Er wacht auf.
Und obwohl die Augen offen sind, ist alles dunkel. Schwarz. Was ist geschehen? Er kann sich an nichts erinnern. Das letzte Bild ist, wie er mit seinen Freunden, nein, mit seinen Kollegen oder zumindest Leidensgenossen im Regal im Geschäft steht und wartet. Worauf? Auch das weiss er nicht. Und ist ihm auch egal. Er weiss nur, warten macht müde. Und da muss er wohl eingeschlafen sein.
Und jetzt? Jetzt sitzt er da in der Dunkelheit und hat... Was ist das? Angst? Irgendwas Beklemmendes kribbelt in ihm hoch, breitet sich aus, nimmt Besitz von ihm. Er bekommt fast keine Luft mehr. Muss sich beruhigen. Sich in den Griff kriegen. Dieser Attacke etwas entgegensetzen. Er weiss, um handlungsfähig zu werden, muss er die Kontrolle wieder erlangen.
Ok. Erst mal sich selbst observieren. Er schliesst die Augen und spürt in sich hinein. Zu seiner Erleichterung stellt er fest, dass er noch ganz ist. Kein Loch, kein Stück ist herausgebrochen, sogar die Ohren sind noch unversehrt. Die Goldfolie hüllt ihn zuverlässig ein wie eh und je. Das macht ihn gleich wieder ein Stück zuversichtlicher. So vertrackt kann die Lage also gar nicht sein. Hätte er nämlich einen Unfall gehabt, so wäre mit Sicherheit diese filigrane und empfindliche Folie beschädigt worden und sein Ende wäre nah. Schon etwas mutiger versucht er, mit seinem Glöckchen, das er um den Hals gebunden hat, zu läuten. Es funktioniert. Damit hat er früher Kinderaugen zum Leuchten gebracht und Hände haben sich nach ihm ausgestreckt. Jetzt verhallt das Läuten in der Dunkelheit, als wäre es nie gewesen.
Wo ist er? Was ist das hier? Er versucht, sich zu konzentrieren. Das, was er ganz klar wahrnimmt, ist, dass er im Trockenen sitzt. Steine auf dem Boden. Erde? Ja. Auch Erde. Uijegal! Erde bedeutet Schmutz. Na ge...
Er hört den Wind, wie er bläst und vermutlich grosse Äste eines Baumes gegen irgendetwas schlagen lässt. Ihn selber streift nur ein zarter, sanfter Lufthauch. Er kommt von unten. Rein? Also, ist er irgendwo innen? Muss wohl so sein. Er ist irgendwo drinnen, obwohl er auf nackter Erde sitzt. Es ist kein Haus. Dafür ist es viel zu nieder, zumal seine Ohren schon fast die Decke erahnen können. Er versucht, die Grösse bzw. die Länge dieses Dings auszumachen. Er hat keine Chance. Es muss Nacht sein. Denn nicht einmal von da, wo Luft reinkommt, ist auch nur eine Ahnung von Licht auszumachen.
Ok. In Anbetracht der Tatsache, dass er eh nichts ändern kann an der Situation, beschliesst er, das einzige zu tun, was er wirklich gut kann. Warten.
Und so wartet er. Und während er wartet, werden seine Augen immer schwerer und bald schon fallen ihm diese ohne es zu merken zu. Er schläft einen traumlosen Schlaf, als er von seinem eigenen Lachen geweckt wird. Er lacht. Laut. Häh? Warum? Was ist los? Etwas kitzelt ihn. Uahhhh! An den Füssen. Am Hintern. Hilfe!!! Etwas Pelziges nähert sich ihm, eine kalte feuchte (Nasen?)Spitze beschnüffelt ihn, überall, und - oh Schreck! - reisst ihm ein Stück seiner wundervollen, edlen Goldfolie weg! Mäuse. Es sind Mäuse! Und jetzt hört er sie überall. Vorne. Hinten. Neben ihm. Diese grausigen Viecher mit ihren langen Nasen und den ekligen Zähnen. Sie zerren an ihm. Wollen die Folie durchbrechen. Wollen ihn aufessen! Ihn! Den Goldenen! Den Edlen! Den Besonderen!
HILFE!!! PANIK!!!! HOLT MICH HIER RAUS!!!!
Doch es nützt alles nichts. Niemand hört ihn. Niemand erbarmt sich seiner. Die Mäuse wuseln herum. Zerren an ihm. Knabbern an ihm. Und er, er ergibt sich in sein Schicksal. Was soll er denn sonst tun? Er hat sich sein Leben lang gefragt, wie es wohl ist, dann, am Ende des Lebens, das Aufgegessenwerden. Er hat nie daran gezweifelt, dass es einen Sinn haben würde. Dass irgendetwas ganz wunderbares passieren würde mit ihm. Er war sich dessen ganz gewiss, ohne es jedoch wirklich benennen zu können.
Soll es das wirklich gewesen sein? Soll sein Leben wirklich so erbärmlich enden? So würdelos? So banal?
Sie vergehen sich am Hintern. Jemand sitzt auf seinem Ohr. Und wäre es hell, er könnte es nicht mehr sehen. Sie haben ihm das Auge weggefressen.
Kalle sucht. Überall war er schon. Im Holzschupfen, auf der Terasse, hinterm Haus, in der Sauna, sogar das Balju hat er freigemacht. Nirgends. Nichts. "Sie hat gar nichts versteckt", saust es ihm durch den Kopf. "Sie pflanzt mich nur und macht sich einen Spass daraus, mich hier im Garten bei Wind und Sturm rumstiefeln zu lassen.
Hey - halt! Das Kanu! Natürlich! Unterm Kanu hat sie was versteckt!! Aber, nein, ist sie wirklich so dusselig? Das kann sie nicht getan haben! All die Viecher, die da rumkrabbeln. Die lassen doch nix übrig. Nein, nein. Da muss ich schon woanders suchen."
So sucht Kalle den ganzen Garten ab. Stellt alles, was möglich ist, auf den Kopf, kriecht rein, wo er kann, öffnet, was aufzumachen ist und dreht um, was sich umdrehen lässt. Zu guter Letzt, schon völlig entnervt, hebt er mit einem Grant das Kanu an. Und bevor es wieder zu Boden fällt, sieht er -
ihn:
Den goldenen Schokoladenosterhasen bzw. seine kläglichen Überreste.
Frohe Ostern, liebe Leute :-)!
Pfiat enk und Hej då -
d'Birgit
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen