Mittwoch, 26. Dezember 2018

26.12.18 - Here comes the sun


"Es ist mir ein Rätsel, wie Menschen so sehr ihre eigene Sterblichkeit verdrängt haben, dass sie so etwas wie Langeweile überhaupt empfinden können."

Dieses Zitat stammt von meiner Neuentdeckung des Jahres, der wunderbaren Lisa Eckhart.


Wir schreiben den 21. Dezember. Die dunkelste Nacht. Zugleich der dunkelste Tag.
Es ist Morgen.
Meine beiden Lieblingsmenschen schlafen noch. Es gibt nichts zu versäumen.
Das Feuer knistert im Ofen.


Ich habe gestern ein Foto gesehen vom Innsbrucker Christkindlmarkt. Blauer Himmel. Sonnenschein. Schnee. Ein Schauer ist mir über den Rücken gerannt. Gibts das wirklich?


Ich befinde mich in dieser Zwischenwelt, die ich Noch-nicht-Schlaf-aber-schon-nicht-mehr-Wachzustand nenne.
Ich atme.
Vielmehr: es atmet.
Die Wärme legt sich wohlig um meinen Körper.
In meinen Körper.
Der Bauch hebt sich.
Senkt sich.
Das fahle Tageslicht dringt durch meine Augenlider.
Ich sinke weiter.
Tiefer.
Ich spüre meine Muskeln.
Sie vibrieren.
Sie arbeiten.
Auch wenn sie sich grad überhaupt nicht bewegen.
Meine Hände auf meinem Bauch sind warm.
Halten sich aneinander fest.
Die Lider liegen schwer auf meinen Augen.
Halten mich außen vor.
Luft strömt ein.
Aus.
Kriecht in alle Winkel meines Körpers.
Ein wunderbares, friedvolles, glückliches Gefühl legt sich um mich.
Umarmt mich.
Wird ich.

Im nächsten Augenblick spür ichs, körperlich:
Irgendwann werd ich es nicht mehr spüren.
Ich werde nicht mehr meinen Atem spüren, wie er durch meinen Körper strömt.
Ich werde nicht mehr meine Beine spüren, wie sie sich wohlig strecken und schwer auf ihrer Unterlage liegen.
Meine verschränkten Hände werd ich nicht mehr spüren.
Das Kitzeln eines vorwitzigen Haares auf meinem Nasenflügel - auch nicht.
Dieses wohlige Gefühl von schläfriger Wärme - nein.
Es wird diesen Körper nicht mehr geben.
MICH - wirds nicht mehr geben.
Nicht einmal mehr für mich.
...


Max kommt um die Ecke gelaufen.
Maaaama! Schau!


Das ist das Bild einer Katze, die schon weggegangen ist. Sie war da, hinter diesem dunklen Fleck. Aber dann ist sie weggelaufen. 


Erst heuer ist mir klar geworden, dass Weihnachten hier in Schwedenfinnland etwas völlig anderes ist als in Österreich. Also, wirklich ein anderes Fest. Es heißt nur gleich und wird zufällig am gleichen Tag gefeiert.
Es hat angefangen mit einem Weihnachtsbuch, das ich für Max gekauft habe. Es war eine CD beigelegt mit den typischen schwedischen Weihnachtsliedern. Ich hab sie eingelegt, und mich hats aus den Socken gehauen. Wie lustig die waren. Wie schwungvoll. Wie verrückt. Ein Fuchs, der übers Eis rauscht, ein Karussell, das einen mitnimmt, wenn man sich nur beeilt, die Mama, die den Weihnachtsmann küsst, Musikanten, die übers Land ziehen und tanzen, eine Frau, die sich im Meerwasser wäscht, und so weiter und so fort. Fantastisch!
Wir konnten gar nicht anders als mittanzen und mitsingen.
Und ich begriff: Weihnachten muss nicht nur stimmungsvoll und getragen und besinnlich und ruhig sein. Man darf auch Spaß haben!
Schräge Vorstellung, oder? 
Das nächste: Weihnachten wird immer mit ganz vielen Menschen gefeiert. Im Idealfall. Da kommen dann alle zusammen. Die eigene Familie sowieso, und dann noch die Geschwister mit ihren Familien, die Eltern und die Schwiegereltern, vielleicht noch irgendwelche Cousinen und Cousins, Opas, Omas, ja, alles, was sich halt irgendwie "verwandt" fühlt. Und der Mittelpunkt dieses Treffens sind die schönen, eigens für dieses Fest gekauften Kleider und der berühmte "julbord", das Essen. Man isst, packt Geschenke aus, isst, und isst dann noch a bissl.
Bis alle müde sind und nach Hause oder auf die Couch rollen.
Schön? Ja, vermutlich eh. Ich kenns halt nur nicht.
Und drittens: Der Weihnachtsmann. Er kommt in den Kindergarten, in die Schule, er fährt mit dem Zug, er steht vor und in Geschäften, kurz: er ist omnipräsent. Die ganze lange Adventszeit lang.

Eine Weile war ich glühende Befürworterin dieses etwas anderen Weihnachtens. Für ein paar Tage.
Ich fand es fantastisch. Diese andere Sichtweise. Diese Leichtigkeit. Diese Fröhlichkeit.
Bis der Weihnachtsmann angefangen hat zu nerven. Im Adventkalender taucht er hinter fast jedem Türl auf. In jedem Weihnachtsbuch, am Geschenkstresen, überall nur weiß umrandeter roter Plüsch.
Tschuldigung, aber wie passt der da eigentlich dazu zu diesem Weihnachten? Wir kennen ja alle diese Geschichte von Bethlehem und Jesus. Und der Schritt zum Christkind ist dann nicht mehr weit. Nur, wo ist da der Weihnachtsmann? Antwort: Nirgends! Der hat seine ganz eigene Geschichte. Mit Wichteln und Rentieren und Schlitten.
Das heißt also, dass man hier in Finnland (und an den meisten anderen Orten dieser Welt) zwei völlig unterschiedliche Dinge feiert. Am selben Tag und unter dem selben Namen, nur mit gänzlich verschiedenartiger Inhaltlichkeit.
Das passt ja auch. Es ist nur ein bisschen verwirrend, find ich. Ich für meinen Teil mag es gern, eine Sache zu haben, worauf ich mich konzentrieren kann.

Man merkt, ich bin kein Fan des Weihnachtsmannes.
Aber um das festzuhalten: Vom Christkind auch nicht.
Es ist mir nur näher.
Und das ist einzig und allein meiner Geschichte geschuldet.


Gestern waren Max' Brüder und seine Schwester mit ihren Familien eingeladen bei uns, um mit uns eine Art Vor-Weihnachten zu feiern.
Wir waren fertig mit den Vorbereitungen.
Setzten uns nieder.
Warteten auf unsere Gäste.
Mit einem Kaffee in der Hand schaute ich aus dem Fenster.
Dicke Schneeflocken fielen langsam und sacht vom Himmel.
Und da wurde mir wieder einmal klar: Woll, woll, ich bin schon Tirolerin.
Ich mag Spaß und Tanz und Freude sehr.
Aber nicht zu Weihnachten.
Da mag ich es gern still und sacht und geheimnisvoll.
Nicht mit dem Christkind. Aber auch nicht mit Gepolter und "Ho, ho, ho!". Sondern mit dicken Schneeflocken, Feuer im Ofen, wenig Menschen, wenig Essen, gemütliche Kleidung und ganz viel Platz für Nähe, Spontanes und Gefühle.

Max, der Glückspilz, er darf beides erfahren. Großes Treffen mit vielen fröhlichen Menschen und kleines, gemütliches Familienfest. Und er darf in beidem seine Heimat finden.


Liebe Leser, liebe Leserin!
Ich wünsche einen guten, runden Abschluss des alten Jahres. Und viel Freude und Bewegung im neuen Jahr.
Danke fürs Dabeisein.
Danke fürs Lesen.
Danke für die motivierenden, herzerwärmenden Feedbacks!

Bis zum nächsten Jahr!
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit


Jedes Jahr aufs neue: Here comes the sun, düdl-dü-dü!



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen