganzes wahr. Das war einerseits meiner eigenen Unsicherheit geschuldet und andererseits musste ich auch erst lernen, Kritik und Interesse zu unterscheiden.

Aber - geht es wirklich den anderen auch so? Ist das denn überhaupt möglich, dass alle diese Personen unter geringem Selbstwert leiden?
Und wenn ja, muss man da nicht etwas dagegen tun?!

Max befindet sich gerade in der "Warum?"-Phase. Ein Beispiel eines tatsächlich stattgefundenen Dialogs:
Kalle kommt um 3 in der Nacht vom Arbeiten heim.
Wir frühstücken.
Max: Papa, wie gehts dir heute?
Kalle: Ziemlich gut. Ein bisschen müde. Aber sonst gut.
Max: Warum bist du müde?
Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass spätestens hier manche nur mehr rot sehen. Und dementsprechend destruktiv reagieren.
Kalle sagt: Weil ich heute so spät nach Hause gekommen bin und nur wenig geschlafen habe.
Und damit hat sichs.
Und Max weiß nun, warum Papa müde ist.

Wir möchten, dass Max alles erfahren darf, was er wissen möchte.
Er soll von uns nicht hören: "Dafür bist du noch zu jung!" oder "Sei endlich mal still. Du nervst!". Er soll weder ausgelacht noch geschimpft werden dafür, dass er eine Frage stellt.

Wenn man bereits als Kind die Erfahrung macht, dass es in Ordnung ist, Fragen zu stellen, wenn man also das Fragen an sich als etwas Positives erlebt, dann glaube ich, dass man zum einen die grundsätzliche Neugier am Leben nicht verliert, was die Lebenszeit hier auf Erden wesentlich bunter und spannender macht, und zum anderen eignet man sich Wissen an. Derjenige, der über vielfältiges Wissen verfügt, kann sich souverän durch die Gezeiten bewegen. Und ganz von selbst und nebenbei nimmt man etwas Unbezahlbares mit in sein Erwachsenenleben. Man entwickelt jene Stärke und Sicherheit, die man braucht, um Fragen als Fragen zu hören und Kritiken als Kritiken. Man lernt, beides zu unterscheiden, sieht keinen Anlass, sich von diesem oder jenem aus der Bahn werfen zu lassen und kann vielmehr gezielt und adäquat reagieren. Und somit die Richtung bestimmen.

Das alles kann man sich natürlich auch später noch aneignen.
Doch wenns so geht, dann bitte - sehr gern.

Habts an schönen Advent!

Pfiat enk und Hej då!
d'Birgit

Papa, warum verwendest du eigentlich deine Kaffeetasse als Regentonne?






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