Montag, 16. Februar 2015

16.2.15: Der Eisfischer




Hier wurde ich Augenzeugin eines dieser vielen kleinen finnischen Wunder.
 
Kalle und ich gingen skaten. Auf dem Meer. Daran hab ich mich immer noch nicht gewöhnt, und immer noch fühlt sichs sehr mulmig an am Anfang. Nur - ich hab nicht viel Zeit für diese Mulmigkeit. Weil ich immer noch sehr damit beschäftigt bin, die Balance zu halten. Und das ist vermutlich ganz gut so. Kalle ist also dahingerauscht, während ich sehr stacksig und unsicher herumgewackelt bin, als wir plötzlich am Horizont diesen Mann entdeckten.
 
Sehr bald war klar, dass er nicht einfach nur so plan- und regungslos auf dem Eis herumsteht, sondern dass er einer dieser Eisfischer ist. Wir sind auf ihn zugeskatet. 
Die folgende Szenerie war total surreal. Da steht also ein Mann mit rotem Rauschebart, rund und gemütlich, sehr warm eingepackt, mit einer Schnur in der Hand, die in ein kleines Loch im Eis fällt. Er zieht immer wieder mal an der Schnur und schaut gebannt und konzentriert in das Loch. Neben ihm ein Sparkstötting. Das ist ein Gerät, das sowohl von alten Frauen, von Müttern mit Kindern als auch von Eisfischern verwendet wird. Man schiebt einen kleinen Stuhl vor sich her, der entweder als Einkaufstaschenträger, Kindersitz oder Rucksackhalter dient, und dieser Stuhl wiederum steht auf zwei langen Kufen, auf die man sich auch selber hinaufstellen und dann wie bei einem Roller "anschutzen" kann, um a bissl in Schwung zu kommen. Geht viel schneller als Gehen und viel langsamer als Radlfahren zum Beispiel. Wobei Radlfahren jetzt eh nicht geht, zumindest nicht für Nicht-finnische-Menschen. Aber das ist eine andere Geschichte.
Wie auch immer: Dieser Mann steht also da, mit seiner Schnur und seinem Sparkstötting, hinter ihm ein Gerät, das ausschaut wie ein Riesenbohrer, und ignoriert uns anfangs völlig. Wie man das eben so macht als finnischer Mensch. Doch irgendwann haben Kalle und er dann doch zum Reden angefangen. Auf finnisch natürlich. Wo ich noch nicht mithalten kann. Und das war gut. Mir blieb also Zeit, um genau zu schauen, um zu beobachten, um alles in mich reinzulassen. Ich war total fasziniert. Von seinem Gesicht mit den vielen Falten und dem roten Bart, von seinen Gerätschaften, von seinem Tun, und ich wollte so gern ein Foto machen. Und ich war - wie so oft - zu schüchtern. Das ist auch so eine Unart von mir. Mir kommt das immer so typisch touristisch vor. Und ich möcht so was von überhaupt nicht typisch touristisch daherkommen. Weder hier, wo ich gar keine Touristin mehr bin, noch irgendwo anders, wo ich sehr wohl reisend unterwegs bin. Ich hab da irgendwelche Synapsen falsch gekoppelt, und mein Gehirn hat abgespeichert, dass das Touristinsein was Verwerfliches ist.
Und dann hat da plötzlich ein Fisch gebissen. Er hat weitererzählt, während er den Fisch aus dem Wasser gezogen hat. Ich kenn mich ja mit Fischen überhaupt aus, wurde aber sofort überspült mit einer riesigen Welle von Mitgefühl. Er war gräulich, bis auf seine Flossenenden, die rot leuchteten. Zuerst dachte ich, es sei Blut. Erst beim genaueren Hinschauen hab ich gesehen, dass das die Flossenfarbe war. Und - dieser nette, gemütliche, rundliche, ältere Herr, hat diesen zuckenden Leib genommen, ihm den Hacken rausgezogen aus dem Maul gezogen und ihn einfach in eine seitlich platzierte Rucksacktasche gesteckt. Mit dem Kopf voraus. Und hat weitergeredet. Und uns erklärt, wo wir hinskaten müssen, wenn wir nach Lövsund wollen. Und ich war schockiert. Hab ihn angeschaut. Und hab gewartet. Und die beiden haben einfach nur weitergeredet. Bis der Fisch aus dem Rucksack rausgesprungen ist. Und auf dem Eis weitergezuckt hat. Auch das schien ihn nicht weiter zu irritieren. Hat sich einfach weiter unterhalten. Und ich habs nicht mehr ausgehalten. Natürlich hätt ich ihm auf englisch sagen können, dass er bitte endlich diesen Fisch umbringen soll. Genau das hab ich nicht getan. Was lässt sich ein alter, erfahrener Eisfischer von einer jungen, nicht finnisch-sprechenden und nicht-fischenden Gitsch derzählen, die nicht mal gscheit auf ihren beiden Haxen stehenderbleibt? Stattdessen hab ich zu Kalle gesagt, dass ich weg muss von hier.
 
Und wir sind weiter.
War a bissl wie erstarrt.
Wusste nicht, ob ich einfach nur dankbar sein sollte, dass ich mit dieser Begegnung a bissl mehr von der finnischen Lebensweise erfahren hab können, oder ob ich mich nicht doch besser in Grund und Boden schämen sollte für meine Feigheit.
Drehte mich noch mal um und machte dieses Foto.
Schweigend sind wir zum Auto geskatet.
 
Und die Welt dreht sich weiter.
De Birgit


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen